Fünftes Buch

1

Früh, wenn´s dir leid tut schon aufgewacht zu sein, sage dir gleich, du

seist erwacht, dich menschlich zu betätigen. Um der Tätigkeit willen

bist du geboren und in die Welt gekommen, und du wolltest verdrießlich

sein, daß du ans Werk gehen mußt? Oder bist du dazu geschaffen, in den

Federn liegend dich zu pflegen? Freilich ist dies angenehmer; aber bist

du um des Vergnügens willen da, nicht vielmehr um etwas zu schaffen und

dich anzustrengen? Sieh alle Kreaturen, die Sperlinge, die Ameisen, die

Spinnen, die Bienen, wie jedes sein Werk vollbringt und jedes in seiner

Weise an der Aufgabe des Ganzen arbeitet! Und du wolltest das deinige

nicht tun? nicht den Weg laufen, den die menschliche Natur dir

vorschreibt?--Man muß doch auch ausruhen, sagst du. Freilich muß man.

Doch in dem Maße, das die Natur dir selbst an die Hand gibt, ebenso wie

für das Essen und Trinken. Darin aber willst du die Grenze überschreiten

und mehr tun als nötig ist, nur in der Tätigkeit zurückbleiben? Da sieht

man, daß du dich selbst nicht lieb hast, sonst würdest du die

menschliche Natur und deren Willen lieb haben. Andere, die mit Liebe die

Kunst betreiben, die sie gelernt haben, sind oft so versessen darauf,

daß sie darüber vergessen, sich zu waschen oder zu frühstücken. Du aber

ehrst die Menschheit in dir nicht einmal so hoch wie jene ihre Kunst,

wie der Drechsler seine Drechselei, der Tänzer seine Sprünge, der

Geizhals sein Geld, der Ehrgeizige seinen Ruhm. Denn sobald solche Leute

ihrem Beruf mit Eifer hingegeben sind, liegt ihnen am Essen und Schlafen

weit weniger, als daran, daß sie´s weiter bringen in dem, was ihres

Amtes ist. Und du bist imstande, das für andere Tätigsein niedriger zu

stellen und eines solchen Eifers nicht für wert zu halten?

2

Es ist wahrlich nicht so schwer, jeden beunruhigenden und unziemlichen

Gedanken, der sich aufdrängt, wieder loszuwerden und hinwegzutilgen, so

daß die vollkommene Stille und Heiterkeit des Gemüts gleich

wiederhergestellt ist.

3

Erkenne, daß du jeder echt menschlichen Äußerung in Wort und Werk würdig

bist, und laß dich von keinem Tadel oder Stichelrede, die andere dir

nachsenden, beschwatzen. Was edel ist zu sagen und zu tun, dessen bist

du niemals unwürdig. Jene haben ihre eigenen Grundsätze, denen sie

folgen, und ihren eigenen Sinn. Darauf darfst du keine Rücksicht

nehmen, sondern mußt den geraden Weg gehen, den deine und die allgemein

menschliche Natur dir vorschreibt. Und es ist in der Tat nur ein Weg,

den diese beiden dir weisen.

4

So laß uns durchs Leben gehen, bis wir verfallen und uns zur Ruhe

begeben, den Geist dahin aushauchend, von wo wir ihn tagtäglich

eingesogen, dahin zurücksinkend, woher der Keim zu unserm Dasein stammt,

woher wir durch so viele Jahre Speise und Trank nahmen, was uns durchs

Leben trug und wovon wir oft genug einen schlechten Gebrauch gemacht

haben.

