»Nichts, nichts!« rief sie zornig und stampfte wie ein wildes Kind mit
dem Fuße auf.
»Entschuldigung. Mir war’s, als hätte ich meinen Namen gehört,« und er
griff nach der Klinke.
»Wann du wiederkommst, will ich wissen!«
»Also war es doch keine Halluzination.« Er lachte, drehte sich um
und sah sie mit seinen strahlenden grauen Augen an, die sonst so
geheimnisvoll das Feuer behüteten. »Die andere war kein Phantom. Sie
lebt!«
»Wann du wiederkommst, frag’ ich doch.«
»Wenn Bettina sehr lieb zu sein gedenkt — morgen!«
»Morgen,« sagte sie hastig, »morgen abend.«
Er verbeugte sich und ging, ohne sie noch einmal zu berühren.
Fassungslos blickte sie ihm nach. Dann lachte sie nervös auf. Also —
geschlagen!
Geschlagen? Der Anfang eines Gefechtes entscheidet nicht. Und — und —
war es denn gar so unangenehm? Sie sah mit einem verträumten Lächeln an
sich herab.
Wie er mich auf den Hals geküßt hat! Das brennt wie Feuer.
Leise wischte sie mit der Hand über die Stelle.
Sie durchtändelte den Tag, ohne sich zu einer bestimmten Beschäftigung
aufraffen zu können, nahm hundert verschiedene Dinge in die Hand und
entsann sich im selben Augenblick nicht mehr, zu was sie ihr dienen
sollten, fühlte sich einsam, ließ dennoch jeden Besuch abweisen und
saß zuletzt ganz still in einer Ecke des Diwans, zusammengekauert, mit
glänzenden Augen.
Am Abend dieses Tages schrieb Hans Steinherr zum ersten Male nach
langen Jahren wieder ein Gedicht. Es war ein Impuls, dem er folgte.
Etwas trieb ihn an, die Spannung, die wie eine Gewitterschwüle in
ihm lag, zu entladen. Und der junge, heiße Siegestaumel kam hinzu,
das Begehren nach Frauenliebe, nach großer Leidenschaft, in deren
Lichtfülle alle kleinen Gestirne erblassen. Er glaubte in der
zwingenden, sinnenstarken Frau, der Geben und Nehmen nur ~ein~ Begriff
war, das Weib, die Verkörperung des Weibes entdeckt zu haben, und in
dem Sturm der beiderseitigen Gefühle sah er die beiderseitige Sehnsucht
nach der Ruhe. Nach der Ruhe Brust an Brust.
Er wußte, daß sie ihn liebte; und in ihm loderte alles empor, wenn
er nur ihren Namen vor sich hinsprach. Er wollte nachdenken, wie von
nun an sein Leben zu gestalten wäre, er wollte einen Plan entwerfen,
seinem täglichen Tun einen vernünftigen Inhalt zu geben. Er dachte an
seine Fabrik, an die Eisenwerke in Bilk; er dachte an Arbeit. Denn ihm
schien es, als ob solche Liebe ein Äquivalent verlange, als ob er in
kühnem, erfolggekröntem Schaffen der königlichen Frau tagtäglich ein
Bild seiner Unwiderstehlichkeit bieten müsse, damit sie die Herrenhand
sähe, die für sie das Eisen zu Gold münzte, damit das Staunen vor
seiner Kraft sie wiederum ansporne, die Kräfte ihrer Liebe auszulösen.
Aber in seine Grübeleien fuhr ihr Bild hinein wie ein Wirbelwind und
riß ihn mit über Höhen und Tiefen, und alle ehrgeizigen Pläne, alle
Vernunftgründe stoben auseinander vor dem einen Gedanken an den Besitz,
den unumschränkten Besitz dieser Frau.
Das ist die Liebe, sagte er sich. Sie duldet keine Götter neben sich.
Als ich jung war, war ich ein Schwärmer, der die Seele suchte, wie
Saul des Vaters entlaufene Eselin. Und als er auszog, fand er ein
Königreich. Da flogen die opferseligen Hirtengefühle auf die Heide. Für
den verlorenen Jugendhimmel die königliche Glückseligkeit der Erde!
Und ist das vielleicht keine Schwärmerei? dachte er lachend und sprang
vom Tisch auf. Ehrlich, alter Hans, du gibst dem Kind nur einen größer
tönenden Namen. Beschwindle deinen eigenen Menschen nicht. Du bist
verliebt, verliebt, verliebt! Nun ja — — und das ist mehr als alle
großen Worte.
