Fiel sie durch den Schlot herunter;
Morgens saß sie ganz berußet
In der heißen Aschengruben;
Und die Schornsteinfegerbuben
Singen ihr: "Aus unsrer Schule
Schwatzte heut mit dir dein Buhle,
Doch sein Besen fegt nicht rein!"
"Mutter, es soll Wahrheit sein!"
Sprach sogleich ein schwarzer Junge,
Der mit einem kühnen Sprunge
Aus der Schürze kam gesprungen!
Schlummre, süßes Püppchen, schlummre,
Bist du dumm, es gibt noch Dummre,
Bist du stumm, es gibt noch Stummre,
Schlummre, schlummre, Püppchen, ein!
Bald miau! Die Katzen schrein,
Machen Diebs- und Liebesrunde,
Brünstig, günstig ist die Stunde,
Zu dem Mondmann heulen Hunde.
Sieh! Dort auf dem Wiesengrunde
Tanzen jetzt die Elfen munter
Unterm Knabenkraut hinunter,
Das die Blätter niederstreut.
Kind, sie spielen Lotto heut,
Schreiben auf die Blättchen Nummern,
Und du darfst nur kühnlich schlummern,
Denn dir kommt dein Glück im Schlummer.
Du gewinnst die beste Nummer,
Eine Braut wirst du im Schlummer,
Und dich wecket ohne Kummer
Hochzeit, Hochzeit, hohe Zeit!
Mondschein deckt dein Bettlein breit,
Tu dich zu dem Bräutgam ducken,
Wenn die Wichtlein Jubel rufend
Auf den Stufen ihre Krucken
Brechen, durch die Ritzen gucken
Und zum Schlüsselloch einschlupfen:
Wenn sie an der Decke zupfen,
Strecke nur heraus kein Bein!
Ei, die Nacht ist wunderfein!
Vor der Kröt auf hohem Stuhle
Singen Frosch und Unk im Pfuhle,
Eine heilge Judenschule.
Und der Irrwisch hüpft betrunken,
Wo der Musikant versunken;
Brünstig glühn Johannisfunken,
Wo jüngst fiel ein Jungfräulein,
Als ihr Buhl ihr stellt ein Bein
Und ihr Kränzlein ohn Vermuten
Fiel in eines Schatzes Gluten,
Der im Acker eingetruhet
Blank zu ihren Füßen ruhet.
Heim trug sie den Schatz zur Stunde,
Schwerer war noch viele Pfunde
Ihr lebendger Edelstein.
Schlaf, mein Püppchen, schlafe ein!"
Also hat das Weib gesungen
Mit verwirrter, süßer Zunge,
Und der Zauber ist gelungen. --
Denn Biondette, schlummertrunken,
Folgt des Zauberfadens Zuge,
Geht zur Linde, und am Brunnen
Liegt vor ihr ein Knabe fein.
"Jungfrau, ach, erbarm dich sein!"
Spricht sie, legt den kleinen Buben
Auf des Altars höchste Stufe,
Wo sie einst auch ward gefunden.
"Bleibe unten, bleibe unten,
Bete erst ein Vaterunser!"
Hört sie jetzt den Knaben rufen,
Doch sie soll verloren sein.
Und sie zieht zum Turm hinein,
Steigt hinan die dunklen Stufen;
Immer schwächer hört sie rufen:
"Bleibe unten, bleibe unten!"
Bis die Stimme ganz verschwunden;
Und Biondette, traumumwunden,
Steiget jetzt die letzte Stufe,
Gehet zu dem Mahl hinein.
Rosablankens Nadel fein,
Um die sie das Haar gewunden,
Zieht sie aus dem Lockenbunde,
Die ihr golden niederfluten.
Nächtlich bloß den keuschen Busen,
Tritt sie an die Zauberspuren,
Und von ihrem Herzen funkelt
Hell das goldne Röselein.
"Muß ich denn verloren sein?
O Maria, Gottes Mutter,
Der ich einstens ward gefunden,
In die Windeln eingewunden,
Denke meiner frommen Stunden,
Lasse sterbend mich gefunden!"
