Und dabei hab’ ich doch das Mädchen so lieb —«

»Ruhe, Ruhe. Nichts überstürzen. Zeit gewinnen, nur Zeit gewinnen.« —

Von Bonn ging er auf zwei weitere Semester nach Heidelberg. Auch hier

wurde er bei einem Korps aktiv, aber er betrieb doch mit einer gewissen

Regelmäßigkeit seinen Studiengang. Als der Herbst kam, bereitete er

sich auf die Übersiedlung nach Berlin vor; da erhielt er einen Brief

Heinrich Springes, der ihn bat, diesmal einen Teil der Ferien zu Hause

zu verbringen, da er verschiedenes mit ihm zu besprechen habe, das am

angenehmsten an Ort und Stelle seine Erledigung fände. Es war ihm nicht

sympathisch. Aber er mochte auch den alten Freund nicht vor den Kopf

stoßen und reiste an einem der nächsten Tage ab. — —

Für Hannes war das letzte Jahr wie das vorletzte geblieben. Sie nahm

das Studium mit einem Ernst, der weit über ihre achtzehn Jahre ging,

und wenn sich Ermüdung einstellte, dachte sie an den Geliebten,

lächelte jede Mattigkeit hinweg und sprach vor sich hin: »Ich tue es ja

nicht für mich, ich tue es ja für ihn.«

In ihren äußeren Verhältnissen waren einige Änderungen eingetreten.

Großmutter Stahl brauchte nicht mehr von Haus zu Haus ihrer Kundschaft

nachzugehen. Die Herren von Burg Springe hatten sie feierlich zur

Palastdame, Verwalterin und Oberschließerin auf Burg Springe ernannt,

eine Beschäftigung, die den Tag der alten Frau nicht allzusehr

bedrückte, aber dennoch ausfüllte. Zuerst hatte sie nicht gewollt. Sie

witterte ein verstecktes Almosen. Als ihr aber Herr Friedrich Leopold

in beweglichen Worten seine Not klagte und die aus Rand und Band

gehende Junggesellenwirtschaft beschrieb, da bedurfte es nur noch eines

kläglichen Hinweises auf den Verfall von Leib- und Tischwäsche — der

alte Herr raunte mit bekümmertem Gesicht der alten Frau einige Worte

ins Ohr und zeichnete dazu mit der Hand ein paar riesenhafte Ellipsen

in die Luft, um ihr die schreienden Defekte in ihrer Größe einigermaßen

klar zu machen — und Frau Stahl quittierte ihre sämtlichen Dienste in

anderen Häusern, um den Rest ihrer Kräfte der Ordnung auf Burg Springe

zu weihen. Die Wohnung in der Pempelforterstraße aber behielt sie

bei; nur die Einrichtung wurde nach und nach etwas komplettiert. »Sie

könne in ihren Jahren keine Luftveränderung mehr vertragen,« sagte sie

zu Frau Margot, die ihr riet, eine bequemere Wohnung zu nehmen. »Wie

gelebt, so gestorben.«

In Burg Springe schlug das Leben seitdem höhere Wogen. Wenn Hannes

kam, um ihre Großmutter abzuholen, oder mit Herrn Friedrich Leopold

ein Stündchen zu verschwatzen und Herrn Heinrich beim Malen zuzusehen,

»dann wurde es Tag«, wie der alte Kavalier strahlend erklärte. Dann

zog die Jugend durch alle Räume und ließ die seinen Silberglöckchen

klingen, und die sonderbaren Burgbewohner, die immer die Fallbrücke in

Bereitschaft hielten, um die Jugend bei sich einzulassen, schworen, sie

wären keinen Tag älter als Hannes. Es ging von dem Mädchen ein Fluidum

aus, rein und stärkend wie die Wasser eines Jungbrunnens.

