Das Trauerjahr war zu Ende gegangen.
Nach wie vor leuchtete der Name »Philipp Steinherr« in großen
Metallbuchstaben an den Oberbilker Eisenwerken, aber der, der den
Namen in harten, unvergänglichen Zügen geschaffen hatte, war nicht
unersetzlich geblieben.
»Ist es nicht ein schwermütiger Gedanke,« hatte einst Frau Margot
im Gespräch mit dem Freunde geäußert, »daß kein Mensch eine Lücke
hinterläßt? Es wird Morgen und es wird Abend und wieder Morgen, und das
Leben schreitet fort und Handel und Wandel, und keiner dreht sich um
nach dem, der einst war und ohne dessen Stimme sonst kein Unternehmen
möglich schien. Was hat da aller Ehrgeiz genutzt, wenn jedes Ding so
bald unpersönlich wird?«
»Nein, Frau Margot,« hatte Heinrich Springe geantwortet, »darin kann
ich keinen Grund zur Klage sehen. Für mich liegt gerade in dem Umstand,
daß kein Mensch unersetzlich ist, etwas ungemein Tröstliches und —
Aufrüttelndes. Inwiefern Tröstliches, meinen Sie? Nun, weil es auf
die Dauer auch den größten Schmerz paralysiert, wenn die beständig
mahnende Kluft fehlt; denn sonst würde die Vernichtung eines jeden
Menschenlebens die Vernichtung einer Anzahl anderer Menschenleben nach
sich ziehen und so fort bis ins Unendliche. Die Selbstzerfleischung
aber kann nie der Zweck einer Schöpfung sein. Der Mahner Tod schwindet
hin wie ein Phantom, weil wir seine Spur nicht mehr sehen, die Lust zum
Leben, die erschreckt den Kopf unter die Flügel gezogen hatte, wagt
sich scheu hervor, blinzelt mit den Augen und bemerkt, daß sie nach
wie vor und trotz heftigen Sträubens den Duft der Rosen empfindet,
den Gesang der Vögel vernimmt und das Licht der goldenen Sonne sieht.
Und damit komme ich zu dem, was ich das Aufrüttelnde der Idee nennen
möchte. Wenn wir erst einmal gewahr geworden sind, daß das Leben
nach der Spanne, die es uns läßt, uns nicht vermißt, so sollen ~wir~
hingegen, ~während~ dieser Spanne, nichts vom Leben missen wollen,
sondern bei dem kurzen Besuch alle Gastgeschenke entgegennehmen und,
wenn’s not tut, sie seinem Reichtum entreißen. Damit nehmen wir
unserem Toten nichts und schaffen uns Lebendigen unser Recht. Es ist
eine fixe Idee, wenn man glaubt, man komme über den Schmerz um einen
Dahingeschiedenen nie mehr hinweg, wenn man sich um diesen Schmerz
lebendig begraben will, und läßt doch bei dem geringsten Zahnweh
einen Arzt zur Hilfe rufen. Für ehrliche Naturen sollte es keine
Inkonsequenzen geben, auch aus Gefühls- und Pietätsgründen nicht.
Entweder — oder!«
»Also Witwenverbrennung — ich meine damit natürlich mehr, das
Auslöschen alles dessen, was er hinterlassen hat —« sagte sie
nachdenklich, »oder —?«
»Hand ans Steuer,« vollendete er. »Nur nicht das widersinnige
Vegetieren, dies halbe Verzichtleisten und Nirgendhingehören, das
vielleicht einer Generation Schaden und uns keine Zufriedenheit bringt.«
»Und wenn wir nun die Hand ans Steuer legen? Auch uns wird es eines
Tages entzogen.«
»Verstehen Sie denn darin nicht die Größe des Gedankens, Frau Margot?
Es wird kein Unterschied gemacht! Auch bei unseren Nachfolgern nicht!
Ein endgültiges Triumphieren gibt’s nicht! Herr Gott, bei solchem
maschenlosen Kommunismus verliert der Tod doch jeden Schrecken.«
»Und die Werke, die wir zurücklassen müssen und die in fremde Hände
übergehen? Ist das nicht quälend?«
»Der Kopfschmerz, den wir uns darüber machen, vergeht in dem Moment,
in dem wir die Augen schließen. Sind wir am Abend unseres Daseins
mit dem Bestand unserer Werke und mit uns zufrieden, so ist uns die
Krone des Lebens geworden. Und wissen wir überdies, daß wir kein
Glück vorbeiließen, soweit es uns erreichbar war, so sind wir selbst
nach unserem Tode noch glücklich zu schätzen. Darum sag’ ich: bis
zum letzten Atemzug die Hacken einschlagen in die Felsen und Quellen
hervorrufen, aus denen wir trinken können. Austrinken, wenn es uns
schmeckt. Das nachfolgende Leben ist nicht auf unsere zwei Augen
gestellt, so wenig wie das unsere auf die Augen unserer Vordermänner.
Es rauschen immer wieder neue Brunnen.«
»Sie sind ein Lebenskünstler, Heinrich Springe. Woher haben Sie diese
hieb- und stichfeste Weisheit genommen — —«
Dann bot er ihr den Arm und führte sie in den Garten, zu den Rosen.
»Wie sie blühen und duften,« sagte er. »Und sie schießen und sprießen
aus demselben Stock hervor, der im letzten Herbst verblüht war. Liebste
Frau: es gibt kein Jahr, in dem nicht Rosen blühen.« — — —
Und auch in Frau Margot blühten die Rosen auf, die so lange
durchwintert hatten.
