1
Der Stoff der Welt ist bildsam und gefügig, aber etwas Böses kann der
ihn beherrschende Geist damit aus sich selbst heraus nicht vornehmen,
weil Schlechtes in ihm gar keine Statt hat. Durch ihn kann nichts zu
Schaden kommen, und es ist nichts, was sich nicht ihm gemäß gestaltete
und vollendete.
2
Darauf darf dir nichts ankommen, ob du vor Kälte klappernd oder im
Schweiß gebadet deine Pflicht tust; ob du dabei einschläfst oder des
Schlafes überdrüssig wirst; ob du dadurch in schlechten oder in guten
Ruf kommst; ob du darunter das Leben einbüßest oder sonst etwas leiden
mußt. Denn auch das Sterben ist ja nur eine von den Aufgaben des Lebens.
Genug, wenn du sie glücklich lösest, sobald sie dir vorliegt.
3
Sieh auf den Grund jeder Sache! Ihre Eigenschaften dürfen deinem Blick
ebensowenig wie ihr Wert entgehen.
4
In der Sinnenwelt verwandelt sich alles sehr schnell und löst sich
entweder auf, wenn die Körperwelt ein Ganzes bleibt, oder zerstreut sich
in Atome.
5
Die alles beherrschende Vernunft weiß wohl, in welcher Stellung sie sich
befindet und auf welche Art von Stoff sie wirkt.
6
Die beste Art, sich an jemand zu rächen, ist, es ihm nicht gleich zu
tun.
7
Darin allein suche deine Freude und Erholung, mit dem Gedanken an Gott
von einer Liebestat zur andern zu schreiten!
8
Das nenne ich die Seele oder das die Herrschaftführende im Menschen, was
ihn weckt und lenkt, was ihn zu dem macht, was er ist und sein will, und
was bewirkt, daß alles, was ihm widerfährt, ihm so erscheine, wie er´s
haben will.
9
Jegliches Ding vollendet sich gemäß der Natur des Ganzen, nicht in
Gemäßheit eines andern Wesens, das etwa die Dinge von außen umgebe oder
eingeschlossen wäre in ihrem Innern oder gar völlig getrennt von ihnen.
10
Entweder es ist alles ein Gebräu des Zufalls, Verflechtung und
Zerstreuung, oder es gibt eine Einheit, eine Ordnung, eine Vorsehung.
Nehm ich das erstere an, wie kann ich wünschen in diesem planlosen
Gemisch, in dieser allgemeinen Verwirrung zu bleiben? Was könnte mir
dann lieber sein, als so bald wie möglich Erde zu werden? Denn die
Auflösung wartete meiner, was ich auch anfinge. Ist aber das andere, so
bin ich mit Ehrfurcht erfüllt und heiteren Sinnes und vertraue dem
Herrscher des Alls.
11
Wenn in deiner Umgebung etwas geschieht, was dich aufbringen und empören
will, so ziehe dich rasch in dich selbst zurück, und gib den Eindrücken,
die deine Haltung aufs Spiel setzen, dich nicht über Gebühr hin. Je
öfter wir die harmonische Stimmung der Seele wiederzugewinnen wissen,
desto fähiger werden wir, sie immer zu behaupten.
12
Wenn du eine Stiefmutter und eine rechte Mutter zugleich hättest, so
würdest du zwar jene ehren, deine Zuflucht aber doch stets bei dieser
suchen. Ebenso ist es bei mir mit dem Hofleben und der Philosophie. Hier
der Ort, wo ich einkehre, hier meine Ruhestätte. Auch ist es die
Philosophie, die mir jenes erträglich macht und die mich selbst
erträglich macht an meinem Hofe.