Lallt sie, peinlich traumumwunden,
Zu der reinen Seele Heil.
"Sei gegrüßt, du Todespfeil,
Sei gegrüßt mit reinem Munde,
Der nie freche Lust getrunken,
Keuscher Tod in keuscher Wunde!
Flieh, du letzte sündge Stunde!
Märtyrkrone sei errungen!"
Dann ruft sie mit kühner Zunge:
"O Maria, erbarm dich mein!"
Und die goldne Nadel fein
Stößt sie in den reinen Busen
Durch die goldne Rosenblume,
Sinket nieder, heilig blutend.
Und es schlägt die zwölfte Stunde.
"Weh, zu spät ists zu dem Trunke!"
Schreit der König, und geht unter.
** Romanze XIX: Moles in Biondettens Leiche
Triumphiert, ihr guten Geister,
Es zerbrach der falsche Thron!
Apo, dem verfluchten Meister,
Sind die Diener all entflohn.
Heilger Sabbat, betend steige
Auf im Ost dein frühes Rot!
Über dieser Jungfrau Leiche
Schimmre lieblich hin der Tod!
In des Morgenlichtes Streifen
Sehe ich ein Flammenboot
Selig durch die Rosen schweifen,
Mit den Segeln purpurrot.
Rosarosa, still geneiget,
Führt das Steuer treu und fromm,
Rosadora zu ihr steiget,
Daß sie auch zum Heile komm.
Jene keusch den Mantel breitet
Um der Schwester Seele bloß;
Freudig nun der Kahn hingleitet
Durch den blutgen Tränenschoß.
Zu des Traumes Insel streichet
Ihre Fahrt, zum stillen Mond,
Den in Sonn und Tränen bleichend
Die unschuldge Schuld bewohnt.
Wo die kleinen Kindlein weinen,
Die der Tod ums Licht betrog;
Auf dem Totenkränzlein scheinen
Morgens ihre Tränen noch.
Ungetaufet sie verweilen
Singend vor des Himmels Tor,
Und die Tränentauf erteilen
Tauend sie dem Blumenflor.
Rosarosa lehrt die Kleinen,
Die auf Erden sie verlor,
Rosadora wird erscheinen,
Führerin in diesem Chor.
Bis die Rosen sind befreiet
Aus ererbter Sünde Not,
Bis zum Kranze sie gereihet
Selig steigen aus dem Tod,
Singet Jungfraun, Kindlein weinet
An dem goldnen Himmelstor,
Bald Maria euch erscheinet
Mit der Engel selgem Chor.
Aber blickend nach der Reinen,
Taucht die Sonne jetzt empor,
Hüllet dann sich, um zu weinen,
In der grauen Wolken Flor.
Und ein dichter Nebelschleier
Über ihres Hauptes Gold
Zu des Tages Totenfeier
Traurend tief herniederrollt.
Wie ein Trauerhaus bekleidet,
Steht umwölkt das Himmelstor;
Sonnenlos, leidtragend schreite
Bleich der junge Tag hervor.
Asche auf die Hügel streuend
Wandelt hin der Göttersohn,
Und Aurora weint bereuend,
Daß er ihrem Schoß entflohn.
Und sie spricht: "Aus schweren Träumen
Aufgeschrecket muß ich schon
Dir mit blutgem Purpur säumen
Deiner Trauer trüben Thron.
Wo die Nacht den Flügel breitet
Über Schlaf und über Tod,
War mein Lager heut bereitet
Unter böser Träume Not.
Boten auf und nieder steigen
Zwischen Erde, zwischen Mond,
Sah ich zu des Abgrunds Reichen,
Wo die Brut des Fluches wohnt.
Einen hört ich freuig schreien,
Der etwas verkünden wollt,
Und zur Erde niederstreuen
Blätter, deren Schrift von Gold.
Dann in wunderbaren Weisen
Sang er stammelnd Gottes Lob,
Der zu höhern Lichtes Kreisen,
Sein erbarmend, ihn erhob.
Er verschwand mit Benedeien,
Und zum Grund vom blauen Dom
Zog hinab mit Maledeien
Ein gespenstisches Phantom.
