Neuntes Buch

1

Wer unrecht handelt, handelt gottlos. Denn die Natur hat die

vernünftigen Wesen füreinander geschaffen nicht daß sie einander

schaden, sondern nach Würdigkeit einander nützen sollen. Wer ihr Gebot

übertritt, frevelt demnach offenbar wider die älteste der Gottheiten.

Auch der mit Lügen umgeht, ist gottlos. Denn die Natur ist das Reich des

Seienden. Alles aber, was ist, stimmt als solches überein mit seinem

Grunde. Und diese Übereinstimmung nennt man Wahrheit. Auf ihr beruht

alles, was man wahr nennt im einzelnen Falle. Der Lügner also handelt

gottlos, weil er andere betrügt und somit unrecht handelt, tut er´s mit

Absicht. Geschieht es unwillkürlich weil er nicht mit der Natur im

Einklang ist, handelt er gottlos, weil er die Ordnung stört, indem er

ankämpft gegen das Ganze. Denn im Kampf ist jeder, der sich wider die

Wahrheit bestimmt, weil er von Natur für sie bestimmt ward. Wer aber

dies außer acht läßt, ist schon so weit, Wahrheit und Lüge nicht

unterscheiden zu können. Endlich handelt auch der gottlos, der dem

Vergnügen nachgeht als einem Gute und vor dem Schmerz als einem Übel

flieht, da ein solcher notwendig oft in den Fall kommt, die Natur zu

tadeln, als teile sie den Guten und den Schlechten ihre Gaben nicht nach

Verdienst aus. Denn wie oft genießen böse Menschen Glück und Freude, und

haben, was ihnen Freude schaffen kann, während die Guten dem Leid

anheimfallen und dem, was Leiden schafft. Ferner wird, wer sich vor dem

Schmerze fürchtet, auch nicht ohne Furcht in die Zukunft blicken können,

was schon gottlos ist, während der, der nach Lust strebt, sich kaum des

Unrechts wird enthalten können, was offenbar gottlos ist. Und jedenfalls

muß doch, wer in Übereinstimmung mit der Natur leben und ihr folgen

will, gleichgültig gegen das sein, wogegen sich die Natur gleichgültig

verhält, das aber tut sie gegen Lust und Schmerz, gegen Tod und Leben,

Ehre und Schande. Wer also alles dies nicht gleichgültig ansieht, ist

offenbar gottlos. Die gemeinsame Natur aber, sage ich, bedient sich

derselben nach einerlei Regel (das heißt, sie begegnet nach dem Gesetz

der Aufeinanderfolge den jetzigen wie den künftigen nach einerlei Regel)

kraft eines uranfänglichen Zuges der Vorsehung, vermöge dessen sie von

einem bestimmten Anfang her zur gegenwärtigen Welteinrichtung

fortschritt, indem sie gewisse Grundstoffe des Werdenden zusammenfaßte

und die erzeugenden Kräfte der Stoffe selbst, ihrer Verwandlungen und

ihrer derartigen Aufeinanderfolge abgrenzte.

2

Besser wär´s, wenn man die Welt verlassen könnte, ehe man all die Lüge

und Heuchelei, den Prunk und Stolz geschmeckt. Hat man nun aber diese

Dinge einmal schmecken müssen, so ist´s doch wohl der günstigere Fall,

dann bald die Seele auszuhauchen, als mitten in dem Elend sitzen zu

bleiben? Oder hat dich die Erfahrung nicht gelehrt, die Pest zu fliehen?

und welche Pest ist schlimmer, die Verdorbenheit der uns umgebenden

Luft, die Pest, die nur das tierische Wesen als solches trifft, oder die

Verderbnis der Seele, die eigentliche Menschenpest?

