Schiefergrau schob der Rhein seine Wassermassen an Düsseldorf vorbei.
Er zwängte sich stöhnend durch die Joche der alten Schiffsbrücke und
entpreßte den Bohlen und Planken der bauchigen Brückenkähne denselben
hellsingenden, melancholischen Ton, den einst der lustige Bergwind
dem Holze entlockte, als es noch mit quellenden, steigenden Säften
auf einsamen Nordlandshöhen oder grünen Schwarzwaldgipfeln seine
Kronen wiegte. Ausströmend fand er seine Gelassenheit zurück, trieb
schwerfällig an dem roten Schloßturm der schönen Jakobe von Baden
vorüber, der als altes Wahrzeichen der Stadt in die neue Zeit mit ihrer
alles glättenden, die Erinnerungen auslöschenden Verschönerungssucht
glücklich sich hinübergerettet hat, und nahm die Parade ab über
einen zusammengewürfelten Haufen baufällig scheinender Hütten und
Baracken, die sich wie eine Zigeunerhorde an die massigen Hüften ihrer
Nährmutter, den kalt und erhaben seine Umgebung beherrschenden Bau der
Kunstakademie, herandrängten. Dann tauschte er kurz Red’ und Antwort
mit dem leisquellenden Wasser des Sicherheitshafens, überströmte
kräftig den Rand der Golzheimer Insel, große Lachen in dem sandigen
Boden zurücklassend, und entschwand nahe Kaiserswerth, der alten,
efeuumsponnenen Feste, die einst Pipin erbaute und die die Entführung
des vierten Heinrich sah, in einem scharfen Bogen gen Holland.
Unaufhörlich ging der Regen nieder. In der Nacht hatte er begonnen, und
jetzt, nachdem die Glocken der Stadt längst Mittag verkündet hatten,
zeigte er sich noch keineswegs zur Rast gewillt. Wer aus dem Rheintor
heraustrat, sah Strom und Ebene, soweit der Blick reichte, in einen
engmaschigen, grauen Schleier gehüllt, der nur dicht über dem Wasser
eine langgestreckte, silberne Kante aufwies, den zitternden Reflex, den
der beständige scharfe Anprall der Regentropfen auf der Wasserfläche
schuf. Die Häuser der Ortschaft Oberkassel jenseit der Schiffbrücke —
»auf der anderen Seit’« sagt der Eingeborene — waren nur als dunkle
Schattenmassen erkennbar, und die Pappeln, Erlen und Weiden, die dem
Stromlauf folgen und dem Bild des Niederrheins den besonderen Charakter
geben, geisterten nur wie spindeldürre Finger durch die Luft, wenn eine
schwächliche Brise den Regen zu Tal drückte.
Die ganze Atmosphäre war gesättigt mit jener feuchten, weichlichen
Wärme, die das Menschenblut zur Unrast treibt.
Kein Ton als das einförmige Triefen des Regens, das Singen des
Brückenholzes und zeitweilig ein dumpfes Aufbegehren der drängenden
Wassermassen im Strombett oder an den Bordschwellen.
Jetzt zitterten die sentimental näselnden Laute einer Handharmonika
hindurch. In der Deckskajüte eines am Kai verankerten Schleppkahnes
rekelte sich die lange, verwitterte Gestalt des Schiffers auf dem
Rücken. Über den Kopf hielt er mit ausgestreckten Armen die Harmonika,
auf der er schläfrig allerlei Volksweisen improvisierte, wie sie just
unter dem Griff der hin und her stolpernden Finger herauskamen. Durch
das weitgeöffnete Hemd lugte unbekümmert die zottig behaarte Brust, ein
schmaler Gurt schnürte die englischen Lederhosen über den Hüften kraus
zusammen, an den Füßen, die in graublauen Socken staken, tanzten im
Takt der Musik rote Plüschpantoffeln.
»Lambert!« tönte rufend eine Frauenstimme aus dem Unterdecksraum.
