1
Wir betrachten noch einmal die Eigentümlichkeit der vernünftigen Seele.
Also: sie sieht sich selbst, sie setzt sich selbst auseinander, die
Frucht, die sie hervorbringt erntet sie auch selbst (nicht wie bei den
Früchten, die die Pflanzen- oder Tiernatur hervorbringt, die andere
ernten). Ferner, sie erreicht ihr Ziel, wann immer das Leben zu Ende
sein mag; anders als bei den Tanzstücken, und bei jedem Schauspiel, wo
die ganze Handlung zum bloßen Stückwerk wird, wenn etwas dazwischen
kommt. Denn sie führt, was sie sich vorgesetzt, vollständig und makellos
zu Ende, an welchem Teile der Handlung und wo überhaupt sie auch
betroffen werden mag, so daß sie sagen kann: "Ich habe das Meinige
beisammen." Sie umfaßt ferner die ganze Welt samt dem sie umgebenden
Raume, und vermag sich ein Bild von ihr zu machen; sie dringt in die
Unendlichkeit der Zeit, nimmt wahr die periodisch stattfindende
Wiedergeburt aller Dinge, betrachtet sie und erkennt, daß, die nach uns
kommen, nichts anderes sehen werden, so wie auch unsere Vorfahren nichts
anderes sahen, sondern daß der, der etwa vierzig Jahre alt geworden,
wofern er nur Geist hat, alles was gewesen und was sein wird, gesehen
hat. Endlich ist es der vernünftigen Seele auch eigen, den Nächsten zu
lieben, wahr zu sein, Ehrfurcht zu haben und nichts höher zu achten als
sich selbst. Und in dem allen stimmt sie mit den Forderungen des
allgemeinen Weltgesetzes überein, so daß zwischen der gesunden Vernunft
und dem Wesen der Gerechtigkeit kein Unterschied ist.
2
Ein schöner Gesang, ein schöner Tanz, ein schönes Spiel ist nur so lange
schön, solange man das Ganze anschaut. Zerlegt man aber jenen in seine
einzelnen Töne, diese in ihre einzelnen Bewegungen, und hält dieselben
für sich fest, so verlieren sie ihren Reiz. Nur die Tugend und was von
ihr ausgeht, ist und bleibt immer schön. Daher übe nur bei allem andern
jene Zergliederung, auch bei der Anschauung des Lebens.
3
Wann ist die Seele wahrhaft bereit, sich von dem Leibe zu trennen und so
entweder zu verlöschen oder zu zerstieben, oder mit ihm fortzudauern?
Wenn diese Bereitheit aus dem eigenen Urteil hervorgeht; wenn es nicht
bloß aus Hartnäckigkeit geschieht, wie bei den Christen, sondern mit
Überlegung und Würde und ohne Schauspielerei, so daß auch andere dem
Eindrucke sich nicht entziehen können.
4
Hast du etwas getan zum Wohle anderer? Dann hast du auch dein eigenes
gefördert. Das kann man gar nicht oft genug sich selber sagen.
5
Was treibst du für eine Kunst? Die Kunst, gut zu sein. Wie könnte dies
aber anders gelingen als durch klare Einsicht in das Wesen der Natur und
des Menschen.
6
Zuerst entstanden die Tragödien, die uns erinnern, daß alles, was
geschieht, gerade so geschehen müsse. Und dann wollen wir doch, was uns
auf der Bühne ergötzt, uns nicht zum Anstoß gereichen lassen, wenn´s auf
der größeren Bühne uns entgegentritt. Auf die Tragödie folgt die alte
Komödie. Ihr Freimut war erzieherisch. Wir wurden durch ihr
offenherziges Wesen gemahnt, Prunk und Stolz abzutun. Daher entlehnte
sogar ein Diogenes nicht selten aus ihr. Dann kam die Komödie der
mittleren Zeit und dann die neueste. Sie artete bald in ein künstliches
Wesen der Nachahmung aus. Und wenn wir auch nicht verkennen daß sie so
manches Treffliche enthält, so frage ich doch: welchen Zweck denn
eigentlich diese ganze dramatische Poesie verfolge?
7
Wie weit bist du in der Erkenntnis, daß keine andere Lebensweise zum
Philosophieren so geeignet sei, als die, die du jetzt gerade führst?