3

Denke nicht gering vom Sterben, sondern laß es dir wohlgefallen wie

eines der Dinge, in denen sich der Wille der Natur ausspricht. Denn von

derselben Art wie das Kindsein und das Altsein, das Wachsen und

Mannbarwerden oder das Zahnen und Bärtigwerden und Graues-Haar-Bekommen

oder das Zeugen und Gebären und alle diese Tätigkeiten der Natur, wie

sie die verschiedenen Zeiten des Lebens mit sich bringen, ist auch das

Sterben. Daher ist es die Sache eines verständigen Menschen, weder mit

Gleichgültigkeit noch mit heftiger Gemütsbewegung noch in übermütiger

Weise an den Tod zu denken, sondern auf ihn zu blicken eben wie auf

eine jener Naturwirkungen. Und wie du des Augenblickes harrst, wo das

Kindlein der Mutter Schoß verlassen haben wird, so erwarte auch die

Stunde, da deine Seele dieser Hülle entweichen wird.--Eindringlich ist

auch jene gewöhnliche Regel, die man gibt, um jemand zur Zufriedenheit

mit dem Lose der Sterblichkeit zu stimmen: einmal, sieh dir die Dinge

genau an, von denen du dich trennen mußt, und dann in ethischer

Beziehung, welch ein Elend, womit du einst nicht mehr verflochten sein

wirst! Zwar ist es keineswegs nötig, sich daran zu stoßen, Pflicht ist

es vielmehr, es zu lindern oder ruhig zu ertragen, allein man darf doch

daran denken, daß es nicht eine Trennung gibt von gleichgesinnten

Menschen. Denn dies wäre das einzige, was uns rückwärts ziehen und an

das Leben fesseln könnte, wenn es uns vergönnt wäre, mit Menschen

zusammenzuleben, die von denselben Grundsätzen und Ideen beseelt sind

wie wir. Nun aber weißt du ja, welches Leiden der Zwiespalt ist, der

unter den Menschen herrscht, und kannst nicht anders als den Tod

anflehen, daß er eilig kommen möge, damit du nicht auch noch mit dir

selbst in Zwiespalt gerätst.

4

Wer unrecht handelt, schadet sich selbst.

5

Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut, nicht bloß, der etwas tut.

6

Wenn du gesundes Urteil hast und die Gewohnheit, für andere zu handeln,

und ein Gemüt, das mit den äußeren Verhältnissen zufrieden ist, so hast

du genug.

7

Unterdrücke die bloße Einbildung, trenne den Trieb, dämpfe die Begierde;

erhalte dem herrschenden Teil deiner Seele die Herrschaft über sich

selbst!

8

Wie es nur eine Erde gibt für alles Irdische, ein Licht für alles, was

sehen, und eine Luft für alles, was atmen kann, so ist es auch nur ein

Geist, der unter sämtliche Vernunftwesen verteilt ist.

9

Alle Dinge von derselben Art streben zueinander als zu dem Gleichartigen

hin. Alles, was von Erde ist, gleitet zur Erde, alles Flüssige läuft

zusammen, und so auch das Luftige, so daß es der Gewalt bedarf um solche

Dinge auseinanderzuhalten. Das Feuer hat zwar seinen Zug nach oben,

vermöge des Elementarfeuers, aber auch da erfaßt es alles ihm Ähnliche

und bringt die trockeneren Stoffe zum Brennen, eben weil diesen weniger

von dem beigemischt ist, was ein Entflammen hindert. Ebenso nun und noch

mehr strebt auch alles, was der vernünftigen Natur angehört, zueinander

hin. Denn je edler es ist als das übrige, um so bereiter ist es auch,

sich dem Verwandten zu einen und mit ihm zusammenzugehen. Schon auf der

Stufe der vernunftlosen Wesen finden sich Scharen und Herden, findet

sich das Auffüttern der Jungen, eine Art von Liebe. Denn schon hier ist

Seele und jener Gemeinschaftstrieb in höherer Weise, als er in der

Pflanzenwelt und im Gestein sich findet. Bei den Vernunftbegabten nun

kommt es zu Staaten, Freundschaften, Familien, Genossenschaften, und in

den Kriegen selbst zu Bündnissen und Waffenstillständen. Und wenn wir zu

den noch höheren Wesen fortschreiten, mögen sie auch um Unendlichsten

auseinander sein: auch da ist Einheit, wie bei den Sternen; so daß, je

höher wir kommen, desto entschiedener die Sympathie sich auch auf die

Entferntesten erstreckt. Aber was geschieht? Die vernünftigen Wesen

allein sind es, die dieses Zueinanderstrebens, dieses Zusammenhaltens

nicht eingedenk bleiben, und hier allein vermag man jenes

Zusammenfließen nicht wahrzunehmen! Und dennoch--: mögen sie sich

immerhin fliehen, sie umschließen sich doch. Die Natur zwingt sie. Man

sehe nur genau! Eher findest du Erde, die nicht an Erde hängt, als einen

Menschen vom Menschen abgelöst.

