15. Kapitel.

Luthers Tod.

Die letzten Jahre der Ehe waren gar schwer und trübe. Das lag einerseits

in den Verhältnissen, die sich fast nach allen Seiten recht widerwärtig

gestalteten; andererseits aber in Luthers Zustand, der immer

krankhafter, immer hinfälliger und damit trübseliger und verstimmter

wurde. Was Käthe bei dem zur Schwermut geneigten Temperament und der

zornmütigen Gereiztheit ihres Gatten unter all' diesen Verhältnissen zu

leiden hatte, ist leicht zu denken[523].

Die Weltlage, welche der Reformator begreiflicherweise mit aufmerksamem

Auge verfolgte, war eine seltsame und für Luthers Empfinden geradezu

erschreckliche. Das stete Vordringen der Türken, das seinem

christlich-deutschen Herzen schwer weh that, die Verbindung christlicher

Mächte, wie Frankreichs und, wenigstens indirekt, Venedigs und des

Papstes mit dem Erbfeind der Christenheit erschien wie drohende

Vorzeichen des Jüngsten Tages. Dazu das Verhalten des Kaisers und seines

Bruders, des Königs Ferdinand, das deutlich darauf ausging, die

Protestanten hinzuhalten, sie, wie einstens die Husiten, mit einem

Brocken Zugeständnis abzuspeisen, wenn man aber einmal freie Hand hätte,

mit Gewalt, wie Luther fürchtete — verbunden mit Papst und Teufel, Türke

und Hölle, über sie herzufallen. Das alles erfüllte ihn mit bangen

Sorgen. Er weissagte an seinem letzten Geburtstag richtig: „Bei meinem

Leben wird es, ob Gott will, keine Not haben und guter Friede in

Germania bleiben; aber wenn ich nun tot bin, da wird alsdann das Beten

hoch vonnöten sein. Unsere Kinder werden noch müssen den Spieß in die

Hand nehmen; denn es wird übel zugehen in Deutschland. Das Konzil zu

Trient ist sehr zornig und meinet es sehr böse mit uns. Darum betet zu

Gott mit Fleiß.“[524]

Noch verdrießlicher aber und sorgenerregender waren für Luther mit Recht

die Streitigkeiten in den eigenen Reihen. Darüber sagte er seinen

Freunden beim letzten Geburtstagsfest: „Ich fürchte mich nicht vor den

Papisten, das sind des mehren Teils grobe Esel; aber unsere Brüder

werden dem Evangelium Schaden thun, die von uns ausgegangen sind, aber

nicht von uns sind.“ Da standen sich Kurfürst und Herzog von Sachsen

wegen Landbesitz feindlich gegenüber im sogenannten „Fladenkrieg“ (weil

um Ostern 1542). Herzog Moriz, welchem Luther Verräterei zutraute,

entzog sich dem evangelischen Bunde von Schmalkalden. Wohl waren — bis

auf den „geistlichen Türken“, den Mainzer Erzbischof — die alten Feinde

Luthers: Herzog Georg und Kurfürst Joachim I. gestorben und das

Herzogtum Sachsen und Kurbrandenburg zum Protestantismus übergetreten

und sogar das Erzbistum Köln dazu bereit; aber in Berlin traten der

„Grickel und der Jäckel“ (Agricola und Schenk) auf mit ihren

gesetzesstürmerischen Lehren; in Köln wollte man die Luther so

unsympathische schweizerische „Sakramentiererei“ einführen und der große

Vermittler Butzer und der milde Melanchthon, welche diese Kölner

Reformation übernommen hatten, wurden Luther höchst verdächtig und das

ganze Werk ärgerlich — es scheiterte ohnedies durch die Gewaltthat des

Kaisers. In Luthers Umgebung wuchs, nachdem die alten Mitarbeiter der

Reformation am Abgang waren, ein neues Geschlecht heran, das mit

epigonenhafter Uebertreibung die Gegensätze schärfte oder allerlei

Kleinigkeiten und Aeußerlichkeiten aufbauschte, wie die Zeremonien,

Auslegung der Offenbarung Johannes, Verbot von alten Osterbräuchen und

andere „Geislein“ „herfürgucken“ ließen, die sie führen wollten, um sich

wichtig zu machen; auch der alte Streit mit den Schweizern flammte

wieder auf[525].

