Trage, bis bei deinem Tode
Deine arme Schwester erbet;
Büß um meine Schuld, o Tochter!
Trage züchtig, die dich decken,
Diese farbgen Seidenstoffe,
Und die Schuld, die sie beflecket,
Helf mir büßen, liebe Tochter!
Einstens werd ich bei dir stehen;
Zu unendlich süßem Troste
Wirst du deine Mutter sehen;
Jetzo gehe, süße Tochter!"
Und es scheidet Rosarose
Freudig von der gütgen Toten,
Hängt den Schlüssel an die Stelle,
Da sie hat die Gruft verschlossen.
Und die Lampe brennet helle;
Sie setzt freudig sich zur Orgel,
Läßt ein Requiem erschwellen,
Recht in freudig vollem Tone.
Als in des Benone Zelle
Eingetreten Jacopone,
Lag der Alte im Gebete
Und sprach hörbar diese Worte:
"Herr, dein Aug nicht von mir wende,
Wenn ich steh in bösem Zorne!
Herr, o leite meine Seele
Durch des Sündenmeeres Toben!
Herr, laß keinen trostlos sterben,
Ohne heilge Sakramente,
Laß den Sünder nicht verderben,
Ohne Buß vor seinem Ende!"
An der Zelle Türe stehet
Dieses hörend Jacopone,
Und von Schrecken ganz erbebet
Pochet er und ruft: "Benone!"
Und, die Tür geöffnet, redet
Ernst der Mönch: "O Jacopone,
Gott hat mein Gebet gesegnet,
Daß du bist an diesem Orte!
Doch du hast ein wildes Wesen,
Was willst du mit diesem Dolche?
Deine Haare um dich wehen,
Kommst du, mich hier zu ermorden?
Oder hast du Rosarosen,
Deine fromme Braut, erstochen?
Fremde Lieb bei ihr erkennend,
Was der Herr verhüten wolle?
Oder hast du gen dich selber
Diesen bösen Stahl erhoben,
Willst in blinder Wut du sterben?
O, du armer Jacopone!
Weh, ich seh Rosarosens
Mantel deinem Arm entrollet!
Rede, rede, du Entstellter,
Gibt dem stummen Schrecken Worte!"
"Vater, zu dem Garten gehe,"
Spricht nun bebend Jacopone,
"Wo mein Weib in der Kapelle
Täglich singet zu der Orgel.
Trete zu ihr an die Quelle,
Wo sie badet in dem Bronnen,
Laß sie beichten, laß sie beten,
Eh sie stirbt von diesem Dolche.
Daß sie nackt die Flucht nicht nehme,
Hab ich ihr Gewand genommen;
Du magst rücklings hin es werfen,
Wenn du zu dem Bronnen kommest."
Und der Mönch schließt seine Zelle,
Folgt zum Garten Jacopone.
Da sie an der Brücke stehen,
An des Reno blauen Wogen,
Spricht der Mönch zu dem Gesellen:
"Wirst du mich nicht hier durchbohren,
Mich dann in den Reno werfen?
Sieh, ich trau nicht deinem Dolche;
Gib ihn mir doch aufzuheben!"
Und es gibt ihn Jacopone,
Und sie gehn. Doch unbemerket
Wirft der Mönch ihn in die Wogen.
Vor dem Garten nun begehret
Seinen Dolch der Jacopone:
"Er ruht in des Reno Wellen!"
Spricht zu ihm der Mönch Benone.
Und die Arme um ihn legend
Küßt die Stirn er Jacopone,
Spricht: "Zu deiner Kammer kehre,
Deine Seele steht im Zorne!
Dir zum Troste wiederkehren
Will ich bald mit Rosarosen.
Gott verleih dir seinen Segen!"
Und es gehet Jacopone.
Und auf seinem Weg begegnet
Suchend ihn der Meliore,
Fragt ihn bang nach Rosarosen,
Doch es schweiget Jacopone.
Da sie in die Stube treten,
Schlummert Pietro an dem Boden,
Abgebrannt sind tief die Kerzen,
Traurig stehn die Blumenbogen.