13
Es ist gar nicht so unrecht, wenn man sich beim Essen und Trinken sagt:
also dies ist der Leichnam eines Fisches, dies der Leichnam eines
Vogels, eines Schweines usw. und beim Falernerwein: dies hier der
ausgedrückte Saft einer Traube, oder beim Anblick eines Purpurkleides:
Was du hier siehst, sind Tierhaare in Schneckenblut getaucht--denn
solche Vorstellungen geben uns ein Bild der Sache, wie sie wirklich ist,
und dringen in ihr inneres Wesen ein.--Man mache es nur überhaupt im
Leben so, entkleide alles, was sich uns als des Strebens würdig
aufdrängt, seiner Umhüllung, und sehe von dem äußeren Glanze ab, mit dem
es wichtig tut. Der Schein ist ein gefährlicher Betrüger. Gerade wenn du
glaubst mit ernsten und hohen Dingen beschäftigt zu sein, übt er am
meisten seine täuschende Gewalt.
14
Die Menge legt den höchsten Wert auf den Besitz rein sinnlicher Dinge.
Teils sind es Dinge von festem und natürlichem Zusammenhalt, wie Steine
und Holzarten, z.B. Feigenbäume, Weinstöcke und Ölbäume. Höher hinauf
fängt man an den Nutzen einzusehen, den uns die belebte Natur leistet,
wie Herden von Groß- oder Kleinvieh, und noch eine Stufe höher die
Brauchbarkeit der in unserm Dienst stehenden Einzelvernunft. Wer aber
nichts Edleres und Höheres kennt, als das allgemeine Vernunftwesen, dem
ist jenes alles geringfügig und unbedeutend. Er hat kein anderes
Interesse, als daß seine Vernunft der allgemeinen Menschenvernunft
entspreche und so sich jederzeit bewege, und daß er andere
seinesgleichen ebendahin bringe.
15
Hier ist etwas, das im Werden begriffen ist, dort etwas, das geworden
sein möchte; und doch ist jedes Werdende zum Teil auch schon vergangen.
Dieses Fließen und Wechseln erneuert die Welt fort und fort, wie der
ununterbrochene Schritt der Zeit die Ewigkeit erneuert. Wolltest du nun
auf etwas, das diesem Strome angehört der nimmer still steht, einen
besonderen Wert legen, so würdest du einem Menschen gleichen, der eben
anfinge, einen vorüberfliegenden Sperling in sein Herz zu schließen,
gerade wenn er seinen Blicken auch schon entschwunden ist. Ist doch das
Leben selbst nichts anderes als das Verdunsten des Bluts und das
Einatmen der Luft. Und sowie du, was du eingezogen hast, im
nächstfolgenden Augenblick immer wieder hingibst, so wirst du auch
dieses ganze Atmungsvermögen, das du gestern oder vorgestern empfingst,
wieder hingeben.
16
Nicht das ist das Wichtige, daß wir ausatmen wie die Pflanzen, einatmen
wie die Tiere, oder daß wir die Bilder der Dinge in unserer Vorstellung
haben, daß wir durch Triebe in Bewegung gesetzt werden, daß wir uns
zusammenscharen, oder daß wir uns nähren--denn dieselbe Bedeutung hat
auch das Ausscheiden der überflüssigen Nahrung; auch nicht, daß wir
beklatscht werden--und die Ehre ist größtenteils nichts anderes. Sondern
daß man der uns eigentümlichen Bildung gemäß sich gehen lasse oder an
sich halte, worauf ja jedes Studium und jede Kunst gerichtet ist. Denn
jede Arbeit will nichts anderes als die Dinge ihrem Zweck gemäß
gestalten, wie man am Weingärtner, am Pferdebändiger, am Lehrer und
Pädagogen sehen kann. In dieser gestaltenden Tätigkeit liegt der ganze
Wert unseres Daseins. Steht es damit gut bei dir, so brauchst du dir um
andere Dinge keine Sorge zu machen. Hörst du aber nicht auf, auf eine
Menge anderer Dinge Wert zu legen, so bist du auch noch kein freier,
selbständiger, leidenschaftsloser Mensch, sondern stets in der Lage,
neidisch und eifersüchtig und hinterlistig zu sein gegen die, die
besitzen, was du so hochstellst, und argwöhnisch, daß es dir einer
nehmen möchte, und in Verzweiflung, wenn es dir fehlt, und voll Tadel
gegen die Götter. Ist es aber die Gesinnung allein, die deinen Wert und
deine Würde in deinen Augen ausmacht, so wirst du dich selber achten,
deinen Nebenmenschen gefallen und die Götter loben und preisen können.