10

Frucht bringen Mensch und Gott und Welt, ein jegliches zu seiner Zeit,

in anderer Weise freilich als der Weinstock und dergleichen Dinge. Auch

die Vernunft hat ihre Frucht, von allgemeiner und von individueller Art.

Und was aus ihr hervorgeht, ist eben immer wieder--Vernunft.

11

Belehre den Fehlenden eines Besseren, wenn du es vermagst. Wo nicht,

erinnere dich, daß dir für diesen Fall Nachsicht verliehen ist. Auch die

Götter sind nachsichtig, ja sie sind den Fehlenden zu einigem, wie

Gesundheit, Reichtum, Ehre behilflich. So gütig sind sie! Auch du kannst

es sein. Oder, sage, wer hindert dich daran?

12

Leide nicht mit der Miene eines Unglücklichen oder in der Absicht,

bewundert oder bemitleidet zu werden. Wolle vielmehr nur das eine,

deine Kraft in Bewegung zu setzen oder zurückzuhalten, wie es das

Gemeinwesen erheischt.

13

Heut, sprichst du, bin ich aller meiner Plage entronnen. Sag lieber:

heut hab ich all meine Plage abgeworfen. Denn in dir, in deiner

Vorstellung war sie, nicht außer dir.

14

Alles bleibt sich gleich. Gewöhnlich in Hinsicht auf Erfahrung,

vergänglich in Hinsicht auf Zeit, schmutzig in Hinsicht des Stoffes.

Alles, was jetzt ist, war ebenso bei denen, die wir bestattet haben.

15

Die sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände sind außer uns. Einsam stehen sie

sozusagen vor unserer Tür. Sie wissen nichts von sich selbst, urteilen

auch nicht über sich. Wer urteilt also über sie? Der herrschende Teil

unserer Seele.

16

Gut und Böse, Tugend und Laster ruhen bei vernunftbegabten Wesen nicht

auf einem Zustande, sondern auf einer Tätigkeit.

17

Für den emporgeworfenen Stein ist es ebensowenig ein Glück, in die Höhe

zu fliegen, als ein Unglück herabzufallen.

18

Dringe in das Innere der Seele bei den Herrschenden und du wirst sehen,

vor was für Richtern du dich fürchtest und was für Richter sie über sich

selbst sind.

19

Alles wechselt stets. Auch du selbst bist im steten Wechsel begriffen,

um nicht zu sagen in Verwesung. Ebenso die ganze Welt.

20

Das Vergehen eines anderen muß man bei ihm lassen.

21

Das Aufhören der Tätigkeit, Stillstehen der Triebe und der

Vorstellungen--der Tod--ist kein Übel. Denn wie ist es mit den

verschiedenen Stufen des Lebens, mit der Kindheit, der Jugend, dem

Mannes- und Greisenalter? ist nicht ihr Wechsel--Tod? und ist das etwas

Schlimmes? Nicht anders der Wechsel der Zeiten. Die Zeiten der Vorväter

hören auf mit dem Zeitalter der Väter usf. Ist bei allen diesen

Veränderungen etwas Schlimmes? Also auch nicht, wenn dein Leben

wechselt, stillsteht und aufhört.

22

Forsche in deiner eigenen Seele, in der Seele des Weltganzen und in der

deines Nächsten. In deiner eigenen, um ihr Sinn für Gerechtigkeit

einzuflößen, in der des Weltganzen, um dich zu erinnern, wovon du ein

Teil bist, in der des Nächsten, um zu erkennen, ob er wissentlich oder

unwissentlich handelt und um zu fühlen, daß sie der deinigen verwandt

sei.

23

So wie deine ganze Persönlichkeit der ergänzende Teil eines Gemeinwesens

ist, so soll auch jede deiner Handlungen das gemeinschaftliche Handeln

dieses Gemeinwesens ergänzen. Tut sie dies nicht, ist sie mehr oder

weniger diesen Absichten fern, so zerstückelt sie dein Leben, hindert

seine Harmonie, ist aufrührerisch wie ein Mensch, der im Volke seine

Partei dem Zusammenwirken mit den andern entfremdet.

