Achtes Buch

1

Mag es immerhin deinen Ehrgeiz herabdrücken, daß du nicht allezeit, daß

du zumal in deiner Jugend nicht wie ein Philosoph gelebt hast, sondern

vielen anderen und dir selbst auch als ein Mensch erschienen bist, der

von der Philosophie weit entfernt ist, so daß es dir nicht leicht sein

dürfte, dir noch das Ansehen eines Philosophen zu verschaffen. Ein

solcher Strich durch deine Rechnung ist nur heilsam. Genügen muß es dir

nun, von jetzt an so zu leben, wie es deine Natur vorschreibt. Achte

also darauf, was sie will, und laß dich durch nichts davon abbringen. Du

hast so manches versucht, dich hierhin und dorthin gewendet, aber

nirgends dein Glück gefunden, nicht im Spekulieren, nicht im Reichtum,

nicht in der Ehre, nicht in der Sinnenlust, nirgends. Wo ist es denn nun

wirklich? Nur im Tun dessen, was die menschliche Natur begehrt. Und wie

gelangt man dazu? Dadurch, daß man die Grundsätze festhält, aus denen

ein solches Streben und Handeln mit Notwendigkeit hervorgeht, die

Grundsätze, daß dem Menschen nichts gut sei, was ihn nicht gerecht,

mäßig, standhaft und frei macht, und daß nichts böse sei, was nicht das

Gegenteil von alledem hervorbringt.

2

Bei jeder Handlung frage dich: wie steht es eigentlich damit? wird es

dich auch nicht gereuen? Eine kurze Zeit nur noch, und du bist tot und

alles hat aufgehört. Wenn aber das, was du vorhast, einem Wesen geziemt,

das Vernunft hat, auf die Gemeinschaft angewiesen ist und nach denselben

Gesetzen wie die Götter leben soll, was verlangst du mehr?

3

Was sind Alexander, Cajus und Pompejus gegen Diogenes, Heraklit und

Sokrates? Denn diese hatten die Welt der Dinge erforscht und kannten den

Grund und die Weise ihres Bestehens, und ihre Seelen blieben sich immer

gleich. Bei jenen aber, welche Furcht vor den Dingen und welche

Abhängigkeit von ihnen!

4

--Nur fein ruhig und gelassen: sie werden dasselbe tun, auch wenn du

dich zerrissest!

5

Zunächst laß dich nicht beunruhigen, alles geht seinen Gang, wie es der

Natur gemäß ist. Noch eine kurze Frist und du bist nirgends mehr, wie

Hadrian und Augustus. Dann fasse deine Lebensaufgabe unverwandten Blicks

ins Auge und denke daran, daß du ein guter Mensch sein sollst. Was die

menschliche Natur von dir fordert, tue unbeirrt, sage nur, was dir

durchaus gerecht erscheint und dies auf wohlwollende, bescheidene und

offenherzige Art.

6

Es ist Aufgabe der großen Natur, das Vorhandene von einer Stelle zur

anderen zu versetzen, es umzumodeln, wegzuräumen und neu einzupflanzen.

Alles ist Wechsel! Man darf also das Neue nicht bang erwarten. Alles ist

Gewohnheit, aber auch alles gleichmäßig verteilt.

7

In der gesamten Natur liegt die Tendenz, sich wohlzuverhalten. Die Natur

der vernunftbegabten Wesen ist aber nur dann in ihrem normalen Zustande,

wenn sie, was das Gedankenleben betrifft, weder der Unwahrheit, noch dem

Unerkannten beifällt, wenn sie die Strebungen der Seele nur auf

gemeinnützige Werke richtet, unseren Neigungen und Abneigungen nur

solche Gegenstände gibt, die in unserer Macht stehen, und wenn sie alles

billigt, was die gesamte Natur über uns verhängt. Denn sie ist ein Teil

dieser Allnatur, wie die Natur des Blattes ein Teil der Baumnatur ist,

nur daß diese als fühllose und vernunftlose in ihrem Bestehen gehemmt

werden kann, während die menschliche Natur ein Teil der ungehinderten,

vernünftigen und gerechten Natur ist, vor der die zu ihr gehörigen

Einzelwesen untereinander gleich sind, indem sie jedem von Zeit und

Stoff und Form und Fähigkeit so viel gibt, als seinem Wesen entspricht,

eine Gleichheit, die wir freilich nicht sehen, wenn wir die Einzelwesen

untereinander vergleichen, sondern nur, wenn wir deren Gesamtheit mit

der der andern Ordnung zusammenhalten.

