Und sofort fiel der ganze Chorus ein: »Wat ham’mer en Freud!«

Alles elektrisiert. Sommerliche Karnevalsstimmung.

Und von der Flanke her immer näher, dröhnender und gellender, die Musik.

»Bumm, bumm, bumm — — —«

»Zingda, zingda, zingda, zingda!« — —

Der junge Naturschwärmer vom Rheinkai befand sich bald inmitten der

Menschenstauung, die an der Ehrenpforte zwischen dem eigentlichen

Schützenplatz und der mit Jahrmarktbuden und Schaustellungen jeder

Art besetzten Festwiese den Einzug der Sankt Sebastianus- und der

ihr verwandten Gilden erwartete. Altem Brauche nach hatten die

Schützenbrüderschaften am Vormittag das Hochamt gehört. Nun zogen

sie heran, mit Gott und der Welt eines frohen Sinns. Die »gedienten«

Leute faßten Tritt, die übrigen stampften lachend und plaudernd

hinterdrein, die Beine in weißen Leinenhosen, »Porzellanbuxen«, wie

sie der Volkswitz nennt, dazu schwarzer Bratenrock und Zylinder

aller Dimensionen. Auch grünes Jägerhabit und Lodenhut mischte sich

darunter. Die Büchse geschultert, die Musik vor den Fahnenzügen

verteilt, dahinter der Schützenkönig des vergangenen Jahres, ein

biederer Handwerksmeister mit einer fast über seine Kräfte gehenden

Hoheitsmiene, mehr einem Fürsten von Gottes Gnaden ähnlich als dem

Menschenpack, dem er morgen wieder die Schuhe flecken und sohlen würde,

so schwand der Zug — Gewerbetreibende, Kaufleute, Künstler — mit einer

Salve derber Zurufe und lustiger Grußworte überschüttet, durch die

Ehrenpforte, um sich bald darauf an den Schießständen zu verteilen

und das Königsschießen für das neue Schützenjahr zu beginnen. Wer von

den Zuschauern Karten für den Schützenplatz erworben hatte, drängte

nach. Der Rest, meist junges Volk aller Stände, verteilte sich auf

der Festwiese, auf der jetzt, nach Beendigung des nachmittaglichen

Gottesdienstes, die Bierzelte eröffnet wurden, die Jahrmarktsbuden

zur Schau einluden, die Karussells ihre verstimmten Orgeln auf die

Nerven losließen, die Clownkapelle des Kölner Hänneschentheaters ihre

ohrenzerreißende Musik anhob, die Glocken bimmelten und die Aufrufer

mit heiserer, in der Fistel jäh versagender Stimme unermüdlich das

schiebende, stoßende, lachende, kreischende Publikum zum Besuch

anfeuerten: »Hier herein, meine Herrschaften! Das muß man gesehen

haben! Das muß man mitgemacht haben! Das muß man seinen Kindern und

Kindeskindern erzählen können! Das gehört unbedingt zur Bildung!

Herein, meine Herrschaften; das größte Schwein der Welt für zehn

Pfennige — —!«

»Hallo, Steinherr, hierher!«

Der junge Mann im Gummimantel, der strahlend vor Vergnügen im

dichtesten Trubel eingekeilt stand, hob sich auf den Zehen, um über die

Köpfe der anderen hinweg die Rufenden zu erspähen. Jetzt hatte er sie

entdeckt und winkte ihnen mit der Hand zu.

»Ich kann hier nicht heraus!« rief er. »Keine Möglichkeit.«

Aber schon hatte einer der außerhalb des Ringes stehenden jungen Herren

einen anderen auf die Schulter gehoben, der nun von oben herab mit

seinem Spazierstock nach Steinherr angelte.

»Schnappen Sie zu, Steinherr! Wir ziehen.«

»Das Angeln an dieser Stelle ist verboten!« schrie einer aus der Menge.

»Awer doch niemals för de Jeistlichkeit. Die hat dat Angelprivileg,«

mischte sich ein anderer ein.

»Wo is denn hier Jeistlichkeit?«

»Sühst du denn nich? Dat Jungken hät doch ’ne lange Rock, so schwarz

wie nur ’ne Deuwel oder ’ne Kaplan.«

»Oha!« rief dem Spottvogel ein dritter zu, »komm du nur morjen in die

Beicht’. Dir kann’t sehr jut gehen!«

Dann ließ man Steinherr bereitwillig durch. Ein keckes Wort ist

am leichtlebigen Niederrhein eine bessere Hilfe als Obrigkeit und

Schutzmannschaft.