Ja, auf Melanchthon selbst, seinen alten Freund und Mitarbeiter, wurde

Luther mißtrauisch gemacht wegen allerlei Abweichungen vom „echten“

Luthertum und es entstand eine gefährliche Spannung zwischen den beiden

Männern und ihren Familien, bis die Mißstimmung endlich durch Luther

selbst beigelegt wurde, so daß der Reformator doch bis ans Ende seines

Lebens mit ihm als dem treuesten Freunde verkehrte[526]. Mit seinen

Kollegen von der juristischen Fakultät, namentlich seinem alten Freunde

Hier. Schurf, bekam Luther einen bösen Span wegen der heimlichen

Verlöbnisse, welche die „garstigen Juristen“ mit einem Rückfall ins

kanonische Recht für giltig erklärten, Luther aber verwarf[527]: er

hatte die Gefährlichkeit der Sache an Melanchthons Sohn er fahren, der

sich — noch unmündig — von einem Mädchen hatte fangen und ohne Wissen

und Willen seiner Eltern ihr ein Eheversprechen gegeben hatte, worüber

M. Philipp und sein Weib „schier verschmachtet“ wären, wenn Luther es

nicht abgewendet hätte. Und er selber mußte es erfahren in seiner

eigenen Familie, indem seiner Schwester Sohn sich ungehorsamerweise ohne

der Freundschaft Rat verlobte. Er hatte infolgedessen zu klagen, daß das

„Meidevolk in Wittenberg gar kühn“ geworden sei und die Eltern ihre

Söhne von der Universität zurückforderten, weil man ihnen da Weiber an

den Hals hänge[528].

Die alten Hausgenossen und Freunde waren in alle Welt zerstreut; aber in

ihren Anfechtungen, Verdrießlichkeiten, Bedenken wandten sie sich an

ihren „heiligen Vater Luther“. So hatte er zu schlichten, zu raten und

zu trösten — und das richtete ihn selber auf. Aber er hatte auch manchen

Aerger und manchen Schmerz[529]. Da plagte ihn M. Stiefel mit seinen

Grillen über den Jüngsten Tag, oder der Stadthauptmann Metzsch mit

seinem übeln Wandel und seiner rücksichtslosen Niederlegung von vielen

Wohnhäusern zum Festungsbau, wodurch die kleine, volkreiche Stadt noch

enger wurde und die armen Studenten noch elender wohnen mußten. Einer

nach dem andern von den Zeitgenossen ging aus dem Leben. So schon 1538

der treue Hausmann. Dann Luthers letzter Klostergenosse Brisger, endlich

auch Spalatin (1545). Schon vorher (1542) war seine und Käthes

liebenswürdige, heitere Freundin, Käthe Jonas, verschieden, deren

Erscheinung ihm immer erfreulich und tröstlich gewesen[530]; vor allem

aber der Sonnenschein des Hauses, das gute Magdalenchen. Der Sohn und

ein Neffe waren eine zeitlang fort in Torgau. In dieser Zeit starb auch

der Gatte seiner Nichte Lene, geb. Kaufmann; und diese machte ihm dann

schweren Verdruß durch ihre zweite Heirat mit dem jugendlichen Mediziner

Ernst Reuchlin (Ende 1545).

Das Jahr 1544 war wieder ein Krankheitsjahr in Wittenberg und im

Lutherhaus. Um Ostern lagen alle Kinder an den Masern und die kleine

Margarete bekam davon ein schweres Fieber, an dem sie zehn Wochen

lebensgefährlich darniederlag und von dem sie sich bis in den Dezember

hinein gar nicht erholen wollte. Was gab es da für Käthe an Sorgen und

Mühen[531]!

Aber auch der Hausvater selbst war jetzt immer krank: bald fehlte ihm

dies, bald jenes; alle seine Leiden stellten sich mit Macht ein in dem

abgearbeiteten Körper und der erschöpfte Lebensgeist war nicht mehr

recht widerstandsfähig gegen die mancherlei Angriffe auf die

verschiedenen Organe. Die Hausärzte und die kurfürstlichen Leibärzte

doktorten an ihm herum; der Hof schickte Arzneien; die Gräfin von

Mansfeld wollte ihn in die Kur nehmen. Es war ein alter (noch jetzt

bestehender) Glaube, daß großer Fürsten und Herren Arznei, die sie

selbst gäben und applizierten, kräftig und heilsam seien, sonst nichts

wirkten, wenn's ein Medikus gäbe[532]. Das meiste und beste that

freilich Frau Käthe.

