Daß sie heute immer ihrer Tochter gedenken mußte —

War es ein Unrecht gewesen — damals —?

Ein heller Schein flog über der Alten Gesicht. Reue? Wofür? Nur Sünder

bereuen. Sie aber hatte aus tiefster Seele gehandelt, und die Seele ist

ein Stück von Gott und spricht wahrer als die Gesetze der Menschen.

Die Greisin suchte ihre Brille hervor, rückte den Strohsessel dicht an

den Tisch und schlug die Bibel auf. Sie traf die erste Epistel Pauli

an die Korinther. Die Blätter teilten sich wie von selber bei dem 13.

Kapitel, als kannten sie seit langem die Zufluchtstätte der alten Frau.

Stumm und ernst blickte sie in das Buch. Dann las sie mit halblauter

Stimme die gnadenreichen Worte des Apostels, die sie mit ihrem starken

Menschensinn menschlich gerade deutete; das monotone Gemurmel klang wie

ein Gebet, und über das Gebet hinaus wie ein Glaubensbekenntnis, und es

war eine große Feiertagshaltung.

»Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe

nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle. Und wenn

ich weissagen könnte, und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis,

und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der

Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen

gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre

mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe

eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht.

Sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie

lässet sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Sie freuet

sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit. Sie

verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.

Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden,

und die Sprachen aufhören werden, und die Erkenntnis aufhören wird.

Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk.

Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind, und war klug wie ein

Kind, und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat

ich ab, was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem

dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich’s

stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.

Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist

die größeste unter ihnen.«

Die alte Frau nahm die Brille ab und lehnte sich zurück. Sie lächelte.

Wer wollte mehr wissen als sie, was gut und böse sei, wenn unser Wissen

Stückwerk ist? Wer, der nicht erkannt hatte, daß die Liebe das Größte

ist? — — Die Liebe! — Die alte Frau erhob sich. Das Lächeln machte

einem feierlichen Ernste Platz.

»Sie freuet sich aber der ~Wahrheit~!« sagte sie mit starker Stimme.

»Das ist es. Die Wahrheit allein gibt den Ausschlag. Dann mag sein, was

will: wir taten das Unsere.«

Es wurde an die Tür geklopft, die zur Treppe führte, und die Alte ging,

um zu öffnen. Draußen stand Hans Steinherr.

»Treten Sie ein,« sagte sie freundlich, »meine Enkelin ist wach und

auch wieder wohl.«

»Sie sind heute so gütig zu mir, Frau Stahl.« Der junge Mann drückte

dankbar die dargebotene Hand. »Daran erkenn’ ich schon, daß es Fräulein

Johanna besser gehen muß.«

Er hatte unwillkürlich an Stelle des kindischen »Hannes« Johanna gesagt.

»Es ist Sonntag heute,« entgegnete die Greisin einfach.

»Nicht wahr? Das ist wirklich ein Sonnentag! Alle Blumen strecken die

Köpfe hoch.«

»Sie haben schon wieder Ihren Garten geplündert? Sie müssen nichts

übertreiben.«

»Nur drei Rosen. Es waren die schönsten, und sie baten so sehr, für ihr

Blühen belohnt und mitgenommen zu werden.«

Frau Stahl sah den Schmeichler prüfend an.

»Sie haben die Worte hübsch in der Gewalt. Das kleidet Sie. Hoffentlich

tönt es unter dem Kleid gerade so.«

Hans verstummte. Aber er blickte offen zu der Sprechenden auf.

»Ich werde meiner Enkelin sagen, daß Sie da sind.«

Einige Augenblicke später stand er in ihrer Kammer.

»Guten Tag, Herr Steinherr,« tönte eine zage Stimme, die gern einen

festeren Beiklang gezeigt hätte.

Da trat er an das Bett und reichte ihr seine Rosen. Zu sehen vermochte

er immer noch nicht. Er fühlte, wie seine Hand scheu ergriffen wurde.

Und nun sank der Schleier.

»Guten Tag, Fräulein Hannes,« sagte er rasch. »Gottlob, daß Sie wieder

gesund sind!«

»Ach,« meinte sie und vermied seinen Blick, »das bißchen von gestern.

Unkraut vergeht nicht.«

»Unkraut?« machte er staunend. Ihre ganze Lieblichkeit wurde er gewahr.