Der junge Mann war lachend zu seinen Freunden getreten.

»Guten Tag, meine Herren. Was? Ein fideles Leben hier. Sie haben

wirklich Glück mit Ihrer Garnisonstadt. Wollen Sie mich auf Ihren

Bummel mitnehmen?«

Die jungen Leutnants in elegantem Zivil — ein paar Neununddreißiger und

ein paar Fünfter Ulanen — die, wie das ganze Offizierkorps, im Hause

des Großindustriellen Steinherr fleißig verkehrten, nahmen den Sohn des

Hauses in ihre Mitte und zogen weiter auf Abenteuer aus, wie der Tag es

gebot.

»Na, wenn Sie zu Ostern Ihr Abitur haben, Steinherr, werden Sie doch

auch bei uns bleiben. Welchem Regiment wollen Sie denn die Ehre

schenken?«

Hans Steinherr schüttelte den Kopf.

»Sprechen wir um Gottes willen nicht davon. Ich habe genug darüber zu

Hause zu hören. Es ist ja selbstverständlich eine hohe Ehre, Offizier

zu sein, aber — aber es gibt doch auch noch andere hohe Ehren.«

»I natürlich! Zum Beispiel: Sohn des Hauses Steinherr zu sein.«

»Die schönste Frau Düsseldorfs zur Mama zu haben.«

»Und selbst ein so verteufelt hübscher Bengel —«

»Stopp, stopp, meine Herren; ich akzeptiere nur die Ehre, die meine

Mama betrifft.«

Er nahm dankend, etwas verlegen, den Hut ab. Die jungen Offiziere

warfen übermütig salutierend die Hand an die Hutkrempe. —

Die Julisonne arbeitete sich nun doch noch durch. Ihre Strahlen

brachen in die letzten Regenschauer, und alle Feuchtigkeit, die noch

zwischen den grauen Wolkenfetzen und dem morastigen Erdboden schwebte,

wurde aufgesogen. Ein prachtvoller Regenbogen, in den klarsten Farben

prangend, spannte sich von der Golzheimer Insel bis weit hinein in die

Stadt Düsseldorf.

Die jungen Leute hatten die Zeltgassen durchquert, sehr feierlich das

Kölner Hänneschentheater und etwas weniger ehrerbietig die Riesendame

besichtigt, hatten sich elektrisieren und photographieren lassen, dann,

um die Kraft der Muskeln zu erproben, ein Dutzendmal »den kleinen

Lukas gehauen« und sich kindisch gefreut, wenn unter dem schweren

Hammerschlag die Metallscheibe an der Stange emporsauste und an der

Spitze die Glocke anschlug. Sie hatten in den Schießbuden holländische

Tonpfeifen zerschossen und allerlei sonderliche Artigkeiten mit den

Schießbudenmädels ausgetauscht, waren juchzend auf dem Karussell

gefahren, immer zu zweit auf dem mächtigen Rücken eines hölzernen

Löwen oder einer springenden Pantherkatze, und hatten so viel Allotria

getrieben, wie überschüssige Jugendlust unter dem Eindruck einer

Festwiese, sinnverwirrenden Lärms und ausgelassenster Kirmesfreiheit es

nur vermag.

Hans Steinherr war immer mitgezogen. Er lärmte nicht, wie die

übrigen, aber er genoß innerlich alles und jedes doppelt. Sein feines

Knabengesicht glühte, seine Nasenflügel spannten sich, sein Herz

hämmerte vor Lust. In ihm quoll etwas empor, was er noch nie mit

solcher Macht gespürt hatte. Es war ein Kraftgefühl ohnegleichen,

ein Gefühl, etwas Unerhörtes zu vollbringen. Noch nie hatte er so

die Freiheit genossen, so stark den Puls des Lebens empfunden. Ein

reiches Muttersöhnchen, hatte er sich zumeist mit einem Blick aus

der Vogelschau begnügt und das Fehlende dem Spiel der Phantasie zur

Ergänzung überlassen. Nun stand er dem Volksleben Brust an Brust

gegenüber, fein farbendurstiger Sinn trank sich einen Rausch, sein

niederrheinisch Blut, das so schön in Zucht und Ordnung gehalten worden

war, klopfte ihm von den Fingerspitzen bis in die Schläfen.

