Zehntes Kapitel

Das Trauerjahr war zu Ende gegangen.

Nach wie vor leuchtete der Name »Philipp Steinherr« in großen

Metallbuchstaben an den Oberbilker Eisenwerken, aber der, der den

Namen in harten, unvergänglichen Zügen geschaffen hatte, war nicht

unersetzlich geblieben.

»Ist es nicht ein schwermütiger Gedanke,« hatte einst Frau Margot

im Gespräch mit dem Freunde geäußert, »daß kein Mensch eine Lücke

hinterläßt? Es wird Morgen und es wird Abend und wieder Morgen, und das

Leben schreitet fort und Handel und Wandel, und keiner dreht sich um

nach dem, der einst war und ohne dessen Stimme sonst kein Unternehmen

möglich schien. Was hat da aller Ehrgeiz genutzt, wenn jedes Ding so

bald unpersönlich wird?«

»Nein, Frau Margot,« hatte Heinrich Springe geantwortet, »darin kann

ich keinen Grund zur Klage sehen. Für mich liegt gerade in dem Umstand,

daß kein Mensch unersetzlich ist, etwas ungemein Tröstliches und —

Aufrüttelndes. Inwiefern Tröstliches, meinen Sie? Nun, weil es auf

die Dauer auch den größten Schmerz paralysiert, wenn die beständig

mahnende Kluft fehlt; denn sonst würde die Vernichtung eines jeden

Menschenlebens die Vernichtung einer Anzahl anderer Menschenleben nach

sich ziehen und so fort bis ins Unendliche. Die Selbstzerfleischung

aber kann nie der Zweck einer Schöpfung sein. Der Mahner Tod schwindet

hin wie ein Phantom, weil wir seine Spur nicht mehr sehen, die Lust zum

Leben, die erschreckt den Kopf unter die Flügel gezogen hatte, wagt

sich scheu hervor, blinzelt mit den Augen und bemerkt, daß sie nach

wie vor und trotz heftigen Sträubens den Duft der Rosen empfindet,

den Gesang der Vögel vernimmt und das Licht der goldenen Sonne sieht.

Und damit komme ich zu dem, was ich das Aufrüttelnde der Idee nennen

möchte. Wenn wir erst einmal gewahr geworden sind, daß das Leben

nach der Spanne, die es uns läßt, uns nicht vermißt, so sollen ~wir~

hingegen, ~während~ dieser Spanne, nichts vom Leben missen wollen,

sondern bei dem kurzen Besuch alle Gastgeschenke entgegennehmen und,

wenn’s not tut, sie seinem Reichtum entreißen. Damit nehmen wir

unserem Toten nichts und schaffen uns Lebendigen unser Recht. Es ist

eine fixe Idee, wenn man glaubt, man komme über den Schmerz um einen

Dahingeschiedenen nie mehr hinweg, wenn man sich um diesen Schmerz

lebendig begraben will, und läßt doch bei dem geringsten Zahnweh

einen Arzt zur Hilfe rufen. Für ehrliche Naturen sollte es keine

Inkonsequenzen geben, auch aus Gefühls- und Pietätsgründen nicht.

Entweder — oder!«

»Also Witwenverbrennung — ich meine damit natürlich mehr, das

Auslöschen alles dessen, was er hinterlassen hat —« sagte sie

nachdenklich, »oder —?«

»Hand ans Steuer,« vollendete er. »Nur nicht das widersinnige

Vegetieren, dies halbe Verzichtleisten und Nirgendhingehören, das

vielleicht einer Generation Schaden und uns keine Zufriedenheit bringt.«

»Und wenn wir nun die Hand ans Steuer legen? Auch uns wird es eines

Tages entzogen.«

»Verstehen Sie denn darin nicht die Größe des Gedankens, Frau Margot?

Es wird kein Unterschied gemacht! Auch bei unseren Nachfolgern nicht!

Ein endgültiges Triumphieren gibt’s nicht! Herr Gott, bei solchem

maschenlosen Kommunismus verliert der Tod doch jeden Schrecken.«

»Und die Werke, die wir zurücklassen müssen und die in fremde Hände

übergehen? Ist das nicht quälend?«

»Der Kopfschmerz, den wir uns darüber machen, vergeht in dem Moment,

in dem wir die Augen schließen. Sind wir am Abend unseres Daseins

mit dem Bestand unserer Werke und mit uns zufrieden, so ist uns die

Krone des Lebens geworden. Und wissen wir überdies, daß wir kein

Glück vorbeiließen, soweit es uns erreichbar war, so sind wir selbst

nach unserem Tode noch glücklich zu schätzen. Darum sag’ ich: bis

zum letzten Atemzug die Hacken einschlagen in die Felsen und Quellen

hervorrufen, aus denen wir trinken können. Austrinken, wenn es uns

schmeckt. Das nachfolgende Leben ist nicht auf unsere zwei Augen

gestellt, so wenig wie das unsere auf die Augen unserer Vordermänner.

Es rauschen immer wieder neue Brunnen.«

»Sie sind ein Lebenskünstler, Heinrich Springe. Woher haben Sie diese

hieb- und stichfeste Weisheit genommen — —«

Dann bot er ihr den Arm und führte sie in den Garten, zu den Rosen.

»Wie sie blühen und duften,« sagte er. »Und sie schießen und sprießen

aus demselben Stock hervor, der im letzten Herbst verblüht war. Liebste

Frau: es gibt kein Jahr, in dem nicht Rosen blühen.« — — —

Und auch in Frau Margot blühten die Rosen auf, die so lange

durchwintert hatten.