8
Ein Zweig von seinem Nachbarzweige losgehauen, ist damit notwendig
zugleich auch vom ganzen Baume abgehauen. So auch der Mensch: hat er
sich nur mit einem einzigen zerspalten, so ist er von der ganzen
menschlichen Gesellschaft abgefallen. Den Zweig nun haut ein anderer ab,
der Mensch aber trennt durch seinen Haß und seine Feindschaft sich
selbst von seinem Nächsten, freilich, ohne es zu wissen, daß er sich
damit auch vom Ganzen losgerissen. Doch ist es ein Geschenk des Gottes,
der die menschliche Gesellschaft gründete, daß es uns freisteht, mit
dem, woran wir früher hielten, wiederum zusammenzuwachsen und so zur
Vollendung des Ganzen wieder beizutragen, nur daß, je öfter eine solche
Lostrennung geschieht, die Einigung und Wiederherstellung desto
schwieriger wird, und daß ein Zweig, der von Anfang an im Zusammenhange
mit dem Stamme blieb und mit ihm verwachsen stets dasselbe ein- und
aushauchte, doch ein ganz ander Ding ist, als der Zweig, der erst
getrennt, dann wieder eingepfropft worden. Denn was auch die Gärtner
sagen mögen: er wächst wohl an, doch nicht zu jener vollen
Lebenseinheit.
9
Wer dich auch hindern möchte in der Befolgung rein vernünftiger
Grundsätze--, wie es ihm nicht gelingen soll, dich deiner gesunden
Lebensweise wirklich abwendig zu machen--, so soll er noch viel weniger
deinem Herzen die freundliche Gesinnung entreißen. Verrät es doch
dieselbe Schwäche, wenn man solchen Leuten gram wird, wie wenn man
seinem Vorsatz untreu wird, sich niederschlagen läßt und vom Platze
weicht. Den Fahnenflüchtigen gleichen beide, der sowohl der aus Furcht
zurücktritt, wie der, der mit seinem natürlichen Freund und Bruder
verfeindet ist.
10
Kein Naturprodukt steht einem Erzeugnisse der Kunst nach, denn die
Künste sind Nachahmer der Natur. Darum dürfte denn wohl dem
vollkommensten und umfassendsten Naturwesen die künstlerische
Geschicklichkeit nicht fehlen. Und wie die Künste das Geringere nur
leisten um des Besseren willen--darin der Natur selber ähnlich--: so
auch der Mensch, wofern Gerechtigkeit entstehen soll, aus der dann
weiter alle übrigen Tugenden sich entwickeln. Denn wollten wir uns nur
mit sittlich gleichgültigen Dingen zu schaffen machen, wollten wir
leichtgläubig, voreilig, wetterwendisch sein, so stände es schlecht um
die Gerechtigkeit.
11
Nicht kommen die Dinge, die du mit Leidenschaft suchst oder fliehst, zu
dir, nicht sie drängen sich dir auf, sondern du drängst dich ihnen auf.
Kannst du das Nachdenken über sie nur lassen, so bleiben sie auch ruhig
wo sie sind, und man wird dich alsdann nicht ihnen nachlaufen oder auf
der Flucht vor ihnen sehen.
12
Die Seele gleicht einer vollkommenen Kugel, insofern sie sich weder nach
etwas hindehnt, noch nach innen einläuft, weder zerstreut wird, noch
zusammenschmilzt. Sie wird von einem Licht erleuchtet, bei dem sie die
allgemeine Wahrheit und die eigene erkennen kann.
13
Wenn ich bereit bin, einem Irrenden das Rechte zu zeigen, so soll ich
das nicht etwa tun aus Begierde, ihn bloßzustellen, auch nicht, um mit
meiner Langmut zu prahlen, sondern in Liebe und Aufrichtigkeit, wie die
Geschichte von Phokion erzählt, wofern dieser Mann nicht etwa wieder mit
seiner Aufrichtigkeit geprahlt hat. Es muß ein innerliches Tun sein, die
Götter müssen einen Menschen sehen, der nichts mit Ärger aufnimmt,
niemals sich beklagt. Denn was gäbe es auch wohl Schlimmes für dich,
wenn du das stets freiwillig tust, was deiner Natur entspricht, das
Gemeinwohl auf jede mögliche Weise zu fördern, was der Allnatur gerade
dienlich ist.
14
Die einander verachten, sind gerade die, die einander zu gefallen
streben; und die sich untereinander hervortun wollen, gerade die, die
sich voreinander bücken.
15
Wie zweideutig und schmutzig ist jeder, der zu einem andern sagt:
sprich, meine ich´s nicht wirklich gut zu dir? So etwas zu sagen! Es muß
von selber klar werden. Auf deiner Stirn muß es geschrieben stehen: so
ist´s; aus den Augen muß es hervorleuchten, wie des Liebenden Blick die
Liebe gleich verrät. Geheuchelte Aufrichtigkeit ist wie ein Dolch.