Eine mächtige Wasserlache hatte sich diesseit des Engpasses, der

schmalen Landzunge, die das Inselterrain mit dem Stadtgebiet verband,

angesammelt. Drüben stand ein junges Mädchen, braun wie eine Kastanie,

dem Alter nach ein Kind, fünfzehnjährig. Aber das fadendünne

Sommerkleid, das erste fußlange wohl, das sie trug, spannte sich schon

unter dem Druck heimlich drängender Formen. Der altmodisch breite

Schäferhut aus gebleichtem Stroh saß auf einem Paar Flechten, deren

volle Enden bis in die Kniekehlen schlugen. Sie ließ die verträumten

Augen über die breite Wasserlache nach dem lärmenden Zeltlager

schweifen und pendelte mit dem kleinen Fuß, der in derbem Leder stak,

über den Rand der Sandleiste.

Steinherrs Gesellschaft war herangekommen und rief dem hübschen Kinde

Scherzworte zu. Einer begann das Lied von den zwei Königskindern:

»Sie konnten beisammen nicht kommen,

Das Wasser war viel zu tief.«

Da setzte Hans Steinherr, einer impulsiven Regung nachgebend, im

Sprungschritt durch das Wasser, daß die Tropfen ihm um die Ohren

flogen, erreichte atemlos den jenseitigen Rand, schlang den Arm um

die Kniee der überrumpelten Kleinen, hob das heftig sich wehrende

Geschöpfchen empor und watete zurück, unbekümmert darum, daß das

aufklatschende Wasser ihm die Beinkleider verdarb und ihm in die

Stiefel rann.

Die jungen Offiziere begleiteten als einzige Zuschauer den Vorgang

mit lautem Hallo. Aber das zarte Ding erwies sich als eine ungefügige

Wildkatze. Es packte den ungerufenen Ritter, der sich in der Rolle

des heiligen Christophorus versuchte, mit beiden kleinen nervigen

Fäusten in den Stirnlocken und bedrängte ihn so heftig, daß er fast

zum Straucheln kam. Es wurde ihm purpurn vor den Augen. Er spürte

das stürmende Blut des jugendlichen Mädchenkörpers dicht über seinem

eigenen jugendlichen Herzen, das sich mit einem fremden im Schlag

verschmolz. Das war etwas noch nie Empfundenes. Noch nie hatten seine

Knabenhände ein Mädchen berührt. Tausend Gefühle durchwühlten ihn in

Sekundenschnelle, ließen Duft, Klang und Farbe in ihm entstehen, regten

ihn an und verwirrten ihn durch ihre Süße, schlugen ihn gleichzeitig

zum Ritter und nahmen ihm die Kraft.

»Ruhig, du, oder ich küß dich!« stieß er plötzlich hervor.

Er wußte selbst nicht, woher er die Worte genommen hatte.

Jetzt setzte er sie am anderen Ufer ab und wischte sich aufatmend die

Stirn. Seine Hand war blutig, als er sie zurückzog.

»Die kleine Hexe hat Sie gekratzt?«

Er nickte, verlegen lachend. Daß sie ihn auch empfindlich mit den

strampelnden Füßen getreten hatte, behielt er für sich.

Aus den Augenwinkeln sah er scheu nach seiner kleinen Dame, die trotzig

Kehrt gemacht hatte, im Begriff, durch das Wasser wieder zurückzuwaten.

Er trat zögernd auf sie zu, und sie streifte mit einem hastigen

Seitenblick die Schramme auf seiner Stirn, dicht unter den lockigen

Haarsträhnen.

»Nun?« fragte er mit angenommenem Knabenhochmut.

»Ich will hier nicht sein,« brachte sie hervor, und die dunkelblauen

Kinderaugen verschleierten sich.

Da hob er sie, als könnte das gar nicht anders sein, zum zweiten Male

auf und trug sie stumm, mit zusammengebissenen Zähnen, zurück. Sie

schien ihm schwerer als vorhin, obwohl sie sich nicht regte. Drüben

setzte er sie behutsam ab. Einen Herzschlag lang standen sie sich

schweigend und verstört gegenüber und sahen sich an. Dann nahm er, wie

er es im Salon seiner schönen Mama zu tun pflegte, die Mädchenhand, die

noch in der seinen lag, und führte sie an die Lippen.

Hui, flog die Kleine davon, als wäre sie nie gewesen. Die Zöpfe

flatterten hinter ihr drein und sprühten Funken in der tiefstehenden

Sonne. Fort war sie.