Mit der Taube und dem Weibe
Sah ich unter Fluch und Spott
Sein Kamel zum Abgrund treiben
Den verbuhlten Sarabot.
Und er riß vorüber schleichend
Mir vom Haupt des Schlafes Mohn,
Und ich harrte weinend, schweigend
Dein, mein lichter Freudensohn!"
Also sang Aurora leise,
Während still der Tag aufzog,
Und versank im ewgen Gleise,
Das ihr lichter Sohn durchflog.
Aber auf dem Turm alleine
Harret Apo zornestoll;
Daß ihm Moles nicht erscheine,
Füllet ihn mit bitterm Groll.
Es erkaltet schon die Leiche,
Deren Herz noch blutend quoll,
Und die Wangen schon erbleichen
Und die Lippe rosenvoll.
Und er legt metallne Scheiben
Ihr auf Augen, Brust und Schoß,
Um ihr Blut zurückzutreiben
Durch geheimer Kräfte Stoß.
Nieder reißt er ihre Kleider;
Ach, sie hüllt kein schamhaft Rot!
Doch ihr Leichnam nackt und heiter
Ist geheiligt in dem Tod.
Rosarosens Gurt von Eisen
Schützet Lende ihr und Schoß;
Apo will ihn niederreißen,
Doch er zwinget ihn nicht los.
Und mit allen seinen Feilen
Kann mit Mühe er und Not
Den Bußgürtel nicht zerteilen
Der geheiligt Trotz ihm bot.
Nun zum Keller niedersteiget
Apo, wo am feuchten Ort
Springwurz, die jed Schloß erweichet,
Ruhet, daß sie nicht verdorrt.
Als er wiederkehrt zur Leiche,
Sieht er selbst sich oben schon,
Und er spricht: "Laß deine Streiche,
Moles, was soll dieser Hohn?
Hund, du sollst als Hund erscheinen;
Sieh, du treibst es mir zu toll!
Willst du, daß zu deinen Peinen
Ich die Glocke schlagen soll?
Wo bist du so lang verweilet?" --
"Herr, ich tat, was ich gesollt,
Und bin dann zurückgeeilet.
Drum nicht also schmähen wollt!
Einem Kranken Hilfe reichend,
Dessen Heil uns schwer bedroht,
Gab ich Gift, das zäh und schleichend
Ihn verzweifeln läßt im Tod.
Böse Frucht sah ich uns reifen;
Wo ich war, da war man fromm,
Und da muß man seltsam greifen,
Daß man zu dem Pulse komm.
Zürne nicht, mein teurer Meister,
Kam ich doch ums Gastgebot
Meiner anverwandten Geister;
Mir tut auch Zerstreuung not.
Wunderbare Neuigkeiten
Sind auch zu bedenken noch;
Wenn wir nicht zum Flicken schreiten,
Kriegt der Sack ein böses Loch."
Doch Apone spricht: "Jetzt schweige!
Eins nur mildert meinen Groll:
Rate mir, wie ich die Leiche
Auf die Beine bringen soll?"
Moles spricht: "Des Gürtels Eisen
Hindert deine Wünsche bloß,
Kannst du ihn herniederreißen,
Zeige ich dir Wunder groß!
Ich schmeck was von Heiligkeiten,
Drum laß ich die Hand davon.
Du mußt selbst das Schloß bestreiten,
Daß der Schatz dir wird zum Lohn!"
Und die Springwurz hält der Meister
An des Gürtels heilig Schloß;
Nimmer doch den Gurt zerreißt er,
Und er flucht, und sein Genoß.
Moles spricht: "Hier hilft nur Schneiden!
Zeige dich, mein Anatom,
Und wir schicken Heimlichkeiten
Als Reliquien nach Rom."
Apo spricht: "Hinüberschleiche,
Wo die Jungfrau hat gewohnt,
Und mir schnell den Schlüssel reiche,
Daß ihr Leib mir bleibt verschont!"
"Ei, dies mag dir leicht wohl scheinen!"
Sagt der Hund, "bedenke doch,
Was die Frau dazu wird meinen,
Die da steht am Brunnen noch.