An schmeichelnden Sommerabenden setzte sich Heinrich Springe an seinen

Flügel und Hannes ließ ihren warmen Alt erklingen. Und wenn die

Lieder ausgeströmt waren und die Stimmung sich so seltsam verdichtet

hatte, daß nur noch etwas Außergewöhnliches geschehen durfte, um den

glücklichen Zauber zu halten, dann führte Herr Friedrich Leopold an

zierlich gespreizter Hand die rüstige Altersgenossin Frau Stahl vor,

und sie mochte wollen oder nicht, sie mußte mit ihm zu Heinrichs

Begleitung ein köstlich-steifes Menuett aus der guten alten Zeit

exerzieren. Das war an den Abenden, an denen Frau Margot zugegen war,

die nach der Eintönigkeit des vergangenen Trauerjahres nun oft im

Vorbeigehen heraufgeschlüpft kam, um, wie sie sagte, ihre Seele zu

füttern. Und an dem Abend, an dem das Weinlaub der Veranda herbstlich

rot erglühte, hatte sie mit Heinrich Springe an der Brüstung gestanden,

und die Fröhlichkeit, die aus dem Zimmer zu ihnen drang, gab ihrer

stummen Stimmung das Relief.

Sie lehnten nebeneinander und sahen geradeaus, in den farbenprangenden

Abend hinein.

»Frau Margot,« sagte dann Springe, aber keins von ihnen änderte die

Richtung des Blickes, »ich habe Sie bis heute nicht fragen wollen.«

»Lieber Freund, ich bin nicht mehr die kleine Margot, die Sie im

Gedächtnis haben. Ich bin eine Frau, die den Höhepunkt überschritten

hat. Bedenken Sie das.«

»Wir beide haben erst den Höhepunkt überschritten, wenn wir uns nicht

mehr lieben.«

»Und das ist nicht möglich,« sagte sie und legte ihre Hand auf die

seine.

Sie schauten, nebeneinander lehnend, in den Abend wie vorher; aber es

war ihnen, als wäre Luft und Licht noch wohltuender geworden.

»Wann, Margot?« fragte er nur.

Und sie antwortete: »Wann du willst. Nur ordne mir auch das

Glücksbedürfnis meines Jungen ...«

Da beugte er sich über die feingeäderte Hand, die wie ein Marmorgebilde

auf der Verandenbrüstung ruhte, und küßte sie.

* * * * *

Hans war angekommen.

Als Frau Margot, die ihren Jungen von der Bahn abgeholt hatte, ihm im

Wagen gegenübersaß, wußte sie nicht das rechte Wort zu finden, ihn im

Sturm einzunehmen. Hans hatte sich bei der Begrüßung sehr zärtlich

gezeigt, aber es war doch mehr die liebenswürdige Aufmerksamkeit

eines chevaleresken Sohnes zur Mutter gewesen. Nun suchte sie ihn

während der Fahrt zu beobachten und Vergleiche zwischen früher und

jetzt anzustellen. Sie hatte sich ihren Jungen nicht gar so erwachsen

gedacht. Hans war stärker geworden und breiter in den Schultern. Sein

welliges braunes Haar war der Schere zum Opfer gefallen und so kurz

geschnitten, wie es der durchgeführte Scheitel nur eben zuließ. Auch

sein kräftiger dunkler Schnurrbart zeigte eine offiziersmäßige Form.

Das Gesicht war röter geworden und die Studentennarben auf Stirn und

Wangen zogen scharfe, purpurne Linien hinein. Um die Augen herum liefen

tiefe Schatten, die von durchtollten Nächten sprachen.

Es wurde Frau Margot eigentümlich zu Mute bei dieser Entdeckung. Hatte

sie geseufzt? Worüber? Weshalb?

Der Sohn erkundigte sich teilnehmend, ob sie sich nicht ganz wohl fühle?

»O doch,« gab sie freundlich zur Antwort. »Ich bin nur froh, daß du da

bist.«

»Weißt du, was Springe von mir will? Er zitierte mich mit solcher

Bestimmtheit her.«

Welchen Ton er sich angewöhnt hatte — —. In den wenigen Worten schon

lag die ganze Veränderung seines Wesens.

»Ich möchte unserem Freunde nicht vorgreifen,« erwiderte sie

reserviert. »Du wirst wohl gleich zu ihm wollen?«

»Es eilt nicht, Mama. Jedenfalls möchte ich mich zunächst umkleiden

und, wenn du gestattest, ein Glas Wein bei dir trinken. Diniert habe

ich bereits in Köln auf dem Bahnhof.«

Sie nickte nur, und schweigend kamen sie zu Hause an.

