Es war eine Sonntagsstille. Die Nachmittagssonne schmeichelte sich an
den Kanten der leinenen Vorhänge vorbei in die kleine Kammer und lag
nun, als hätte sie ihren Willen erreicht, golden und friedlich auf dem
weißen Bette. Hannes saß aufrecht in den Kissen. Sie hatte das gelöste
Haar über den Arm gebreitet und ließ die Enden in der Sonne schimmern.
Ihre Augen besaßen wieder den alten Glanz, auf den Wangen zeigte sich
eine feine Röte.
Ihre Hände spielten, aber ihre Gedanken waren nicht bei dem Spiel.
»Großmutter!« rief sie nach einer Weile leise.
Die alte Frau, die im Nebenzimmer ein Nickerchen gehalten hatte, kam
herbei.
»Hab’ ich dich aufgeweckt, Großmutter? Nicht? — Du, Großmutter, dann
bleib doch bei mir sitzen. Willst du?«
»Aber gewiß, Kind.«
»Du, Großmutter — — — bist du mir arg böse?«
»Ach, Unsinn. Es ist ja nichts passiert.«
»Es ist nichts passiert — —« wiederholte das Mädchen und strich über
ihr sonnenglühendes Haar.
Die alte Frau rückte die Kissen zurecht und zupfte und glättete an
den Decken. Dann zog sie einen Stuhl heran und setzte sich nieder. Sie
wartete.
»Hast du keine Angst gekriegt, Großmutter, als man mich brachte?«
Die Greisin machte eine jähe Bewegung. Aber sie bezwang sich und
lächelte.
»Angst? Vor was denn? Ich kenn’ doch meine Johanna.«
»Du sagst das so — so — —. Was meinst du denn damit?«
»Krank werden kann jeder. Dabei ist nichts Böses. Die Krankheiten
stehen in Gottes Hand, das Böse in der unseren. Siehst du, so meint’
ich es. Angst hat man nur vor dem Bösen.«
»Und das — das traust du mir nicht zu, Großmutter?«
»Nein, Kind, das trau’ ich dir nicht zu. Nicht, weil ich dich für so
viel besser hielte als andere Menschen, sondern einfach darum, weil du
es deiner Mutter wegen nicht darfst.«
Da schwiegen sie beide.
»Sag,« meinte dann das Mädchen sinnend, »Mutter war wohl sehr schön?«
»Sie war schön und gut. Gut ist viel mehr. Das war sie.«
»Und — und Vater?«
»Dein Vater, mein Kind, war ein Mann von Ehre. Er verdiente, daß deine
Mutter ihn über alles liebte.«
»Und doch — und doch — —?«
»Und doch?« fragte die Greisin und hielt den Atem an.
»Gelt, Großmutter,« rief das Mädchen leidenschaftlich und schlang die
Arme um den Nacken der Alten, »gelt, Großmutter, ich brauch’ mich nicht
zu schämen?«
Die alte Frau preßte den Kopf der Jungen fest an ihre Brust. Unablässig
streichelte ihre Hand den Scheitel und die zuckenden Schultern der
Enkelin und bewegten sich lautlos ihre Lippen.
»So sprich doch, Großmutter, so sprich doch nur.«
»Kind, ich habe dir doch gesagt, daß deine Mutter gut war. Was sie tat,
war Güte. Und die Reinheit der Güte verstehen die Menschen nicht. Nein,
bei Gott dem Allmächtigen, du brauchst dich nicht zu schämen, du kannst
stolz auf deine Mutter sein — wenn du nur stolz auf dich selbst bist.«
»Du, Großmutter,« stieß das Mädchen hervor, »ich glaube, ich könnte es
auch. So lieben wie Mutter.«
Die Alte erwiderte nichts. Aber mit beiden Händen umspannte sie den
Kopf der Enkelin und drückte ihn fest an sich. Eine atemlose Stille
war um sie, die Sonne kroch langsam über die weiße Decke heran und
überströmte das bange Alter und die bange Jugend.
»Johanna,« sagte die Greisin, »hör mich einmal an, Johanna. Wir haben
alle ein Schicksal zu erfüllen. Dagegen können wir nicht an, und wir
Frauen zumal nicht. Aber ~wie~ wir es erfüllen, darauf kommt es an.
Was wir hineintragen und mit welchen Gedanken wir es tun. Verstehst du
mich auch recht? Was bei dem einen Sünde ist, kann bei dem anderen zur
Tugend werden. Aber immer nur bei einem, nicht bei allen! Nur sich kein
Vorbild aufstellen wollen, denn es gibt keine Beispiele für uns. Was du
tust, das tue, weil du es ~mußt~, nicht weil du es magst. Und was du
mußt, das ist: dir selber treu sein. Wir können von den Menschen keine
größere Wertschätzung verlangen, als die wir uns selber beilegen.«
»Aber die Liebe, Großmutter ...?«
»Die Liebe, mein dummes Mädchen, ist der Stolz auf den Glauben des
Geliebten.« — —
Das Mädchen hatte sich losgemacht. Mit gefalteter Stirn lag es in den
Kissen und starrte in die Luft.
