18. Kapitel.

Der Witwenstand.

Es war eine traurige Heimkehr, als Frau Katharina mit ihren Kindern und

dem Rest der geretteten Habe auf ihrem Fuhrwerk durch das Coswiger Thor,

die Schloßstraße und die Kollegiengasse herauf fuhr und vor dem

Klosterhause hielt. Leichter waren Koffer und Kasten geworden — es waren

vergoldete und silberne Kredenzbecher im Werte von 600 fl. versetzt

worden — und das Herz voll schwerer Sorge. Und doch war's ein Gefühl der

Ruhe und Sicherheit, wieder daheim zu sein nach der langen Flucht

draußen im „Elend“. Und tapfer griff Frau Käthe es an, das Leben neu zu

gestalten.

Das Haus war noch im alten Stande und vom Hausrat nichts versehrt. Die

Stadt hatte zwar eine Belagerung und einen Sturm durch Moriz

ausgehalten, aber friedlich war sie nach der Mühlberger Schlacht an den

neuen Regenten übergeben worden und keine Spanier hatten darin hausen

dürfen; nur deutsche Völker waren zugelassen. Das Klosterhaus war

während der Flucht in der Hut des alten treuen Wolf gestanden. Der aber

war nicht mehr, als die Doctorin mit den Kindern heimkehrte: einige

Wochen zuvor, am 14. Juni, war er dahin gegangen, als man seiner nicht

mehr zu bedürfen schien[633].

Wenn aber auch Haus und Hof unangetastet dastand, um so schlimmer stand

es mit den Gütern draußen. Die Vorstädte waren bei Beginn der ersten

Belagerung niedergebrannt worden und so waren auch die Gebäulichkeiten

in den Gärten ein Opfer der Flammen geworden. Dann hatten die „Hussern“

die Nachbarschaft von Wittenberg geplündert. Auch sonst, bei Grimma,

unweit Nimbschen und Zulsdorf, hatte (schon 1546) der Nachtrab übel

gehaust: Hühner, Gänse und Schafe geraubt, auch ungedroschenes Getreide

zur Streu für die Pferde verwendet. Noch schlimmer hatten im folgenden

Jahr die Spanier mit Morden und Brennen, Plündern und Verjagen

geschaltet; wo nichts zu plündern war, verbrannten sie draußen im Lande

alles Gewächs bis auf die Stoppeln[634].

So hatte Luthers Witwe großen Schaden erlitten im Krieg. Wenn Jonas den

seinigen bei den zwei Fluchten auf 400 fl. schätzt, so muß derjenige

Katharinas bei ihrem ausgedehnten Grundbesitz weit mehr betragen haben.

Ihre Gärten und Güter: das Baumstück mit seinen Gebäulichkeiten, das Gut

Wachsdorf und das Vorwerk Zulsdorf waren verwüstet, so daß sie auf Jahre

hinaus sie „schwer zu versorgen“ wußte, wie Bugenhagen in Briefen an den

dänischen König klagt[635].

Und wenn man die vielgeplagte Witwe nur in Frieden gelassen hätte, daß

sie ruhig sich ihrer verwüsteten Güter hätte annehmen können. Aber da

wurde sie noch von bösen Nachbarn geplagt und von harten Beamten. Ein

zänkischer Mensch fing Streit mit ihr an wegen eines Servituts

(vielleicht der Nachbar von Zulsdorf auf Kieritzsch). Melanchthon war zu

einem Vergleich bereit, aber der Mann forderte eine maßlose Summe und

auch Bruder Hans riet vom Vergleich ab. So kam es zum Prozeß, wobei Dr.

Stromberg in Leipzig und auch Camerarius, die Freunde Melanchthons, sich

der armen Frau annahmen (1548). Dieser Prozeß dauerte aber jahrelang und

noch 1550 mußte Frau Katharina mit Melanchthon vor dem Stadthauptmann in

Leipzig zur Tagfahrt erscheinen[636].