5

Dein Scharfsinn ist es nicht, weswegen man dich bewundern muß. Aber

gesetzt auch, er könnte dir nicht abgesprochen werden, so wirst du doch

gestehen müssen, daß vieles andere mehr in deiner Natur liegt. Und dies

ist es nun, was du vor allem pflegen und kundgeben mußt, z.B. deine

Lauterkeit und deinen Ernst, deine Sündhaftigkeit und deine Abneigung

gegen sinnlichen Genuß, deine Zufriedenheit mit deinem Schicksal, deine

Mäßigkeit, Güte, Freisinnigkeit, Einfachheit, dein gesetztes würdevolles

Wesen. Und fühlst du nicht, was du alles hättest sein können? was deine

Natur und angeborenes Geschick so wohl zugelassen hätten, und bist es

dennoch schuldig geblieben? Oder war es die Mannhaftigkeit deiner

Naturanlage, was dich /zwang/, mürrisch zu sein und knickerig und ein

Schmeichler, ein Feind oder Sklave deines eigenen Leibes, ein eitler und

ehrgeiziger Mensch? Wahrlich, nein. Du könntest längst von diesen

Fehlern frei sein. Ist es aber wahr, daß du von Natur etwas schwerfällig

bist und langsam von Begriffen, so gilt es auch darin sich anzustrengen

und zu üben, nicht, diese Schwäche unberücksichtigt zu lassen oder gar

sich darin zu gefallen.

6

Es gibt Menschen, die, wenn sie jemand einen Gefallen getan haben, dies

gleich als eine Gunstbezeigung angesehen wissen wollen; ferner solche,

die, wenn sie auch nicht gerade solche Ansprüche erheben, doch sehr

genau wissen wollen, was sie getan haben, und den, dem sie wohlgetan,

bei sich selbst wenigstens als ihren Schuldner betrachten; endlich

solche, die gewissermaßen nicht wissen, was sie taten--dem Weinstock

gleich, der seine Trauben trägt und nichts weiter will, nachdem er die

ihm eigentümliche Frucht einmal hervorgebracht hat. Das Pferd, das

seinen Weg gelaufen ist, der Hund, der das Wild erjagt, und die Biene,

die ihren Honig bereitet hat, erhebt kein Geschrei, ruft niemand zu:

seht, das hab´ ich getan, sondern geht gleich zu etwas anderem über, wie

der Baum wieder neue Früchte ansetzt zu seiner Zeit. Und so soll´s auch

beim Menschen sein, wenn er ein gutes Werk vollbracht hat.--Also

wirklich, zu denen soll man gehören, die, was sie tun, gleichsam auf

unbegreifliche Weise tun? Ja; aber daß wir zu ihnen gehören, soll man

begreifen! Du sagst: ein Wesen, das zur Gemeinschaft geboren ist, müsse

doch wissen, wenn es seiner Bestimmung gemäß, d.i. wenn es für andere

handelt, und wahrlich doch auch wollen, daß dies der andere merke. Wohl

wahr, aber du machst davon nicht die richtige Anwendung, und darum bist

du nun einmal einer von denen, die ich eben beschrieben habe, denn auch

bei jenen ist es der Schein von Wahrheit, der sie irre leitet.

Jedenfalls aber würdest du mich mißverstehen, wenn du aus irgendeinem

Grunde es unterlassen wolltest, etwas zum Wohle anderer zu tun.

7

Die Athener beteten: "Regne, regne, lieber Zeus, auf die Äcker und

Wiesen der Athener!" Und man bete entweder gar nicht oder nur in dieser

Weise, einfältig und ohne Kunst.

8

Gerade, wie man sagt, daß der Arzt dem einen das Reiten, dem andern

kalte Bäder, dem dritten barfuß zu gehen /verordnete/, ebenso muß man

auch sagen, daß die Natur bald Krankheit, bald Verletzung, bald

schmerzliche Verluste zu /verordnen/ pflegt. Dort wendet man den

Ausdruck an, um zu bezeichnen, daß er den Menschen jene Mittel als der

Gesundheit entsprechend gegeben habe, und hier gilt es ja auch, daß

alles das, was einem widerfährt, ihm als dem allgemeinen Schicksal

entsprechend gegeben wird. Ebenso brauchen wir von unsern Schicksalen

den Ausdruck "sich fügen", wie ihn die Baumeister brauchen von den

Quadern, die bei Mauer- oder Pyramidenbauten sich schönstens

zusammenordnen. Denn durch alles geht eine große Harmonie. Und wie im

Reiche der Natur die Natur eines Einzelwesens nicht begriffen werden

kann außer im Zusammenhange aller andern Einzelwesen, so auch auf dem

Gebiete des Geschehens kein einzelner Umstand und Grund abgesehen von

allen übrigen: was denn auch der Sinn jener vulgären Ausdrucksweise ist,

wenn man sagt: es "/trug sich zu/", oder, es war ihm "/beschieden/".