Gehe selbst, mein kluger Meister,
Du vielleicht trägst ihn davon,
Doch wir andern jüdschen Geister
Feiern jetzt den Sabbat schon."
Apo geht. -- Zum toten Leibe
Spricht der Hund: "Verdammter Spott,
Nicht zum Manne, nicht zum Weibe,
Hast du mich erschaffen, Gott!
Diese Puppe zu zerreißen,
Scheut sich der gelehrte Tor,
Und sieht das geweihte Eisen
Wie die Kuh das neue Tor.
Mensch, um zweie nur beneidet
Dich der Teufel: um den Tod
Und die Lust, die dir bereitet,
Als sie dir den Apfel bot.
Als du ihn mit ihr geteilet,
Warfst du ab des Lebens Joch;
Mir, der ewig sich langweilet,
Ließ der Zimmermann kein Loch.
Allen Quark muß ich beneiden
Und bin allen Quarkes Gott;
Spott ich Gottes Herrlichkeiten,
Tödlich wird mir nie der Spott.
Stift ich tausend Bubereien,
Gehn sie alle auf ein Lot;
Das unendliche Verzeihen
Hilft dem Herrn aus aller Not.
Als ich in der Wüst allein
Ihm die Erdenschätze bot,
Macht er aus dem dummen Steine
Mir zulieb nicht einmal Brot.
Ohne Freude muß ich teuflen,
Und mein Werk wird all zu Kot,
An dem ewgen Leben zweiflen, # zweifeln?
Und erzweifle nie den Tod!
Was ich mühsam hab geleimet,
Ist und bleibt ein schlechter Klotz,
Und in jedem Kraute keimet
Gegen meine Werke Trotz!
Nichts kann ich zu Ende treiben,
Ach, ein Ende wär ein Lohn!
Das Unendliche vertreiben
Kann nicht all mein Spott und Hohn.
Ewig elendes Arbeiten,
Null ist mir wie Million,
Wer den Knoten könnt zerschneiden:
Sohn ist Vater, Vater Sohn!
Arm, blutarm bin ich ein Teufel,
Mutterlos und vaterlos,
Bös erzeuget von dem Zweifel
In der Lüge dunklem Schoß.
Treibe ewge Affereien,
Ohne Freude, ohne Zorn,
Keine Rose kann mich freuen,
Und mich schmerzen kann kein Dorn.
Elende Quacksalbereien,
Wort zum Fleisch und Fleisch zum Wort,
Hänseleien, sieben Weihen,
Jagen mich bald hier, bald dort.
Hab ich mich wo eingefleischet,
Brauchts vom Kreuz ein Stückchen Holz,
Und der Teufel flieht und kreischet
Wie ein Hund vor Pfeil und Bolz.
Doch den alten Bärenhäuter
Hör ich auf der Treppe schon;
Munter, Moles, treib es weiter,
Bett dich, wie des Menschen Sohn!
Sieh einmal zum Zeitvertreibe,
Wie sichs in der Jungfrau wohnt,
Und dem mürrschen Apo bleibe
Doch der Pudel, der ihm front!"
Und der Geist, der stets entzweite,
Treibet einen Höllensproß,
Und von seinem Stamm befreite
Sich der Zweig und reißt sich los.
Und sie machen Höflichkeiten,
Wer das Weib besitzen soll,
Ja, beginnen schier zu streiten,
Also ist der Teufel toll.
"Vater bin ich," schreit der eine,
"Mir gebührt des Lebens Thron!"
"Nein, das Fleisch, es ist da meine,"
Spricht der andre, "ich bin Sohn!
Weh, es fehlt uns nur am Geiste,
Wäre der uns nicht entflohn,
Daß er uns Entscheidung leiste,
Dann wär uns geholfen schon.
Einig sind Dreieinigkeiten,
Vater wird durch Geist zum Sohn,
Zweie sind Zweideutigkeiten,
Zote nur gebiert der Hohn."
"Wechseln wollen wir zuzeiten,"
Spricht der Hohn nun zu dem Spott,
"Denn das Leiden wie das Streiten
Treiben beide wir gen Gott."