Von dieser Sekunde an versuchte er seine Gefühle nicht mehr zu
zergliedern und zu analysieren. Er nahm sie als ein Unbedingtes, als
eine feststehende Zahl, als ein untrennbares Element. Der Mann in ihm
erhob seine Stimme, und er sah nur Helena. Bettina-Helena — —. Nam’ und
Art zu wägen, wäre ihm als Sakrileg erschienen.
Er beobachtete es nicht, daß er unmerklich in eine neue Phase geraten
war ...
Am nächsten Abend, zur Teestunde, war er bei Bettina.
Sie hatte ihn vom Fenster aus kommen sehen, und ihre Ungeduld war so
groß gewesen, daß sie selbst auf den Korridor hinausgeschlüpft war, um
die Entreetür für ihn offen zu halten.
»Endlich, endlich ... So komm doch nur ... Nennst du das Abend? ... Das
ist ja Nacht.«
»Kaum sechs vorbei.«
Sie zog ihn ins Zimmer und hing, bevor er ablegen konnte, an seinem
Halse.
»Du läßt mich ja zu Tod’ schmachten. So küss’ mich doch!«
Sie sprachen kein Wort mehr. Sie küßten sich, bis daß es sie schmerzte.
Da ließen sie sich mit einem Seufzer los.
Frau Bettina strich ihr Haar zurecht. Mechanisch, mit einer wohligen
Mattigkeit. Als er aufs neue auf sie zutreten wollte, um sie in die
Arme zu schließen, wehrte sie horchend ab.
»Wir sind Kinder,« murmelte sie. »Wenn das Mädchen servieren kommt und
dich sieht —«
Rasch ging sie auf den Korridor hinaus, ließ die elektrische Klingel
draußen ertönen und kam zurück.
»Lassen Sie nur, Anna,« rief sie dem herbeieilenden Mädchen zu, »ich
habe schon selbst geöffnet. Sie können den Teetisch richten. In einer
Viertelstunde etwa melden Sie.«
Hans Steinherr war überrascht beiseite getreten. Der Vorgang war ganz
natürlich, aber der schnelle Wechsel von alles verlachender Unvernunft
zur peinlich überlegenden Vernunft hatte ihn beklommen gemacht.
Ihr weiblicher Instinkt witterte sofort den Grund seiner Umwandlung.
Der Ton ihrer Stimme bekam eine schmeichelnde, mütterlich besorgte
Klangfarbe, und als ob sie es mit einem großen Jungen zu tun habe, nahm
sie ihn beim Ohr und zupfte es.
»Willst du wohl gleich ein anderes Gesicht machen? Wenn Bettina nicht
für dich mit dächte! Jetzt bist du doch offiziell gemeldet, ganz
gleich, ob du den Abend offiziell oder inoffiziell gestalten willst.
Siehst du wohl? Ja, jetzt lächelst du. Ich verwöhn’ dich.«
Sie hob sich auf den Zehen und legte ihre weichen Lippen auf das
mißhandelte Ohr.
Er hielt ganz still. In seinem Hirn begann ein Sausen und Brausen. Und
plötzlich faßte er sie um die Taille, trug sie wie ein zappelnd Nixlein
zum Diwan, kniete schnell nieder und hob sein erhitztes Gesicht zu ihr
auf.
»Wie du die Menschen verjüngst. So hatte ich es mir gedacht. Du bist
das Leben.«
»Du hast an mich gedacht? Wann? Wo? Ich muß jede Regung in dir kennen.«
»Gestern abend, zu Hause. Ich kramte in Erinnerungen umher, in toten
Geschichten. Da kamst du ...«
»Und weiter? Was tat ich? Was tatst du? So erzähle doch. Du sprichst
schön.«
»Ich sagte es ja: du verjüngtest mich.«
»Und die toten Geschichten? Legten sie sich nicht zwischen uns? Wurden
sie nicht lebendig?«
»Du hattest ihnen ein neues Leben gegeben. Sie trugen deinen Stempel.«
Sie atmete tief auf und zog die Brauen dicht zusammen.
»Ich bin von einer unbändigen Eifersucht,« murmelte sie. »Das hast du
davon.«
Er zog ihren Kopf herab und küßte sie auf die finsteren Augen.