8

So manches geziemt sich nicht zu jeder Zeit. Wohl aber geziemt sich´s

immer, den Stolz zurückzudrängen, Freud und Leid gering zu achten, über

ehrgeizige Gelüste erhaben zu sein, gefühllosen und undankbaren Menschen

nicht zu zürnen, ja vielmehr sich ihrer anzunehmen.

9

Niemand höre hinfort von dir, daß du das Leben am Hofe überhaupt oder

nur das deinige tadelst.

10

Die Reue ist eine Selbstanklage darüber, daß man sich einen Vorteil hat

entgehen lassen. Das Gute aber ist notwendigerweise vorteilhaft und

somit auch die Sorge des guten und edlen Menschen. Dagegen hat wohl noch

nie der edle Mensch darüber Reue gefühlt daß er sich ein Vergnügen hat

entgehen lassen; woraus zu entnehmen ist, daß die Lust nichts

Vorteilhaftes und nichts Gutes ist.

11

Was ist dieser Gegenstand hier seinem Wesen und seinen Eigenschaften

nach? Was ist er nach seinem Stoff? Welche Kraft wirkt in ihm? Was tut

er in der Welt und wie lange ist seine Dauer?

12

Sooft du verdrossen vom Schlaf erwachst, bedenke, daß gemeinnützige

Handlungen deinen Anlagen und deinem Charakter entsprechen, der Schlaf

dir aber mit den vernunftlosen Tieren gemeinsam ist. Was nun der Natur

eines jeden Wesens entspricht, ist demselben verwandter, angemessener,

ja sogar angenehmer.

13

Ohne Unterlaß und womöglich bei jedem Gedanken wende die Lehren der

Physik, der Ethik und der Dialektik an!

14

Sobald du weißt, was für Ansichten und Grundsätze einer hat über Gut und

Böse, über Lust und Schmerz und über die Wirkungen beider, über Ehre und

Schande, Leben und Sterben, kann dir nicht wunderbar und fremdartig

vorkommen, was er tut; du weißt alsdann: er ist gezwungen, so zu

handeln. Und ferner wenn sich doch kein Mensch darüber wundert, daß der

Feigenbaum Feigen trägt, und der Arzt nicht, wenn jemand das Fieber hat,

noch der Steuermann wenn der Wind entgegensteht; warum also befremdlich

finden, daß das Weltganze hervorbringt, was dem Keime nach in ihm liegt?

15

Seine Meinung zu ändern, und dem, der sie berichtigt, Gehör zu schenken,

ist nichts, was unsere Selbständigkeit aufhebt. Es ist ja doch auch dann

dein Trieb und Urteil, dein Sinn, aus welchem deine Tätigkeit

hervorgeht.

16

Lag´s an dir, warum hast du´s getan? War ein anderer schuld, wem willst

du Vorwürfe machen? Den Atomen oder den Göttern? Beides ist Unsinn. Du

hast niemand Vorwürfe zu machen. Suche den, der schuld war, eines

Besseren zu belehren, oder wenn dies nicht möglich, bessere an der Sache

selbst. Aber auch, wenn dieses nicht angeht, wozu dienen die Vorwürfe?

Man muß eben nichts ohne Überlegung tun.

17

Was stirbt, kommt darum noch nicht aus der Welt. Aber wenn es auch hier

bleibt, verändert es sich doch und löst sich auf in seine Grundstoffe,

in die Elemente der Welt und in deine. Und auch diese ändern sich--ohne

Murren.

18

Jedes Wesen, z.B. ein Pferd, ein Weinstock, dient irgendeinem Zweck. Was

Wunder? Auch die Sonne wird dir sagen: "Ich muß wirken" und ebenso die

übrigen Gottheiten. Wozu gibt´s dich? Etwa zu sinnlichen Freuden? Sieh

doch einmal zu, ob vernünftiges Nachdenken das gestattet!