24

Wie Knabenzänkereien und Kinderspiele, so flüchtig sind unsere

Lebensgeister, mit Leichen belastet. Warum sollte da die Totenfeier

einen Eindruck auf uns machen.

25

Gehe auf das Wesen der ursächlichen Kraft jedes Gegenstandes ein und

sieh bei deiner Betrachtung von seinem Stoff ab und bestimme zum Schluß

die längste Spanne Zeit, die er in seiner ihm eigentümlichen Art dauert.

26

Du hast unendlich gelitten lediglich deshalb, weil deine Seele sich

nicht begnügte zu tun, wozu sie gemacht ist.

27

Wenn jemand dich tadelt oder haßt oder Schlechtes von dir redet, so gehe

heran an seine Seele, dringe ein, und sieh, was er eigentlich für ein

Mensch sei. Du wirst finden, daß du dich nicht zu beunruhigen brauchst,

was er auch von dir denken mag. Du mußt ihm jedenfalls wohlgesinnt

bleiben, da er von Natur dein Freund ist, und da ihm sicherlich auch die

Götter helfen, wie dir, in all den Dingen, um die sie Sorge tragen.

28

Alles in der Welt dreht sich im Kreise, von oben nach unten, von

Ewigkeit zu Ewigkeit. Und doch auch in jedes Einzelwesen dringt die

Seele des Alls. Ist dies, so nimm, was sie hervortreibt, mag sie nun

einmal nur sich schöpferisch bewiesen haben, so daß nun eins aus dem

andern mit Notwendigkeit folgt und alles eigentlich nur eines ist, oder

mag alles atomengleich entstehen und bestehen. Gleichviel. Denn gibt es

einen Gott, so steht alles gut; ist aber alles nur von ungefähr, darfst

du doch nicht von ungefähr sein!

29

Einem reißenden Strom gleicht die Welt: Alles führt sie dahin. Wie

nichtig die Taten des Menschen, die er politisch oder philosophisch

nennt, wie eitel Schaum! Aber was nun, lieber Mensch? Tue, was die Natur

gerade jetzt von dir fordert. Strebe, wenn dir ein Gegenstand des

Strebens gegeben wird, und blicke nicht um dich, ob´s einer sieht. Auch

bilde dir den Platonischen Staat nicht ein, sondern sei zufrieden wenn

es nur ein klein wenig vorwärts geht und halte solchen kleinen

Fortschritt nicht gering. Denn wer wird ihre Gesinnung ändern? Ohne eine

solche Änderung der Gesinnung aber, was würde anderes daraus entstehen,

als ein Knechtsdienst unter Seufzen, ein Gehorsam solcher, die sich

stellen, als wären sie überzeugt. Die Alexander, Philippus, Demetrius

von Phalerum mögen zusehen, ob sie erkannt, was die Natur will, und ob

sie sich selbst in Zucht gehalten haben. Waren es aber Schauspieler,

wird mich doch niemand dazu verdammen, sie nachzuahmen. Einfalt und

Würde kennzeichnen das Geschäft der Philosophie. Verführe du mich nicht

zur Aufgeblasenheit!

30

Betrachte wie von einer Anhöhe aus die unzähligen Volkshaufen mit ihren

unzähligen Religionsgebräuchen, die Seefahrten nach allen Windrichtungen

unter Stürmen und bei ruhiger See und die Verschiedenheiten zwischen den

Dingen, die werden, sind und vergehen! Betrachte auch die Lebensweise,

wie sie vormals unter anderen war, wie sie nach dir sein wird und wie

sie jetzt unter fremden Völkern herrscht! Ferner wie viele nicht einmal

deinen Namen kennen, wie viele ihn bald vergessen werden, wie viele

jetzt vielleicht deine Lobredner, nächstens deine Tadler sind und wie

weder der Nachruhm, noch das Ansehen, noch sonst etwas von allem, was

dazu gehört, der Rede wert ist.

31

Ein unerschütterliches Herz den Dingen gegenüber, die von außen kommen,

ein rechtschaffenes in denen, die von dir abhängen! Das heißt, dein

Streben und Tun finde Ziel und Zweck in gemeinnütziger Tätigkeit; denn

das ist deiner Natur gemäß.