Lasset uns also dergleichen hinnehmen, gleichwie jene nahmen, was

Äskulap ihnen verordnet; denn auch davon war manches bitter und wurde

süß nur durch die Hoffnung auf Genesung. Dieselbe Bedeutung aber, welche

für dich deine Gesundheit hat, muß auch die Erfüllung und Vollendung

dessen für dich haben, was im Sinne des Universums liegt, und du mußt

alles, was geschieht, und wäre es auch noch so wenig freundlich,

willkommen heißen, weil sein Ziel ja nichts anderes ist als die

Gesundheit der Welt, das Glück und Wohlbefinden des höchsten Gottes.

Hätte es sich doch gar nicht zugetragen, wenn es nicht für das Ganze

zuträglich gewesen wäre; hätte es doch kein Zufall so gefügt, fügte es

sich nicht harmonisch in die Verwaltung aller Dinge. Also zwei Gründe

sind, weshalb dir dein Schicksal gefallen muß. Der eine: weil es /dein/

Schicksal ist, weil es dir verordnet ward mit Rücksicht auf dich--von

oben her in ursächlicher Verkettung mit dem ersten Grunde. Der andere:

weil es der Grund des vollkommenen Glückes, ja fürwahr auch des

Bestehens dessen ist, der alles regiert. Denn es ist eine Verletzung des

Ganzen in seiner Vollständigkeit, wenn du den geringsten seiner

Bestandteile--und seine Bestandteile sind immer auch zugleich

Ursachen--aus seiner Verbindung und seinem Zusammenhange reißest.

Und--soweit das in deiner Hand steht, reißest du wirklich los und

trennst das Zusammengehörige, sobald du murrst über dein Schicksal.

9

Du darfst nicht unwillig werden, den Mut nicht sinken lassen oder gar

verzweifeln, wenn es dir nicht vollständig gelingt, immer nach richtigen

Grundsätzen zu handeln. Bist du von deiner Höhe heruntergefallen, erhebe

dich wieder, sei zufrieden, wenn nur wenigstens das meiste an dir nach

echter Menschenart ist, und laß dich beglücken von dem, was dir von

neuem gelang. Meine nicht, daß die Philosophie ein Zuchtmeister sei.

Greife zu ihr nur so wie die Augenkranken zum Schwamm oder zum Ei, wie

andere zum Pflaster oder zum Guß. Denn nichts wird dich zwingen, der

Vernunft zu gehorchen. Man muß sich ihr viel mehr vertrauensvoll

hingeben. Du weißt die Philosophie will nichts anderes, als was deine

Natur auch will. Du aber hast etwas anderes gewollt, etwas ihr

Widerstreitendes, weil es dir angenehmer schien. Die Lust macht uns

solche Vorspiegelungen. Aber besinne dich, ob Hochherzigkeit, Freiheit

des Geistes, Einfalt, Gleichmut, Sittenreinheit nicht doch das

Angenehmere sind. Oder was ist angenehmer als Weisheit, wenn man

darunter das nie Anstoßende, glatt Hinfließende der geistigen Kraft

versteht?

10

Das Wesen und die Bedeutung der Verhältnisse dieses Lebens sind im

allgemeinen in ein solches Dunkel gehüllt, daß sie nicht wenig

Philosophen und nicht bloß den gewöhnlichen als völlig unbegreiflich

erscheinen Auch die Stoiker bekennen, daß sie sie kaum verstehen. Dann

sind auch unsere Ansichten so höchst veränderlich. Es gibt ja keinen

Menschen, der sich in seinen Ansichten gleich bliebe. Ferner was nun die

"Güter" dieses Lebens anlangt, wie vergänglich und nichtig sind sie!