19

Es ist mit jedem Dinge, seinem Ende, Ursprunge und Bestehen nach nicht

anders wie mit einem Ball, den jemand wirft. Ist´s etwas Gutes, wenn er

in die Höhe steigt, oder etwas Schlimmes, wenn er niederfährt und zur

Erde fällt? Was ist´s für eine Wohltat für die Wasserblase, wenn sie

zusammenhält, und was für ein Leid, wenn sie zerplatzt? Und ebenso das

Licht, wenn es brennt und wenn es verlischt?

20

Drehe einmal das Innere deines Körpers nach außen und sieh, welcher Art

es ist, wenn Alter, Krankheit, Ausschweifung ihn aufreiben! Kurz dauert

sowohl das Leben dessen, der lobt, als dessen, der gelobt wird, dessen,

der eines anderen gedenkt und dessen gedacht wird. Überdies geschieht

dies ja nur in einem kleinen Winkel der Erde und selbst da stimmen nicht

alle überein. Und die ganze Erde ist nur ein Punkt.

21

Was du tust, setze stets in Beziehung auf der Menschen Wohlfahrt; was

dir widerfährt, nimm hin und beziehe es auf die Götter, als auf die

Quelle aller Dinge, aus der jegliches Geschehen herausfließt.

22

Habe acht auf das, was dir gerade vorliegt, sei es eine Ansicht oder ein

Geschehnis oder ein Ausdruck! Sonst geschieht dir ganz recht. Du willst

lieber erst morgen gut werden, als es heute schon sein.

23

Was siehst du beim Baden? Öl, Schweiß, Schmutz, klebriges Wasser--lauter

ekelerregende Dinge. Von ebender Art ist jeder einzelne Teil des Lebens

und was darin vorkommt.

24

Lucilla sah den Verus sterben, nachher starb auch Lucilla, Secunda den

Marimus und dann folgte ihm Secunda, Epitynchanus den Diotimus und bald

folgte diesem Epitynchanus, Antoninus die Faustina und dann folgte ihr

Antoninus nach, Celer den Hadrian und dann starb auch Celer. So ging´s

mit allen.

25

Jene scharfsinnigen Menschen, jene Zukunftsdeuter, jene Hohlköpfe--wo

sind sie? Wo, z.B., die scharfsinnigen Männer wie Charax, Demetrius, die

Platoniker, Eudämon und andere der Art? Alle vergänglich und längst

schon tot. Von einigen hat sich nicht einmal auf kurze Zeit ein Andenken

erhalten. Aus anderen wurden Helden der Fabel; andere wiederum

verschwanden bereits aus dieser Reihe. Gedenke also dessen, daß auch

dein Körperbau sich auflösen, sein Lebensgeist erlöschen oder auswandern

oder sich versetzen lassen muß.

26

Die Freude der Menschen besteht darin, wahrhaft menschlich zu handeln.

Wahrhaft menschlich ist aber das Wohlwollen gegen seinesgleichen,

Verachtung der Sinnenreife, Unterscheidung bestechender Vorstellungen,

Betrachtung der Allnatur und ihrer Wirkungen.

27

Für den Menschen sind dreierlei Beziehungen wichtig, erstens die zu

seiner eigenen, ihn umgebenden Körperhülle, zweitens die zu seinem

göttlichen Ursprung der alles bewirkt, und drittens zu den Zeitgenossen.

28

Der Schmerz ist entweder für den Leib ein Übel--dann geht er nur diesen

etwas an--oder eines für die Seele. Die Seele kann aber ihre Heiterkeit

und Ruhe bewahren und den Schmerz deshalb für kein Übel nehmen. Denn

Urteil, Trieb, Neigung und Abneigung haben sämtlich ihren Sitz im

Innern. Und kein Übel kann da eindringen.

29

Unterdrücke deine Einbildungen und sage dir bei jeder Gelegenheit: Nun

steht es doch bei mir allein, keine Bosheit, keine Begierde und

überhaupt keine Leidenschaft in der Seele aufkommen zu lassen. Dagegen

will ich alles nach seinem Wesen betrachten und seinem Wert entsprechend

benutzen. Vergiß nicht diese dir von der Natur geschenkte Gabe!