Eine Stunde später verabschiedete er sich von der Mutter. Der rasch

genossene Wein brauste ihm im Blut, und er freute sich auf einen

Spaziergang durch den kühlen Herbsttag. Als der Hofgarten in Sicht

kam, zog es ihn unwiderstehlich nach der Pempelforterstraße. Er wollte

nur an dem Hause vorübergehen und dann zurückkehren, um Springe

aufzusuchen. Doch nachher konnte er sich nicht enthalten. Weshalb nicht

auf einen Sprung hinauf? Die Großmutter würde nicht daheim sein und

Hannes — Hannes allein. Alle Pulse klopften ihm. Da war er auch schon

oben und klingelte.

»Hans!«

Das Mädchen war zuerst einen Schritt zurückgetreten. Dann kam sie

hastig vor, faßte ihn bei den Händen und zog ihn in das Zimmer. Seine

Hände in den ihren, starrte sie ihn eine Minute an. Das Schweigen wurde

ihm peinlich, und er machte eine Bewegung. Da schüttelte sie den Kopf,

als wollte sie die aufsteigenden Gedanken verjagen, und warf, einem

jähen Impulse folgend, die Arme um seinen Hals.

»Da bist du, da bist du,« wiederholte sie nur immer, und ihr junger,

warmer Mädchenkörper zuckte vor Erregung in seinen Armen.

»Kind, Kind, wer wird sich denn so aufregen!«

»O laß mich doch, laß mich doch. Ich wußte ja kaum noch, ob du lebtest.«

»Mir ist das viele Briefschreiben ein Greuel. Damit wird dich auch Mama

getröstet haben.«

»Mama —?« Sie ließ seinen Nacken los und lächelte eigen vor sich hin.

»Nun, Johanna, was soll denn das?«

»Mama ist der Meinung, daß ich regelmäßig Nachrichten von dir gehabt

hätte.«

»Wie ist denn das möglich? Hat sie denn nie gefragt?«

»Doch, doch. Gerade, weil sie gefragt hat. Da hab’ ich ihr das ja

gesagt.«

»Daß du Nachrichten von mir hättest? Ja warum denn, um alles in der

Welt?«

Sie sah ihn an. Sie fühlte, daß er sie nicht verstand, daß er ihre

Tapferkeit nicht verstand. Und plötzlich merkte sie, daß all ihre

Freude erstorben, daß ihr Blut eiskalt geworden war.

»Weil ich mich für dich schämte,« sagte sie und richtete sich ruhig auf.

»Was —?« fragte er erstaunt, als hätte er nicht recht gehört. »Weil du

dich — für mich — —? Ach, du scherzest wohl.«

»Wie du dich verändert hast,« entgegnete sie nur und betrachtete ihn

ernst. Sein Gesicht hatte keine Geheimnisse für sie. Sie las aus den

kleinen Spuren sein ganzes Leben.

»Darf ich vielleicht wissen, weshalb du es für nötig hieltst, dich für

mich zu schämen?« fragte er zornig.

Da fuhr auch sie auf.

»Nein! Das darfst du ~nicht~ wissen, wenn du es wirklich nicht längst

schon weißt.«

»Ich bitte mir ein besseres Benehmen aus. Das ist nicht der Ton, in dem

wir eine Unterhaltung führen können.«

»O — —! Und ~dein~ Benehmen? Dein Benehmen gegen mich? Daß du mich fast

ein Jahr lang auf eine Zeile warten ließest? Das ist wohl ganz was

anderes!«

Er suchte nach einer Antwort, um der aufsteigenden Scham zu begegnen.

Und plötzlich, nur von dem Gefühl getrieben, nicht als der Besiegte

zu erscheinen, stieß er brüsk hervor: »Vergiß doch nicht, daß wir

durchaus nicht offiziell verlobt sind. Dann freilich, dann wäre es

unverantwortlich von mir gehandelt gewesen. So aber trifft mich auch

nicht der kleinste Vorwurf.«

Sie wurde mit einem Male merkwürdig ruhig. Noch ein paar schnelle

Atemzüge, und sie konnte lächeln.

»Reden wir nicht davon. Es hat keinen Zweck. Einer von uns spricht

Chinesisch.«

Dann bot sie ihm mit heiterem Wesen einen Stuhl an und setzte sich mit

einer kleinen Handarbeit an den Tisch. Ganz korrekt, ganz über der

Situation stehend, wie eine große Dame, dieses junge Geschöpf ...