Können sie doch das Eigentum jedes Nichtswürdigen werden! Aber nicht

minder elend steht es mit dem Geist der Zeit. Selbst die beste seiner

Äußerungen, welche Mühe hat man sie zu ertragen, ja es kostet nicht

wenig, sich selber zu ertragen. Bei solcher Taubheit und Verkommenheit

der Zustände, bei diesem ewigen Wechsel des Wesens und der Form, bei

dieser Unberechenbarkeit der Richtung, die die Dinge nehmen--was da der

Liebe und des Strebens noch wert sein soll, vermag ich nicht zu sehen.

Im Gegenteil, es ist der einzige Trost, daß man der allgemeinen

Auflösung entgegengeht.--Drum trage geduldig die Zeit, die noch

dazwischen liegt, und beherzige nur das, daß nichts dir widerfahren

kann, was nicht in der Natur des Ganzen begründet liegt, und dann: daß

du die Freiheit hast, alles zu unterlassen, was wider die Stimme deines

Genius ist. Denn die zu überhören kann dich niemand zwingen.

11

Wozu gebrauchst du jetzt deine Seele? So muß man sich bei jeder

Gelegenheit fragen. Oder, was geht jetzt vor in dem Teile deines Wesens,

den man den vornehmsten nennt? Oder was für eine Seele hast du jetzt,

die eines Kindes oder eines Jünglings, eines Weibes, eines Tyrannen,

eines zahmen oder eines wilden Tieres?

12

Wie es im Grunde damit steht, was bei der Menge als das Gute gilt, kann

man auch daraus erkennen, daß jenes Wort eines alten Komikers: "denn für

den Edlen ziemt sich solches nicht" auf alle diese Scheingüter, wie

Reichtum Luxus, Ehre, anwendbar ist (wiewohl die Leute das allerdings

nicht gelten lassen wollen), während es auf wahre Güter, wie Klugheit,

Mäßigkeit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, angewendet vollkommen widersinnig

wäre.

13

Woraus wir bestehen, ist Form und Inhalt. Keins von beiden aber wird ins

Nichts verschwinden, so wenig wie es aus dem Nichts hervorgegangen ist.

Sondern jeder Teil unseres Wesens wird durch Verwandlung übergeführt in

irgendeinen Teil des Weltganzen dieser geht dann wieder in einen andern

über und so ins Unendliche. Durch diesen Verwandlungsprozeß erhalte ich

mein Dasein, durch ihn erhielten es auch die, die mich erzeugten, und so

wieder rückwärts ins Unendliche. Denn "ins Unendliche" darf man wirklich

sagen, wenn auch der Weltlauf seine fest begrenzten Zeiträume hat.

14

Die Vernunft und die Lebenskunst sind Kräfte, die sich selbst genügen

und die keinen andern Richter über ihre Äußerungen haben als sich

selbst. Sie haben ihr Prinzip und ihre Ziele in sich, und richtig heißen

ihre Handlungen, weil durch sie der rechte Weg offenbar wird.

15

Nichts ist Sache des Menschen, was ihn als Menschen nichts angeht, was

von der menschlichen Natur weder gefordert noch verheißen wird, und was

zu ihrer Vollendung nichts beiträgt--was also auch kein Ziel

menschlichen Strebens sein oder ein Gut d.i. ein Mittel zu diesem Ziele

zu gelangen genannt werden kann. Wäre dies nicht, so hätten wir unrecht,

es als eine Pflicht des Menschen anzusehen, dergleichen Dinge zu

verachten und sich ihnen zu widersetzen, und dürften den nicht loben,

der ihrer nicht bedarf. Auch könnte, wenn dies Güter wären, der nicht

gut sein, der freiwillig dem Genusse solcher Dinge entsagt. Nun aber

sind wir in der Tat um so viel besser, je mehr wir solcher Dinge uns

enthalten, und je leichter wir ihren Mangel ertragen.