17
Aufwärts und niederwärts--ein Kreislauf ist die Bewegung der Urstoffe.
Auch die Tugend geht ihren Gang, doch er ist ganz anderer Art, mehr so
wie der Lauf, den das Göttliche nimmt. Mag er auch schwer zu begreifen
sein: das sieht man, daß sie vorwärts schreitet.
18
Was tut man? Die Zeitgenossen mag man nicht rühmen, aber von den
Nachkommen, die man nicht kennt noch jemals kennen wird, will man
gerühmt werden. Ist das nicht gerade so, wie wenn´s dich schmerzte, daß
deine Vorfahren nichts von dir zu rühmen hatten?
19
Denke nicht, wenn dir etwas schwer fällt, es sei nicht menschen-möglich.
Und was nur irgendeinem Menschen möglich und geziemend ist, davon sei
überzeugt daß es auch für dich erreichbar sein wird.
20
Wenn uns in der Fechtschule jemand geritzt oder beim Ringen einen Schlag
versetzt hat, so tragen wir ihm das gewiß nicht nach, fühlen uns auch
nicht beleidigt und denken nichts Übles von dem Menschen; wir nehmen uns
wohl vor ihm in acht, aber nicht als vor einem Feinde, der uns
verdächtig sein müßte, sondern nur so, daß wir ihm ruhig aus dem Wege
gehen. Machten wir es doch im Leben auch so! Ließen wir doch da auch so
manches unbeachtet, was uns von denen widerfährt, mit denen wir ringen.
Es steht uns ja immer frei, den Leuten, wie ich´s genannt habe, aus dem
Wege zu gehen, ohne Argwohn und ohne Groll.
21
Wenn mich jemand überzeugen und mir beweisen kann, daß meine Ansicht
oder meine Handlungsweise nicht die richtige sei, so will ich sie mit
Freuden ändern. Denn ich suche die Wahrheit, sie, die niemand Schaden
zufügt. Wohl aber nimmt Derjenige Schaden, der auf seinem Irrtum und
seiner Unwissenheit beharrt.
22
Ich suche das meinige zu tun: alles übrige, alles was leblos oder
vernunftlos oder seines Weges unkundig und verirrt ist, geht mich nichts
an und kann mich nicht irremachen.
23
Die unvernünftigen Tiere und alle vernunftlosen Dinge, die dir, dem
Vernunftbegabten zu Gebote stehen, magst du mit edlem, freiem Sinn
gebrauchen. Die Menschen aber, die ebenso vernunftbegabten, brauche so,
daß du auf die Verbindung Rücksicht nimmst, in der du von Natur mit
ihnen stehst. Und bei allem, was du tust, rufe die Götter an, ohne dir
Sorge zu machen um das "Wie lang?", denn selbst drei Stunden Lebensfrist
genügten!
24
Alexander der Große und sein Maultiertreiber sind beide an denselben Ort
gegangen. Entweder wurden sie beide in dieselben Kräfte der zu immer
neuen Schöpfungen bereiten Welt aufgenommen, oder sie lösten sich beide
auf gleiche Weise in ihre Atome auf.
25
Bedenke, wie vielerlei in einem jeden unter uns in einem und demselben
Augenblick zugleich vorgeht, sei´s Leibliches, sei´s Geistiges. So
kannst du dich nicht wundern, wenn so viel mehr, wenn alles, was
geschieht in dem einen und allen, das wir Welt nennen, zugleich
vorhanden ist.
26
Wenn jemand dich fragte, wie der Name Antonin geschrieben wird, würdest
du da nicht jeden Buchstaben deutlich und mit gehaltener Stimme angeben?