Und der Spott dringt in die Leiche,
Und es hilft ihm frech der Hohn,
Daß er in die Wunde schleiche,
Der Biondettens Geist entflohn.
Apo kehrt und spricht: "Es scheinen
Menschen in dem Hause noch,
Eine Stimme hört ich weinen
Und sah Licht durchs Schlüsselloch."
Doch nun richtet sich die Leiche
Auf und nicket mit dem Kopf;
Als sie ihm die Hand will reichen,
Bebet Apo wie ein Tropf.
Moles spricht: "Empfang, Hochzeiter,
Meine Gratulation,
Sieh, dein Glückstern scheinet heiter,
Führe deine Braut davon!
Eine Unschuld sondergleichen,
Ohne Hemdlein, nackt und bloß,
Even muß ich sie vergleichen,
Wie sie stieg aus Adams Schoß.
Fräulein, ich seh von dem Pfeile
Amors euer Herz durchbohrt!
Daß er euch die Wunde heile,
Ihr den rechten Arzt erkort.
Alles ist nicht Gold, was gleißet;
Wenn der Herzensrose Gold
Eure Wunde gleich zerreißet,
Seid ihr drum nicht minder hold."
Apo spricht: "Laß deine Streiche!
Sage, wie du sie erhobst,
Welchen Geist der schönen Leiche
Du belebend unterschobst?"
Und der frechste aller Geister
Spricht: "Ein Wort sagt ich ins Ohr;
|Fiat| heißts beim großen Meister,
Pfui heißts in unserm Chor.
Willig hat sie sich bezeiget,
Etwas blöde freilich noch;
Was die Lippe jetzt verschweiget,
Pocht im Herzen laut und hoch.
Brechet erst diese züchtge Schweigen;
Durch des Treurings rotes Gold
Läßt sie sich vielleicht erweichen,
Gibt den Schlüssel, den ihr wollt.
Die Kleinode laß erscheinen,
Gut erworben hier und dort;
Durch Kleinode kommt der Kleinen
Bald das lustge Fleisch zu Wort!"
Einen Schrein voll Edelsteinen
Und von goldnen Ringen voll
Bringt der Meister, daraus einen
Sich die Braut erwählen soll.
Gierig nun den Schatz durchschweifet
Wild ihr Aug, das dunkel rollt,
Heftig zuckt die Hand und greifet
Einen Siegelring von Gold.
Und als wollt sie ihn zerbeißen,
Zuckt sie ihn zum Mund empor,
Apo wollt ihn ihr entreißen,
Doch verschlang sie ihn zuvor.
Und nun spricht sie: "Herr, die Deine
Bin ich nun, wie du gewollt:
Vor dem Volke und alleine
Dien ich dir um dieses Gold.
Dieses Ringlein auf der Reise
König Pharao verlor,
In dem Roten Meer zur Speise
Sichs ein geizger Hecht erkor.
König Pharao, dem Weisen,
Setzt der Koch den Fisch einst vor;
Als er wollt den Hecht verspeisen,
Kam das Ringlein blank hervor.
In dem Bette seiner Weiber
Kam es wieder ihm davon,
Ein ägyptscher Eselstreiber
Trug es dann als süßen Lohn.
Dems der freche Papageie
Der Herodias entzog,
Und mit einem Freudenschreie
Fand sie es in seinem Trog.
Bei der blutgen Weihnachtsfeier,
Bei der Kindlein lustgem Mord,
Daß er tanz nach ihrer Leier,
Schenkt sie es dem Vater dort.
Und das Ringlein war ihm teuer,
Es besiegelte sein Wort;
Doch es lief ein ungetreuer
Diener mit dem Ring ihm fort.
Und der Ring kam immer weiter,
Keinem hat er noch gefrommt,
Außer dir, mein Herr Hochzeiter,
Dessen Braut er wohl bekommt.
Meines Leibes bist du Meister
Bis zum Gürtel und dem Schoß;
Leider zwingen alle Geister
Diese Last mir nimmer los!
Könnt ich dir den Schlüssel reichen,
Wär ich deiner Lust Genoß;
Aber er ist mir nicht eigen,
Mir gehöret nur das Schloß.
