Leben, leben — auf den Höhen! — —

Draußen erscholl kurz und fest die Korridorklingel.

»Ah, wir werden gestört,« meinte der Prinz bedauernd und horchte auf.

Auch Bettina war zusammengeschreckt. Sie kannte diese Art des Klingelns.

»Ich bin für niemand daheim,« murmelte sie zornig. »Ich habe ihm doch

untersagt — —« Aber das Mädchen hatte keinen dahinlautenden Befehl.

Zumal bei Herrn Doktor Steinherr wußte sie, daß eine zeremonielle

Anfrage, ob gnädige Frau den Besuch anzunehmen gedenke, außer Betracht

stand.

Hans Steinherr wechselte auf dem Korridor ein paar Worte mit dem

Mädchen, darauf öffnete dieses die Salontür nach leichtem Anklopfen

und meldete gewohnheitsgemäß den täglichen Besucher: »Herr Doktor

Steinherr, gnädige Frau.«

Frau Bettina blieb ruhig sitzen, und der Prinz verhielt sich nach ihrem

Vorbild ebenfalls reserviert.

Hans Steinherr trat ein. Seine Augen blitzten in der Erwartung eines

lachenden, überraschten Willkommens. Er hatte es einfach nicht mehr

ausgehalten daheim, der vergangene Abend mit seiner verweinten

Seligkeit und den rätselhaften, springenden Gefühlsstimmungen lastete

ihm auf der Seele. Wenigstens sehen wollte er Bettina und ihr den

Beweis liefern, daß er ihretwegen selbst die langweiligste Gesellschaft

gern ertrüge.

Mit lässiger Handbewegung stellte Bettina vor.

»Herr Doktor Steinherr — Seine Hoheit Prinz Georg.«

Der Prinz machte eine höfliche Verbeugung und nahm seinen Platz wieder

ein. Hans Steinherr stand noch immer. Vergaß man vor der hohen Ehre,

einem Prinzen von Geblüt das Gastrecht zu erweisen, ihm, der sich als

Herr der Gastgeberin dünkte, einen Stuhl anzubieten?

»Was führt Sie her, lieber Herr Doktor? Ein neuer literarischer Plan? —

Ich bin nämlich die Egeria dieses großen Dichters und bilde mir nicht

wenig darauf ein,« wandte sie sich lächelnd an den Prinzen. »Hoheit

haben allen Grund, auf der Stelle eifersüchtig zu werden.«

Hans Steinherr trat einen Schritt näher. Mit festem, zwingendem Blick

sah er Bettina an, und auf seiner bleichen Stirn trat eine schwere,

dunkle Ader hervor.

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Doktor,« sagte die schöne Frau

hastig, »daß ich Sie nicht zum Niedersitzen einlade. Aber ich mußte, so

schwer es mir wurde und entgegen allem Gastrecht, Hoheit bereits meinen

leidenden Zustand erklären und ihn bitten, seinen Besuch morgen zu

meinem Mittwochabend zu wiederholen. In meinem Schlafzimmer wartet das

Migräninpulver, meine Herren.«

Der Prinz verstand und erhob sich sofort. »Möge Ihnen eine angenehme

Ruhe und ein heiteres Erwachen beschieden sein, meine Gnädige,« und er

küßte ihr, abschiednehmend, die Hand, dicht unter dem Verlobungsring.

Sie bemerkte seine Galanterie und gab es ihm durch einen leisen Druck

der Fingerspitzen zu verstehen.

»Gute Nacht, Herr Doktor, auf morgen also! Ich rechne bestimmt auf Sie.

Weil Sie heute zu kurz gekommen sind, dürfen Sie morgen eine Stunde

früher erscheinen.«

Hans Steinherr verbeugte sich kalt. Er war überhaupt nicht zum Reden

zugelassen worden.

Auf der Straße zogen die Herren die Hüte. Der Prinz winkte eine

Droschke heran und ließ sich zu einem Theater fahren. Für den Klub,

in dem er einst Stammgast gewesen war, war es ihm noch zu früh. Hans

Steinherr wanderte planlos weiter.

Was war das? dachte er immer wieder, was war das? Das war doch eine

Komödie, eine ganz richtige Komödie! Oder — auch früher schon? — Wie?

Was? — Er fühlte sich total überrumpelt. Er fand sich nicht zurecht.

Wofür hatte sie sich so geschmückt? Das fiel ihm nachträglich ein. Dann

versagte das Gehirn den Dienst, und es war ihm so sonderbar angenehm,

nicht mehr denken zu können. Nur der frivole Heinesche Vers zog ihm

kreuz und quer durch den Sinn, und er konnte ihn nicht abschütteln:

»Um sechse des Morgens ward er gehenkt,

Sie aber schon um achte

Trank roten Wein und lachte.«

[Illustration]

Die vom Niederrhein · 第 35 / 53 题