Nichts häßlicher als Wolfsfreundschaft. Meide sie allermeist! Der
Gutgesinnte, Aufrichtige und Wohlwollende zeigt sich unverkennbar schon
in seinen Augen.
16
Wahrhaft gut zu leben--das ist eine Kraft und Fertigkeit der Seele; und
sie verfügt darüber, wenn sie gegen das, was gleichgültig ist, sich
wirklich auch gleichgültig verhält. Diese Gleichgültigkeit aber beruht
wieder darauf, daß man die Dinge sich genau und von allen Seiten
ansieht. Denn wir sind es selbst, die ihnen eine uns ängstigende
Bedeutung unterlegen und sie uns so ausmalen, während es doch in unserer
Macht steht, sie nicht so auszumalen, oder wenn sich ein solches Bild
einmal unvermerkt in unsere Seele geschlichen hat, es sofort wieder
auszulöschen. Auch braucht es solcher Vorsicht ja nur kurze Zeit! das
Leben geht zu Ende!--Was hat demnach dies richtige Verhalten für große
Schwierigkeiten? Denn ist es naturgemäß, so freue dich und nimm es
leicht, ist´s naturwidrig, untersuche, was deiner Natur gemäß ist,
strebe danach, auch wenn es dir keinen Ruhm einbringt. Jedem ist
gestattet, sein eigenes Wohl zu suchen.
17
Untersuche, woher jedes Ding seinen Ursprung nimmt und aus welchen
Stoffen es besteht und in welche Form es sich verwandelt, wozu es durch
die Umwandlung wird und daß ihm damit kein Übel widerfährt.
18
Das Wichtigste ist immer zu wissen, in welchem Verhältnisse ich zu
anderen stehe, nämlich, daß wir alle, einer um des anderen willen da
sind (wobei sich das Verhältnis näher auch so gestalten kann, daß einer
der Vorgesetzte der andern ist, wie der Widder der Schafherde, der Stier
der Rinderherde). Dann, daß man die Menschen beobachtet, wie sie´s
daheim, bei Tische oder sonstwo zu treiben pflegen, und welche
Grundsätze als treibende Kraft in ihnen liegen. Und zumeist, welche
Gewalt haben ihre Grundsätze über sie und mit wieviel Eigendünkel
verrichten sie ihre Handlungen? Drittens, daß man bedenkt, daß alle, die
unvernünftig handeln, unfreiwillig und unwissend so handeln--und Schmerz
genug für sie liegt schon darin, daß sie eben Ungerechte, Undankbare,
Geizige oder mit einem Worte Übeltäter heißen. Ferner, daß auch du so
manchen Fehler hast und von derselben Art bist wie sie; daß, wenn du
dich von gewissen Vergnügungen fern gehalten hast--vielleicht war´s
Feigheit oder Ehrgeiz oder etwas dem Ähnliches, was dich fernhielt--du
doch auch den Charakter hast, aus dem jene Vergehungen entspringen.
Ferner, daß es gar nicht immer so feststeht, ob sie gefehlt haben, wenn
es dir auch so scheint. Denn vieles geschieht aus einer weisen
Berechnung der Umstände, die uns verborgen sein können. Man muß
überhaupt erst so manches gelernt haben, ehe man über die Handlungsweise
eines anderen richtig urteilen kann. Dann denke man doch immer wieder an
die Kürze des menschlichen Lebens, zumal wenn man so recht aufgelegt
ist, unwillig zu werden und aufzubrausen. Und weiter, daß es ja eben
nicht jene Handlungen sind, die uns Beschwerde machen, sondern unsere
Vorstellungen, die wir uns über sie machen. Schicke sie heim, und dein
Zorn wird sich legen. Aber wie? Durch die Erwägung daß, was dir durch
jene widerfährt, in Wahrheit nichts Schlechtes sei. Wäre es schlecht,
dann wärst du ja notwendig selber dadurch schlecht geworden.--Und
weiter, daß Zorn und Unwille über solche Dinge uns doch viel mehr
beschweren, als die Dinge, über die du dich erzürnst. Und endlich, daß
ein liebevolles Gemüt, wenn seine Liebe wirklich echt und ungeheuchelt
ist, durch nichts kann überwunden werden. Auch dein allerärgster Feind
kann dir nichts anhaben, wenn du auf deiner Liebe zu ihm beharrst, wenn
du bei Gelegenheit ihn ermahnst und gerade, wenn er im Begriff ist, dir
weh zu tun, ihm freundlich zusprichst: nicht doch, Lieber; wir sind zu
etwas anderem geboren; mir schadest du ja nicht, du schadest dir selber,
Kind! wenn du ihm so in sanfter Weise und alles wohlerwogen zeigst, daß
sich dies so verhalte, und daß nicht einmal die Tiere so verfahren, die
in Herden beisammen leben. Freilich muß dies ohne alle Ironie geschehen,
nicht mit dem versteckten Wunsche, ihn zu demütigen, sondern aus reiner
Liebe und ohne das Gefühl erlittener Kränkung, auch nicht im
Schulmeisterton oder im Beisein eines andern, sondern mit ihm allein,
selbst wenn andere gegenwärtig wären.--Diese neun Punkte also erwäge
fleißig, laß sie Eingang bei dir finden, als wären es ebensoviele Gaben
der Musen und fange einmal an, ein Mensch zu sein, solange du noch
lebst. Sanftmut und Milde--das ist das echte Menschliche und Männliche;
hierin liegt Kraft und Tapferkeit und Stärke, nicht im Zorn und im
beleidigten Wesen. Denn je näher etwas an die völlige
Leidenschaftslosigkeit grenzt, desto näher kommt es wirklicher Macht.