Alles geb ich, nur verweigern
Muß ich dir den Schlüssel bloß,
Deine Kunst, kannst du sie steigern,
Ringt vielleicht dem Feind ihn los.
Ich will offen dich begleiten,
Nach Belieben, wann und wo;
Alle sollen dich beneiden;
Werde dieses Neides froh!
Mich als Nonne einzukleiden
Sag ich auf dem Markt mich los;
Lügen müssen wir verbreiten,
Wie ich ward dein Hausgenoß.
Wie ich in Melancholeien
Hilf von deiner Kunst gehofft,
Wie, die Kranken zu zerstreuen,
Mein Gesang dir diene oft.
Wie die Kunst der Arzeneien
Ich von dir erlernen soll,
Wie nichts könne uns entzweien,
Weil wir eines Gottes voll.
Dieses, jenes, und so weiter
Lüge nur, man glaubt es schon,
Denn du bist ein Teil gescheiter,
Herr und Meister und Patron!
Deine Magd kann ich erscheinen,
Wie es deinen Lüsten frommt;
Nur nicht lachen und nicht weinen,
Weil dies von der Seele kommt.
Soll dein Lager ich beschreiten,
Oder auf der Erde bloß
Ruhn an deines Bettes Seiten,
Oder sitzen dir im Schoß?
Ob ich auf dem Draht, dem Seile,
Dir soll gaukeln liebestoll,
Ob ich dir zur kurzen Weile
Buhlerliedlein singen soll?
Deinen Blicken, Fingerzeigen
Folget deine Dienrin schon,
Darf ich deinen Bart dir streichen,
Ist es mir ein süßer Lohn.
Vor der Welt nach alter Weise
Nenne mich Biondette noch;
Älia Lälia Crispis heiße
Mich in Traulichkeiten doch.
Denn in mir von diesen Dreien
Brennet der gedrillte Docht,
Um die einst in Buhlereien
Mancher römscher Bürger focht.
Ja, ich bin von diesen Dreien
Das gezwirnte Kunstphantom,
Und wie sie will ich nicht schreien,
Küssest du gleich wie ganz Rom.
Will dir mein Besitz verleiden,
Werd ich zu der Lust zu stolz,
Kann dich wieder von mir scheiden
Klein ein Splitter Kreuzesholz.
Aber an dem Jungfernleibe,
Den ich dir zur Lust bewohn,
Daß er unverdorben bleibe,
Zeig jetzt deine Kunst, Patron!"
Und mit Blut zwei Sprüche schreibet
Apo ihr nun hinters Ohr,
Unter ihre Achseln reibet
Salbe er, die er beschwor.
Lüstern die besessne Leiche
Küsset nun der alte Tor,
Moles spielet auf der Geige
Ein vermaledeites Chor.
Und in buhlerischem Eifer
Tanzet, wie der trunkne Lot,
Mit der Braut er einen Schleifer
In fatalem Teufelstrott.
Älia Lälia Crispis schreiet
Mit verruchtem, giftgem Ton,
Und Biondettens Kehl entweihet
Eines frechen Liedes Hohn.
Dies gefällt nicht gnaz dem Meister,
Und er spricht: "Verschon mein Ohr!"
Mit Biondettens Stimme heißt er
Singen sie den Hochzeitschor.
"Denn du sollst Biondette scheinen,
Die zum Freunde ich erkor,
Und die Stadt soll sie beweinen,
Daß sie sich an mich verlor.
Alle sollen mich verschreien,
Und um Silber und um Gold
Will ich ihren Festen leihen
Meine Freundin süß und hold!"
Und die Jungfrau spricht: "So sei es!
Lieb ich gleich nicht jenen Ton,
Freut sich gleich des frechen Schreies
Mehr ein freier Musensohn,
Lieb ich lügend doch zu gleißen;
Und zweideutig will ich Gott
Dir in schiefen Weisen preisen,
Mir zum Lobe, ihm zum Spott!
Mit gedrehten Schlangenhäuten
Lasse mir von Apfelholz
Eine Harfe bald besaiten,
Ich bin auf dergleichen stolz.