32

Viel unnötigen Anlaß zu deiner Beunruhigung, die ganz und gar auf deinem

Wahn beruht, kannst du aus dem Weg schaffen und dir selbst unverzüglich

weiten Spielraum eröffnen. Umfasse nur mit deinem Geist das Weltall,

betrachte die Ewigkeit und dann wieder die schnelle Verwandlung jedes

einzelnen Dings: welch kurzer Zeitraum liegt zwischen seiner Entstehung

und Auflösung, wie unermeßlich ist die Zeit vor seinem Werden, wie

unendlich nach seinem Ende.

33

Was du um dich siehst, wird bald zerstört und wer dieser Zerstörung

zuschaut, wird selbst auch sehr bald zerstört und durch den Tod wird der

älteste Greis mit dem Frühverstorbenen in denselben Zustand versetzt.

34

Wie ihr Inneres beschaffen ist, welche Interessen sie verfolgen, um

welcher Dinge willen sie Lieb und Achtung zollen, das suche zu

erforschen, mit einem Wort: die nackten Seelen!--Wenn man glaubt, durch

Tadel Schaden und durch Lob Nutzen zu stiften, welch ein Glaube!

35

Verlust ist nichts anderes als Veränderung, die die Natur so liebt, wie

wir wissen,--sie, die doch alles richtig macht. Oder wolltest du sagen,

alles, was geschehen sei oder geschehen werde, sei schlecht? Aber sollte

sich dann unter so vielen Göttern nicht wenigstens eine Macht finden,

die es wieder zurechtbrächte? und die Welt sollte verdammt sein, in den

Banden unaufhörlicher Übel zu liegen?

36

Der Stoff jeden Dinges ist Fäulnis: Wasser, Staub, Knochen, Schmutz. Die

Marmorbrüche sind Verhärtungen der Erde, Gold, Silber ihr Bodensatz,

unsere Kleider--Tierhaare, Purpur, Blut und alles übrige ist von der

Art. Selbst der Lebensgeist ist von solcher Art, denn er ist auch steter

Umwandlung unterworfen.

37

Genug des elenden Lebens, des Murrens und des äffischen Benehmens! Warum

bist du unruhig, was findest du hier so unerhört? Was bringt dich außer

Fassung? Die ursächliche Kraft der Dinge? Betrachte sie nur! Aber

vielleicht der Stoff? Sieh ihn nur an! Sonst gibt es aber nichts. Sei

also doch endlich argloser und freundlicher gegen die Götter! Es ist ja

einerlei, ob du diese Untersuchungen hundert oder nur drei Jahre

anstellst.

38

Hat sich jemand vergangen, trägt er den Schaden. Vielleicht hat er sich

aber gar nicht vergangen.

39

Entweder ist ein denkendes Wesen die Urquelle des ganzen Weltalls, von

der aus dem All als einem Körper alles zuströmt. Dann darf sich der Teil

über das, was zum Nutzen des Ganzen geschieht, nicht beklagen, Oder das

All ist ein Gewirr von Atomen, zufällig gemischt und zufällig getrennt.

Wozu dann deine Unruhe? Sprich nur zu deiner Vernunft: "Du bist tot,

schon in Verwesung und wie ein Tier, das auf die Weide geht und seinen

Hunger stillt."

40

Entweder die Götter vermögen nichts, oder sie haben Macht. Können sie

nichts, was betest du? Haben sie aber Macht, warum bittest du sie nicht

lieber darum, daß sie dir geben, nichts zu fürchten, nichts zu begehren,

dich über nichts zu betrüben, als darum, daß sie dich vor solchen

Dingen, die du fürchtest, bewahren oder solche, die du möchtest, dir

gewähren? Denn wenn sie den Menschen überhaupt helfen können, so können

sie ihnen doch auch dazu verhelfen. Aber vielleicht entgegnest du, das

hätten die Götter in deine Macht gestellt. Nun, ist es denn da nicht

besser, was in unserer Macht steht, mit Freiheit zu gebrauchen, als mit

knechtischem gemeinem Sinn dahin zu langen, was nicht in unserer Macht

steht? Wer aber hat dir gesagt, daß die Götter uns in den Dingen, die in

unserer Hand liegen, nicht beistehen? Fange nur an, um solche Dinge zu

bitten, dann wirst du ja sehen! Einer bittet, er möchte frei werden von

einer Last? du bitte, wie du´s nicht nötig haben möchtest, davon befreit

zu werden. Jener, daß ihm sein Kind erhalten werden möge? du, daß du

nicht fürchten mögest, es zu verlieren usf. Mit einem Wort, gib allen

deinen Gebeten eine solche Richtung, und sieh, was geschehen wird.