Hans Steinherr hatte am Tage nach der Beerdigung seines Vaters den

Freund in seiner Wohnung aufgesucht, um sich wegen der Fortführung

der Werke Rats zu holen. Nach längerer ernster Konferenz war

man übereingekommen, sich zu Frau Margot zu begeben, um ihr die

einstweiligen Pläne zur Begutachtung vorzulegen.

»Ich habe ja nicht die geringste Ahnung von dem Wesen der

Betriebsführung und rationeller Fabrikationswirtschaft,« hatte Springe

geäußert, »und daß Hans mir in diesen Dingen nichts weniger als

überlegen ist, bedeutet auch gerade keinen Trost. Wollen Sie jedoch

die Meinung eines sonst ziemlich klarblickenden Menschen haben, so

ist es die: Lassen Sie den Oberingenieur der Firma rufen. Der Mann

ist zwanzig Jahre im Dienst und hat die ganze Entwicklung der Werke

mit durchgemacht. Er weiß um alle Zukunftspläne und hat Interesse an

ihrem Werden, weil sein geistiges Kapital darin angelegt ist. Das ist

aber nicht genug. Soll die ganze Leitung in seine Hände übergehen, so

muß seine Bedeutung nach außen hin gesteigert werden. Seiner selbst

wegen, damit er nicht auf Konkurrenzgedanken kommt, und der Beamten

und Arbeiter der Fabrik wegen, damit sie mit Respekt seinen Weisungen

folgen. Das scheint mir aber nur möglich, wenn Sie ihn zum Teilhaber

ernennen. Geben Sie ihm den Titel und beteiligen Sie ihn — neben

seinem festen Gehalt — mit einem gewissen Prozentsatz am Reingewinn.

Sie werden pekuniär gut dabei fahren und vor allem jeder Sorge

überhoben sein.«

Der Abend war mit Verhandlungen mit dem Oberingenieur ausgefüllt

worden, der sich als ein kluger und ruhiger Mann erwies. Die

Eintragungen in das Firmenregister hatten bald darauf stattgefunden.

Hans war zu seinem Regiment zurückgekehrt, und nun lief die Zeit wieder

hin, als wäre in ihrem Gleise keine Unebenheit gewesen.

Hans hatte von seinem Kommandeur die Erlaubnis erhalten, die erste

achtwöchentliche Reserveübung sofort an das Dienstjahr anschließen

zu dürfen. Dadurch wurde er der Notwendigkeit enthoben, sich bis zum

Beginn des neuen Semesters nach Hause begeben zu müssen, denn eine

andere Reise erschien ihm jetzt nicht passend. Vor den Verhältnissen

daheim aber bangte ihm. Er wußte nun um das Verhältnis Johannas zu

seiner Mutter, er sah voraus, daß man ihm keine Hindernisse mehr in

den Weg legen, sondern im Gegenteil an seinen Besuch frohe Erwartungen

knüpfen würde. Und diese Erwartungsfreudigkeit war ihm unbequem, sie

war ihm geradezu fatal.

Nun stand er dicht vor dem Reserveoffizier, und er setzte allen Ehrgeiz

darein, nicht zum Train abgeschoben zu werden, sondern beim Regiment

weiter zu bleiben. Die Anschauungen seiner neuen Freunde, seiner ganzen

Umgebung, hatten viel zu stark auf ihn abgefärbt, als daß er im stande

gewesen wäre, sich ein anderes Glück zu denken, als das von seinem

ganzen Kreise akklamierte und — beneidete.

Hannes’ auffallende Mädchenschönheit tauchte vor ihm auf. Er wich

dem Bilde betreten aus, dann aber blickte er verstohlen hin und sein

Auge begann zu strahlen und sein Herz zu schlagen, je länger er es

ins Auge faßte. Dies letzte Wiedersehen! Als sie in der Laube vor ihm

stand, eine andere, schönere; und doch dieselbe, liebe. Nie, nein nie

und nirgends hatte er ein so starkes, überquellendes und wiederum so

beruhigendes Heimatsgefühl gehabt, wie in der Stunde, da er an ihrem

Halse hing und sie ihn das befreiende Weinen lehrte ...

»Keine würde sie übertreffen,« dachte er selig, »keine ihr

gleichkommen. Sie hat den Mund einer Geliebten und die Augen einer

Mutter.«

Plötzlich übergoß flammende Röte seine Stirn, und er wandte sich rasch

ab und trommelte nervös gegen die Fensterscheiben.

»Aber wenn es auskäme? Ihre Herkunft, ihre Familie, ihre — Geburt?

Und es kommt aus,« rief er laut, »so was bleibt nie verheimlicht,

dafür sorgen die guten Freunde. Man wird zu tuscheln anfangen und sich

erzählen und alles mehr noch übertreiben, als ob es nicht so schon

genug wäre. Man brauchte nur zu erfahren, daß sie als Kind zum Modell

gesessen hat. Ob nur zu einem Engelsköpfchen, danach fragt ja die

Menschheit nicht. Da heißt es einfach: Modell! Und jeder denkt sich

ein Manko an Schamhaftigkeit dabei. Himmel und Hölle, weshalb mußte

die Alte auch einen solchen Unfug zugeben. Vererbtes Blut, schlechte

Erziehung — wo sind da die Kautelen? Als Primaner denkt man ja an

nichts anderes, als an das Gesichtchen. Aber ich bin kein Primaner

mehr. Ich habe Verpflichtungen gegen meine Gesellschaft. Ich würde

mich mit sehenden Augen unmöglich machen, nicht den Verkehr einhalten

können, den ich haben will und muß. Wenn’s ein anderer wäre, ich würde

doch ganz genau so darüber denken. Da kann und darf ich mich nicht

ausschließen wollen.

Die vom Niederrhein · 第 25 / 53 题