»Großmama wird sehr bedauern. Es ist zwar nicht ganz schicklich, daß

wir hier so mutterseelenallein sitzen. Aber für ein paar Minuten — das

hat wohl nichts zu bedeuten.«

Er biß sich auf die Lippen. Sie machte sich lustig über ihn! — — Da

verlor er den Kopf.

»Hannes,« begann er, und nun sprudelten die Worte hervor und

überstürzten sich, »Hannes, ich hab’ dich lieb. Daran zweifelst du

doch hoffentlich nicht. Ich habe dich genau so lieb wie früher. Aber

dem Leben da draußen ist nicht nur mit der Liebe gedient. Wir — ich

mein’ die Menschen, die auf sich halten — wir haben ernstere Pflichten

gegenüber der Gesamtheit als die große Masse gegen sich. Wir bilden die

Elite. Und deshalb dürfen wir uns nicht leichtsinnig eine Blöße, eine

Angriffsfläche geben. Was den einzelnen von uns trifft, das trifft uns

alle. Wir sind sozusagen ein Körper und eine Seele. Verstehst du das?«

»Ich wußte bisher nur, daß zwei, die sich lieben, das zu sein hätten

...«

»Aber natürlich. Das hab’ ich doch wohl nicht in Abrede gestellt. Ich

spreche hier aber von dem Kreise, in dem ich zu leben habe, von den

Leuten aus gutem Hause und von guter Erziehung. Siehst du, Hannes, das

sind die Konflikte, die an mir herumreißen. Ich habe dich so lieb — wer

könnte dich nicht lieb haben — aber nun sei einmal mein vernünftiges

Mädchen.«

»Ich bin dein vernünftiges Mädchen,« sagte sie und zwang den

stürmischen Atem zurück.

»Also, Hannes; dann wird es uns leicht werden. Ganz offen, nicht

wahr, ganz offen! Ich habe nun einmal einen Platz in der Gesellschaft

einzunehmen. Und deine Mutter — deine Mutter besaß keinen Frauennamen.«

»Nein; aber sie besaß die Frauenliebe.«

»Aber davon versteht die Welt doch nichts,« rief er aufgebracht, »dazu

ist doch die Welt zu dumm!«

»Und trotzdem — —? Armer Hans.«

»Du scheinst bei meiner Mutter viel gelernt zu haben,« sagte er und

stand auf.

»Ich wollte dich nicht kränken. Aber ich habe dich viel zu lieb, als

daß ich dich so hören könnte.«

»Hannes,« bestürmte er sie von neuem und zog sie an sich, »es ist ja

nur eine bloße Formalität, die ich verlange. Ich habe ja allen Respekt

vor deiner Mutter, aber die Leute, auf die es für uns ankommt, denken

darüber anders. Wir wollen zu Springe hingehen. Wir wollen ihm alles

vorstellen und ihn bitten, zu helfen. Er soll dich adoptieren. Dagegen

wird er bei seinen Anschauungen nichts haben. Du erhältst einen guten

Namen und wir heiraten und ziehen nach München, nach Berlin, wohin du

willst. Mit der Fabrik will ich ja doch nichts zu tun haben. Hannes,

ich bitte dich. Hannes — — was hast du denn? Was fällt dir denn ein?«

Sie hatte sich mit einer energischen Bewegung freigemacht und vom

Wandhaken ihren Hut gerissen.

»Soll ~ich~ gehen, oder willst ~du~ gehen?«

»Hannes, Liebste, versteh mich doch nicht falsch. Kannst du mir denn

kein Opfer bringen?«

»O doch,« lachte sie und nestelte ihren Hut auf, »das größte; dasselbe

Opfer, das meine Mutter gebracht hat. Wenn es darum ging’! Wenn

es nicht anders wär’! Das wär’ doch wenigstens Stolz! Kein feiges

Einschleichen, wie du es von mir verlangst. Gib dir keine Müh’ mit mir.