Da galt es nicht verzagen, sondern mit neuem Mut das Werk angreifen, um

sich und ihre Kinder in Ehren durchzubringen. Der Kosttisch wurde wieder

eingerichtet, wenn es auch schwer hielt, in diesen wirren Zeiten, wo die

Universität zersprengt war und nur mit Mühe sich wieder sammelte, zumal

das neue Kursachsen jetzt zwei Hochschulen hatte: Leipzig und

Wittenberg, und die Söhne des gefangenen Kurfürsten sich bestrebten, in

Jena eine eigene zu errichten und dahin die echten Lutheraner unter den

Professoren und Studenten von Wittenberg zu ziehen; erst im August wurde

das Wittenberger Kollegienhaus vom Schmutz der Einquartierung gereinigt

und neu getüncht[637]. Ferner konnte von großem Verdienst keine Rede

sein, wenn bei dem Rektor Crodel in Torgau zwei Schüler in der Woche für

Wohnung und Kost, dazu mittags und abends zwei Kannen Bier, nur 14

Groschen zahlten, und Matthesius in Wittenberg, ehe er zu Frau Luther

kam, bei Wolf Jan von Rochlitz „einen sehr guten trocknen Tisch um 5

Silbergroschen“ hatte „neben alten gelehrten, ehrlichen (ehrbaren),

guten Tafelbrüdern“. Als solcher Tischgenosse wird genannt: Johann

Stromer, der fünf Jahre bei der Witwe wohnte und aß. Vielleicht war

damals unter den Tischgenossen Käthes auch der Preuße Georg von Kunheim,

der am 15. August 1550 in Wittenberg Student wurde und so mit der

Lutherischen Familie bekannt und später verwandt wurde[638].

Außer den Stuben wurden auch noch die Säle zu Vorlesungen an Docenten

vermietet, und so las im Sommer 1551 in Luthers Aula, wo der große

Doktor sonst über biblische Bücher vorgetragen hatte, Bartholomäus Lasan

über Herodot[639].

Trotz alledem mußte Frau Katharina außer der Verpfändung der Becher noch

auf ihr Gütlein Zulsdorf ein Anlehen von 400 fl. aufnehmen bei Dr. Franz

Kram und außerdem mußte sie sich entschließen, selbst an den König von

Dänemark zu schreiben, als den „einzigen König auf Erden, zu dem wir

armen Christen Zuflucht haben mögen und von dem allein erwartet werden

konnte, daß den armen christlichen Prädikanten und ihren armen Witwen

und Waisen Wohlthaten erzeiget würden.“ Zu diesem Brief war sie

gezwungen, nachdem die Schreiben der Freunde Bugenhagen und Melanchthon

ohne Erfolg gewesen. So bittet nun am 6. Oktober 1550 „D.M. Luthers

nachgelassene Witfrau, nachdem sie und ihre Kinder jetzund weniger Hilfe

haben und die Unruhe dieser Zeit viele Beschwerungen bringet“, S.K.M.

wolle ihr solche Hilfe gnädiglich auch hinfüro verordnen. Sie will

treulich und ernstlich bitten, Gott möge Sr.K.M. Wohlthaten, die er den

armen evangelischen Pfarrherren und ihren Familien erzeigt, vergelten

und dafür besondere Gaben und Segen verleihen. „Der allmächtige Gott

wolle E.K.M. und E.K.M. Königin und junge Herrschaft gnädiglich

bewahren.“

Auch dies eigene Schreiben der Witwe war, scheint es, ohne Erfolg,

trotzdem sie den König an ihres „lieben Herrn große Last und Arbeit“

mahnen konnte, die S.K. Maj. ohne Zweifel nicht vergessen habe[640].

Die Zeitläufe waren sehr traurig. Kreuziger starb 1548, und seine Frau

wollte fast vergehen; auch Veit Dietrich in Nürnberg schied bald darauf.

Andere Freunde waren verzogen oder auch gestorben. Dazu kam die Not der

Kirche, welche der Witwe Luthers nahe genug ging: „das Interim“ mit dem

„Schalk hinter ihm“ erregte die Evangelischen aufs ärgste. Der neue

Landesherr Moriz, bei dessen Anblick sogar die Spanier und Italiener

„Schelm! Schelm!“ riefen und den die Protestanten als „Judas“

bezeichneten, hatte kein warmes Herz, weder für die protestantische

Sache, noch für die hauptsächlichsten Vertreter derselben, die

Universität zu Wittenberg und deren Angehörige. Da gab es trübe Tage in

der alten Elbstadt[641].