30

Rede würdevoll im Senat wie im geselligen Verkehr, ohne affektiert zu

werden. Rede mit gesunder Vernunft!

31

Der Hof des Augustus, seine Gemahlin, seine Tochter, seine Enkel, seine

Stiefsöhne, seine Schwester, Agrippa, seine Verwandten, Hausgenossen und

Freunde, Arius, Mäcenas, seine Leibärzte und Priester, kurz sein ganzer

Hof--eine Beute des Totes! Von da geh weiter, nicht etwa zum Tod eines

Einzelmenschen, sondern zum Aussterben ganzer Familien, wie der der

Pompejer. Manches Grabmal trägt die Aufschrift: "Der Letzte seines

Stammes." Und nun stelle dir vor, wie sehr sich die Vorfahren bemühten,

einen Stammhalter zu hinterlassen und doch mußte einer notwendig der

letzte sein. Überdies denke an das Vergehen ganzer Geschlechter.

32

Wir müssen in unser Leben Ordnung und Planmäßigkeit bringen, und jede

unserer Handlungen muß ihren bestimmten Zweck haben. Wenn sie den

erreicht ist es gut; und eigentlich kann sie niemand daran hindern.

Äußere Hemmnisse können wenigstens nichts tun, um sie minder gerecht,

besonnen, überlegt zu machen, und wenn sie sonst deiner Tätigkeit etwas

in den Weg legen, bietet sich wohl gerade durch ein Hindernis, wenn

man´s nur gelassen aufnimmt und begierig acht hat auf das, was zu tun

übrigbleibt, ein neuer Gegenstand der Tätigkeit, dessen Behandlung sich

in die Lebensordnung fügen läßt, von der wir reden.

33

Sei bescheiden, wenn du empfangen, und frisch bei der Hand, wenn du

etwas weggeben sollst!

34

Solltest du einmal eine abgehauene Hand, einen Fuß, einen Kopf, getrennt

vom übrigen Körper zu sehen bekommen: siehe, das sind Sinnbilder solcher

Menschen, die nicht zufrieden sein wollen mit ihrem Schicksal, oder

deren Handlungsweise bloß ihrem eigenen Vorteil dient, ein Sinnbild auch

deines Wesens, wie du manchmal bist. Doch sieh, es steht dir frei, dich

wieder mit dem großen Ganzen zu vereinigen, von dem du dich geschieden

hast. Anderen Gliedern des Weltalls verstattet die Gottheit nicht,

nachdem sie sich abgelöst haben, wieder zusammenzukommen. Aber dem

Menschen hat es ihre Güte gewährt. Sie legte es von Haus aus in des

Menschen Hand, in dem Zusammenhang mit dem Ganzen zu verbleiben und wenn

er daraus geschieden war, zurückzukehren, aufs neue mit ihm zu

verwachsen und den alten Platz wieder einzunehmen.

35

Wie die Natur jegliches Hindernis als solches zu beseitigen, in ihre

Notwendigkeit hereinzuziehen und zu einem Bestandteil ihrer selbst zu

machen weiß, so kann auch das vernunftbegabte Wesen jede Hemmung in

seinen eigenen Stoff verwandeln und sie benutzen zur Verwirklichung

seines Strebens, worauf dasselbe auch gerichtet sein möge.

36

Wenn du dein Leben im ganzen vor dir hättest, wenn du sähest, was dir

alles bevorsteht, welche Entmutigung müßte dich ergreifen! Aber wenn du

ruhig wartetest, bis es kommt, und bei jedem einzelnen, wenn es da ist,

dich fragtest, was denn dabei eigentlich nicht zu ertragen sei--du

müßtest dich deiner Verzagtheit schämen. Kümmern sollten wir uns immer

nur um das Gegenwärtige, da uns nur dieses, nicht Zukünftiges und nicht

Vergangenes, wirklich lästig fallen kann. Und unfehlbar wird diese Last

gemindert, wenn wir das Gegenwärtige rein so nehmen, wie es ist, ihm

nichts Fremdes hinzudichten und uns selber widerlegen, wenn wir meinen,

auch dies nicht einmal ertragen zu können.

37

Sitzen etwa auch jetzt noch Panthea und Pergamus am Sarge des Verus?