16

Wie die Gedanken sind, die du am häufigsten denkst, ganz so ist auch

deine Gesinnung. Denn von den Gedanken wird die Seele gesättigt. Sättige

sie also mit solchen wie die: daß man, wo man auch leben muß, glücklich

sein könne; daß alles um irgendeiner Sache willen gemacht sei, und wozu

es gemacht sei, dahin werde es auch getragen, und wohin es getragen

werde, da liege auch der Zweck seines Daseins, wo aber dieser, da sei

auch das ihm Zuträgliche und Heilsame. Das den vernünftigen Wesen

Heilsame aber ist die Gemeinschaft. Denn zur Gemeinschaft sind wir

geboren. Oder liegt es nicht auf der Hand, daß das Geringere um des

Besseren willen, die besseren Dinge aber füreinander da sind? Besser

aber als das Unbeseelte ist das Beseelte, und besser als dieses das

Vernünftige.

17

Nach dem Unmöglichen streben ist wahnsinnig; unmöglich aber ist es, daß

der gemeine Mensch anders als gemein handelt.

18

Nichts geschieht uns, was zu ertragen uns nicht natürlich wäre. Bei

manchen Schicksalen sind wir freilich nur aus Stumpfsinn oder aus

Prahlerei standhaft und unverwundbar. Und das ist eben das Traurige, daß

Gefühllosigkeit und Gefallsucht stärker sein sollen, als Einsicht!

19

Die Umstände sind es nun einmal durchaus nicht, wodurch die Seele

berührt wird; sie haben keinen Zugang zu ihr und können sie weder

umstimmen, noch irgend bewegen. Die Seele stimmt und bewegt sich einzig

selber, und je nach dem Urteil und der Auffassung zu der sie´s bringen

kann, gestaltet sie die Dinge, die vor ihr liegen.

20

Das Gesetz, das uns vorschreibt, den Menschen wohl zu tun und sie zu

ertragen, macht sie uns zu den befreundetsten Wesen. Insofern sie uns

aber hinderlich werden können, das uns Gebührende zu tun, ist mir der

Mensch etwas ebenso Gleichgültiges wie die Sonne, der Wind, das Tier.

Nur daß sich ihrem verderblichen Einflusse ja eben entgegentreten läßt.

Man entziehe sich ihnen oder suche sie umzuwandeln, so geschieht unserm

Streben und unserer Neigung kein Eintrag. Auf diese Weise verwandelt und

bildet die Seele ein Hindernis unseres Willens um in sein Gegenteil: was

unser Werk aufhalten sollte, gestaltet sich selbst zum guten Werke, und

ein Weg eröffnet sich eben da, wo uns der Weg versperrt ward.

21

Dem, was das Beste in der Welt ist, dem Wesen nämlich, das alles hat und

alles verwaltet, gebührt unsere Ehrfurcht. Nicht minder aber auch dem,

was das Beste in uns ist. Es ist jenem verwandt, da ja auch in uns etwas

ist, was alles andere hat und wovon dein ganzes Leben regiert wird.

22

Was dem Staate nicht schadet, schadet auch dem Bürger nicht. Diese Regel

halte fest, sooft du dir einbildest, daß dir ein Schaden geschieht.

Ist´s keiner für die Gemeinschaft, der du angehörst, dann auch keiner

für dich. Und wenn´s für jene keiner ist--kannst du dem Menschen zürnen,

der nichts getan hat, was dem Ganzen schadet?

23

Denke recht oft daran, wie alles, was ist und was geschieht, so schnell

wieder hinweggeführt wird und entschlüpft. Die ganze Materie ist ein

ewig bewegter Strom, alles Gewirkte und alles Wirkende ein tausendfacher

Wechsel, eine Kette ewiger Verwandlungen. Nichts steht fest. Vorwärts

und rückwärts eine Unendlichkeit in der alles verschwindet. Wie töricht

also jeder, der mit irgend etwas groß tut, oder von irgendeiner Sache

sich hin- und herreißen läßt oder darüber jammert, als ob der Kummer

nicht nur kurze Zeit währte.