Wie sie dalag, bis unter das Kinn zugeknöpft in dem weißen Linnen,

das leuchtende Haar glatt heruntergestrichen zu beiden Seiten der

zartgezeichneten Wangen, das leinene Hemdchen Hals und Brust bedeckend.

Und vor ihr lagen die Rosen, die er am Morgen hergetragen hatte, und

sie sagten so wenig, so gar nichts; wie kleine Dienerinnen vor einer

kleinen Prinzessin.

»Unkraut?« wiederholte er und schüttelte den Kopf. »Wie kann man nur so

was aussprechen!«

»Sie scherzt,« sagte Frau Stahl. »Ganz so gering schätzt sich Johanna

doch nicht ein.«

Da wurde die kleine Rekonvaleszentin ausgelassen.

»Buh!« machte sie und streckte ihrem Besucher so plötzlich ihr Köpfchen

entgegen, daß er zurückfuhr. Dann warf sie sich lachend zurück. »Ich

bin ein Ungetüm, gelt? Ein schreckliches Menschenkind! Antworten Sie,

auf der Stelle!«

»Wahrhaftig,« rief Hans begeistert, »das sind Sie! Aber ich glaube,

mehr ein schrecklich ~liebes~ Menschenkind. Hab’ ich recht, Frau Stahl?

Sie verstellt sich nur immer, damit’s keiner merkt.«

»Jawohl, ihre Unarten auch noch beloben! Na, nun setzen Sie sich nur

nieder. Einen Augenblick dürfen Sie schon hierbleiben.«

»Großmutter,« sagte Hannes und lächelte die Alte an, »trinken wir denn

heute nachmittag keinen Kaffee?«

»Ach so,« meinte die Greisin trocken. »So hatt’st du dir das gedacht?«

»Herr Steinherr ist doch zu Besuch gekommen,« schmollte die Kleine und

zupfte an den Rosen.

»Aber ich bitte, Frau Stahl,« warf der junge Besucher verlegen ein,

»ich möchte Sie nicht stören.«

»Freilich,« stieß das Mädchen trotzig heraus, »dann — dann — wenn es

Herrn Steinherr geniert, bei uns Kaffee zu trinken. Es ist ja auch gar

kein richtiger Kaffee. Wir trinken ihn nur so.«

»Fräulein Hannes!«

Hans Steinherr war empört.

»Das war schlecht,« fügte er nach einer Weile hinzu. »Das durften Sie

mir ganz gewiß nicht sagen.«

Sie antwortete nicht, aber sie zog mit einer hastigen Bewegung ihr Haar

bis über die Augen zusammen.

»Sie werden unseren Kaffee schon mögen,« meinte die alte Frau. »Wollen

Sie mittun?«

»So viel Freundlichkeit hab’ ich ja gar nicht erwartet,« murmelte Hans.

»Ich werde das Geschirr hereinholen. Dann trinken wir mit Johanna

zusammen.«

Sie ging ruhig hinaus, um den Kaffee aufzubrühen. Bald vernahm man ihr

Hantieren mit Töpfen und Tassen.

Hans Steinherr blickte zu seiner kleinen feindlichen Freundin hinüber.

Er konnte unter dem dichten Haarschleier nichts von ihrem Gesicht

erkennen. Nur die im Haar verkrampften Fäustchen waren sichtbar.

»Fräulein Hannes,« sagte er recht knabenhaft weich.

Sie regte sich nicht.

»Sie schämen sich wohl, Fräulein Hannes? Dann ist ja alles wieder gut.«

Keine Antwort. Sie lag wie eine Bildsäule. Nur über ihrem Munde

zitterte das Haar.

Da wagte er es, ihre Hände zu fassen. Und die Fäustchen, die so fest

verkrampft schienen, zeigten sich so willfährig, nachzugeben, und er

schob sie sacht beiseite und strich ihr ganz sanft das Haar aus dem

Gesicht.

»Sie haben ja Tränen in den Augen,« sagte er leise und tupfte mit

zartem Finger die Tropfen fort.

Sie ließ alles mit sich geschehen, aber sie wich auch seinem Blick

nicht mehr aus.

»Buh!« machte er plötzlich, wie sie vorher, und streckte mit einer

lustigen Grimasse den Kopf gegen sie aus.

Erschrocken fuhr sie zusammen. Und dann lachte sie, lachte, daß es

durch die Kammer schmetterte, in einem Lachkrampf, der sich nicht

bändigen lassen wollte. Und Hans sekundierte ihr mit seinem jungen,

durchdringenden Bariton, und wenn der eine aufhören wollte, begann der

andere von neuem, und beide wußten nicht mehr, worüber sie lachten.