»Hättest du mich lieber als den Spötter gemocht, dem nichts mehr heilig
war?«
»Nichts soll dir heilig sein als ich!«
»Nun, ich meine: daß du diese Ausnahme in mir geweckt hast, beweist
alles. Eine andere kenne ich nicht.«
Sie griff links und rechts in sein Haar.
»Schnell, schnell, was hast du jetzt gedacht? Liebster, so sprich doch
...«
»Du wirst mich nicht auslachen, wenn du hörst, wie jung ich geworden
bin?«
»Nein, aber nein. Ich könnte dich eitel machen und sagen: ich will
nur dein sonores Organ hören. Du hast einen Klang in der Stimme, der
aufwühlt. Nun gib dem Klang Begriffe, an denen man sich halten kann.«
»Ich werde beichten,« sagte er, und das selbst-ironisierende Lächeln
spielte um seinen Mund. »Erschrick nicht allzu sehr. Ich bin so jung
geworden, daß ich wie in der Jugend holden Wahnsinnstagen das — Dichten
wieder aufgenommen habe! Sage und schreibe: das Dichten!«
Sie legte ihm die Hände auf die Schultern, richtete sich auf und
blickte ihn lange an.
»Ich habe es ja gewußt,« sagte sie endlich, »o ich habe es ja gewußt,
daß etwas Eigenes in dir war.«
Ein triumphierendes Leuchten stand in ihren Augen.
Im Nebenzimmer klirrte ein Servierbrett.
»Steh auf!« flüsterte sie.
Als das Mädchen erschien, saß Hans, durch den Tisch von der Hausfrau
getrennt, gelassen in seinem Sessel.
»Stellen Sie nur alles hin, Anna; ich werde das übrige selbst besorgen.«
»Sehr wohl, gnädige Frau.«
Sobald das Mädchen gegangen war, hatte sich Frau Bettina erhoben.
»Hans,« schmeichelte sie und legte ihm die Arme um den Hals, »vorlesen;
bitte, bitte, vorlesen!«
»Du wirst mir nachher keinen Tee mehr geben wollen,« lachte er.
»Sei lieb, Hans. Ich will ~auch~ verwöhnt sein. Ich will einen Sänger,
meinen Sänger haben.«
»Gut, dein Wille geschehe! Wollte ich mich noch weiter sträuben,
würdest du am Ende noch glauben, es handle sich um ein unerhörtes
Meisterwerk. Es ist nichts als eine Impression.«
Er entnahm seiner Brieftasche ein Blatt und wollte lesen. Aber sie
legte ihre schlanken Hände über die Zeilen.
»Trag mich erst auf den Diwan zurück.«
Er gehorchte auf der Stelle. Aber sie ließ ihn nicht wieder los, bis er
auf dem früheren Platze kniete.
»So — —« sagte sie gedehnt, und dann kroch sie lauschend in sich
zusammen.
Er nahm die Spitzen ihrer Finger in seine Hand und las. Wenn er eine
Pause machte, hörte er ihre tiefen Atemzüge und spürte das Klopfen des
Blutes in ihren Fingerspitzen.
»Der Tag erlischt ... Was war’s, was die Sibylle,
Die schöne Frau, einst sprach?: Es tut nicht gut,
Daß du allein bist in der Dämmerstille.
Dann fließt zu schwer dein Abenteurerblut. — —
Der Tag erlischt ... Gestreckt in meinen Sessel
Schau träumend ich empor ins dichte Grau,
Das mich umstrickt wie eine enge Fessel....
Hüt’ vor dem Traum dich — sprach die schöne Frau. — —
Ich blätterte heut’ lang’ in alten Briefen;
Noch spielt die Hand mit dem vergilbten Tand.
Es wurden Bilder wach, die längst entschliefen;
Ein Rufen scholl aus fernem Heimatland.
Ich hör’ den Rhein an seine Ufer rauschen;
Das Wellenlied reißt meine Sehnsucht wund.
Du meine Jugend, komm, laß dich belauschen;
Drück’ deine Lippen auf des Träumers Mund.
Sieh dort, sieh dort: die alte Lieblingsstelle —
Ein Streifen Moos im dichten Erlenstand.
Fern fließt der Rhein; es lockt und lockt die Welle;
Ein Sommerduften zittert durch das Land.
Zwei Händchen, wie sie sonst nur Kinder zieren,
Sie pressen sich an meine Schläfen an,
Und junge Lippen wollen sich verlieren
Im ersten Kuß, im Kuß von Weib und Mann. — —
— Wenn Jahr für Jahr die Winterstürme bliesen,
Wenn meine Seele nach dem Sommer schrie,
Nach meinem Rhein, nach meinen Erlenriesen:
Ich sucht’ die Händchen, und ich fand sie nie.