41

Epikur erzählt: in meinen Krankheiten erinnere ich mich nie eines

Gesprächs über die Leiden des Menschen; nie sprach ich mit denen, die

mich besuchten, darüber. Sondern ich arbeitete weiter, über

naturhistorische Gegenstände im allgemeinen und besonders nachdenkend,

wie die Seele, trotzdem, daß sie an den Bewegungen im Körper teilhat,

ruhig bleiben und das ihr eigentümliche Gut bewahren möge. Auch gab ich

den Ärzten niemals Gelegenheit, sich meinetwegen zu rühmen, als hätten

sie etwas ausgerichtet, sondern lebte nachher nicht angenehmer und

besser wie vorher. So halte es auch du, in Krankheiten nicht bloß,

sondern in jeder Widerwärtigkeit. Den Grundsatz haben alle

Philosophenschulen, gerade unter mißlichen Verhältnissen der Philosophie

sich treu zu zeigen, mit Leuten, die dem wissenschaftlichen Denken

fernstehen, lieber nicht zu schwatzen und seine Gedanken lediglich auf

das jedesmal zu Tuende und auf die Mittel zur Ausführung dessen, was uns

obliegt zu richten.

42

Sooft dir jemand mit seiner Unverschämtheit zu nahe tritt, lege dir die

Frage vor, ob es nicht Unverschämte in der Welt geben müsse? Denn das

Unmögliche wirst du doch nicht verlangen. Und dieser ist nun eben einer

von den Unverschämten, die es in der Welt geben muß. Dasselbe gilt von

den Schlauköpfen, von den Treulosen, von jedem Lasterhaften. Und sobald

dir dieser Gedanke geläufig wird, daß es unmöglich ist, daß solche Leute

nicht sind, siehst du dich auch sofort freundlicher gegen sie gestimmt.

Ebenso frommt es, daran zu denken, welche Tugend die Natur jeder dieser

bösen Richtungen gegenüber dem Menschen verliehen hat. So gab sie z.B.

der Lieblosigkeit gegenüber, gleichsam als Gegengift die Sanftmut.

Überhaupt aber steht dir frei, den Irrenden eines Besseren zu belehren.

Und ein Irrender ist jeder Böse: er führt sich durch sein Unrecht selbst

vom vorgesteckten Weg ab. Was aber schadet dir´s? Vermag er etwas wider

deine Seele?--Und was ist denn Übles oder Fremdartiges daran, wenn ein

zuchtloser Mensch tut, was eben eines solchen Menschen ist. Eher hättest

du dir selbst darüber Vorwürfe zu machen, daß du nicht erwartet hast, er

werde solches tun. Deine Vernunft gibt dir doch Anlaß genug zu dem

Gedanken, daß es wahrscheinlich sei, er werde sich auf diese Weise

vergehen, und nun, weil du nicht hörst auf das, was sie dir sagt,

wunderst du dich, daß er sich vergangen hat! Jedesmal also, wenn du

jemand der Treulosigkeit oder der Undankbarkeit beschuldigst, richte den

Blick in dein eigenes Innere. Denn offenbar ist es doch dein Fehler,

wenn du einem Menschen von solchem Charakter dein Vertrauen schenktest

oder wenn du ihm eine Wohltat erwiesest mit allerlei Nebenabsichten und

ohne den Lohn deiner Handlungsweise nur in ihr selbst zu suchen. Was

willst du denn noch weiter, wenn du einem Menschen wohlgetan? Ist´s

nicht genug, daß du deiner Natur entsprechend gehandelt? strebst du nach

einer besonderen Belohnung? Als ob das Auge Bezahlung forderte dafür,

daß es sieht, und die Füße dafür, daß sie schreiten! Und wie Aug´ und

Fuß dazu geschaffen sind, daß sie das Ihrige haben in der Erfüllung

ihrer natürlichen Verrichtungen, so hat auch der Mensch, zum Wohltun

geschaffen, sooft er ein gutes Werk getan und anderen irgendwie

äußerlich beistand, eben nur getan, wozu er bestimmt ist, und empfängt

darin das Seinige.

Selbstbetrachtungen · 第 15 / 18 题