Ich will nichts mehr hören, als das eine: Soll ~ich~ gehen, oder willst

~du~ gehen?«

Er war gegangen. Rot vor Zorn und Scham. Aber wie in einer Muschel, in

der sich, unentrinnbar, die Stimme des ewigen Meeres gefangen hat, so

schallte, unentrinnbar ihr, eine Stimme in seinem Innern. »Scham ist

Feigheit — Scham ist Feigheit.«

Die alte Frau Stahl hatte es gesagt, droben in dem Stübchen. Und droben

in dem Stübchen rang jetzt ein junges, wildes Blut mit dem ganzen

Stolz die Verzweiflung nieder. Der Sommernachtstraum, den sie im Park

zu Benrath geträumt hatte — Sommernacht? Es war doch Herbst gewesen,

Herbst wie heute. Der Ring hatte sich geschlossen.

Sie saß gerade aufgerichtet auf dem Stuhl, den Hut auf dem Schoß, und

starrte ins Leere. Nicht mit der Wimper wollte sie zucken. Aber die

Tränen nahmen keine Notiz davon. Sie kamen tief aus dem Innern und

rollten langsam über die Wangen und tropften heiß auf die Hände. Ein

Abschied — —.

* * * * *

Heinrich Springe ging auf dem Trottoir vor seiner Haustür auf und

ab und zog jeden Augenblick aufs neue seine Uhr. Wo nur der Hans

blieb? Er hätte schon seit Stunden bei ihm sein können. Sollte Frau

Margot vorgezogen haben, zuerst mit ihrem Sohne zu sprechen, und Hans

Einwendungen zu machen haben? Dem wartenden Manne war es auf seinem

Atelier ordentlich unheimlich geworden. Ahnungen durchflatterten das

Zimmer und schreckten ihn auf. »Wie Fledermäuse,« dachte er und sah

sich um. Er hatte doch sonst nicht an Nervosität gelitten.

»Die Liebe macht doch selbst die Vernünftigsten zu schreckhaften

Kindern,« sagte er kopfschüttelnd. »Vielleicht, weil ihre Vernunft

begreift, was das Herz zu verlieren hat.«

Damit nahm er seinen Hut, um vor dem Hause nach Hans auszuspähen.

Endlich! Dort kam er von der Oststraße her, den Hut etwas schief, das

Jackett aufgeknöpft und den Stock wagrecht unter dem Arm.

»Achtung, mein Junge, du läufst zu weit.«

»Ah, da bist du ja selbst. Guten Tag, Heinrich. Wie geht’s? Wollen wir

einen Spaziergang unternehmen? Es plaudert sich im Freien am besten.«

»Lieber wär’s mir, wenn du mit mir hinaufgehen wolltest. Wir sind oben

ungestörter.«

»Na, gar so feierlich wird’s doch nicht sein.«

»Wie man’s nimmt, mein Junge. Für mich soll’s, so Gott will, eine

Feierstunde werden.«

Sie saßen sich im Atelier gegenüber, wie vor Jahren. Aber der Jüngere

war älter geworden, und der Ältere jung geblieben. Das sahen sie beide

auf den ersten Blick, und es schlich sich ein Fremdes zwischen sie.

Heinrich Springe schüttelte den Bann ab. Freimütig blickte er den

einstigen Schützling an und legte ihm die Hand aufs Knie.

»Laß mich gleich mitten in die Sache hineingehen, Hans. Umschweife

würden sich für uns nicht schicken, und sie passen auch nicht zu meiner

Art. Nur eines sollst du mir vorher sagen: ob du mir noch so vertraust

...«

»Aber gewiß ...«

»Das genügt mir. Ich brauche also nicht zu erwähnen, daß keinerlei

Interessen bestimmend für mich sein konnten. Hans, ich habe deine

Mutter gekannt, als sie noch ein kleines Mädchen war, und ich habe sie

mit meiner Knabenliebe geliebt. Du weißt ja selbst, was Jugendliebe

bedeutet, nur daß du glücklicher darin bist, als ich es war. Wir waren

beide arm, deine Mutter konnte nicht warten und heiratete deinen

Vater, und ich — ich habe keine andere Frau mehr lieb gehabt. Und

nun, Hans, und nun — haben wir uns wieder zusammen gefunden. Und der

Kindheitsglaube an das Glück hat sich auch wieder eingefunden. Und nun

möchten wir drei für immer zusammen bleiben: deine Mutter, dein Freund

und der Kindheitsglaube.«

Er stand auf und fuhr sich über die Stirn.