Über ein Nichts, über alles — das war ihnen Nebensache. Bis Großmutter

Stahl energisch gegen die Türe pochte.

»Sind Sie — noch — ärgerlich auf mich?« schluchzte Hans.

»Och,« schluchzte Hannes und rieb sich mit dem Handrücken die Augen,

bis sie brannten, »ich — ich hab’ mich ja nur — über mich selber —

geärgert.«

»Dann — dann — könnten wir doch wirklich — gut’ Freund sein.«

»Ja — — —«

Da kam Frau Stahl mit dem Nachmittagskaffee. Schnell sprang Hans zu, um

ihr behilflich zu sein. Er zog aus der Ecke einen kleinen Tisch herbei,

deckte das Tuch darüber, das Frau Stahl unterm Arme trug und half

ihr, die Sonntagsgenüsse aufbauen. Aniszwieback, gezuckerten Zwieback

und Burger Brezeln. Die rüstige Frau stopfte ihrem Enkelkind ein paar

Kissen in den Rücken, und dann saßen sie zu dritt in der kleinen Kammer

und griffen wacker zu.

»Schmeckt Ihnen der Kaffee?« fragte die Kleine mit größter

Unbefangenheit.

»Einfach fürchterlich!« erwiderte Hans.

»Das wundert mich,« fuhr die Kleine in aufrichtig klingendem Tone fort,

»Großmutter nimmt aber bestimmt nur die beste Zichorie.«

»Ich hatte es auf gebrannte Eicheln taxiert,« entgegnete Hans

verbindlich und bat um eine neue Füllung. »Wir haben soeben

Freundschaft geschlossen, Frau Stahl. Sie merken es wohl am Ton.«

»Die Freundschaft ist immer die beste, die sich eines guten Tones

befleißigt,« sagte die alte Frau. »Das hält die Gewöhnlichkeit der

Gewöhnung zurück, den schlimmsten Feind der Freundschaft.«

Hans bröckelte stumm an seiner Brezel. Wie einfach und sicher die

Greisin sprach. Dieser Frau glaubte er es, daß sie einst die Würde der

Beamtenfrau ruhig mit der Stellung einer Lohnarbeiterin vertauschen

konnte, ohne auch nur die Spur von sich selbst zu verlieren. Wie

beneidenswert seine kleine Freundin war, daß sie eine solche Erzieherin

hatte.

»Hat man Ihnen denn gar nichts aufgetragen?« hörte er plötzlich die

Stimme des Mädchens.

»Aufgetragen?« fragte er und richtete sich auf. »Wer sollte mir denn

etwas aufgetragen haben?«

»O, ich dachte nur — —« machte Hannes gedehnt. »Sie waren also nicht

bei Hüsgens?«

»Gewiß, heute vormittag.«

»Und sie haben sich nicht nach mir erkundigt?«

Hans wurde ein wenig verlegen und suchte nach Worten. Sie bemerkte es

sofort.

»Geben Sie sich keine Mühe,« sagte sie spöttisch, »ich bin nicht so

feinfühlig.«

»Das sind Sie wohl,« warf er eifrig ein. »Aber Sie wissen ja selber,

daß der edle Willibald alles andere eher ist. Ich fürchte, seine

Schwester nicht minder. Doch daraus dürfen Sie sich nichts machen.«

»Tu’ ich auch nicht. Aber etwas muß doch gesagt worden sein.«

»Nun ja,« gab er zögernd zu, »Willibald hatte Angst, seine schönen

Veranstaltungen könnten ihm in die Brüche gehen — so sagte er wörtlich

— und er schalt auf das unzeitgemäße Krankwerden.«

»Also eine gute Besserung hat er mir nicht wünschen lassen,« sagte sie

und zog die Stirn in Falten.

»Er hat es wohl nur vergessen,« begütigte Hans. »Sie kennen doch seine

Art.«

»Dann soll er auch meine Art kennen. Ich werde ihn und seine schöne

Veranstaltung auch vergessen.«

»Sie wollen nicht mehr mittun?« rief Hans überrascht. »Ach nein,

Fräulein Hannes, das kann nicht Ihr Ernst sein. Wir haben uns doch alle

so auf den Abend gefreut.«

»Und ich tu’ doch nicht mit,« beharrte sie trotzig. »Er soll sich

suchen, wen er will. Ich lass’ mich so nicht behandeln. Von dem am

wenigsten, diesem Bierwirtsjungen!«

»Johanna,« verwies Frau Stahl sie zürnend.