Und Hans Steinherr, ohne sich um die zurückbleibende Gesellschaft

zu kümmern, die bereits mit einem Rudel flügger Mädel kokettierte,

wandte der Festwiese den Rücken und ging den Weg zurück, den er am

Nachmittag gekommen war. Durch den Hofgarten schritt er und über den

Eiskellerberg, immer weiter, den abendlich stillen Kai entlang, den

geliebten Rhein zu Füßen, nichts hörend, nichts sehend; mit den Augen

eines, der unvermutet in die Wunder eines Feenlandes geblickt.

Als er die Schiffbrücke erreicht hatte, betrat er, noch immer ganz

versunken in seinen rätselhaften Zustand, die schwanken Bohlen. Er

hatte schon ein paar Schritte zurückgelegt, als er hinter sich einen

kurzen, groben Zuruf vernahm. Er fuhr zusammen, wachte auf und wandte

sich um. Was wollte denn nur der gestikulierende Mensch von ihm?

»Sie, jong Här, dat Brückengeld schaffen Sie allein auch nich aus der

Welt!«

Ach so, er hatte vergessen, den Brückenzoll zu entrichten. Brückenzoll?

Wo war er denn und wohin wollte er nur? Unter ihm plauderte der Rhein

so geschäftig, wie er ihn nie glaubte gehört zu haben: Neuigkeiten,

Heimlichkeiten. Und er dachte: Sag’s nur laut, Alter, ich versteh’ dich

doch. Dabei lächelte er ganz still in sich hinein, denn er wußte gar

nichts. Nur so verwandt fühlte er sich plötzlich mit all dem Leben und

Weben der Natur um sich her, so vertraut, so zugehörig.

Er kehrte zum Brückenhäuschen zurück, ließ sich, während er den Zoll

entrichtete, ruhig den mißtrauisch prüfenden Blick des Einnehmers

gefallen und nahm den Weg wieder auf. Mit einem Male zuckte ihm ein

Marschtempo in den Beinen. Und sofort streckte er den schlanken Leib,

richtete sich auf der Brücke zusammen und marschierte in dröhnendem

Taktschritt ab. Dabei sang er aus voller Kehle.

Der Wärter sah ihm kopfschüttelnd nach.

»De hät bereits Öwerfracht,« meinte er zum Einnehmer und machte mit dem

zerkauten Ende seines Pfeifenstiels eine bezeichnende Geste nach der

Gegend des Schützenplatzes.

Hans Steinherr aber schritt unbekümmert seines Wegs. Er hatte sein

Marschtempo noch beibehalten, als er schon längst in den Fußweg linker

Hand eingebogen war und in den Rheinwiesen wanderte. Seinen ganzen

Vorrat von Volksliedern sang er herunter. Wie die Glieder einer Kette

ließ er sie aneinander anschließen, ob sie passen wollten oder nicht.

Er fühlte sich kindisch wie ein Abcschütze und abgeklärt wie ein Greis.

Wie seltsam weich die Luft war! Wie Samt. Und gerade so war’s in seinem

Innern. Ganz, ganz weich .... Und mitten in seiner Freude ertappte er

sich dabei, wie er ein paarmal heftig schluckte. — So bemitleidenswert

kam er sich plötzlich vor, trotz seiner Gehobenheit.

»Heißa, heißa!« schrie er laut hinaus und begann ein tolles Rennen.

Diese verrückte Sommerabendstimmung wollte er schon unterkriegen.

Nun stand er, festgebannt. Vor ihm flammte ein Hochofen des

Industriedorfes Heerdt, aber doch nur wie ein Widerschein der feurigen

Lohe, die über der altertümlichen Stadt Neuß und ihrem ragenden Dome

lag.

Die untergehende Sonne.

Mit gefalteten Händen stand er, den Hut unterm Arm, feierlich,

unbeweglich, staunend, als hätte er nie zuvor das Himmelsschauspiel

genossen. Tönten nicht auch Harmonien um ihn her? Er horchte gespannt

und erschauerte. Was war das? Hatten sich seine Sinne verfeinert?

Konnte er die Sonne singen hören und die Farben gleichsam als Duft

empfinden? Seit wann, seit wann — —? Darüber grübelte er nach und hörte

sein Herz schwere Schläge tun.

Der Sonnenball war gesunken und entschwunden. Aber die Luft war noch

vollgesogen von dem Licht, das erst mählich zerfloß. Dann blinzelten

ein paar Sterne, und das Wasser warf ihr Bild zurück. Es sah aus, als

ob auf dem Rhein Irrlichter schwämmen, kein Hauch weit und breit.