Oder Chaurias und Diotimus an Hadrians Grab? Das wäre lächerlich. Würden

es aber jene fühlen, wenn sie daneben säßen und, wenn sie es fühlten,

würden sie sich freuen, und wenn sie sich freuten, würden diese dadurch

unsterblich sein? War es nicht auch ihre Bestimmung zuerst, alte Frauen

und Männer zu werden und dann zu sterben? Und können denn die Klagenden

dem Tod entrinnen? Der ganze Körper ist ein Schlauch voll Unrat und

Moder.

38

Ist dir Scharfsinn eigen, verwende ihn zu klugem Urteil.

39

Unter den Anlagen vernunftbegabter Wesen finde ich keine, die der

Gerechtigkeit gegenübersteht, wohl aber eine, die der Wollust das

Gleichgewicht hält: die Enthaltsamkeit.

40

Könntest du deine Ansicht über das, was dich zu schmerzen scheint,

ändern, so würdest du vollständig in Sicherheit sein. Wer ist das /du/,

frage ich: die Vernunft. Aber ich bin nicht die Vernunft, entgegnest du.

Mag sein, wenn sich die Vernunft nur eben nicht betrübt. Alles übrige,

wenn es sich schlecht befindet, mag denken und fühlen, was es will.

41

Jede Hemmung des Empfindungslebens sowohl, wie die eines Triebes ist für

die tierische Natur ein Übel. Anders die Hemmungen und Übel im

Pflanzenleben. Für die geistbegabten Wesen aber kann nur das ein Übel

sein, was das Geistesleben stört. Hiervon mache die Anwendung auf dich

selbst. Leid und Freude berühren nur die Sphäre des Empfindens. Eine

Hemmung des Triebes kann allerdings auch schon für die vernünftige

Kreatur ein Übel sein; allein nur dann, wenn es ein absoluter Trieb ist.

Dann aber, wenn du so nur das Allgemeine ins Auge fassest, was sollte

dir schaden und was dich hindern können? Denn in die dem Geiste

eigentümliche Sphäre kann nichts anderes störend eingreifen, nicht

Feuer, nicht Eisen, kein Despot, keine Lästerung, nichts, was nicht vom

Geiste selber herrührt. Solange eine Kugel besteht, so lange bleibt sie

eben--rund nach allen Seiten.

42

Habe ich noch niemals einen andern absichtlich betrübt so ziemt es mir

auch nicht, mich selber zu betrüben.

43

Mögen andere ihre Freude haben, woran sie wollen; meine Freude ist, wenn

ich eine gesunde Seele habe, ein Herz, das keinem Menschen zürnt, nichts

Menschliches sich fernhält, sondern alles mit freundlichem Blick ansieht

und aufnimmt und jedem begegnet, wie´s ihm gebührt.

44

Nütze die Gegenwart aus. Wer dem Nachruhm lieber nachgeht, bedenkt

nicht, daß die kommenden Geschlechter ebenso beschaffen sein werden, wie

jene, unter denen er leidet. Auch sie sind ja sterblich. Überhaupt was

kümmert es dich, ob unter ihnen diese und jene Stimmen über dich laut

werden oder ob sie diese und jene Meinung von dir haben?

45

Nimm mich und versetze mich, wohin du willst! Bringe ich doch überall

den Genius mit, der mir günstig ist, den Geist, der seine Aufgabe darin

erkennt, sich so zu verhalten und so zu wirken, wie es seine Bildung

verlangt. Und welche äußere Lebensstellung wäre es wert, daß um

ihretwillen meine Seele sich schlecht befinde und herabgedrückt oder

gewaltsam erregt, gebunden oder bestürzt gemacht ihres Wertes verlustig

ginge? Was kannst du finden, das solcher Opfer wert wäre?

46

Keinem kann etwas begegnen, das nicht Menschenschicksal wäre, so wenig

als dem Stier etwas zustößt, das nicht der Stiernatur, oder dem

Weinstock etwas, das nicht dem Wesen des Weinstocks, oder dem Stein

etwas, das nicht der Natur des Steins angemessen wäre. Wenn nun jedem

begegnet, was gewöhnlich oder natürlich ist, warum solltest du dich

darüber ärgern? Denn die Natur durfte nichts Unerträgliches über dich

verhängen.