»Laß nur, Großmutter, ich tu’s doch nicht.«

»Fräulein Hannes,« sagte Hans niedergeschlagen, »was soll denn aber aus

dem schönen Abend werden?«

»Och, der Abend läuft uns nicht weg. Wir unternehmen was für uns.«

»Für uns?«

»Nun ja. Großmutter, Sie und ich. Oder — paßt Ihnen die andere

Gesellschaft besser?«

»Darauf gebe ich Ihnen jetzt keine Antwort mehr. Das ist gerade wie

vorhin mit dem Kaffeetrinken.«

»Sie sind einverstanden!« lachte sie, ohne auf seine beleidigte Miene

zu achten. »Großmutter, du auch? Also nächsten Sonntag? Wohin wollen

wir denn? Nach Schloß Benrath? Ja, bitte, nach Schloß Benrath!«

Sie beugte sich vor, schlang die Arme um den Hals der alten Frau und

küßte sie auf den Mund. Frau Stahl erhob sich schnell.

»Jetzt ist es aber Zeit, Herr Steinherr,« sagte sie mit freundlichem

Ernst. »Das Kind wird viel zu unruhig.«

Sofort stand Hans auf. Man verabredete, sich am nächsten Sonntag

nachmittag zwei Uhr am Bahnhof zu treffen. Bei gutem Wetter sollte

der Rückweg zu Fuß angetreten werden. Hannes lag ganz still, mit

geschlossenen Augen, im Bette, als Hans Steinherr sich verabschiedete.

Sie gab ihm kaum die Hand.

»Ich kann Sie leider nicht auffordern, in der Woche noch einmal

vorzusprechen,« sagte die alte Frau, als sie Hans die Tür im Vorzimmer

öffnete. »Ich bin die ganze Woche draußen auf Arbeit.«

»O, Frau Stahl, ohne Ihren Willen würde ich es auch nicht wagen.«

»Es ist gut,« entgegnete sie.

»Haben Sie vielen Dank, Frau Stahl. Der Nachmittag bei Ihnen war

wirklich schön.«

»Adieu, Herr Steinherr.«

Er stolperte die Stiegen hinunter und stand mit erhitztem Kopf auf der

Straße. Wohin? dachte er. Nur nicht unter Menschen jetzt. Er eilte

auf kürzestem Wege nach Hause, in den Garten. Er fühlte, daß seine

Brust ganz schwer war von all den Gestalten, die er mit sich trug. Ein

unerklärlich wonniges Gewicht. Bis in die Nacht saß er in der Laube und

hielt mit den Gestalten allerlei närrische Zwiesprache. — —

Frau Stahl hatte leise die Kammertür geöffnet.

»Schläfst du, Johanna?« fragte sie.

Als keine Antwort kam, blieb sie im Wohnzimmer. Grübelnd stand sie am

Fenster und blickte hinaus. Dann kehrte sie sich ruhig um und suchte

sich eine Handarbeit heraus.

Sie sollen ihre Jugend haben, dachte sie, das ist ihr Recht. Man soll

dem Menschenfrühling nicht ins Handwerk pfuschen, wenn man das Wort

Glück im Munde führt. Und — und — das Kind gab mir doch die Hand

darauf. — —

* * * * *

Zweimal im Laufe der Woche war Hans Steinherr im Atelier seines

Freundes Springe gewesen. Er hatte sich stundenlang an den

Bildern vorbeigeschoben, in alle Ecken geguckt und ganz sonderbar

herumgedruckst.

»Was gibt’s denn, Junge? Hast du Schulden beim Konditor, eine schlechte

Zensur, oder bist du verliebt?«

»Ach, Sie spotten ja nur.«

»Also verliebt. Dann behalt’s bei dir! Die Heimlichkeit erhöht den

Reiz. Hoffentlich ist sie von altem Adel?«

»Sehen Sie? Ich wußte ja, daß Sie für gewisse Dinge kein Verständnis

haben.«

Der Maler hatte eine Melodie gepfiffen und rastlos weiter gearbeitet.