Ich will die Akkorde greifen,
Daß du mich gewißlich lobst,
Daß der Weiber Augen greifen
Rings nach dem verbotnen Obst.
Und die Männer werden eilen,
Den verrufnen Apfel rot
Mit den Even schnell zu teilen,
Und sie essen sich den Tod!"
Moles spricht nun zu dem Meister:
"Eine Harfe ist besorgt,
Der galanteste der Geister
Hat die seine mir geborgt.
Ist sie gleich ein bißchen heischer,
Ist sie doch vom besten Ton,
Wird die Sängerin erst keuscher,
Wird sie besser stimmen schon.
Aber jetzt, ihr Hochzeitsleute,
Machet mich nicht länger rot!
Apo, es tut uns für heute
Zu studieren noch sehr not!
Denk, wie du vor kurzen Zeiten
Sahst in meinem Horoskop,
Wie die Rose gen uns beide
Drohnd ein dreifach Haupt erhob.
Uns entzogen hat die eine
Rosarosens selger Tod,
Diese hier ist jetzt die Deine,
Und sie bringt uns keine Not.
Wenn die dritte nun erscheinet,
Ist das böse Kleeblatt voll,
Dem ich einst mit dir vereinet
Tragisch unterliegen soll.
Schnell mein Meister, ohn Verweilen!
Über Rose, über Dorn
Muß das Buch uns Rat erteilen,
Suche hinten, ich such vorn!"
Im Register steht verzeichnet:
Rose golden, weiß und rot,
Die Marien zugeeignet,
Bringen böse Kunst in Not.
Auf der angeführten Seite
Stehet: Suche Jericho!
Jericho nun suchen beide,
Doch es fehlet J bis O.
Und Apone denkt, wie heute
Er das Buch durchs Fenster schob,
Wie der Wind da, Seit auf Seite
Wälzend, in dem Buch getobt.
"Weh, mir Toren!" flucht der Meister.
"Als mir Samael entfloh,
Dacht ich: Ach, mein Buch zerreißt er!
Denn es tönte wahrlich so."
Moles spricht: "Am Wald hinreisend
Sah ich unterm blanken Mond
Samael in Freuden kreisend,
Weil der Herr ihn hat belohnt.
Und ich sah ihn Blätter streuen
Unter hellem Gottes Lob,
Und ich konnt ihn nicht erschreien,
Weil er sich zum Licht erhob.
Das sind böse Neuigkeiten,
Dumm hast dus gemacht, Patron,
Du mußt jetzt im Dunkel schreiten,
Weil die Blätter dir entflohn."
Und sie fangen an zu streiten,
Wechseln harter Worte Zorn,
Älia Lälia Crispis beiden
Schärfet noch des Grimmes Dorn.
Aber ihren Zank durchschneidet
Der geweihten Glocke Ton;
Jacopone zubereitet
Seine Leichenfeier schon.
Älia spricht jetzt: "Schnell mich kleide
In den buntsten Freudenrock,
Hülle mich in Samt und Seide,
Meine Haare üppig lock!
Schütte alle dein Geschmeide
Über meinen Busen bloß,
Daß ich durch das Volk hinschreite
Dir zur Seite leicht und los!
Und dein Kummer wird zur Freude,
Es versinkt dein grimmer Zorn
In dem allgemeinen Neide,
Wie im Meer ein kleiner Born!"
Lächelnd kräuselt ihr der Meister
Nun das Haar in frei Gelock,
Und der hündischste der Geister
Schürzet ihr den Purpurrock.
Und es schmücken sie die beiden,
Gleich der Hure Babylon,
Und sie singet Schändlichkeiten
Ihnen vor im frechen Ton.
Sodomitsche Blumenzweige
Steckt sie ihrem Busen vor,
Und nun führt die falsche Leiche
Apo aus des Turmes Tor.
Wer sie sieht, steht wie versteinert,
Oder mehret ihr Gefolg;
Aber allen unter keiner
Kennt in ihr den Höllenmolch.
Und mit bangem Finger zeiget
Jeder Vater sie dem Sohn,
Und von Mund zu Munde streichet:
"Sahst du heut Biondetten schon?"