47

Wenn in deiner Gemütsverfassung etwas ist, was dich bekümmert, wer

hindert dich, den leitenden Gedanken der die Störung verursacht, zu

berichtigen? Ebenso wenn es dir leid ist, das nicht getan zu haben, was

dir als das einzig Richtige erscheint, warum tust du es nicht lieber

noch, sondern gibst dich dem Schmerz darüber hin? Du vermagst es nicht,

ein Hindernis, stärker als daß du´s beseitigen könntest, hält dich ab?

Nun so wehre der Traurigkeit nur um so mehr: der Grund, warum du´s

unterließest, liegt ja dann nicht in dir! Aber freilich, wenn man nicht

so handeln kann, ist´s nicht wert zu leben. Und darum scheide du aus dem

Leben mit frohem Mut und--da du ja auch sterben müßtest, wenn du so

gehandelt--freundlichen Sinnes gegen die, die dich gehindert!

48

Die Seele des Menschen ist unangreifbar, wenn sie in sich gesammelt

daran sich genügen läßt, daß sie nichts tut, was sie nicht will, auch

wenn sie sich einmal unvernünftigerweise widersetzen sollte, am meisten

aber, wenn sie jederzeit mit Vernunft zu Werke geht. Darum, sage ich,

ist die leidenschaftslose Seele eine wahre Burg und Festung. Denn der

Mensch hat keine stärkere Schutzwehr. Hat er sich hier geborgen, kann

ihn nichts gefangen nehmen. Wer dies nicht einsieht, ist unverständig;

wer es aber einsieht und dennoch seine Zuflucht dort nicht sucht,

unglücklich.

49

Zu dem, was dich ein erster scharfer Blick gelehrt, füge weiter nichts

hinzu. Du hast erfahren, der und jener rede schlecht von dir. Nun gut.

Aber, daß du gekränkt seist, das hast du nicht gehört. Du siehst, dein

Kind ist krank. Nun gut. Aber daß es in Gefahr schwebe, das siehst du

nicht. Und so lasse es immer bei dem ersten bewenden, und füge nichts

aus deinem Innern hinzu, so wird dir auch nichts geschehen. Hast du aber

dennoch deine weiteren Gedanken dabei, so beweise dich hierin gerade als

ein Mensch, der, was im Leben zu geschehen pflegt, durchschaut hat.

50

"Hier, diese Gurke ist bitter." Lege sie weg! "Hier ist ein

Dornstrauch." Geh ihm aus dem Weg! Weiter ist darüber nichts zu sagen.

Wolltest du fortfahren und fragen: aber wozu in aller Welt ist solches

Zeug? so würde dich der Naturforscher gründlich auslachen, ebenso wie

dich der Tischler und der Schuster auslachen würde, wenn du´s ihnen zum

Vorwurf machtest, daß in ihren Werkstätten Späne und Überbleibsel aller

Art herumliegen. Mit dem Unterschiede, daß diese Leute einen Ort haben,

wohin sie diese Dinge werfen, die Natur aber hat nichts draußen. Sondern

das Bewunderungswürdige ihrer Kunst besteht eben darin, daß sie, die

sich lediglich selber begrenzt, alles, was in ihr zu verderben, alt und

unnütz zu werden droht, so in sich hinein verwandelt, daß sie daraus

wieder etwas anderes Neues macht, daß sie keines Stoffes außer sich

selbst bedarf und das faul Gewordene nicht hinauswerfen muß. Sie hat an

ihrem eigenen Raume, an ihrem eigenen Material und an ihrer eigenen

Kunst völlig genug.

51

Sei in deinem Tun nicht fahrlässig, in deinen Reden nicht verworren, in

deinen Gedanken nicht zerstreut; laß dein Gemüt nicht eng werden, noch

leidenschaftlich aufwallen, noch laß dich von Geschäften vollauf in

Beschlag nehmen. Mögen sie dich ermorden, zerfleischen, verfluchen, was

tut´s? Deine denkende Seele kann dessenungeachtet rein, verständig,

besonnen und gerecht bleiben. Hört denn die reine süße Quelle auf, rein

und süß zu quellen, wenn einer, der dabei steht, sie verwünscht? Und

wenn er Schmutz und Schlamm hineinwürfe, würde sie´s nicht sofort

ausscheiden und hinwegspülen, um rein zu bleiben wie zuvor? Du auch bist

im Besitz einer solchen ewig reinen Quelle, wenn du die Seele frei,

liebevoll, einfältig ehrfurchtsvoll dir zu bewahren weißt.