Behutsam, als ob er den Gottesfrieden nicht stören dürfe, glitt Hans

Steinherr auf einen Weidenbaum zu, der in phantastischer Gestaltung aus

dem Ufersande ragte. Hier stand er, den Arm um den Stamm geschlungen

und lauschte. Er belauschte die neue Welt, die sich vor ihm aufgetan

und die ihn doch vor kurzem noch die alte dünkte. Und er belauschte den

neuen Menschen, der sich da heimlich in ihm regte und dehnte und alles

mit seinem Wesen zu erfüllen trachtete.

In der Ferne sah er ein Licht auftauchen. Es kam stromab und wuchs

schnell heran. Jetzt unterschied er die Laterne eines Dampfers, der

verspätet zum Hafen eilte. Morgen, in junger Sonne, würde er seine

Fahrt zu Tal wieder aufnehmen, dem Meere zu. Mit können — mit können!

Und mit den Atemzügen des Rheins, mit den leisen, schmalen Wellen, die

das Ufer küßten und entflohen und wiederkamen und wiederkamen, ohne

sich greifen zu lassen, durchzitterte ihn die Sehnsucht nach dem Leben.

Er war ganz wach, so wach, daß er sogar den Rhythmus des Rheins mit dem

Rhythmus seines Herzens verglich. Das däuchte ihn so wunderlich, daß er

am liebsten laut über sich selbst gelacht hätte. Aber er traute sich

nicht. Er hatte auch gar keine Zeit dazu, denn er mußte ja die Rhythmen

in Worte kleiden. Er mußte, mußte! Es war ein Zwang und eine Befreiung.

Süß, herb; trotzig, weich. Dann sprach er eine Weile atemlos vor sich

hin, und plötzlich sprang er auf.

Beschämt; selig. Heiß bis unter die Haarwurzeln.

Er, Hans Steinherr, der Primaner, der Ostern ins Examen steigen würde,

hatte ein Gedicht vollbracht, sein erstes, allererstes — —! Es handelte

vom Rhein, dem alten, dem geliebten Rhein. Und — überdies noch von — —

Liebe — Liebe? Was war denn das für ein Begriff? Wie? He? Antwort!

»Ach was, ich weiß nicht,« lachte Hans laut hinaus, und einem neuen

jähen Übermutsdrange folgend, rannte er wie ein Füllen durch die

im Mondschein glänzende Wiese und rastete nicht, bis er den ersten

Tanzsaal Oberkassels an der Schiffsbrücke erreicht hatte, aus dem

Juchzen und Stampfen in die Nacht hinaus scholl.

»Wenn die Mama ihren wohlerzogenen Sohn so sehen würde,« dachte er.

»Sie würde es nicht glauben.«

»Und ich glaub’s fast selber nicht,« fügte er laut hinzu. »Herr Gott,

ich war doch den ganzen Nachmittag in Gesellschaft von Offizieren. Bis

— nun — bis — Ach, was geht mich die kleine Kröte an? Frech war sie

und — Donnerwetter, wie lieb so ’n Ding ist, wie — wie — — Hans, du

hast einen Schwips!«

Nun wollte er sich vor Lachen ausschütten. Er war wie ausgewechselt.

Dann hörte er aufmerksam der Tanzmusik zu, die aus den geöffneten

Fenstern des Wirtshauses drang; ganz ernsthaft, als horchte er auf eine

Offenbarung. Er unterschied deutlich die Uniformen der Husaren, der

Ulanen, der Infanteristen, sah die gebräunten Gesichter der wackeren

rheinischen Jungens, die, stolz auf ihr »zweierlei Tuch«, den Ballsaal

beherrschten und den Kopf so dicht über die brennendroten Wangen ihrer

Tänzerinnen gereckt hielten, daß diese nicht wußten wohin damit, um den

vielen genierlichen Tanzküßchen zu entgehen. Mitten im Saale entstand

eine Stockung. Ein Zivilist hatte die Kühnheit gehabt, von der Schönen

eines kleinen, windigen Neununddreißigers eine Extratour zu begehren.

Der Soldat lehnte verächtlich ab. Ein Wortwechsel folgte, in dem der

Soldat »Rheinkadett« und der Zivilist »Sandhase« schimpfte; eine kurze,

aber umso schnellere Prügelei — und alles tanzte mit verdoppelter

Hingebung weiter. Die Leute hatten nicht viel Zeit, sie mußten

pünktlich, zur Sekunde, in den Kasernen sein.

Hans Steinherr lauschte mit glänzenden Augen. Was war das für ein Tag!