Und wie die Traurigkeit ein Zeichen der Schwäche ist, so ist es auch der
Zorn. In beiden sind wir verwundete, geschlagene Leute. Aber freilich,
vor Kriecherei muß man sich ebensosehr hüten, wie vor dem Zorn, da sie
ebenso gegen die Grundbedingungen der Gemeinschaft ist und ebenso
verderblich wirkt.--Willst du, so nimm vom Musageten noch ein Zehntes:
Wahnsinnig ist´s zu fordern, daß schlechte Menschen nicht fehlen sollen,
unbillig aber und willkürlich, zu verstatten, daß sie sich gegen andere
vergehen, nicht aber, daß sie dich verwunden.
19
Viererlei Verirrungen des Geistes gibt es, vor denen man sich stets in
acht zu nehmen hat, und denen man, sobald sie ausgespürt sind, ausbiegen
muß, indem man sich bewußt wird: dies ist ein Gedanke, zu dem dich
nichts zwingt; dies ist etwas, wodurch die menschliche Gesellschaft
aufgelöst wird; dies redest du nicht von dir selbst (und es gibt nichts
Törichteres, als nicht aus sich selbst heraus zu sprechen). Endlich,
eine Schmach ist es, die du dir selber zufügst, sooft das göttlichere
Teil an dir erniedrigt und herabgewürdigt ist von dem geringeren und
sterblichen und dessen groben Lüsten.
20
Alles Luftige und Feurige, was deinem Wesen beigemischt ist, obwohl es
von Natur nach oben strebt, gehorcht doch der Anordnung des Alls und
bleibt hier ruhig in der gesamten Masse. Ebenso alles Erdige und
Feuchte, das nach unten strebt, wird doch fortwährend gehoben und
behauptet den seiner Natur nicht zukommenden Ort. So gehorchen die
Stoffe der Natur, wenn sie gewaltsam irgendwohin gestellt sind, und
verweilen hier, bis das Zeichen zu ihrer Auflösung gegeben ist. Ist es
nun nicht schlimm, wenn die Vernunft allein nicht gehorsam sein will und
die ihr zugewiesene Stelle mit Unwillen betrachtet? Und das, wiewohl
ihr nirgend Zwang auferlegt wird, sondern nur das, was ihrer Natur
entspricht? Denn jede ihrer Bewegungen nach dem Unrecht oder nach dem
Sinnenreiz, nach dem Zorn, nach dem Schmerz und nach der Furcht ist
nichts anderes, als ein solches Fortstreben von dem ihr zugewiesenen
Orte, als ein Abfall von der Natur. Und sooft deine Vernunft über
irgendein Ereignis mißmutig wird, verläßt sie ihren Posten. Du bist zur
Gleichmütigkeit und Gottesfurcht nicht weniger als zur Gerechtigkeit
geschaffen. Der Begriff des Gemeingeists enthält noch jene Tugenden ja
sie sind sogar älter als das Recht.