Im Jahre 1541 war Luther lange Zeit so schwach, daß er nicht eine Stunde

angestrengt lesen und sprechen konnte; er mußte daheim bleiben und da

seine Hausgottesdienste halten. Einmal schrieb er auch an die

arzneikundige verwitwete Gräfin Dorothea von Mansfeld, welche auch gern

dem „lieben togktor“ geholfen hätte. Denn die Schmerzen waren

entsetzlich, so daß er jammerte: „Sterben will ich, aber diese Qualen

sind gräßlich.“[533] Im folgenden Jahre machte er sein Testament, „satt

dieses Lebens, oder daß ich's richtiger sage, dieses herben Todes“. „Ich

habe mich ausgearbeitet und ausgelebt. Der Kopf ist kein nutz mehr. Ich

bin müde erschöpft, bin nichts mehr.“[534] Im April 1543 klagt er: „Wie

oft bin ich in diesem Jahre schon gestorben! Und doch lebe ich noch,

eine unnütze Last der Erde.“ Am 13. und 14. Juli 1543 wurde er

wiederholt so ohnmächtig, daß er zu sterben meinte und seinen Hans von

Torgau holen lassen wollte. Aber Frau Käthe hatte gelernt, ihn zu

ermutigen und redete ihm die Todesgedanken aus. Anfangs 1515 hatte er

einen Krankheitsanfall mit ähnlichen Erscheinungen, wie sie ein Jahr

später seinen Tod herbeiführten, Leichenkälte und die beängstigenden

Beklemmungen auf der Brust. Er konnte lange keine Predigt und keine

Vorlesung halten und mußte selbst in einem Wägelchen sich zur Kirche

fahren lassen, um die Predigt zu hören[535]. „Ich glaube, meine

wirkliche Krankheit ist das Alter, dann meine Arbeiten und heftigen

Gedanken, besonders aber die Schläge Satans.“ „Daß ich am Haupte

untüchtig bin, ist nicht Wunder; das Alter ist da; der Krug geht solange

zu Wasser, bis er einmal zerbricht.“ „Ich bin träg, müde, kalt, das

heißt alt und unnütz; ich habe meinen Lauf vollendet und es bleibt

nichts übrig, als daß der Herr mich zu meinen Vätern versammle.“ Bei

seinen gräßlichen Qualen wünscht er, wenn nicht sanft, so doch tapfer zu

sterben[536].

Und bei all' diesen Leiden und Qualen sollte der alte Mann noch für drei

arbeiten, so war er geplagt von Fürsten und Stadträten, von Freunden und

Amtsgenossen und Beichtkindern mit Briefschreiben, Bücherschreiben,

Vorlesungen, Predigten und Beratungen, „Bedenken“, Trostschreiben; so

daß er klagt: „Da sitze ich alter, abgelebter, fauler, müder, frostiger

und noch dazu einäugiger Mann und schreibe. Hoffte ich doch, man sollte

mir Abgestorbenen nun die Ruhe gönnen, die ich mir, denkt mich, verdient

habe. Aber als hätte ich niemals etwas gethan, geschrieben, geredet und

ausgeführt, muß ich so viel reden, thun und ausführen, daß ich mir

keinen Rat weiß. Ich bin so beschäftigt, daß ich gar selten Muße habe,

zu lesen oder für mich zu beten, was mir beschwerlich ist.[537]

Freilich brach oft der angeborene Humor bei Luther durch, und das frohe

Gottvertrauen blieb wohl die Grundstimmung seines Wesens. Aber bei

seinem zur Schwermut neigenden Temperament und Gesundheitszustand

pflegte der alternde Mann doch vorwiegend die Schattenseiten aller

Erscheinungen zu sehen und nur selten konnte er sich sagen: „Ich lasse

das Antlitz unsrer Gemeinden nicht trauervoll zurück, sondern blühend,

durch reine und heilige Lehre mit vielen vortrefflichen und lauteren

Geistlichen, von Tag zu Tage wachsend.[538]