»Das war’s, was ich dir persönlich sagen wollte, was sich brieflich

überhaupt nicht ausdrücken läßt. Deshalb bat ich dich her. Und ich

meine, dies Atelier, in dem auch du mir einmal von deiner Jugendliebe

erzähltest, war die richtige Umgebung für diese Minute. — Du antwortest

nicht? Hat es dich so überrascht?«

»Das — das — verstehe ich nicht,« stieß Hans kurz hervor und erhob sich

gleichfalls.

»Soll ich es dir — ausführlicher erklären?«

»O ich danke dir. Die Erzählung selbst ist mir schon aufgegangen. Aber

daß meine Mutter es über sich gewinnt, daran zu denken, in ihren Jahren

daran zu denken —«

»Schau sie dir doch an, Junge,« sagte Springe lächelnd, »und dann

wiederhole das von den Jahren.«

»Einerlei. Und gerade ~du~ und sie. Spürt ihr denn nicht die Indezenz,

die darin für mich liegt?«

»Was sollen wir spüren?« fragte Springe verblüfft. »Was liegt für dich

darin? Ja, mit wem sprech’ ich hier denn eigentlich? Hans, Hans, wach

auf, es ist doch dein alter Freund, der vor dir steht.«

»Ein Freund, der im Begriff ist, sich in meinen Vater zu verwandeln.

Ein Freund, mit dem ich geschwärmt habe, mit dem ich gezecht habe,

mit dem ich meine Liebesaventiuren beraten habe; der mir wie ein

Gleichaltriger war. Und diesen Gleichaltrigen, diesen Kameraden der

Jugend soll ich mir vorstellen als — als — den Gatten meiner Mutter?

Wird es dir jetzt klar, was ich mit dem Worte ›Indezenz‹ aussprach?«

Heinrich Springe war blaß geworden.

»Nein,« sagte er und zog die Augenbrauen zusammen, »das wird mir

~nicht~ klar. Aber es schwant mir ziemlich klar, daß du da draußen dein

Liebesempfinden verloren oder — verhandelt hast.«

»Möchtest du mir irgend etwas unterschieben?« brauste Hans auf. Die

Szene, die er soeben erst mit Hannes erlebt hatte, stand ihm so

greifbar vor Augen, daß er meinte, auch der andere müsse sie sehen. Das

brachte ihn außer sich.

»Ich denke, ich spreche ganz deutlich,« erwiderte Springe, »und so

offen, wie es sich unter Männern ziemt. Du scheinst mir überhaupt den

wahren Kern des Wortes Liebe noch gar nicht entdeckt zu haben. Ja,

glaubst du denn, die Dezenz von Liebe und Eheliebe wäre unterscheidbar?

Mein Junge, wer die Indezenz hineinträgt, das seid ihr! Ihr mit eurem

lächerlichen Grenzregulieren und Schematisieren der Frauengefühle,

die nach bestimmter Frist so schnell als möglich mit Anstand und

Geräuschlosigkeit zu ersterben haben. Ich will dir was sagen: ich wäre

in diesem Falle so geschmacklos, auf die ganze sogenannte Liebe zu

pfeifen.«

»Der Ausdruck macht dir im Rahmen dieser Unterhaltung alle Ehre.«

»Nein, Hans,« sagte Springe schnell, »so dürfen wir beide nicht

miteinander verhandeln. Ich habe dich falsch verstanden und bin übers

Ziel geschossen. Aber sieh, wir sind alle Menschen. Deine Mutter und

ich, du und Hannes. Und deshalb bleibt uns nichts, als menschlich

zu fühlen. Das aber ist doch das Schönste. Wir fühlen, daß wir uns

lieben, und wir lieben uns. Wo wir das rein und wahr erkennen, da

fällt jede falsche Scham ab. Da versinkt das künstliche Verhältnis

zwischen Eltern und Kindern. Da stehen nur noch liebende Menschen neben

liebenden Menschen.«

Er durchmaß das Zimmer und kehrte zu dem Schweigenden zurück.