21
Wer nicht im Leben einen und denselben Zweck verfolgt der ist auch
eigentlich nicht ein und derselbe Mensch. Doch kommt es vor allem darauf
an, von welcher Art dieser Zweck ist. Es hängt dies genau mit dem
Begriff der Güter zusammen, der schwankend und unbestimmt bleibt,
solange es sich darum handelt, was jedem einzelnen gut ist, und der zur
Klarheit und Bestimmtheit nur gebracht werden kann, wenn man das Ganze,
die Gemeinschaft aller ins Auge faßt. Und so muß auch der Zweck des
Lebens eines jeden sich nach dem Ganzen richten, mit dem Zweck der
Gemeinschaft, der man angehört, harmonisch wirken. Wer nun alle seine
besonderen Neigungen diesem Zweck unterordnet und ihm gemäß gestaltet,
der wird dadurch auch Konsequenz in seine Handlungsweise bringen und so
immer derselbe Mensch sein.
22
Das menschliche Leben gibt mir oft nichts weiter, als das Bild einer
Haus- oder Feldmaus, die erschrocken hin und her läuft.
23
Sokrates nannte die Meinungen der Menge Lamien, Schreckgestalten für
Kinder.
24
Die Lakedämonier stellten bei ihren Schauspielen die Sitze für Fremde in
den Schatten. Sie selbst setzten sich an den ersten besten Platz.
25
Als Sokrates sich bei Perdikkas entschuldigte, warum er seine Einladung
nicht angenommen habe, sagte er: damit ich nicht vor Schimpf und Schande
zu vergehen brauche als einer, der Wohltat empfängt, ohne sie mit
Wohltat vergelten zu können.
26
In Epikurs Schriften war die Lebensregel aufgezeichnet, daß man aus der
Reihe der alten Tugendfreunde beständig einen im Andenken behalten
solle.
27
Die Pythagoräer sagen, man müsse früh zum Himmel aufblicken, damit wir
derer gedenken, die immer eines und dasselbe, und die ihr Werk stets auf
dieselbe Weise treiben, damit wir ihrer Ordnung, ihrer Reinheit, ihres
unverhüllten Wesens gedenken. Denn die Gestirne haben keine Hülle.
28
Was für ein Mann war Sokrates, der ein Fell umgürtete, als Xanthippe in
seinem Obergewand ausgegangen war! Und was sagte er zu seinen Freunden,
als sie ihn in diesem Aufzug erblickten und entsetzt zurücktraten? Nicht
das Kleid macht den Mann!
29
Weder im Schreiben noch im Lesen kannst du Vorschriften erteilen, ehe du
mit deren Befolgung vorausgegangen bist. Im Leben noch viel weniger.
30
"Der Sklavenseele ziemt es mitzusprechen nicht."
31
"Laß sie die Tugend schmähen, mit was für Worten
sie wollen"--
"--Und es lachte das Herz mir im Busen."
32
Lästern werden die Schwätzer mit harten Worten die Tugend.
33
Wer im Winter eine Feige sucht, ist wahnwitzig. Ebenso wer sich nach
einem Kind sehnt, wenn ihm ein solches nicht mehr vergönnt ist.
34
Nach Epiktet soll jeder, der sein Kind küßt, bei sich denken: morgen
vielleicht ist es tot. Das klingt wie eine Lästerung. Aber, sagt er,
kann das eine Lästerung genannt werden, womit ich etwas rein Natürliches
bezeichne? wenn ich z.B. sage: die Ähren werden abgemäht?
35
Jetzt unreife Traube, dann reif, dann getrocknet--lauter Wandlungen,
doch nicht etwa in ein Nichts, sondern in ein Etwas, das jetzt noch
nicht ist.
36
Einen Räuber des Willens gibt es nicht, sagt Epiktet.
37
Du mußt, sagt derselbe, mit dem Beifall kunstgerecht umgehen lernen und
bei deinen Zielen die Vorsicht beobachten, daß sie an Bedingungen
geknüpft sind, sich aufs Gemeinwohl richten und durch den Wert der Dinge
bestimmen lassen. Aber der Begierden mußt du dich enthalten und meiden,
was nicht in deiner Gewalt steht.
38
Der Streit betrifft also (sagt Epiktet) nicht eine Alltagsangelegenheit,
sondern vielmehr die Frage, ob man wahnsinnig sei oder nicht. Denn nach
stoischer Anschauung sind alle Lasterhaften wahnsinnig.
39
Sokrates sagte: Was wollt ihr? wollt ihr Seelen vernünftiger oder
unvernünftiger Wesen? Vernünftiger. Welcher Vernünftigen? Gesunder oder
verderbter? Gesunder. Nun, warum sucht ihr sie nicht auf? Suchen? weil
wir sie haben! Also warum zankt und streitet ihr euch?