Und heute mittag erst hatte er ein Loblied auf das niederrheinische

Land angestimmt und sich einen Heimatsmenschen genannt. Kannte er denn

diese Heimat? Mit Ausnahme der Szenerie? War das nicht vielleicht, rein

äußerlich, der ererbte Stolz auf die Vaterstadt, auf sein Düsseldorf

gewesen?

Und plötzlich packte ihn der Wunsch nach lauter, lustiger Kumpanei.

Es fiel ihm ein, daß er sich als Schüler des Gymnasiums des

Wirtshausbesuches zu enthalten habe. Bisher hatte er das nicht als

Entbehrung empfunden. Zu Hause herrschte genug geselliges Treiben,

und die Mama liebte keine Extravaganzen an ihrem Sohne. In diesem

Augenblicke kam ihm das gesellschaftliche Leben daheim wie bestellte

Schablonenarbeit vor. Er hätte die Komplimente und Gesprächsthemen

am Schnürchen hersagen können. Alles sehr hübsch, sehr witzig sogar.

Aber das wahrhaft Rassige, das durch alle sieben Himmel Jauchzende,

das Ursprüngliche fehlte. Der Inhalt und Ausdruck der Jugend. — Hans

verspürte zum ersten Male seine neunzehn Jahre.

»Verwünschtes Pennal,« murrte er. »Na warte, noch ein Semester, und ich

habe dich für ewig im Rücken.«

Wohin also nun?

Ihm fiel der »Malkasten« ein. Sein Vater gehörte der

Künstlergesellschaft als passives Mitglied an. Bei Tisch hatte er davon

gesprochen, heute abend, wenn das Wetter sich klären würde, im Garten

des Malkastens, dem alten, schönen Jacobischen Park, in dem auch Goethe

einst gelustwandelt, mit einigen Herren eine Bowle zu trinken.

Also zum »Malkasten«, so schnell ihn die Füße trugen.

Der Brückenwärter auf der Düsseldorfer Seite, an dem er vorüberrannte,

schien ihn wiederzuerkennen. »Hä ’s ömmer noch jeck,« knurrte er und

machte ironisch einen Sprung beiseite. —

Außer Atem langte Hans vor dem Malkasten an. Hastig öffnete er das

Gittertor und prallte heftig gegen einen Herrn, der es ebenso eilig zu

haben schien, hinauszukommen, wie der andere hinein.

»Hoppla, Verehrtester!« rief der Herr lachend und faßte ihn mit beiden

Händen um die Taille. »Um ein Haar, und Sie hätten sich ins Unglück

gestürzt. Sagen Sie mal, Sie wollen doch nicht ernsthaft da hinein?

Zu den Neunmalweisen in der phrygischen Mütze mit der Troddel dran?

Junger, junger Mann!«

»Das beabsichtige ich freilich,« versetzte Hans Steinherr kurz.

Der andere aber ließ sich durch den Ton des Gekränktseins nicht

abschrecken. Er führte den Jüngling unter die nächste Laterne und sah

ihm mit gemachtem Ernst eindringlich in die Augen. Dabei parodierte

er die Schülerszene des Faust: »Ihr seid allhier erst kurze Zeit

und kommet voll Ergebenheit. — Denn ich sah Sie noch nie vordem,

Verehrtester. — Ihr kommt mit allem guten Mut, leidlichem Geld und

frischem Blut. Möchtet gern was Rechts hier außen lernen. — Sehen

Sie, wenn ich der Mephistopheles wäre, für den sie mich da drinnen

verschreien, so müßte ich jetzt mit Salbung sagen: Da seid Ihr eben

recht am Ort. Aber das wäre verdammt gelogen. Weisheit ist nicht

verdaulicher, wenn sie altbacken genossen wird. Und nun entscheiden

Sie sich. Wollen Sie hinein zu den Perücken, die Simson, als er die

Philister erschlug, übersah, weil er sie für Haubenstöcke hielt, oder

wollen Sie mit mir, in irgend eine Vagabundenschenke, aber unter

Geschöpfe Gottes, die lebendiges Fleisch auf dem Gebein haben.«

»Vorwärts,« bestimmte Hans und schob resolut den Arm in den des

Unbekannten. Nach den vielen Wundern des Tages hatte er das Verwundern

verlernt. Zudem: der Mann imponierte ihm.

Der aber streifte den schnell Vertraulichen von oben herab mit einem

kurzen, prüfenden Blick und schritt, ohne von seinem Begleiter

vorderhand weiter Notiz zu nehmen, eine italienische Opernarie summend,

durch die Straßen, die zur Altstadt führten.