Warum machst du´s nicht auch so, wenn jemand mit dir zankt? Warum zankst
du wieder und bringst deine Worte nicht ruhig und gemessen vor? Auf die
Gemessenheit kommt´s an bei jeder Pflichterfüllung. Bewahre sie dir, laß
dich nicht aufbringen, leide den, der dich nicht leiden kann, und gehe
ruhig deines Weges.
27
Welch ein Mangel an Bildung, wenn du den Menschen verbieten willst, nach
dem zu streben, was ihnen gut und nützlich scheint! Und doch tust du´s
gewissermaßen immer, wenn du darüber Klage führst, daß sie unrecht
handeln. Denn auch dabei sind sie doch stets um das bemüht, was ihnen
gut und nützlich ist. Du sagst, es sei nicht so, es sei nicht das
wahrhaft Nützliche. Darum belehre sie und zeige es ihnen, ohne darüber
zu klagen.
28
Der Tod ist das Ausruhen von den Widersprüchen der sinnlichen
Wahrnehmungen, von den Regungen unserer Leidenschaften, von den
Entwicklungen unseres Geistes und von dem Dienst des Fleisches.
29
Schändlich ist es, wenn die Seele in deinem Leben eher den Dienst
versagt, als der Leib ermüdet ist.
30
Nimm dich in acht ein Tyrann zu werden, es liegt etwas Ansteckendes in
dieser Hofluft. Bewahre deine Einfalt, Tugend, Reinheit, Würde, deine
Natürlichkeit, Gottesfurcht, deine Gerechtigkeitsliebe, deine Liebe und
Güte und deinen Eifer in Erfüllung der Pflicht. Ringe danach, daß du
bleibst, wie dich die Philosophie haben will. Ehre die Götter und sorge
für das Heil der Menschen! Das Leben ist kurz. Daß es dir eine Frucht
nicht schuldig bleibe: die heilige Gesinnung, aus der die Werke für das
Wohl der andern fließen! Drum sei in allen Stücken ein Schüler deines
Vorgängers Antonin! so beharrlich und fest wie er im Gehorsam gegen die
Gebote der Vernunft, so gleichmütig in allen Dingen, so ehrwürdig und
heiter und warm, auch im Äußeren, so freundlich, so fern von jeder
Ruhmbegier und doch so eifrig, alles zu begreifen und in sich zu
verarbeiten! Unterließ er doch nichts, wovon er sich nicht zuvor
gründlich überzeugt hätte, daß es untunlich sei; ertrug er doch geduldig
alle, die in ungerechter Weise tadelten, ohne sie wieder zu tadeln.
Nichts betrieb er auf eilfertige Manier, und niemals fanden
Verleumdungen bei ihm Gehör. Wie selbständig war sein Urteil über die
Sitten und Handlungen seiner Umgebung! Darum war er auch gänzlich fern
von Schmähsucht oder von Ängstlichkeit, von Mißtrauen oder von der
Sucht, andere zu meistern. Wie wenig Bedürfnisse er hatte, konnte man
sehen an seiner Art zu wohnen, zu schlafen, sich zu kleiden, zu speisen
und sich bedienen zu lassen. Und wie geduldig war er und langmütig!
Seine freundschaftlichen Verbindungen hielt er fest; er konnte die gut
leiden, die seinen Ansichten offen widersprachen, und sich freuen über
jeden, der ihm das Bessere zeigte. Dabei hat er die Götter geehrt, ohne
in Aberglauben zu verfallen. Und so nimm ihn dir zum steten Vorbild,
damit du so wie er dem Tode mit gutem Gewissen entgegengehen kannst.
31
Besinne dich, komm wieder zu dir. Wie du beim Aufwachen gesehen, daß es
Träume waren, was dich beunruhigt hat: siehe auch das, was dir im Wachen
begegnet, nicht anders an!