24

Denke, welch ein winziges Stück des ganzen Weltwesens du bist, wie klein

und verschwindend der Punkt in der ganzen Ewigkeit, auf den du gestellt

bist, und dein Schicksal--welch ein Bruchteil des gesamten!

25

Hat mich jemand beleidigt--mag er selbst zusehen. Es ist seine Neigung,

seine Art zu handeln, der er folgte. Ich habe die meinige, so wie die

Natur des Alls sie mir gegeben, und ich handle so, wie meine Natur will,

daß ich handeln soll.

26

Der die Herrschaft führende Teil deines Wesens bleibe stets ungerührt

von den leisen oder heftigen Regungen in deinem Fleisch. Er mische sich

nicht hinein, beschränke sich auf sein Gebiet und umgrenze jene Reize in

den Gliedern. Steigen sie aber auf einem anderen Wege der

Mitleidenschaft zur Seele auf, die ja doch immer mit dem Leibe in

Verbindung bleibt, dann ist die Empfindung eine naturgemäße, und man

darf ihr nicht entgegen sein, nur daß die Vernunft nicht komme und ihr

Urteil hinzufüge, ob hier etwas gut oder böse sei.

27

Lebe mit den Göttern! D.h. zeige ihnen, daß deine Seele zufrieden sei

mit dem, was sie dir beschieden, daß sie tue, was der Genius will, den

uns der höchste Gott als ein Stück seiner selbst zum Leiter und Führer

gegeben hat. Dieser Genius aber ist der Geist, die Vernunft eines jeden.

28

Kannst du jemand zürnen, der ein körperliches Gebrechen hat? Er kann

nichts dafür, wenn seine Nähe dir widerwärtig ist. Ebenso betrachte nun

auch die sittlichen Mängel. Allein der Mensch, sagst du, hat seine

Vernunft, und kann erkennen, was ihm fehlt. Sehr richtig. Folglich hast

du deine Vernunft auch und kannst durch dein vernünftiges Verhalten

deinen Nächsten zur Vernunft bringen, kannst dich ihm offenbaren, ihn

erinnern, und so, wenn er dich hört, ihn heilen, ohne daß du nötig

hättest zu zürnen oder zu seufzen oder hoffärtig zu sein.

29

Wie du beim Abschied vom Leben über das Leben denken wirst, so darfst du

schon jetzt darüber denken und danach leben. Hindert man dich, dann

scheide freiwillig, doch so, als erführst du dabei nichts Übles. "Ein

Rauch ist alles? laßt mich gehen!" Warum scheint dir das so schwer?

Solange mich jedoch nichts dergleichen wirklich zwingt, die Welt zu

verlassen, will ich auch frei bleiben und mich von niemand hindern

lassen zu tun, was ich will. Denn was ich will, ist entsprechend der

Natur eines vernünftigen, für das Leben in der Gemeinschaft bestimmten

Wesens.

30

Der Geist des Alls ist gesellig. Er hat die Wesen niederer Gattung um

der höheren willen erzeugt und die der höheren zueinander gefügt. Man

kann es deutlich sehen, wie all sein Tun im Unterordnen und im Beiordnen

besteht, wie er einem jeglichen die Stellung gab, die seinem Wesen

entspricht, und die Wesen der höchsten Ordnung durch gleichen Sinn

einander einte.

31

Prüfe dich, wie du bis dahin dich verhalten hast gegen Götter, Eltern,

Brüder, Weib, Kinder, Lehrer, Erzieher, Freunde, Genossen und Diener; ob

du bis dahin keinem unter ihnen auf ungebührliche Weise begegnet bist

mit Wort und Werk. Erinnere dich, was du schon durchgemacht, und was du

imstande gewesen bist zu tragen. Wie leicht ist´s möglich, daß die

Geschichte deines Lebens bereits vollendet, dein Dienst vollbracht ist;

und wie viel Schönes hast du schon gesehen, wie oft ist´s dir vergönnt

gewesen, Freud und Leid gering zu achten, deinen Ehrgeiz zu unterdrücken

und gegen Unverständige verständig zu sein!