52

Wer nicht weiß, was die Welt ist, weiß nicht, wo er lebt. Aber nur, der

da weiß, wozu er da ist, weiß, was die Welt ist. Wem aber eins von

diesen Stücken fehlt, der kann auch wohl seine eigene Bestimmung nicht

angeben. In welchem Lichte erscheint dir nun der Mensch, der um den

lauten Beifall jener buhlt, die nicht wissen, wo noch wer sie sind?

53

Soll dich ein Mensch loben, der sich in einer Stunde dreimal verflucht?

Wie oft strebst du danach, einem Menschen zu gefallen, der sich selber

nicht gefällt? Oder kann sich der gefallen, der fast alles, was er tut,

bereut?

54

Hinfort verkehre du nicht bloß mit der dich umgebenden Luft, sondern

ebenso auch mit dem alles umgebenden Geiste! Denn der Geist ergießt und

verteilt sich nicht minder überall dahin, wo jemand ist, der ihn

einzusaugen vermag, als die Luft dahin, wo man sie atmen kann.

55

Im allgemeinen schadet das Böse der Welt nicht, und im einzelnen Falle

schadet es nur dem, dem es vergönnt ist, sich frei davon zu machen,

sobald er nur will.

56

Nach meinem Dafürhalten ist die Ansicht, die mein Nächster hat, etwas

ebenso Gleichgültiges für mich als sein ganzes geistiges und leibliches

Wesen. Denn wenn es auch durchaus richtig ist, daß wir einer um des

andern willen da sind, so ist doch jede unserer Seelen etwas

Selbständiges für sich. Wäre dies nicht, so müßte ja auch die

Schlechtigkeit meines Nebenmenschen mein Verderben sein, was doch der

Gottheit nicht gefallen hat, so einzurichten, damit mein Unglück nicht

von andern abhängig sei.

57

Die Sonnenstrahlen scheinen von der Sonne herzuströmen, und wiewohl sie

sich überallhin ergießen, werden sie doch nicht ausgegossen. Denn

dieses Fließen und Gießen ist nichts als Ausdehnung. Recht deutlich kann

man sehen, was der Strahl sei, wenn die Sonne durch eine enge Öffnung in

einen dunkeln Raum scheint. Ihr Strahl fällt in gerader Richtung und

wird, nachdem er die Luft durchschnitten hat, an dem gegenüberstehenden

Körper gleichsam gebrochen. Doch bleibt er an ihm haften und löscht

nicht aus. Ebenso müssen nun die Ausstrahlungen der Seele sein, kein

Ausgießen, sondern ein sich Ausdehnen, kein heftiges und stürmisches

Aufprallen auf die sich entgegenstellenden Dinge, aber auch kein

Herabgleiten von ihnen, sondern ein Beharren und Erleuchten alles

dessen, was ihrer Strömung begegnet, und so, als beraube jegliches Ding

sich selbst ihres Glanzes, wenn es ihn nicht empfängt.

58

Wer sich vor dem Tode fürchtet, fürchtet sich entweder vor dem Erlöschen

jeglicher Empfindung, oder vor einem Wechsel des Empfindens. Aber wenn

man gar nichts mehr fühlt, ist auch ein Schmerz nicht mehr möglich.

Erhalten wir aber ein anderes Fühlen, so werden wir andere Wesen, hören

also auch nicht auf zu leben.

59

Die Menschen sind füreinander geboren. So belehre oder dulde, die´s

nicht wissen.

60

Anders ist der Flug des Geschosses und anders der, den der Geist nimmt.

Und doch bewegt sich der Geist, wenn er Bedacht nimmt, oder wenn er

überlegt, nicht weniger in gerader Richtung und dem Ziel entgegen.

61

Suche einzudringen in jedes Menschen Inneres, aber verstatte es auch

jedermann, in deine Seele einzudringen!

Selbstbetrachtungen · 第 14 / 18 题