Der Schiffer war viel zu faul, eine Antwort zu geben.
Ein Kopf wurde in der Treppenluke sichtbar.
»Wat machste, Lambert?«
»Musik,« tönte es lakonisch zurück.
»Ach e nee,« machte die Frau höhnisch verwundert und kletterte nach
oben, »wat du nich sagst! Ich hatt’ jejlaubt, du tätst schnarchen!«
»Domm’ Grielächer,« schimpfte der Rheinschiffer, drehte ihr seine
Kehrseite zu und versuchte, auf dem Bauche liegend, weiterzuspielen.
Die Frau prüfte das Wetter.
»Jesus Maria Jusepp, wat es dat en Leid! Et rejent un et rejent.«
»Kuns’stück,« entgegnete verächtlich der Harmonikaspieler und zog die
Register zu einem kläglichen Gewimmer. Mehr sagte er nicht.
Die Frau sah über die Achsel zurück und wartete.
»Du,« sagte sie nach einer Weile, in der nur noch das Surren des Regens
vernehmlich war, und tippte den Gefährten mit dem holzbeschuhten Fuß
in die Seite, »spürste noch nix oder spürste jet? Mr kann sich an de
eigene Schlauheit verfresse, wenn mr kein Lust hat. Wat es dat also mit
dem ›Kuns’stück‹?«
»Och, Tring,« höhnte der Ehegatte, »ich jlöw, du bis us Dülken
jebürtig, wo die Gecke herkomme. Solang ich auf dem Rhing fahr un mein
Vader un mein Bestevader: wenn mr von Kölle zu Tal kommt, oder von
Wesel zu Berg, un et e su rejent wie heut, am heilige Sonntag et e su
rejent, na, wat es dann?« Er machte eine schlappe Viertelwendung und
gähnte. »Domm’ Dier, die Sank-Sebastian-Brüder in Düsseldorf feiern
Schützenfest! Den ihre Schutzpatron, dat is ene brave Heilige. Dä will
nich, dat en Malör passiert, deshalb speuzt er ihne dat Pulver naß.«
»Da tät ich doch hinlaufe und mich aufnehme lasse in die Brüderschaft.«
»Ich hau dat nich nüdig.«
»Ah so! E nee — — jewiß nicht — —« machte die Vierschrötige maliziös.
Und mit einem Achselzucken: »ful’ Thommes!«
Dann retirierte sie, mit den Holzpantoffeln klappernd, lachend unter
Deck.
Der Schiffer gab sich gar nicht erst die Mühe, über ihre Reden
nachzudenken. Er blinzelte noch einmal nach dem Häusergewirr der
Altstadt, über deren Dächern der Regen wie ein Dampf lag, und schlief
ein. Er hielt seinen Sonntag. — —
Über die Kaimauer gelehnt, hatte ein junger Mann den Diskurs der
beiden belustigt mit angehört. Der Regen füllte die Krempe seines
Hutes und rann an dem schwarzglänzenden, eleganten Gummimantel glatt
herab. Er achtete nicht darauf. Das schmalgeschnittene Gesicht — eher
das eines Knaben als eines Neunzehnjährigen — war durch das Wetter
leicht gerötet, das dichte, braune Haar klebte auf der Stirn, die
dunkelgrauen Augen blickten klar und fest. Diese Augen machten die
feine Jugendlichkeit der Züge wieder wett. Sie verliehen eine Reife,
die von den weichen, knabenhaften Bewegungen seltsam abstach.
Der junge Spaziergänger richtete sich auf. Er schüttelte sich, daß
die Tropfen ihn umzischten, und sog dann mit Nüstern und Lungen den
charakteristischen Duft des Rheintals ein, den Duft, der zwischen Teer
und Algen die Mitte hält.
»Düsseldorfer Luft!« dachte er stolz. »Ich glaub’, ich würde zu Grunde
gehen, wenn mir die auf die Dauer entzogen werden sollt’.«
Er dehnte und reckte Arme und Körper.