So war ihm Zeit und Welt widerwärtig geworden. „Welt ist Welt, war Welt

und wird Welt sein.“ Und er wünschte sich weg daraus. Er hoffte und

wünschte, daß das Weltende nahe sei oder doch sein Lebensende. „Komm',

lieber jüngster Tag!“ seufzt er am Schluß eines Briefes an Käthe, und an

Frau Jörger schließt er (1544) ein Schreiben: „Es sollt ja nunmehr die

Zeit da sein meiner Heimfahrt und Ruhe; bittet für mich um ein seliges

Stündlein.“[539]

Da er aber nicht aus der Welt gehen und die Feiertagsruhe des Jüngsten

Tages nicht selbst herbeiführen konnte, so wollte er wenigstens aus

_seiner_ Welt scheiden und von seinem Beruf. Denn so ist ja Stimmung und

Wunsch bei alten und kranken Leuten: da sie nicht aus dem Leben gehen

können, so suchen sie ihren Wohnort zu verändern und wünschen sich

daraus weg, mit so viel Beschwerden auch ein Wechsel und eine Reise

verbunden sein mag. So sagte Luther das ganze letzte Jahr zu seiner

Umgebung, „er begehre an einen anderen Ort zu ziehen“. Und die Freunde

fanden es auch merkwürdig, daß er in diesem Jahr vor seinem Tode öfter

ausgezogen, denn in vielen Jahren; und sie sahen es als „Prophezeiung

an, daß er die selige Reise werde thun in ein besser Leben“[540].

So ging es nun auch schon 1544, wo er mit einem Wegzug aus Wittenberg

gedroht und von den Freunden und Beamten Wittenbergs davon abgebracht

war. Im folgenden Jahr (1545) nachdem er am Johannistag von seinem

„Peiniger“, dem Stein, fast umgebracht worden und dadurch in eine

gereizte Stimmung versetzt war, führte er diesen Entschluß wirklich

aus[541].

Es war gerade kein besonderer Anlaß zu diesem Schritte da. Aber

mancherlei hatte ihm den Aufenthalt in Wittenberg in der letzten Zeit

verleidet. Der Streit mit den Juristen, die ärgerliche Geschichte im

Haus mit „einer andern Rosina und Schwindlerin“, vor allem aber das

Leben und Treiben von Bürgern und Studenten in Wittenberg, hatten ihn

hoch aufgebracht. Der ungeheure Studentenandrang nach Wittenberg brachte

begreiflicherweise nicht lauter gute, fromme und sittige Elemente dahin

und bei den 2000 Studierenden gab es natürlich viel mehr zu rügen und zu

strafen, als bei den früheren 200. Und unter diesen Tausenden waren

Leute aus allerlei Volk; nicht nur alle deutschen Stämme, sondern auch

Ausländer: „Reußen und Preußen, Holländer und Engellender, Dänemarker

und Schweden, Böhmen, Polen, Hungern, Wenden und Winden, Walen und

Franzosen, Spanier und Gräken.“ Die Bürger beuteten die Studierenden

aus. Weibliches Gesindel zog herbei, wie Luther meinte, von den

Widersachern geschickt, und es gab manche „Speckstudenten“, die sich

lieber in dem Lustwäldchen „Specke“ umhertrieben, statt in der Schule

Gottes Wort, Tugend und Zucht zu lernen. Gegen solche Unordentlichkeit

trat nun Luther als alter treuer Prediger mit väterlicher Vermahnung

auf. Er bittet seinen „Bruder Studium, sich still, züchtig und ehrlich

zu halten, des warten, warum sie hergesandt und mit schweren Kosten von

den Ihren erhalten werden, daß sie Kunst und Tugend lernen, weil die

Zeit da ist und solche feine Präzeptoren da sind.“ Er ermahnte den Rat,

die Laster zu strafen, und die Bürger, dem „Geiz“ zu steuern. Aber die

Bürger der kleinen Universitätsstadt hielten zumeist auf ihren Vorteil,

der Rat war lässig und ängstlich, wie Luther oftmals klagt gegenüber der

schönen Ordnung in einer Reichsstadt wie Nürnberg, und die Studenten

wies er vergeblich auf seinen grauen Kopf; sie überhörten seine

schmerzlichen und herzlichen Mahnungen: „Ach, mein Bruder Studium,

schone mein und laß es nicht dahin kommen, daß ich müsse schreien wie

St. Polykarpus: Ach Gott, warum hast Du mich das erleben lassen? Ich

hab's ja nicht verdient, sondern da sind vorhanden meine und euer

Präzeptoren treue Arbeit, die euch zum besten dienen in diesem und jenem

Leben.“[542]