32
Für den Leib des Menschen ist alles gleichgültig, d.h. eine
unterschiedslose Masse, denn er hat die Fähigkeit nicht zu
unterscheiden. Aber auch für die Seele ist alles gleich, was nicht ihre
eigene Tätigkeit betrifft. Alles aber, was eine Wirkung der Seele ist,
hängt auch lediglich von ihr ab, vorausgesetzt, daß sie sich auf etwas
Gegenwärtiges bezieht. Denn was sie zu tun haben wird oder getan hat,
ist auch kein Gegenstand für sie.
33
Keine Arbeit für meine Hände oder meine Füße ist widernatürlich, solange
sie nur in den Bereich dessen fällt, was Hände und Füße zu tun haben.
Ebenso gibt es für den Menschen als solchen keine Anstrengung, die man
unnatürlich nennen könnte, sobald der Mensch dabei tut, was menschlich
ist. Ist sie aber nichts Unnatürliches, dann ist sie gewiß auch nichts
Übles.
34
Was sind´s für Freuden, die der Ehebrecher, Räuber, Mörder, der Tyrann
empfindet?
35
Siehst du nicht, wie der gewöhnliche Künstler sich zwar nach dem
Geschmack des Publikums zu richten weiß, aber doch an den Vorschriften
seiner Kunst festhält und ihren Regeln zu genügen strebt? Und ist es
nicht schlimm, wenn Leute wie der Architekt, der Arzt das Gesetz ihrer
Kunst besser im Auge behalten, als der Mensch das Gesetz seines Lebens,
das er gemein hat mit den Göttern?!
36
Was ist Asien und Europa? ein paar kleine Stückchen der Welt. Was ist
das ganze Meer? ein Tropfen der Welt. Und der Athos? eine Weltscholle.
Alles ist klein, veränderlich, verschwindend. Aber alles kommt und geht
hervor oder folgt aus jenem allwaltenden Geiste. Und das Schädliche und
Giftige ist nur ein Anhängsel des Wohltätigen und Schönen. Denke nicht,
daß es mit dem, was du verehrst, nichts zu schaffen habe; sondern siehe
bei allem nur immer auf die Quelle!
37
Wer sieht, was heute geschieht, hat alles gesehen, was von Ewigkeit war
und in Ewigkeit sein wird. Denn es ist alles von derselben Art und
Gestalt.
38
Alle Dinge stehen untereinander in Verbindung und sind insofern einander
befreundet. Eines folgt dem andern und bildet mit ihm eine Reihe, durch
die Gemeinschaft des Ortes oder des Wesens vermittelt.
39
Schmiege dich in die Verhältnisse, die dir gesetzt sind, und liebe die
Menschen, mit denen du verbunden bist, liebe sie wahrhaft!
40
Jedes Werkzeug und Gefäß ist gut, wenn es imstand ist zu leisten, wozu
es gemacht wurde, wenn auch der, der es verfertigte, längst fort ist. In
der Natur aber tragen alle Dinge die sie bildende Kraft in sich und
behalten sie, solange sie selber sind. Und um so ehrwürdiger erscheint
diese Kraft, je mehr du ihrem Bildungstriebe folgst, d.h. je mehr sich
alles in dir nach dem Geiste richtet. Denn im Universum richtet sich
auch alles nach dem Geiste.
41
Solange du etwas, was keine Sache des Vorsatzes und des freien Willens
ist, für gut oder böse hältst, so lange kannst du auch nicht umhin, wenn
dich ein Unfall betrifft oder das Glück ausbleibt, die Götter zu tadeln
oder die Menschen zu hassen als die Urheber deines Unglücks,
die--vermutlich wenigstensschuld sind, daß du leidest. Und so verführt
uns dieser Standpunkt zu mancher Ungerechtigkeit. Wenden wir dagegen die
Begriffe Gut und Böse nur bei den Dingen an, die in unserer Macht
stehen, so fällt jeder Grund weg, Gott anzuklagen und uns feindlich zu
stellen gegen irgendeinen Menschen.