Jacopone spricht: "O wehe!"
Und bricht aus im Tränenstrome,
"Weh, ihr dunkeln Hochzeitskerzen,
Weh, ihr armen Blumenbogen!
Nieder brennt ihr in dem Herzen
Und erlöscht im Tränenstrom,
Nieder welkt ihr in den Schmerzen
Unter meiner Klage Odem!
Kehret nicht zum Firmamente,
Sterne, Mond und hohe Sonne1
Ewig an des Himmels Schwelle
Steh blutweinende Aurore!
Also ewig stille stehen
Soll der Puls im Herz gebrochen,
Ewig meine Hochzeitskerze
Niederbrennen unverloschen!
Ewig meine Kränze welken,
Von den Tränen nur begossen,
Stille ewig sterbend leben
Nur die bittren Tränen rollend!
Blumenkränze, Hochzeitskerzen,
Sterne, Mond und hohe Sonne,
Ewgen Schmerzes Tränenquellen
Und blutweinende Aurore:
Welket, brennet, steht in Schmerzen!
Nimmer lachet Jacopone;
Die die Liebste mir gewesen,
Sie ist schlecht mir vorgekommen!"
Aber zu dem Mahl einkehret
Nun der alte Mönch Benone,
Ihm zur Seite traurig stehet
Rosarose ohne Locken.
Pietro, vom Geräusch erwecket,
Springet auf; die Myrtenkrone
Reichet er der neuen Schwester,
Lieb und Treue ihr gelobend.
Dann putzt schnell er rings die Kerzen,
Daß es helle ward. Meliore
Grüßt sie, reicht ihr die Sonette
Und blickt schüchtern an den Boden.
Aber auf dem Hochzeitsbette
Lieget jammernd Jacopone:
"Die die Liebste mir gewesen,
Sie ist schlecht mir vorgekommen!" --
"Nun genug der frevlen Reden!"
Spricht zu ihm der Mönch Benone,
Daß, der du ihr lieb gewesen,
Ihr nicht schlechter vor mögst kommen!
Hier empfange Rosarosen,
Und bei Gott im Himmel droben
Bist gleich ihr du reines Herzens,
Will ich dich vor Engeln loben.
Ich hab all ihr Tun gesehen,
Da ich bin ihr Beichtger worden,
Konnt des Herren Leib ihr geben
Ohne Absolutionen.
Sie hat dir auch schon vergeben,
Daß du sie ermorden wolltest.
Die du hast entblößt im Leben,
Ward gekleidet von den Toten."
Aber Rosarosa redet:
"Denke meiner ersten Worte:
`Ich erflehe eure Ehre,
Gebe meine Gott zum Opfer.
So bin eine Braut des Herren
Ich, und dennoch Euch verlobet,
Teile mit euch eure Ehre,
Meine bleibe unverloren!
Was im Garten hat geredet
Jener Knabe, dunkle Worte
Sind es mir wie dir; erhellen
Müssen sie zukünftge Sonnen!"
Und sie knieet vor dem Bette,
Nimmt die Rechte Jacopones,
Auf ihr nacktes Haupt sie legend
In den vollen Kranz der Rosen.
Und der Jüngling, tief beweget,
Spricht: "O Weib, wo sind die Locken,
Die ich wollte liebend flechten?
Was soll mir der Kranz voll Dornen?"
Liebvoll Rosarosa redet:
"Ich ließ sie den gütgen Toten,
Die dein nacktes Weib bedecket,
Das du hast entblößt im Zorne.
Auch den Hochzeitsmantel schwebend,
Den zurück mir gab Benone,
Hab ich ihnen hingegeben,
Ihre Güte zu belohnen.
Herr, o wolle dich erheben,
Sieh, es kehret schon Aurore,
Wolle mich zu dir aufnehmen,
Züchtig will ich bei dir wohnen!
Eine Magd mich dir bequemen,
Spinnen dir zur Nacht, zum Morgen.
Für dich beten, für dich sterben;
Herr, entsage deinem Zorne!"