Durch Abenteuer bin ich durchgeritten,
Und Lieder sang, just wie mein Mund, mein Schwert.
O wüßtet ihr, um die ich heiß gestritten,
Nach welchen Rosen nur mein Herz begehrt’!
— Du sollst dich hüten vor der Dämmerstille,
Kein Sieger träumt! — Wer trat in mein Gemach?
Wer wagt es, mit den Worten der Sibylle
Zu wandern meinen Seelenpfaden nach?
Gib Antwort, du! Die Jugend ist verklungen!
Kein weicher Schwärmer spannte hier sein Zelt!
Halt’ ich mit diesem Arm ein Weib umschlungen,
So bring’ dies Weib mir eine ~neue~ Welt!
Aus Gräbern müßt’ ihr wundertät’ger Wille
Mir wecken Heimat, Jugend, Liebeskraft!
— Seh’ ich dich recht — —? Du, zaubrische Sibylle?
Du hast zum Wunder ~selbst~ dich aufgerafft?
Du, schöne Frau ...? Die Prüfung ist zu Ende?
Du trägst die Fackel in die Dämmerung?
Ich spür’ zwei Hände, schlank wie Kinderhände,
Und einen Mund wie wilde Rosen jung,
Und deines Blutes sturmbewegte Welle!
— O andre Wellen sind’s, wie einst am Rhein —
Ein Lebender, ich fühl’s, in Sonnenhelle
Kann nur des Lebens Auserwählter sein.
Komm an mein Herz! Es ward dein Adelswille,
Des Rätsels stolze Lösung mir bewußt!
... Du sollst nicht ~träumen~ in der Dämmerstille,
Doch ~siegen~ sollst du, — siegen Brust an Brust!«
Die Dämmerstille lag über ihnen. Es begann stärker zu dunkeln, und
keiner von ihnen bemerkte es.
Da führte Hans Steinherr die widerstandslose Frauenhand an seine heißen
Lippen, so fest, daß sie den Druck schmerzhaft verspürte, und daß
Bettina mit einem kurzen Aufschrei auffuhr.
»Tu’ ich dir weh?«
»Weh? — Weh? — Fragt mich dieser Mensch auch noch, ob er mir weh tut!
Ja, du ~tust~ mir weh, aber nicht weh genug. Brust an Brust! Hast du
das nicht eben selbst gerufen? Brust an Brust! Wo bleibst du denn nur?«
»Bettina! Ob du mich lieb hast, sag!«
»Lieb, lieb! Das ist ein Ausdruck für kleine Mädchen! Wenn du ~mich~
meinst, erfinde einen anderen!«
»Ich habe keine Zeit dazu. Das einzige Wort, das ich ausdenken kann,
heißt: Bettina. Meine, mir gehörige — Bettina.«
»Das ist nicht viel für einen Dichter. Sag mehr, mehr —«
»Jetzt hat der Mensch in mir das Wort. Nimm dich in acht: wenn er mehr
redet, steigert er seine Ansprüche.«
»Ah, laß ihn doch, laß ihn doch,« rief sie laut und preßte ihren Kopf
gegen seine Brust. Dann rann die Woge langsam zurück — — —
»Ich bin rasend,« sagte sie und fuhr sich über die Augen. »Ich muß
Licht machen, damit wir zur Besinnung kommen.«
Sie ging zur Wand und tastete nach dem Knopf der elektrischen Leitung.
Das Zimmer schwamm in blendender Helle, und die beiden Menschen standen
und staunten sich an.
Er trat ihr einen Schritt entgegen, ungewiß, zögernd. Aber es schob ihn
vorwärts.
Und sie schüttelte den Kopf über sich selbst, wollte entweichen und
lief auf ihn zu.
»Hans, Hans, sei doch vernünftig! Du siehst doch, ich kann es nicht
sein.«
»Weshalb hast du Licht gemacht? Jetzt seh’ ich erst, was ich alles
vergessen habe.«
Sie glitt unter seinem Arm hinweg, zurück zur Wand. Ein Ruck, und es
war dunkel.
Bevor er sich von seiner Überraschung erholen konnte, spürte er ihre
Lippen auf seinem Mund und ihre Hände an seinen Schläfen.
Worte seines Gedichtes wirbelten ihm durch das Hirn.