42
Wir alle arbeiten an der Vollendung eines Werkes, die einen mit
Bewußtsein und Verstand, die anderen unbewußt. Sogar die Schlafenden
nennt, wenn ich nicht irre, Heraklit Arbeiter, Mitarbeiter an dem, was
in der Welt geschieht. Aber jeder auf andere Art. Luxusarbeit ist die
Arbeit des Tadlers, dessen, der den Ereignissen entgegenzutreten wagt
und das Geschehene ungeschehen machen will. Denn auch solche Leute
braucht das Weltganze. Und du mußt wissen, zu welchen du gehörst. Er,
der alles Verwaltende wird sich deiner schon auf angemessene Weise
bedienen und dich schon aufnehmen in die Zahl der Mitarbeiter und
Gehilfen. Du aber sorge dafür, daß du nicht bist wie jener schlechte
Vers im Gedicht, dessen Chrysipp gedenkt!
43
Will denn die Sonne leisten, was der Regen leistet? Will Äskulap als
Fruchtspender etwas hervorbringen? Will auch nur einer von den Sternen
ganz dasselbe, was der andere will? Und doch fördern alle dasselbe Werk.
44
Wenn die Götter überhaupt über mich und über das, was geschehen soll,
ratschlagen, dann ist ihr Rat auch ein guter. Denn einmal, einen
ratlosen Gott kann man sich nicht leicht vorstellen. Und dann, aus
welchem Grunde sollten sie mir weh tun wollen? Was könnte dabei für sie
oder für das Ganze, dem sie besonders vorstehen, herauskommen? Betreffen
ihre Beratungen aber nicht meine besonderen Angelegenheiten so doch
gewiß die allgemeinen der Welt, aus denen dann auch die meinigen sich
ergeben, und die ich willkommen heißen und lieben muß. Kümmern sie sich
aber um gar nichts, was wir jedoch nicht glauben dürfen--und was würde
dann aus unsern Opfern, unsern Gebeten, unsern Eidschwüren und aus alle
dem, was wir lediglich in der Voraussetzung zu tun pflegen, daß die
Götter da sind und daß sie mit uns leben?--aber gesetzt, sie kümmerten
sich nicht um meine Angelegenheiten, so liegt es doch mir selbst ob, mich
darum zu kümmern. Denn dazu habe ich meine Vernunft daß ich weiß, was
mir dienlich ist.
45
Was überall und jedem geschieht, ist dem Ganzen zuträglich. Schon dies
wäre hinreichend. Doch bei genauer Beobachtung wirst du überall auch
das noch finden: Was dem einen widerfährt, ist auch dem andern
zuträglich. Hier ist nämlich das Wort "zuträglich" allgemein zu
verstehen, auch von den gleichgültigsten Dingen.
46
Was du im Theater und an ähnlichen Orten empfindest, wo sich deinem Auge
ein und dasselbe Schauspiel immer wieder darbietet bis zum Ekel, das
hast du im Leben eigentlich fortwährend zu leiden. Denn alles, was
geschieht, von welcher Seite es auch kommen mag, ist doch immer
dasselbe. Wie lange wird´s nur noch dauern?
47
Stelle dir beständig die Gestorbenen jeden Standes, jeder Berufsart und
jeden Stammes vor, steige in dieser Reihe bis zu einem Philistion, einem
Phöbus und Origanion hinunter! Dann gehe zu den anderen Klassen über!