Neben und mit diesem unordentlichen Wesen nahm die Ueppigkeit in der

Stadt bei Doktorschmäusen und besonders bei Hochzeiten und Kindtaufen so

überhand, daß mancher Mann (z.B. Georg Major durch sein Doktorat und

neun Kindtaufen) in Schulden geriet. Ja, es riß die neue Kleidertracht

ein, „die Jungfrauen zu blößen, hinten und vorn“, und niemand war da,

„der da strafe oder wehre“; es schien, wie Luther fürchtet, sich

anzulassen, „daß Wittenberg mit seinem Regiment nicht den S. Veitstanz

noch S. Johannistanz, sondern den Bettlertanz und Beelzebubtanz kriege“.

Daher meinte Luther: „Nur weg aus dieser Sodoma!“[646]

Damit schien er nun Ernst zu machen. Im Juli 1545 unternahm er auf Frau

Käthes Fuhrwerk mit seinem ältesten Sohne Hans, D. Kreuziger und einem

Tischgenossen Ferdinand von Maugen eine Erholungsreise nach Leipzig und

Zeitz zu Freund Amsdorf, dem Bischof. Unterwegs hörte er, daß die

Zustände in Wittenberg viel mehr im Munde der Leute wären, als er

dachte. Da wollte er gar nicht mehr in die „unordige“ Stadt zurück. Er

schrieb am 28. Juli von Zeitz aus an seine Frau folgenden Brief[543]:

„G(nade) und F(riede)!

Liebe Käthe! Wie unsre Reise ist gangen, wird Dir Hans wohl alles sagen

— wiewohl ich auch nicht gewiß bin, ob er bei mir bleiben solle —, dann

werden's doch D. Kaspar Kreuziger und Ferdinandus wohl sagen. Ernst von

Schönfeld hat uns zu Lobnitz schön gehalten[544]. Noch viel schöner

Heinz Scherle zu Leipzig.

Ich wollt's gerne so machen, daß ich nicht müßte wieder gen Wittenberg

kommen. Mein Herz ist erkaltet, daß ich nicht gern da bin; wollt auch,

daß Du verkauftest Garten und Hufe, Haus und Hof. So wollt ich (auch)

M(einem) G(nädigen) H(errn) das große Haus[545] wieder schenken. Und

wäre Dein Bestes, daß Du Dich gen Zulsdorf setzest, weil (während) ich

noch lebe. Und (ich) könnte Dir mit dem Solde wohl helfen das Gütlein

bessern, denn ich hoffe, M.G.H. soll mir den Sold (aus)folgen lassen,

zum wenigsten ein Jahr meines letzten Lebens. Nach meinem Tode werden

Dich die vier Elemente[546] zu Wittenberg doch nicht wohl leiden; darum

wäre es besser bei meinem Leben gethan, was dann zu thun sein will.

Ich habe auf dem Lande mehr gehört, denn ich zu Wittenberg erfahre,

darum ich der Stadt müde bin und nicht wieder kommen will, da mir Gott

zu helfe.

Uebermorgen werde ich gen Merseburg fahren, denn Fürst George hat mich

sehr darum lassen bitten[547].

Will also umherschweifen und eher das Bettelbrot essen, ehe ich meine

arm alte letzte Tage mit dem unordigen Wesen zu Wittenberg martern und

beunruhigen will mit Verlust meiner sauern und teuern Arbeit. Magst

solches, wo Du willst, D. Pommer und M. Philipps wissen lassen, und ob

D. Pommer wollt' hiemit Wittenberg von meinenwegen gesegnen[548]. Denn

ich kann des Zorns und Unlust nicht länger leiden.

Hiemit Gott befohlen, Amen.

Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild · 第 56 / 92 题