»Ein Lebender kann nur des Lebens Auserwählter sein!« —
Jetzt lebte er ein auserwähltes, ein doppeltes Leben. Das ihre war das
seine.
Die umschwärmteste Frau, die Dame der großen Welt war wie ein
zärtliches Kind und bedeckte ihn mit ihren Liebkosungen.
»Bettina, kleine, süße, wilde Bettina, sprich nur ein Wort. Noch
existiert der Schmied von Gretna-Green. Noch ist Helgoland nicht aus
der Welt. Morgen, übermorgen kannst du meine Frau sein.«
»Nicht den Zauber brechen,« murmelte sie, »das kommt nicht wieder.«
»Wir werden es in der Hand haben, ihn jede Stunde zu beschwören, wenn
wir nicht mehr getrennt sind.«
»Ach, du, diese Heimlichkeit — das ist das Schöne. Das Gefühl haben:
wenn’s morgen aus wäre — diese Stunde raubt uns niemand mehr, mag die
Zukunft sein wie sie will. Das Gefühl laß mir, bring es mir, so oft du
kannst, tagtäglich; das spannt unsere Nerven, das macht so närrisch
jung und so rasend verliebt; das ist, als könne es ein Jahrhundert
dauern. Das ist eine Brautzeit, wie sie für uns paßt. Ein Fest nach dem
anderen. Die Ehe bringt ja doch den unausbleiblichen Schlafrock.«
»Du, du, werde nicht tragisch. Soll ich wieder Licht machen, damit du
siehst, was du dir zutrauen kannst?«
»Horch,« entgegnete sie unvermittelt, »eins — zwei — drei — neun Uhr!
Unmöglich! Was ist aus der Zeit geworden? Das Mädchen wird kommen, um
den Tisch abzuräumen. Ich habe alles vergessen.«
»Wer an der Tafel der Götter gesessen hat, kann doch keinen Tee mehr
trinken, Bettina.«
»Du mußt; hörst du, du mußt. Ich kann doch das ganze Arrangement nicht
unberührt fortschaffen lassen. Die Dienstboten würden die Hände über
dem Kopf zusammenschlagen. Liebster, sei gut. Ein klein, klein wenig
Aufopferung, weil es nicht anders geht. Da — ah, da ist Licht. Nein,
ich will dich jetzt nicht anschauen. Hier, an den Tisch mit dir! Lach
nicht so mokant. Du mußt ja doch, wie ich will.«
»Ich bin dein ergebenster Diener. Wenn du befiehlst, verschling’ ich
dich mit.«
»Vorwärts, die Küche will ihr Recht. Ach Gott, der Tee ist kalt!«
»Nein,« sagte er verwundert, »und steht doch erst seit zwei Stunden.«
Sie warf sich im Sessel zurück, griff in ihr Haar und lachte ohn’
Aufhören.
»Du, Bettina, ich möchte auch lieber lachen als essen. Das ist eine
Tortur.«
Und jubelnd weiter lachend, fuhr sie mit Messer und Gabel durch den
Inhalt der Platten, warf die Delikatessen der Saison wild durcheinander
und lehnte sich ausatmend zurück.
»So,« sagte sie, »das Abendessen wäre zu Ende. Wenn du jetzt auch nur
noch eine Viertelstunde bleibst, mache ich jede Dummheit.«
»Dann laß mich ungezählte Viertelstunden bleiben. Und noch länger.«
»Mein Herr — so gern ich Ihrem Wunsche willfahrte: der Ruf Ihrer Dame
verlangt —«
Er erhob sich sofort.
»Ich habe Ihnen nur noch zu danken, meine allergnädigste Frau; nur noch
zu danken.«
Sie sah die kühne Mannesfröhlichkeit in seinem Blick, faßte seine Hand
und schloß die Augen.
»Ich mach’ Dummheiten,« sagte sie.
Er küßte sie auf die Lippen, die sich ihm boten.
»Auf morgen!«
»Und — vergiß nicht! — Gedichte will ich haben, Gedichte. Von mir, für
mich. Du sollst mich stolz machen.«
Sie stand hinter den Stores und sah ihm nach, wie er jugendlich
elastisch über die Straße schritt. Dann ging sie langsamen Schrittes
und vor sich hin grübelnd zum Diwan. In eine Ecke gekauert saß sie und
sah vor sich hin, immer auf denselben Punkt.
»Ich darf nur Dummheiten machen, die mich vorwärts bringen.
Einstweilen, einstweilen — —«
[Illustration]