Hans Steinherr hatte unterwegs Gelegenheit genug, den ihm so plötzlich

bescherten Wandergefährten mit Muße zu betrachten. Es war eine

schlanke, sehnige Figur, nach neuester Mode gekleidet. Aber die Eleganz

wurde mit solcher Selbstverständlichkeit getragen, daß sie nicht weiter

auffiel. Der Kopf war der eines vornehmen Mannes; scharf geschnitten,

mit vorspringender Hakennase, unter die sich ein weicher, blonder

Schnurrbart schmiegte; mit blauen, echten Germanenaugen, deren Blick

Kühnheit und Intelligenz, und einem Munde, dessen weiche und doch

charakteristische Linie Lebenslust und Spottsucht verriet. Das Alter

war unbestimmbar. Vielleicht, daß die Schätzung von vierzig Jahren die

richtige war, doch sah der Fremde jünger aus. Hans war es übrigens,

als müßte er die auffallend vornehme Erscheinung schon des öfteren in

Düsseldorf gesehen haben.

Vor ihnen lag die Ratingerstraße, winklig und unregelmäßig, mit

ihren engbrüstigen Gebäuden, vorspringenden Erkern und altmodischen

Giebeldächern im Mondlicht einem Bilde gleich, das aus der

Versunkenheit längst entschwundener Zeiten emporgestiegen schien. Ihre

Schritte hallten auf dem holprigen Pflaster und weckten das Echo an der

Häuserzeile entlang.

»Was meinen Sie, Verehrtester, dieser Ausschank macht einen höchst

vertrauenswürdigen Eindruck.«

Hans fand zwar im stillen, daß das gepriesene Haus eher einer

Räuberherberge ähnlich sähe, aber er nickte energisch und trat hinter

seinem Begleiter ein.

In dem Tabaksqualm, der, in dichten Streifen übereinander lagernd,

die Stube füllte, hielt es schwer, die Umgebung festzustellen.

Erst, als sie hinter einem weiß gescheuerten Tisch auf handfesten

Holzstühlen saßen, gelang es Hans allmählich, sich zu orientieren.

Das Zimmer war mäßig groß, die Decke aus schweren Balken gebildet,

die Alter und Rauch tiefbraun gebeizt hatten, die Wände zeigten

kaum eine Handbreit der ehemaligen weißen Tünche, mit Kohle, Rötel

und Farbe hatten sich Generationen werdender Maler hier =al fresco=

verewigt. Neben dem Eingang prangte das primitive, peinlich sauber

gehaltene Büfett, hinter dem das Wirtspaar thronte, der »Baas« in

gestrickter Weste und schneeweißen Hemdärmeln, die »jung’ Frau«, eine

behäbige Matrone, mit weißer Latzschürze über dem mächtigen Busen.

Ein Küferjunge mit vorgeschnalltem Lederstück bediente. Von der Decke

hingen große Petroleumlampen nieder, um die sich der Tabakrauch wie der

Hof um die Mondscheibe sammelte. Sie leuchteten nieder auf Gerechte

und Ungerechte, auf gestikulierende Arbeitsleute im Sonntagstaat und

auf gesetzte Bürger; und unter diese mischten sich Prachtexemplare

von Düsseldorfer Künstlern, trunkfeste Männer, die mit lautem,

nimmermüdem Humor die ganze Wirtschaft dirigierten. Man neckte sich

und log sich gegenseitig die unglaublichsten Geschichten vor, mit

glänzenden Schalksaugen den Reinfall des Gegners erwartend, und irgend

einer bestellte immer wieder eine Runde des köstlich bitterlichen,

einheimischen Bieres. Der gehobenen Künstleratmosphäre entsprechend,

trugen die beliebtesten Speisen — die Speisekarte wies die stattliche

Auswahl von vier Nummern auf — besonders vollklingende Namen. Hans

Steinherr wunderte sich, wie häufig am Büfett »ein halber Hahn«

beordert wurde, bis er dahinter kam, daß dies hochtönende Gericht aus

einem halben Roggenbrötchen mit Holländer Käse bestand.

Hansens Begleiter schien hier eine wohlbekannte und von allen

respektierte Erscheinung zu sein. Die älteren Maler begrüßten ihn

mit kräftigem Händedruck und ebenso kräftigem Scherzwort. Einige der

jüngeren, die sonst der Ansicht huldigten, das echte Künstlertum müsse

unbedingt durch rauhbeinige Manieren bewiesen werden, verstiegen sich

sogar zu einer Bewegung, die eine Verbeugung ausdrücken sollte.