»Herr von Springe?«

»Nun, mein Junge?«

»Wenn — wenn ich nun einmal jemanden nötig haben sollte, der — der —

auf den ich mich — verlassen könnte?«

»Soweit meine Verständnislosigkeit reicht, würde ich der Jemand ja sein

können.«

»Herr von Springe!«

Hans war auf ihn zugesprungen und hatte sich an ihn gehängt.

»Mach’ daß du nach Hause kommst und halte die Leute nicht auf. Marsch,

ab! Hörst du nicht, ich habe zu arbeiten. Ich will allein sein.«

Und jedesmal, wenn der Junge nach solch einer Szene gegangen war,

hatte der Maler die Arbeit beiseite geschoben und war auf die Veranda

hinausgetreten, an der das Weinlaub rubinrot schimmerte und tausend

dringendere Fragen stellte, als der Mund des mannbar gewordenen Knaben

...

Und nun war Sonntag. Ein Herbsttag von jener Schönheit und tiefen

Schwermut, die noch einmal alle Erinnerungen des enteilenden Sommers

zusammengreifen möchte zu einem lang nachschwingenden Akkord. Aus

Hoffen und Bangen gemischt: Was wird der Tag bringen, was wird nach ihm

kommen? Nütze den Tag! Er trägt in sich, was über den Winter hilft.

Sein Zittern ist dein Zittern. — —

Hans Steinherr stand am Bahnhof. Er hatte sich bei den Eltern mit

einem Ausflug entschuldigt, ohne die Namen der Teilnehmer anzugeben,

und wartete nun schon seit einer Viertelstunde auf Frau Stahl und ihre

Enkelin. Für jede der Frauen trug er ein paar Rosen in der Hand. Er war

so aufgeregt, als gälte es eine Weltreise.

»Hier!« rief er plötzlich aus Leibeskräften und schwenkte den Hut. Da

waren sie neben ihm.

Frau Stahl war nicht sonderlich modern gekleidet. Er merkte es nicht.

Er war nur dankbar, daß sie gekommen war. Und Hannes? War das denn

Hannes? Ja, war sie denn gewachsen in den acht Tagen und umsoviel

reifer geworden? Er kam sich fast wie ein Knabe neben ihr vor.

»Wie geht es Ihnen?« murmelte er und stopfte ihr die Rosen in die Hand.

»Wie ich mich freue! Sie sind also wieder ganz gesund? Freuen Sie sich

denn auch ein wenig auf die Tour? Hier, Frau Stahl, bitte, nehmen Sie

doch auch die Blumen. Da kommt der Zug. So, bitte, hier können wir

einsteigen.«

Frau Stahl hatte den Griff des Coupés gefaßt. Jetzt ließ sie ihn wieder

los.

»Herr Gott,« lachte sie, »da wären wir beinah falsch eingestiegen. Das

ist ja die erste Klasse.«

»Dann stimmt’s doch. Bitte, Fräulein Hannes.«

Das junge Mädchen blickte fest auf die Coupénummer. Dann preßte sie die

Lippen zusammen und stieg ein, als ob sie’s anders nicht gewöhnt sei.

Frau Stahl folgte schweigend, und als letzter Hans. Während der kurzen

Fahrt bis zur Station Benrath wollte kein Gespräch zu stande kommen.

Steif schritten die Frauen die Feldwege einher, die zum Schloß führten.

Auch Hans war verstimmt. So zogen die drei Menschen fürbaß.

»Soll ich den Pedell rufen, damit er uns das Schloß zeigt?« fragte

Hans, als sie vor dem Rokokobau standen und die Blicke über die

Rasenfläche schweifen ließen, die sich vor ihm ausbreitete.

»Bitte,« sagte Hannes kurz.

Der Pedell kam und übernahm die Führung. Aber was er auch von dem

Erbauer, dem kunstsinnigen pfälzischen Herzog Karl Theodor und seinem

fröhlichen Hofstaat zu erzählen wußte, was er berichtete von allerhand

Zeitläuften und Schicksalen, von hohen und höchsten Herrschaften,

die geruht hatten, in diesen und jenen historischen Betten zu ruhen:

er fand nicht das mundaufsperrende Verständnis, das er bei diesen

Gästen zu finden gehofft hatte. Erst das Trinkgeld stimmte ihn um. Er

empfahl angelegentlich, nicht zu versäumen, den Park zu besuchen. »Der

herrlichste Park, den der Niederrhein besitzt. Mit der Dunkelheit wird

er geschlossen. Sonst müssen Sie übers Gitter klettern.«

Wieder standen die drei Menschen draußen und blickten stumm über die

Rasenfläche.