»Was die Leute nur immer von der Schönheit des Oberrheins fabeln! Diese
Spießbürger haben nur Sinn für das, was ihnen recht augenfällig auf dem
Präsentierteller entgegengetragen wird. Aber hier? Wenn’s dort hinten
über die weiten, einsamen Wiesen huscht, über die Wasserarme, um die
Erlenbestände? Und der Horizont ganz, ganz fern — —. Was liegt da alles
drin an Unerklärlichem, Schönem, Sehnsuchtsvollem — an Poesie — —.
Schreien möcht’ man, schreien!«
Er fuhr sich mit dem nassen Rockärmel über das erhitzte Gesicht; das
kühlte ihn auf der Stelle ab.
»Na ja,« dachte er weiter, »bist schon ein rechter Heimatsmensch, dem
die Scholle nicht von der Stiefelsohle geht!«
Er lauschte.
Aus der Ferne klangen die verwehten Töne eines marschierenden
Musikkorps. Nur die große Trommel und die Becken brachen sich vorläufig
Bahn.
»Bumm, bumm, bumm — — —«
»Zingda, zingda, zingda, zingda!«
»Aha, der Schützenzug! Nun geht’s auf den Festplatz. Die Kirmeß gehört
dazu, die gehört zur Volkspoesie des Niederrheins. Vorwärts, ›Hans der
Träumer‹!«
Und der junge, hübsche Mensch versenkte die Hände in den schräg
anliegenden Taschen seines Gummimantels und schritt im Takt der
unablässig herüberdröhnenden Paukenschläge, den Kopf zur Abwehr des
Regens leicht vorgebeugt, die Melodie des Schützenmarsches pfeifend,
den Kai entlang. Er umging die Schleife des Sicherheitshafens,
konnte sich nicht enthalten, die wenigen Schritte zum Eiskellerberg
hinaufzuspringen, um noch einmal das Auge über das in den Konturen
verschwimmende Rheinpanorama schweifen zu lassen, und durchquerte
darauf die Anlagen des Hofgartens, um die kürzeste Straße nach dem
Festplatz auf dem Golzheimer Gelände zu gewinnen.
Das Straßenbild hatte sich mit einem Schlage verändert. Die gute
Düsseldorfer Bürgerschaft, vor allem der hier von alters her kräftig
gedeihende Mittelstand, stets bereit, jede öffentliche Lustbarkeit
als eine Art ausgedehnten Familienfestes zu begehen, hatte kaum die
ersten Klänge der Schützenmusik vernommen, als sie auch schon mit Kind
und Kegel den Ausmarsch begann. Der Regen genierte nicht. Gerade er
trug dazu bei, den niederrheinischen Witz zu üben, wenn eine Hausehre
couragiert die Kleider hochnahm, um sich durch die nassen Grasrabatten
einen Weg zu bahnen, wenn ein Unglücklicher verzweifelt seinem Hut
nachsetzte oder ein umgekippter Regenschirm sich in die Lüfte hob.
»Achtung, Pitter, die Menagerie vom Festplatz hält nich dicht. Süch
ens: der Storch im Salat!«
»Wat denn! Dat is ’ne Störchin! Awer ’ne komplette.«
»Ach so, Sie sind dat, Frau Schmitz? Nix för ongot!«
»Da — —! Da! — Da ging ’ne Hot heidi! Kß! Kß! Kß!«
Schweißgebadet stürzte der Besitzer vorbei. Ein allgemeines »Ah«
empfing ihn.
»Schnelllöper, Schnelllöper!! — Akurat wie Fritz Käpernick! Un alles
omsünst. Et werd nich emol affjesammelt.«
Der umgekippte, vom Winde hochgehobene Regenschirm wurde von der
Menschenkolonne mit staunendem: »Luffballon — —! Hurra: Luffballon!«
begrüßt.
»Minsch, Minsch,« kreischte einer aus der Menge, »wat ham’mer en Freud!«