Hans traute seinen Augen nicht. Der Kellnerjunge brachte eine Flasche

Sekt, und keiner der mundfertigen demokratischen Geister ringsum schien

gegen diese Reglementswidrigkeit auch nur das geringste einzuwenden zu

haben. Der Gastgeber schenkte die beiden Gläser voll und stieß mit dem

jungen Manne an.

»Entschuldigen Sie,« stotterte Hans, »ich habe mich noch nicht

vorgestellt — —«

»Sind Sie ein anständiger Kerl? Na also! Ich bin’s auch, schmeichle ich

mir. Prosit!«

Aber Hans fand es dennoch passender, seinen Namen zu nennen.

»So, so — —. Steinherr. Hm. Übrigens, wenn Ihnen so viel an der

Etiketteaufschrift gelegen ist: von Springe. Sagen Sie mal,

junger Freund, Sie sind ein Sohn der hochedlen Firma Steinherr,

Grafenbergerchaussee? Und wollen Maler werden?«

»Ich habe noch nicht daran gedacht,« antwortete Hans bescheiden.

»Vorläufig werde ich zu Ostern ins Abiturientenexamen steigen.«

Herr von Springe fuhr erstaunt mit dem Stuhl gegen die Wand.

»Wie? Was? Hör’ ich recht? Ein Pennäler? Sie schlagen sich noch mit

Fibel und Schiefertafel herum? Und ich Volksverführer hielt Sie für

einen wackeren Lehrling des heiligen Lukas und schleppe Ihre zarte

Jugend in diesen Rauchfang? Ah, ich werde Ihrer Frau Mama morgen eine

Entschuldigungsvisite machen, damit es keine strammen Hosen setzt.

Bitte tausendmal um Verzeihung.«

Purpurne Röte stieg in dem feinen Gesicht des jungen Mannes auf. Dann,

sich gewaltsam beherrschend, sagte er so ruhig, wie es ihm nur möglich

wurde: »Sie schmeichelten sich vorhin, auch ohne Namensetikettierung

als anständiger Mensch zu erscheinen. Nach diesem Überfall muß ich

freilich annehmen, daß der Schein trügt. Guten Abend.«

Aber der Effekt seiner Rede entsprach nicht seinen Erwartungen. Herr

von Springe lachte, daß die Gäste von ihren Stühlen auffuhren.

»Bravo, bravo, gut gebrüllt, Löwe! So lieb’ ich meine Pappenheimer!

Das Kerlchen hat, weiß Gott, Rasse. Hier geblieben, mein Junge, kein

schiefes Maul mehr gezogen, du hast vollkommen recht, ich bin ein

Verbrecher und gebe dir hiermit feierlichst eine Ehrenerklärung.«

Er hielt ihm das Glas hin, und, halb widerstrebend, halb

unwiderstehlich angezogen von dem bannenden Wesen des lachenden Mannes

vor ihm, stieß der junge Heißsporn an.

Bevor eine Stunde vergangen war, hatte Hans Steinherr dem Fremden

mit den sieghaften Augen alle die rätselvollen Eindrücke des Tages

anvertraut, die sein junges Leben erregt hatten wie nie zuvor. Auch das

Gedichtchen stammelte er, und von Springe lachte nicht. Er ließ nur

seine Augen über ihn hinblitzen, und die Freude an der Unberührtheit

dieser jungen Seele, die unbewußt zu Taten drängte, stand ihm auf der

Stirn.

»Du bist ein Dichter, mein Sohn.«

»Ich möchte ein Künstler werden, Herr von Springe. Sie — Sie müssen ein

großer Künstler sein.«

»Herzlichen Dank für die gute Meinung.«

»Spotten Sie nicht über mich. Aber wer als Mensch so über den

Situationen steht —«

»Kindskopf, was weißt du davon!«

Er blickte schweigend in sein Sektglas.

»Die Hauptsache ist, für den Künstler und den Menschen, den Humor an

der Sache nicht verlieren.«

»Darf ich Sie besuchen?« schmeichelte Hans.

»Du darfst. Aber jetzt zu Bett, Kleiner, deine Schlafenszeit muß längst

da sein.«

Und sie gingen.

* * * * *

So endete der ereignisvollste Tag in Hans Steinherrs bisherigem Leben.

[Illustration]

Die vom Niederrhein · 第 11 / 53 题