Jetzt erhebt er sich, doch sehen
Kann er nicht, ein Regenbogen
Schwebt um sie von seinen Tränen
In dem Schein des Morgenrotes.
Und sie trocknet seine Tränen,
Still mit ihres Kranzes Rosen,
Und Benone gibt den Segen,
Will dann kehren nach dem Kloster.
"Trink des Brautweins einen Becher,
Heilger!" flehte Jacopone.
"Gib ihn mir, ich will zur Messe
Ihn verwandeln!" spricht Benone.
"Dort will eurer ich gedenken
Und als Christi Blut ihn opfern!"
Und nun kehrt zu seiner Zelle
Still der alte Mönch Benone.
Rosarosa spricht nun: "Denke,
Lieber, was ich dir versprochen:
Hier ist Wasser aus der Quelle,
Hier sind unsres Gartens Rosen.
Lasse unsre Augen netzen,
Die getrübt vom Weinen worden."
Und nun auf die Tafel setzet
Sie das Glas bekränzt mit Rosen.
Und sie kühlen mit der Quelle,
Den die Tränen all entquollen,
Ihrer Augen heiße Quellen;
Sieh, da steigt herauf die Sonne.
"Sie will sein bei unserm Feste!"
Spricht der stille Meliore;
Aber Pietro laut erhebet
Seine Stimme ihr zum Lobe:
"Grüß dich, Held des Orientes,
Grüß dich, Gottes Morgensonne,
Grüß dich, Heiland aller Wesen,
Grüß dich, Heiland voller Rosen!
Grüß dich, Trost der dunklen Felder,
Grüß dich, Quell der Tauestropfen,
Grüß dich auf dem Himmelswege,
Grüß dich, goldne Morgensonne!
Singt mir, was sie spricht, ihr Lerchen,
Singt die sieben letzten Worte,
Singt den Held des Orientes,
Der die schwere Nacht gebrochen!"
Also sang er, während betend
Die drei andren zu ihm horchen,
Und die volle Sonne sehen
Sie, und waren voll des Trostes.
Und sie trinken einen Becher
Brautwein, haben angestoßen
Einer zu des andern Segen,
Und dann aßen sie des Brotes.
Da ertönt das Glöcklein helle
An dem wohlbekannten Kloster,
Und sie gehen zu der Messe
Ihres alten Freunds Benone. --
Also liebte er ihr Wesen,
Hat sich so mit ihr versprochen,
Feiert so die Hochzeitsfeste,
Der gelehrte Jacopone.
Und sie war ihm tief ergeben,
Eine Magd ihm unterworfen,
Winke waren ihr Befehle
Und Gesetze seine Worte.
Auf sein Haus strömt voller Segen,
Und man pries ihn allerorten;
Die er führte, die Prozesse,
Waren alle bald gewonnen.
Und sie füllte spinnend, webend,
Seine Schränke an bis oben,
Nähte ihm wohl hundert Hemden,
Die sie alle selbst gewoben.
Sie half ihm die Bücher stellen,
Wußte sie gar wohl zu ordnen,
Schrieb ihm ab viel dicke Hefte
Und gar manchen schweren Codex.
Als sie einst ihm die Pandekten
Heimlich schrieb mit flüssgem Golde
Auf schneeweißem Pergamente
Und ihm gab am Christtagsmorgen,
War er gar in Lieb beweget,
Schenkte ihr, die sie gesponnen
Und gewebet, all die Hemden
Und dazu viel Münzen Goldes.
Und sie ließ auf allen Wegen
Zu sich bald die Armen kommen,
Ihre Linnen sie ausspendet,
Recht zu aller Frommen Troste.
Und so lebten sie in Segen,
Wohl vier Jahre ohne Sorgen,
Und es wußte kaum zu bergen
Seinen Reichtum Jacopone.
Und Bologna war getrennet
In Parteien. Die des Volkes
Sich die Gieremei nennen,
Stritten für das Recht des Volkes.