Hans Steinherr hatte am Tage nach der Beerdigung seines Vaters den
Freund in seiner Wohnung aufgesucht, um sich wegen der Fortführung
der Werke Rats zu holen. Nach längerer ernster Konferenz war
man übereingekommen, sich zu Frau Margot zu begeben, um ihr die
einstweiligen Pläne zur Begutachtung vorzulegen.
»Ich habe ja nicht die geringste Ahnung von dem Wesen der
Betriebsführung und rationeller Fabrikationswirtschaft,« hatte Springe
geäußert, »und daß Hans mir in diesen Dingen nichts weniger als
überlegen ist, bedeutet auch gerade keinen Trost. Wollen Sie jedoch
die Meinung eines sonst ziemlich klarblickenden Menschen haben, so
ist es die: Lassen Sie den Oberingenieur der Firma rufen. Der Mann
ist zwanzig Jahre im Dienst und hat die ganze Entwicklung der Werke
mit durchgemacht. Er weiß um alle Zukunftspläne und hat Interesse an
ihrem Werden, weil sein geistiges Kapital darin angelegt ist. Das ist
aber nicht genug. Soll die ganze Leitung in seine Hände übergehen, so
muß seine Bedeutung nach außen hin gesteigert werden. Seiner selbst
wegen, damit er nicht auf Konkurrenzgedanken kommt, und der Beamten
und Arbeiter der Fabrik wegen, damit sie mit Respekt seinen Weisungen
folgen. Das scheint mir aber nur möglich, wenn Sie ihn zum Teilhaber
ernennen. Geben Sie ihm den Titel und beteiligen Sie ihn — neben
seinem festen Gehalt — mit einem gewissen Prozentsatz am Reingewinn.
Sie werden pekuniär gut dabei fahren und vor allem jeder Sorge
überhoben sein.«
Der Abend war mit Verhandlungen mit dem Oberingenieur ausgefüllt
worden, der sich als ein kluger und ruhiger Mann erwies. Die
Eintragungen in das Firmenregister hatten bald darauf stattgefunden.
Hans war zu seinem Regiment zurückgekehrt, und nun lief die Zeit wieder
hin, als wäre in ihrem Gleise keine Unebenheit gewesen.
Hans hatte von seinem Kommandeur die Erlaubnis erhalten, die erste
achtwöchentliche Reserveübung sofort an das Dienstjahr anschließen
zu dürfen. Dadurch wurde er der Notwendigkeit enthoben, sich bis zum
Beginn des neuen Semesters nach Hause begeben zu müssen, denn eine
andere Reise erschien ihm jetzt nicht passend. Vor den Verhältnissen
daheim aber bangte ihm. Er wußte nun um das Verhältnis Johannas zu
seiner Mutter, er sah voraus, daß man ihm keine Hindernisse mehr in
den Weg legen, sondern im Gegenteil an seinen Besuch frohe Erwartungen
knüpfen würde. Und diese Erwartungsfreudigkeit war ihm unbequem, sie
war ihm geradezu fatal.
Nun stand er dicht vor dem Reserveoffizier, und er setzte allen Ehrgeiz
darein, nicht zum Train abgeschoben zu werden, sondern beim Regiment
weiter zu bleiben. Die Anschauungen seiner neuen Freunde, seiner ganzen
Umgebung, hatten viel zu stark auf ihn abgefärbt, als daß er im stande
gewesen wäre, sich ein anderes Glück zu denken, als das von seinem
ganzen Kreise akklamierte und — beneidete.
Hannes’ auffallende Mädchenschönheit tauchte vor ihm auf. Er wich
dem Bilde betreten aus, dann aber blickte er verstohlen hin und sein
Auge begann zu strahlen und sein Herz zu schlagen, je länger er es
ins Auge faßte. Dies letzte Wiedersehen! Als sie in der Laube vor ihm
stand, eine andere, schönere; und doch dieselbe, liebe. Nie, nein nie
und nirgends hatte er ein so starkes, überquellendes und wiederum so
beruhigendes Heimatsgefühl gehabt, wie in der Stunde, da er an ihrem
Halse hing und sie ihn das befreiende Weinen lehrte ...
»Keine würde sie übertreffen,« dachte er selig, »keine ihr
gleichkommen. Sie hat den Mund einer Geliebten und die Augen einer
Mutter.«
Plötzlich übergoß flammende Röte seine Stirn, und er wandte sich rasch
ab und trommelte nervös gegen die Fensterscheiben.
»Aber wenn es auskäme? Ihre Herkunft, ihre Familie, ihre — Geburt?
Und es kommt aus,« rief er laut, »so was bleibt nie verheimlicht,
dafür sorgen die guten Freunde. Man wird zu tuscheln anfangen und sich
erzählen und alles mehr noch übertreiben, als ob es nicht so schon
genug wäre. Man brauchte nur zu erfahren, daß sie als Kind zum Modell
gesessen hat. Ob nur zu einem Engelsköpfchen, danach fragt ja die
Menschheit nicht. Da heißt es einfach: Modell! Und jeder denkt sich
ein Manko an Schamhaftigkeit dabei. Himmel und Hölle, weshalb mußte
die Alte auch einen solchen Unfug zugeben. Vererbtes Blut, schlechte
Erziehung — wo sind da die Kautelen? Als Primaner denkt man ja an
nichts anderes, als an das Gesichtchen. Aber ich bin kein Primaner
mehr. Ich habe Verpflichtungen gegen meine Gesellschaft. Ich würde
mich mit sehenden Augen unmöglich machen, nicht den Verkehr einhalten
können, den ich haben will und muß. Wenn’s ein anderer wäre, ich würde
doch ganz genau so darüber denken. Da kann und darf ich mich nicht
ausschließen wollen.