Die vier Kinder Katharinas waren bei ihr; und wohl auch einige junge

Verwandte. Den Neffen Luthers, Fabian Kaufmann, jetzt mit dem

lateinischen Gelehrtennamen Mercator, empfahl Jonas 1548 zu einer

Hofstelle an die Fürsten von Anhalt[642].

Johannes studierte in Wittenberg weiter als Rechtsbeflissener.

Möglicherweise hat er, ehe nach den Unruhen des Krieges die Muße und

Gelegenheit zum Studium wieder eintrat, „auf den väterlichen Gütern ein

ländliches Leben geführt“, d.h. der Mutter bei der Landwirtschaft

beigestanden, wie einmal berichtet wird[643]. Nach Ostern 1549 kam nun

Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, Rektor der Königsberger Hochschule,

nach Wittenberg. Dieser erzählte viel von des Preußenherzogs Wohlwollen

gegen Luthers Familie. Da riet Melanchthon, den jungen Mann nach

Königsberg zu schicken, damit er dort durch die Gunst des Königs seine

Studien vollende. So schrieb nun Frau Käthe an Herzog Albrecht einen

Brief.

„Gnade und Frieden in Christo samt meinem armen Gebet zu Gott für

E.F.Gn. zuvoran.

Durchlauchtigster und hochgeborner Fürst und Herr!

Da sich E.F.Gn. gegen meinen lieben Herrn gottseligen, Doctorem Martinum

mit sonderlichen Gnaden allezeit erzeigt, so hab ich in keinen Zweifel

gestellt, E.F.Gn. würden auch mir aus sonderlichen Gnaden, so unser

lieber Gott E.F.Gn. zu seinem göttlichen Wort, das zu lieben, zu

schützen und zu handhaben verliehen, auch um meines lieben Herrn seliger

willen als eines wahren Propheten dieser letzten gefährlichen und

unruhigen Zeiten mich und meine lieben Kinder als nachgelassene Witwe

und Waisen in gnädigen Schutz nehmen und Ihnen befohlen sein lassen.

Als ohne Not, E.F.Gn. zu erinnern, in wie schwere Not meiner Haushaltung

ich nach jetzt ergangener Kriegsführung gediehen, auch wie kümmerlich

ich bisher von meinen armen verwüsteten und verheerten Gütern mich samt

meinen Kindern ernähren und erhalten müssen — hab ich aus Rat des Herrn

Philippi und Anzeigen des Herrn Dr. Sabini, wie geneigt E.F.Gn. meinen

Kindern sei, meinen ältesten Sohn Hans an E.F.Gn. abgefertigt, und

nachdem dann E.F.Gn. ihn noch eine Zeitlang bei den Studien zu erhalten

sich gnädigst erboten, will gegen E.F.Gn. ich mich derselbigen gnädigen

Förderung und Mitsorge für meine nachgelassenen armen Kinder aufs

demütigste bedankt haben.

Dieweil aber dies meines Sohnes erstes Abreise ist, und ich auch

derhalben ihn zumeist abgefertigt, (damit er) neben seinen Studien gegen

die Leute lerne wissen sich zu (ver)halten, so ist an E.F.Gn. dies meine

demütige Bitte, dieselben wollten diesen meinen Sohn um meines lieben

Herrn gottseliger willen in Gnade und Schutz aufnehmen und da er sich

sonst in der erste in allem gegen E.F.Gn. nicht zu erzeigen wüßte,

solches noch seiner Unwissenheit und ersten Ausfahrt gnädiglich zu gute

halten und Geduld mit ihm tragen. Als zweifel ich nicht, er wird sich

gegen E.F.Gn. zu unterthänigem und seinen Präceptoribus zu schuldigem

Gehorsam wohl zu verhalten wissen, seinen Studiis und demjenigen, so ihm

oblieget, fleißig nachgehen und gegen E.F.Gn. ehrbar und denkbarlich in

aller Untertänigkeit sich zu erzeigen wissen.

Dies dann E.F.Gn. gnädige Beförderung unser lieber Gott auch reichlich

wiederum belohnen wird und bin für E.F.Gn. gegen Gott um langwährende

Regierung und Wohlfahrt fürzubitten allezeit demütiglich beflissen.

Datum Wittenberg, den 29. Mai anno 49.

Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild · 第 68 / 92 题