Sechstes Kapitel

Es war eine Sonntagsstille. Die Nachmittagssonne schmeichelte sich an

den Kanten der leinenen Vorhänge vorbei in die kleine Kammer und lag

nun, als hätte sie ihren Willen erreicht, golden und friedlich auf dem

weißen Bette. Hannes saß aufrecht in den Kissen. Sie hatte das gelöste

Haar über den Arm gebreitet und ließ die Enden in der Sonne schimmern.

Ihre Augen besaßen wieder den alten Glanz, auf den Wangen zeigte sich

eine feine Röte.

Ihre Hände spielten, aber ihre Gedanken waren nicht bei dem Spiel.

»Großmutter!« rief sie nach einer Weile leise.

Die alte Frau, die im Nebenzimmer ein Nickerchen gehalten hatte, kam

herbei.

»Hab’ ich dich aufgeweckt, Großmutter? Nicht? — Du, Großmutter, dann

bleib doch bei mir sitzen. Willst du?«

»Aber gewiß, Kind.«

»Du, Großmutter — — — bist du mir arg böse?«

»Ach, Unsinn. Es ist ja nichts passiert.«

»Es ist nichts passiert — —« wiederholte das Mädchen und strich über

ihr sonnenglühendes Haar.

Die alte Frau rückte die Kissen zurecht und zupfte und glättete an

den Decken. Dann zog sie einen Stuhl heran und setzte sich nieder. Sie

wartete.

»Hast du keine Angst gekriegt, Großmutter, als man mich brachte?«

Die Greisin machte eine jähe Bewegung. Aber sie bezwang sich und

lächelte.

»Angst? Vor was denn? Ich kenn’ doch meine Johanna.«

»Du sagst das so — so — —. Was meinst du denn damit?«

»Krank werden kann jeder. Dabei ist nichts Böses. Die Krankheiten

stehen in Gottes Hand, das Böse in der unseren. Siehst du, so meint’

ich es. Angst hat man nur vor dem Bösen.«

»Und das — das traust du mir nicht zu, Großmutter?«

»Nein, Kind, das trau’ ich dir nicht zu. Nicht, weil ich dich für so

viel besser hielte als andere Menschen, sondern einfach darum, weil du

es deiner Mutter wegen nicht darfst.«

Da schwiegen sie beide.

»Sag,« meinte dann das Mädchen sinnend, »Mutter war wohl sehr schön?«

»Sie war schön und gut. Gut ist viel mehr. Das war sie.«

»Und — und Vater?«

»Dein Vater, mein Kind, war ein Mann von Ehre. Er verdiente, daß deine

Mutter ihn über alles liebte.«

»Und doch — und doch — —?«

»Und doch?« fragte die Greisin und hielt den Atem an.

»Gelt, Großmutter,« rief das Mädchen leidenschaftlich und schlang die

Arme um den Nacken der Alten, »gelt, Großmutter, ich brauch’ mich nicht

zu schämen?«

Die alte Frau preßte den Kopf der Jungen fest an ihre Brust. Unablässig

streichelte ihre Hand den Scheitel und die zuckenden Schultern der

Enkelin und bewegten sich lautlos ihre Lippen.

»So sprich doch, Großmutter, so sprich doch nur.«

»Kind, ich habe dir doch gesagt, daß deine Mutter gut war. Was sie tat,

war Güte. Und die Reinheit der Güte verstehen die Menschen nicht. Nein,

bei Gott dem Allmächtigen, du brauchst dich nicht zu schämen, du kannst

stolz auf deine Mutter sein — wenn du nur stolz auf dich selbst bist.«

»Du, Großmutter,« stieß das Mädchen hervor, »ich glaube, ich könnte es

auch. So lieben wie Mutter.«

Die Alte erwiderte nichts. Aber mit beiden Händen umspannte sie den

Kopf der Enkelin und drückte ihn fest an sich. Eine atemlose Stille

war um sie, die Sonne kroch langsam über die weiße Decke heran und

überströmte das bange Alter und die bange Jugend.

»Johanna,« sagte die Greisin, »hör mich einmal an, Johanna. Wir haben

alle ein Schicksal zu erfüllen. Dagegen können wir nicht an, und wir

Frauen zumal nicht. Aber ~wie~ wir es erfüllen, darauf kommt es an.

Was wir hineintragen und mit welchen Gedanken wir es tun. Verstehst du

mich auch recht? Was bei dem einen Sünde ist, kann bei dem anderen zur

Tugend werden. Aber immer nur bei einem, nicht bei allen! Nur sich kein

Vorbild aufstellen wollen, denn es gibt keine Beispiele für uns. Was du

tust, das tue, weil du es ~mußt~, nicht weil du es magst. Und was du

mußt, das ist: dir selber treu sein. Wir können von den Menschen keine

größere Wertschätzung verlangen, als die wir uns selber beilegen.«

»Aber die Liebe, Großmutter ...?«

»Die Liebe, mein dummes Mädchen, ist der Stolz auf den Glauben des

Geliebten.« — —

Das Mädchen hatte sich losgemacht. Mit gefalteter Stirn lag es in den

Kissen und starrte in die Luft.