»Ist das wahr, Großmutter?«
»Es ~ist~ wahr.«
»Und wenn man den Stolz nicht hat?«
»So ist die Liebe eine Lüge. Und Lügen haben kurze Beine.«
»Du meinst, man geht daran zu Grunde. — — Ach, das Sterben kann nicht
so schwer sein.«
»Wenn andere um uns jammern, nicht. Aber wenn man sich selbst
bejammert.«
»Großmutter,« sagte das Mädchen mit einem plötzlichen Ernst, der eine
Feierlichkeit über ihre Züge goß, »ich glaube, ich habe den Stolz.«
»Ich habe mich immer darauf verlassen, Johanna,« erwiderte die Greisin.
»Soll ich dir die Hand darauf geben? Hier hast du sie.«
Sie ergriff die hartgearbeitete Hand der alten Frau und preßte sie mit
ihren weichen Fingern.
»Ich werde dir keine Unehre machen, Großmutter.«
Die Alte nickte. Es war ihr feucht in die Augen gekommen, und sie
wandte den Kopf.
»Was ist das für ein Sonntag,« murmelte sie. »Sieh nur, all die Sonne.«
»Laß noch mehr herein, Großmutter. Ich kann so viel vertragen.«
Und während die alte Frau die Vorhänge beiseite schob, kam endlich die
Frage, die sie erwartet hatte.
»Hat sich denn keiner nach mir erkundigt?«
Aber die Frage rief jetzt nur noch ein stilles Lächeln auf den
zerfurchten Zügen wach. Die Gemeinsamkeit des Blutes hatte sich
dargetan. Der Handschlag der Enkelin galt.
»Der junge Herr Steinherr war in der Frühe da. Aber du warst noch gar
nicht wieder aufgewacht. Da hat er etwas für dich abgegeben und gesagt,
er wollte gegen Abend noch einmal vorsprechen.«
»Gott, was für ein Getue.«
»Mädel, Mädel,« lachte die Frau, »aus einem Fehler fällst du in den
anderen. Muß ich denn mit einem Male deine eigenen Freunde gegen dich
in Schutz nehmen?«
»Ach was, Freunde! Aufdringlich ist er!«
»Du — —,« sagte die alte Frau mahnend. »Vorläufig hast du allen Grund,
ihm dankbar zu sein. Aber ich merke schon, du wirst wieder gesund. Das
war soeben der echte Hannes.«
Hannes drehte sich auf die Seite. Sie war flammend rot geworden. Dann,
nach einigen Minuten, klang es halb zag, halb trotzig aus dem Kissen:
»Was hat er denn für mich abgegeben? Eine Gratulationskarte?«
Frau Stahl ging in das Wohnzimmer und kehrte zurück. Auf den bloßen Arm
gestützt, sah ihr das junge Mädchen gespannt entgegen. Keine Spur mehr
das ernste Wesen von vorhin, ganz das erwartungsfrohe Kind.
»Rosen,« rief sie jubelnd und streckte die Hände aus, »Rosen, ein
ganzer Arm voll. Großmutter, das sind Maréchal Niel und das sind La
France! Himmel, sind die schön! Und das — was ist denn das? Du,«
sagte sie ganz feierlich, »das ist ja eine Bonbonnière, denk mal, von
Branscheidt. Feineres gibt’s in ganz Düsseldorf nicht.«
Sie breitete die Herrlichkeiten auf der Bettdecke vor sich aus und
staunte sie an. Dann schob sie die Konfitüren zusammen und reichte sie
der Großmutter.
»Da, nimm nur, das ist was für dich. Ich darf ja jetzt doch nicht. Aber
sofort essen.«
»Ich heb’ sie auf, Kind, bis später.«
»Ach, dann macht’s keinen Spaß mehr. So was Extraes muß immer extra
auf der Stelle genossen werden. Dann schmeckt’s ganz anders. Zeig mal.
Einen Bonbon kannst du mir doch abgeben.«
Sie stopfte sich eine große kandierte Frucht in den Mund und ließ die
Großmutter ihre Schätze in Sicherheit bringen. Unterdes band sie den
Rosenstrauß auseinander, roch an jeder einzelnen Blume, ordnete sie
nach der Farbe, nach dem Duft, legte sie paarweise, Rosa und Gelb,
zusammen, um endlich alle wieder zu einem großen Buschen zu vereinen
und sie wie eine Garbe in den Arm zu legen. Die Wange hatte sie tief in
die Fülle der Blütenkelche geschmiegt.
Als die Großmutter nach einer Weile eintrat, lag das Mädchen wie
eine Rose unter Rosen. Schnell zog sie sich zurück, um dem Kinde die
heimliche Freude nicht zu stören. Sie hatte ein merkwürdig junges Herz,
die alte Frau, die einst ihrer Tochter den Segen gab, damit sie den
blutroten Tag von Spichern leichter ertragen könne.