Alle, die sie einst beneidet,
Weil sie kunstreich, schön und fromm,
Glauben, wo sie hin nur schreitet,
Daß die irdsche Venus komm.
Also frech ist ihr Bezeigen,
Jedem Buben scheint sie eigen,
Ich erschrecke und muß schweigen.
** Romanze XX: Rosarosens Leichenzug
Frühe Sonne, frühe Sonne,
Ach wo bist du hingesunken!
All des Tages Jugendwonne
Ist im Morgenrot ertrunken.
Deine wunderselgen Augen,
Inseln aus des Himmels Seen,
Sah ich steigen, untertauchen
In des Morgens erstem Wehn.
Und es steigt ein Nebelschleier
Übers tiefe, stille Blau,
Eine einsam tiefe Feier
Breitet sich durch Wald und Au.
Ruhig unbewegte Bäume,
Kein Gesang, kein Blattgeräusch;
Spinnet ihr die nächtgen Träume
Wieder an, ihr Blumen keusch?
O Bologna, deine Zinnen,
Die gelacht im Sonnenstrahl,
Seh ich bösen Schmuck gewinnen:
Schwarze Flaggen überall!
Alle Buden sind geschlossen,
Trauerteppche hängen aus,
Durch die Straßen weit ergossen
Reget sich ein Volksgebraus.
Aber mitten durchs Gedränge
Gehet eine freie Bahn,
Und es wirft die rege Menge
Blumen auf den offnen Plan.
Vor dem Konsularpalaste,
Auf des Marktes weitem Raum,
Der viel tausend Bürger faßte,
Bildet Wache einen Saum.
Und die acht Konsulen treten
Aus des Palasts hohem Tor,
Und der Ältste tritt zu reden
Auf den Marmorstuhl empor.
Und er winkt mit dem Barette
Und der Herold mit dem Stab,
Das Geschmetter der Trompete
Nun zur Ruh das Zeichen gab.
"Seid gegrüßt, ihr freien Bürger!
Seid gegrüßet, edle Ritter!
Seid gegrüßet, ihr Gelehrten!
Seid gegrüßet, ihr Studenten!
Euch die Ursache zu sagen,
Warum heute alle wir
Also reiche Trauer tragen,
Seht ihr mich erscheinen hier.
Jacopone, der gelehrte --
Wer ists, der ihn hier nicht kennte,
Seine Weisheit nicht verehrte,
Nicht ihn einen Gönner nennte?
Über diesen Mann gesenket
Hat sich jüngst ein bittres Leiden,
Und in Tränen ganz ertränket
Ist er nicht mehr zu beneiden.
In des Schauspielhauses Brande
Ward sein herrlich Weib verletzet,
Und zu einem bessern Lande
Von dem Herrn der Welt versetzet.
Sie, die Lehrerin der Waisen,
Seine Hauses treue Wirtin,
Ward in dieser Stadt geheißen
Nur die fromme, liebe Hirtin.
Und sie ist nicht mehr hienieden;
Wo sich alle Lämmlein sammeln
Hat der Hirt sie hinbeschieden,
Gottes Loblied mitzustammeln.
Da sie ihm nun ist geraubet,
Will er nicht mehr grünend leben,
Will er, wie ein Baum entlaubet,
Nimmer wieder Schatten geben.
Und er ist vor uns erschienen,
Hat uns weinend eingeladen,
Alle seinem Leid zu dienen,
Und wir haben uns beraten.
Denn als eine freie Gabe
Gibt der Stadt er seine Gelder,
Liegende und fahrnde Habe,
Seine Häuser, seine Felder.
Alles, was er hat erworben,
Sei ihm auch mit ihr verloren,
Sei ihm auch mit ihr gestorben,
Armut hat er sich erkoren.
Eine Kirche will er bauen,
Wo das Spielhaus ist verbrennet,
Zum Behuf der Klosterfrauen,
Welche man Clarissen nennet.
Und er hat zu diesem Ende
Alle Sicerheit gegeben,
Siegelbrief und Dokumente,
Wo die Gelder sind zu heben.