32

Warum betrüben rohe unerfahrene Gemüter die gebildeten und erfahrenen?

Aber welche Seele nennst du gebildet und erfahren? Die, welche den

Ursprung und das Ziel der Dinge und die Vernunft kennt, die das ganze

Universum durchdringt und durch die ganze Ewigkeit in bestimmten

Perioden alles verwaltet.

33

Wie lange noch, und du bist Staub und Asche! Und nur der Name lebt noch,

ja nicht einmal der Name; denn was ist er?--Ein bloßer Schall und

Nachklang. Und was im Leben am meisten geschätzt wird, ist nichtig,

faul, von größerer Bedeutung nicht, als wenn sich ein paar Hunde

herumbeißen oder ein paar Kinder sich zanken, jetzt lachend und dann

wieder weinend. Glaube aber und Ehrfurcht, Gerechtigkeit und Wahrheit--

--"zum Olymp, der weitstraßigen Erde entflohen!" Was also hält dich hier

noch fest? Alles sinnlich Wahrnehmbare ist unbeständig und fort und fort

der Verwandlung unterworfen, die Sinne selbst sind trüb und leicht zu

täuschen und was man Seele nennt, ein Aufdampfen des Bluts. Ein

Berühmtsein in solcher Welt, wie eitel! So bleibt nur übrig, geduldig zu

warten bis wir verlöschen und unsere Stelle wechseln, und bis das

geschieht, die Götter zu ehren und zu preisen, den Menschen wohl zu tun,

sie zu ertragen oder sich ihnen zu entziehen. Was aber außerhalb der

Grenzen deines Körper- und Seelenwesens liegt, kann weder dein werden,

noch dich irgend angehen.

34

Stets kann es dir gut gehen, wenn du richtig wandelst, rechtschaffen

denkst und tust. Denn von jedem denkenden Wesen, sei es Gott oder

Mensch, gilt dieses Zwiefache: einmal, daß es in seinem Laufe von einem

andern nicht aufgehalten werden kann, und zweitens, daß sein größtes Gut

in der gerechten Sinnes- und Handlungsweise besteht, und sein Streben

darüber nicht hinausgeht.

35

Wenn dies oder jenes, das sich ereignet, nicht meine Schlechtigkeit noch

die Folge meiner Schlechtigkeit ist, noch ein Schaden, der das Ganze

trifft, was kann es mir verschlagen? Nur muß man darüber im klaren sein,

in welchem Falle das Ganze betroffen wird.

36

Nie darfst du dich mit deinen Gedanken von den andern losmachen, sondern

mußt ihnen helfen nach besten Kräften und in dem rechten Maße. Sind sie

freilich nur in unwesentlichen Dingen heruntergekommen, so dürfen sie

das nicht für einen wirklichen Schaden halten. Es ist nur eine schlimme

Gewohnheit. Du für deine Person mache es also immer wie jener Greis, der

beim Weggehen von einem spielenden Kinde sich dessen Kreisel geben ließ,

obwohl er recht gut wußte, daß es nur ein Spielzeug war. Oder wolltest

du, ständest du vor dem Richterstuhl und hörtest die Frage, ob du nicht

wüßtest, was es mit diesen Dingen auf sich habe, antworten: "Ja, aber

sie schienen doch dem und jenem so wünschenswert?" und dann den

wohlverdienten Spruch empfangen: "Also, darum mußtest auch du ein Narr

sein!"--So sei denn endlich einmal, und gerade wenn du recht verlassen

bist, ein glücklicher Mensch, d.i. ein Mensch, der sich das Glück selbst

zu bereiten weiß, d.i. die guten Regungen der Seele, die guten Vorsätze

und die guten Handlungen.

Selbstbetrachtungen · 第 11 / 18 题