Auch wir müssen ja unsere Wohnung dorthin verlegen, wo so viele
gewaltige Redner, so viele ehrwürdige Philosophen, wie Heraklit,
Pythagoras und Sokrates, ferner so viele Helden der Vorzeit, so viele
Heerführer und Gewaltherrscher späterer Tage und außer diesen Eudorus,
Hipparch, Archimedes und andere scharfsinnige, hochherzige,
arbeitslustige, gewandte, selbstgefällige Geister, ja selbst jene
spöttischen Verächter des hinfälligen kurzdauernden Menschenlebens, wie
ein Menippus und so viele andere seiner Art verweilen. Von diesen allen
stelle dir vor, daß sie längst beigesetzt sind. Was liegt nun für sie
Furchtbares darin? Was denn für jene, deren Namen überhaupt nicht mehr
genannt werden? Da ist eines nur von hohem Wert, nämlich Wahrheit und
Gerechtigkeit getreu durchs ganze Leben zu üben, auch im Kampf gegen
Lügner und Ungerechte.
48
Willst du dir eine Freude bereiten, so richte deinen Blick auf die
trefflichen Eigenschaften deiner Zeitgenossen und siehe, wie der eine
ein so hohes Maß von Tatkraft, der andere von Bescheidenheit besitzt,
wie freigebig der dritte ist usf. Denn nichts ist so erquicklich als das
Bild von Tugenden, die sich in den Sitten der mit uns Lebenden
offenbaren und reichlich unserm Blick sich darbieten. Darum halte es dir
nun auch beständig vor Augen!
49
Ärgert´s dich, daß du nur so viel Pfund wiegst und nicht mehr? So sei
auch nicht ärgerlich darüber, daß dir nicht länger zu leben bestimmt
ist. Denn wie jeder zufrieden ist mit seinem Körpergewicht, so sollten
wir alle auch zufrieden sein mit der uns zugemessenen Lebensdauer.
50
Komm, wir wollen versuchen sie zu überreden! Handle aber auch gegen
ihren Willen, wenn es Gerechtigkeit und Vernunft gebieten. Hindern sie
uns mit Gewalt, so benutzen wir dieses Hemmnis zur Übung in einer andern
Tugend, im Gleichmut und in der Seelenruhe. Denn alles, was wir
erstreben, erstreben wir ja nur unter gewissen Voraussetzungen. Halten
diese nicht Stich--wer wird das Unmögliche wollen? Nur daß unser Streben
ein edles war! Denn ein solches trägt seinen Lohn in sich selbst--wie
alles, was wir tun, wenn wir unserer innersten Natur gehorchen.
51
Der Ehrgeizige setzt sein Glück in die Tätigkeit eines andern, der
Vergnügungssüchtige in die eigene Leidenschaft, der Vernünftige in seine
Handlungsweise.
52
Du hast es gar nicht nötig, dir über irgendeine Sache Gedanken zu machen
und deine Seele zu beschweren. Denn eine absolute Notwendigkeit zum
Urteil liegt niemals in den Dingen.
53
Gewöhne dich, wenn du jemand sprechen hörst, so genau als möglich
hinzuhören, und dich in seine Seele zu versetzen.
54
Was dem Schwarm nicht zuträglich ist, taugt auch nichts für die einzelne
Biene.
55
Dem Gelbsüchtigen schmeckt der Honig bitter; der von einem tollen Hunde
Gebissene scheut das Wasser; das Kind kennt nichts Schöneres als seinen
Ball. Wie kannst du zürnen? Verlangst du, daß der Irrtum weniger Einfluß
haben soll als eine kranke Galle, als ein dem Körper eingeflößtes Gift?
56
Niemand kann dich hindern, dem Gesetze deiner eigensten Natur zu folgen.
Was du im Widerspruch mit der allgemeinen Menschennatur tust, wird dir
nicht gelingen.--
57
Wollten die Schiffsleute den Steuermann, die Kranken den Arzt schmähen,
würden sie dann sonst noch auf jemand achten? Aber wie sollte jener der
Mannschaft eine glückliche Landung oder dieser den Leidenden Genesung
verschaffen?
58
Wie viele von denen, mit denen ich zusammen die Welt betreten habe, sind
schon wieder daraus geschieden!
59
Wer sind die, denen man gefallen möchte, und um welcher Vorteile willen
und durch welcherlei Mittel? Wie schnell wird die Zeit alles
verschlingen und wie vieles hat sie schon verschlungen!