»Ist das wahr, Großmutter?«

»Es ~ist~ wahr.«

»Und wenn man den Stolz nicht hat?«

»So ist die Liebe eine Lüge. Und Lügen haben kurze Beine.«

»Du meinst, man geht daran zu Grunde. — — Ach, das Sterben kann nicht

so schwer sein.«

»Wenn andere um uns jammern, nicht. Aber wenn man sich selbst

bejammert.«

»Großmutter,« sagte das Mädchen mit einem plötzlichen Ernst, der eine

Feierlichkeit über ihre Züge goß, »ich glaube, ich habe den Stolz.«

»Ich habe mich immer darauf verlassen, Johanna,« erwiderte die Greisin.

»Soll ich dir die Hand darauf geben? Hier hast du sie.«

Sie ergriff die hartgearbeitete Hand der alten Frau und preßte sie mit

ihren weichen Fingern.

»Ich werde dir keine Unehre machen, Großmutter.«

Die Alte nickte. Es war ihr feucht in die Augen gekommen, und sie

wandte den Kopf.

»Was ist das für ein Sonntag,« murmelte sie. »Sieh nur, all die Sonne.«

»Laß noch mehr herein, Großmutter. Ich kann so viel vertragen.«

Und während die alte Frau die Vorhänge beiseite schob, kam endlich die

Frage, die sie erwartet hatte.

»Hat sich denn keiner nach mir erkundigt?«

Aber die Frage rief jetzt nur noch ein stilles Lächeln auf den

zerfurchten Zügen wach. Die Gemeinsamkeit des Blutes hatte sich

dargetan. Der Handschlag der Enkelin galt.

»Der junge Herr Steinherr war in der Frühe da. Aber du warst noch gar

nicht wieder aufgewacht. Da hat er etwas für dich abgegeben und gesagt,

er wollte gegen Abend noch einmal vorsprechen.«

»Gott, was für ein Getue.«

»Mädel, Mädel,« lachte die Frau, »aus einem Fehler fällst du in den

anderen. Muß ich denn mit einem Male deine eigenen Freunde gegen dich

in Schutz nehmen?«

»Ach was, Freunde! Aufdringlich ist er!«

»Du — —,« sagte die alte Frau mahnend. »Vorläufig hast du allen Grund,

ihm dankbar zu sein. Aber ich merke schon, du wirst wieder gesund. Das

war soeben der echte Hannes.«

Hannes drehte sich auf die Seite. Sie war flammend rot geworden. Dann,

nach einigen Minuten, klang es halb zag, halb trotzig aus dem Kissen:

»Was hat er denn für mich abgegeben? Eine Gratulationskarte?«

Frau Stahl ging in das Wohnzimmer und kehrte zurück. Auf den bloßen Arm

gestützt, sah ihr das junge Mädchen gespannt entgegen. Keine Spur mehr

das ernste Wesen von vorhin, ganz das erwartungsfrohe Kind.

»Rosen,« rief sie jubelnd und streckte die Hände aus, »Rosen, ein

ganzer Arm voll. Großmutter, das sind Maréchal Niel und das sind La

France! Himmel, sind die schön! Und das — was ist denn das? Du,«

sagte sie ganz feierlich, »das ist ja eine Bonbonnière, denk mal, von

Branscheidt. Feineres gibt’s in ganz Düsseldorf nicht.«

Sie breitete die Herrlichkeiten auf der Bettdecke vor sich aus und

staunte sie an. Dann schob sie die Konfitüren zusammen und reichte sie

der Großmutter.

»Da, nimm nur, das ist was für dich. Ich darf ja jetzt doch nicht. Aber

sofort essen.«

»Ich heb’ sie auf, Kind, bis später.«

»Ach, dann macht’s keinen Spaß mehr. So was Extraes muß immer extra

auf der Stelle genossen werden. Dann schmeckt’s ganz anders. Zeig mal.

Einen Bonbon kannst du mir doch abgeben.«

Sie stopfte sich eine große kandierte Frucht in den Mund und ließ die

Großmutter ihre Schätze in Sicherheit bringen. Unterdes band sie den

Rosenstrauß auseinander, roch an jeder einzelnen Blume, ordnete sie

nach der Farbe, nach dem Duft, legte sie paarweise, Rosa und Gelb,

zusammen, um endlich alle wieder zu einem großen Buschen zu vereinen

und sie wie eine Garbe in den Arm zu legen. Die Wange hatte sie tief in

die Fülle der Blütenkelche geschmiegt.

Als die Großmutter nach einer Weile eintrat, lag das Mädchen wie

eine Rose unter Rosen. Schnell zog sie sich zurück, um dem Kinde die

heimliche Freude nicht zu stören. Sie hatte ein merkwürdig junges Herz,

die alte Frau, die einst ihrer Tochter den Segen gab, damit sie den

blutroten Tag von Spichern leichter ertragen könne.

Die vom Niederrhein · 第 18 / 53 题