»Sind Sie müde, Frau Stahl? Wir hätten wohl erst die Wirtschaft

aussuchen sollen. Entschuldigen Sie, daß ich nur an mich dachte.«

»Großmutter hat sich in den letzten Tagen überarbeitet,« sagte Hannes

kurz.

Hans blickte auf die alte Frau und errötete. Hannes gewahrte es und

wandte sich finster ab.

»Komm, Großmutter, es ist nicht weit. Nur ein paar Schritte bis zum

Grund.«

Durch die lockende Sonntagspracht gingen sie mit lässigen, müden

Bewegungen.

Im Wirtshaus im Grund saßen sie, bis die Sonne im Westen zu flammen

begann. Da drängte die alte Frau, die jungen Leute sollten den Tag

nicht vertrauern und noch einmal hinausgehen. Sie fühlte sich bereits

wieder wohler. Das Stillsitzen und der Abendfriede täten ihr am besten.

Da gingen die beiden jungen Menschenkinder den Weg zurück zum Schloß

und traten durch das Gittertor in den gepflegten Garten und gingen

weiter, an den Sandsteingöttern vorbei, vorüber an den Wasserspielen

und dem mit Seerosen bedeckten Bassin, die laubenartig verwachsenen und

künstlich verschnittenen Heckengänge entlang, in denen es einsam war

wie in stillen Grotten, und weiter, bis der Park sie aufnahm mit seinen

Baumriesen und wundervollen Landschaftsbildern, bis sie den Rhein in

der Ferne aufblitzen sahen und sein heimatliches Gemurmel hörten.

Es war ein Duften um sie her nach kräftigem Waldboden.

Und sie blieben beide stehen und schlossen die Augen und sogen den Duft

ein. Den Duft von niederrheinischer Scholle, deren Kinder sie waren.

Als sie die Augen öffneten, hatte die flammende Abendsonne den Park

mit Glut gefüllt, die Bäume schillerten in goldenen Konturen, und die

Wipfel waren wie purpurne Baldachine. Das Gras zu ihren Füßen war ein

persischer Teppich geworden in bunten Farben und phantastischen Mustern.

»Wie — schön — —« stammelte fassungslos das junge Mädchen.

Und der junge Begleiter ergriff ihre Hand, als müßte er ihr zeigen, daß

sie ritterlichen Schutz genösse in diesem Zaubermärchen.

Als die tiefen Schatten fielen und das Licht auslöschten, behielt er

die Hand in der seinen, und so gingen sie wie Kinder, die sie waren:

Hand in Hand.

Es wurde nicht dunkel heute. Ein silbriger Schimmer spielte in dem

Dämmer und durchdrang es. Der Mond kam herauf. Durch den flüsternden

Park gingen die Kinder Schulter an Schulter, bis sie in den

Laubengängen waren, in denen einst die Liebe des Rokoko geseufzt.

Drüben, im Garten, lächelten die verschwiegenen Sandsteinfiguren,

die allwissenden Heidengötter, wie ehedem; auf den Teichen träumten

die Wasserrosen; durch die Hecken glitt ein Singen wie von einer

Harfensaite, immer derselbe, einzige, sehnende Ton; und der Park dort

öffnete wie eine Mutter die Arme weit.

Die Kinder spürten ein Zittern in den Händen, an denen sie sich gefaßt

hielten. Sie blieben stehen. Da lief das Zittern durch ihren Körper.

Und das Mädchen legte den Kopf zurück und blickte mit weitgeöffneten

ergebungsvollen Augen dem Knabenkopf entgegen, der sich mit bebendem

Mund über sie beugte und ihre Lippen suchte.

Sie berührten sich wie ein Hauch, staunend blieben sie übereinander

gebeugt, und in ihre kalten Wangen strömte das junge, warme Leben

zurück.

Die Hände lösten sich und hingen schlaff herab. Dann hoben sich die

Arme, scheu und ungelenk, und eines umschlang den Nacken des anderen,

und die Lippen, halbgeöffnet, neigten sich zueinander und drängten

sich fest aneinander und kehrten, wenn sie sich lassen wollten, immer

wieder hastig, durstig zueinander zurück. Keines sprach ein Wort. Aber

wenn sie innehielten, zählte eines des anderen Herzschläge. Bis die

Herzschläge durcheinander jubelten.