»Hans,« und das alte, strahlende Lächeln stand auf seinem Gesicht, »als

ich — damals — deine frische, ringende Jugend antraf und dein Mentor

wurde, da wurde ich es, um deinem Leben gerade dieses Ziel zu geben. Du

solltest ein echter Mensch werden, durch jeden Firnis hindurchschauen

lernen und mit klingendem Spiel noch ins Alter einmarschieren wie der

Soldat ins Himmelreich. Jedem aber das Seine! Auch deine Mutter und

ich nehmen das für uns in Anspruch, nicht weil wir älter sind, sondern

gerade weil wir uns in dieser Beziehung euch immer gleichaltrig dünken

werden. Mein lieber, alter Junge, in unseren Jahren ist der Vater nicht

nur Vater, sondern auch Bruder, Freund, Kamerad. Das alles, und nur

das, siehst du in mir. Und deine liebe, kleine Braut findet in ihrer

Mutter auch eine Schwester.«

»Meine — Braut? Von wem sprichst du denn?«

»Herr Gott, sei doch nicht so offiziell! Von Hannes sprech’ ich.«

»Dann gestatte, daß ich dich berichtige. Fräulein Stahl und ich denken

nicht an eine Heirat.«

Heinrich Springe trat ein paar Schritte zurück. Dann streckte er die

Arme aus, kam vor und rüttelte seinen Gast an den Schultern.

»Hans —«, er suchte nach Worten, »Hans! Auf der Stelle sagst du mir,

daß du lügst. Ich will nicht wissen, was zwischen euch vorgefallen ist.

Aber daß du es wieder gut machst, und wenn es dich die Zeit deines

Lebens kostet. Eine Träne von ihr ist mehr wert, als der ganze Plunder

deiner Errungenschaften. Sag es; auf der Stelle sag es.«

»Bitte sehr,« versetzte Hans und machte sich kurz los. »Der Vater

spricht etwas vorzeitig aus dir. Ich wüßte nicht, daß ich dir über mein

Tun und Lassen irgendwelche Rechenschaft schuldig wäre. Ich lebe mein

Leben, du — deins.«

»O du armer Junge,« sagte Springe und ließ die Arme sinken, »du armer,

verblendeter Tor!«

»Für heute ist wohl unsere Unterhaltung zu Ende,« erwiderte Hans und

ging zur Tür.

Springe schaute ihm traurig nach.

»Du hast noch etwas vergessen,« sagte er ernst, nahm ein Buch vom

Schreibtisch und brachte es ihm. »Das gehört mir nicht.«

Dann fiel die Tür zwischen ihnen ins Schloß.

»Er wird durch eine bittere Schule gehen,« murmelte der

Zurückbleibende, »und der arme, blinde Narr reißt sich selbst die

Schwungfedern aus, um eine fremde Sprache schreiben zu lernen, die er

nie sprechen lernt.« — —

Hans Steinherr war, das Buch in der Hand, ziellos durch die Stadt

gewandert. Eine unsagbare Leere spürte er in seiner Brust, ein

quälendes, schmerzendes Heimverlangen. Aber er wollte es vor sich

selbst nicht Wort haben. Was wußten die hinter ihm von seinem Ehrgeiz?

Wer nicht mit ihm war, der war gegen ihn. Für den Philister sind die

Höhen nicht getürmt, dem behagt es nur in der Niederung wie dem Frosch

im Teich. »Ah, vorwärts,« sprach er sich Mut zu, »mit leichtem Gepäck

marschiert es sich am besten. Wenn ich wiederkomme, sollen sie zu mir

aufblicken.«

Er war durch das Rheintor gegangen, über die Schiffsbrücke, und

wanderte durch die Rheinwiesen, an den Erlen- und Weidenbüschen vorbei.

Plötzlich zuckte er zusammen und griff nach dem Buch. Es war ihm

eingefallen, daß er an dieser Stelle sein erstes Gedicht gedichtet

hatte. Hier — hier hatte er zum ersten Male seine Jugend verspürt.

Begierig führte er das Buch dicht unter die Augen.

Es war dunkel geworden. Fern über Neuß stand ein Wetter. Schmutziggelbe

Streifen zogen sich am schwarzbewölkten Himmel entlang. Aber die

Widmung, die vermochte er noch zu lesen.

»Meinem Mentor — Telemach.«

Der Mentor hatte auf diesen Telemach freiwillig verzichtet. Und die

Liebe auf ihren Sänger ...

Ein Schwung — und das Buch klatschte in die Wogen des grollenden Rheins.

Da schwamm ein Stück Jugend — — —.

[Illustration]

Die vom Niederrhein · 第 26 / 53 题