»Hannes, Hannes, ich habe dich so lieb, daß ich es nicht sagen kann.«

»Ich hab’ dich lieb gehabt, wie ich dich sah, und werde nur dich lieb

haben,« murmelte das Mädchen, und ihre Finger zitterten auf seinem

Haar, seinen Augen, seinen Wangen.

»Weshalb warst du immer so böse zu mir?«

»Sprich doch nicht,« flehte sie und hob die feuchten Augen und die

jungen, verlangenden Lippen.

Da faßte er sie um den biegsamen Leib und preßte sie an sich, daß ihnen

beiden schwindelte.

»Komm, komm, du sollst dich setzen,« und er führte sie behutsam zu

einer Bank.

Sie saß auf seinem Schoß, seinen Kopf in beiden Händen, und sah ihm

ganz nahe in die Augen.

»Du!« stieß sie jäh hervor und bedeckte sein Gesicht mit Küssen.

»Du! Du! Du!« stammelte er. »Wenn du mich vergessen solltest!«

»Hans!« rief sie, und sie lachte und schluchzte durcheinander.

»Weshalb hast du mich immer so gequält? Sag es mir doch, damit ich

ruhig werde,« bat er.

»Ich kann es nicht. Ich kann es wahrhaftig nicht.«

»Aber ich leide darunter. Ich habe ja nie einen anderen Menschen so

lieb gehabt.«

»O, du! Und ich? — Und ich werde auch nie einen anderen Menschen lieb

haben können. Nie! Hörst du? Ich habe nicht und ich werde nicht. Hans,

Hans!«

»So mußt du es mir auch sagen können. Erst heut nachmittag — o, du

weißt — da warst du so kalt.«

»Sei nicht böse,« sagte sie beschämt und drückte ihr Gesicht an seine

Brust.

Und plötzlich, unaufgefordert, begann sie zu sprechen. Ohne ihr Gesicht

von seiner Brust zu heben.

»Ich war ja so kindisch. Siehst du, als ich dich sah, und immer wieder

sah, da warst du für mich so vornehm. Und ich wollte nicht, daß du

vornehmer wärst als ich. Und ich hatte solche Angst, du könntest es

merken, daß du vornehmer seist als ich und könntest dich über mich

lustig machen wollen. Deshalb war ich so trotzig. Lieb hatt’ ich dich

ja längst. Und du mich auch; das merkte ich. Aber ich wollte, daß du

dich nicht schämen solltest. Ich wollte werden wie du, und ich will es

auch werden. Ich will es! Du darfst dich nie, nie meiner schämen. Ach,

du, es kann dich ja keiner so lieb haben wie ich. Auf der ganzen Welt

nicht! Im ganzen Leben nicht!«

Hans kniete vor sie hin, umschlang ihre Kniee und drückte seinen Kopf

in ihren Schoß.

»Wie gut das tut,« sagte er aus Herzensgrund. »Wie lieb du bist!«

Er küßte ihr Kleid, und sie schmiegte die Wange auf sein Haar.

»Schwöre mir, daß du mein Weib wirst. Daß du auf mich warten wirst, was

auch kommt!«

Sie schwur es, mit einem stillen Lächeln in der Stimme.

Und er gab tausend heiße Knabenschwüre zur Antwort.

»Komm, Hans,« sagte sie endlich, »Großmutter wartet. Sie vertraut auf

mich.«

Da stand er von dem kühlen Boden auf, und sie gingen wieder Hand in

Hand, wie Kinder gehen. Durch den lauschenden Garten, vorbei an den

lächelnden Sandsteingöttern.

Sie hatten lange zu suchen, bis sie eine Stelle im Parkzaun fanden,

durch die sie hindurchschlüpfen konnten. Das Parktor war verschlossen.

Doch der Spaß des Suchens war größer als die Angst. Und alles Kindische

kehrte in ihnen zurück. Ausgelassen tollten sie den Weg zum Wirtshaus

im Grund zurück.

Frau Stahl war im Garten eingenickt. Der Wirtssohn spannte eine

Kalesche an und fuhr die Gäste nach der Stadt zurück. Die alte Frau

schlummerte im Fonds, müde von der Last der Arbeit, der Sorge und

der Jahre. Ihr gegenüber saß das Märchen, das sich Jugend nennt, und

schaute selig lächelnd in die ewigen Sterne.

[Illustration]

Die vom Niederrhein · 第 19 / 53 题