Lambertazzi, ihre Gegner,
Für des Adels Recht erhoben;
Von zwei feindlichen Geschlechtern
War der Namen angenommen.
Und da diesen eigenen Händeln
Sich noch fremde eingeflochten,
Ghilbellinen und die Guelphen,
Ward die Sache mehr verworren.
Und so ward gar viel gerechtet,
Manches Blut im Streit vergossen,
Daß die Frauen bittre Tränen
Um die Toten weinen konnten.
Oft erteilte den Geschlechtern
Seinen Rat auch Jacopone,
Und in ihrer Mitte stehend
Mußte Freund und Feind ihn loben.
Wenn in diesem stolzen Leben
War sein irdscher Mut erhoben,
Sah er oft sein Weib beschämet
Neben sich so still verborgen.
Die den Schleier nie ableget
Von des schönen Hauptes Locken,
Die mit Edelstein und Perlen
Nimmer vor ihm prangen wollte.
Und sie wollte niemals gehen
Zu dem Tanze, zu der Oper,
Ging vor Tag nur in die Messe
Und zu der Kapelle Orgel.
Endlich hat er sie erbeten,
Ihm zu folgen in die Oper,
Da die Sängrin Biondette
Wollt entsagen zu dem Kloster.
Und er hat ihr angeleget
Schwere Spangen roten Goldes,
Edelsteine, reiche Perlen
Und Rubinen, blutge Rosen.
Als er ihr den Schmuck anlegte,
Stand sie wie ein Lamm des Opfers,
Und er sprach: "Den Schleier lege
Ab, laß flechten mich die Locken!"
Doch sie wollt ihn nicht ablegen,
Bis er zürnend es befohlen;
Ach, was muß erschreckt er sehen:
Schneeweiß sind des Hauptes Locken!
Ruhig sie da zu ihm redet:
"Darum hielt ich sie verborgen.
Seit sie von der Totenschere
Fielen, sind sie bleich geworden!"
Ach, wie recht im tiefsten Herzen
Traf die Rede Jacopone,
Da er sah die Jungfrau stehen
Mit des Alters grauen Locken.
"Könnte ich mit meinen Tränen
Dir das Silberhaar vergolden!
Ach, ich habe dich dem Schrecken
Jener Schere unterworfen!"
Und er hat die Silberflechten
Mit Rubinen ihr durchzogen,
Wie ein Busch im Blütenschnee,
Vom Johanniswurm umflogen.
Wunderbar war sie zu sehen,
Eine Diamantensonne,
Und es freut an Rosarosen
Wie ein Kind sich Jacopone.
Wie die Flitterkränze schweben,
Und die flimmernden Goldrosen
Zitternd auf der Jungfraun Särgen,
Schien sie in der Glorien Krone
Eine selge Braut der Engel,
Eine Königin der Toten,
Eine hochzeitliche Seele,
Ein gestirnter Geist voll Wonne.
Schier geneigt, sie anzubeten,
Ging bei ihr der Jacopone.
Da sie ins Theater treten,
Ging ein Flüstern durch die Logen.
Nie noch hatte man gesehen
Die Gemahlin Jacopones,
Und nun wie ein höhres Wesen
Stand sie blendend vor dem Volke.
Und in der erstaunten Menge
Hat ein Klatschen sich erhoben,
Bis beschämt in tiefstem Herzen,
Sie den Schleier umgenommen.
Als die liebliche Biondette
Sang ihr Leben vor dem Volke,
War die schöne Rosarose
Tief im Herzen scharf getroffen.
"Daß du mich mit dir zu gehen
Hast bewogen, Jacopone,"
Sprach sie, "dank ich dir ohn Ende.
O, wie ist mir wohl geworden!
Diese Jungfrau anzusehen
Ist mir nie genossne Wonne,
Und ich könnte ruhig sterben,
Spräch sie zu mir süße Worte!
Ach, ich fühle ihrem Wesen
Meine Seele tief verwoben,
O, ich werde nie genesen,
Steht sie mir nicht bei im Tode!"
Und sie war so tief beweget,
Da die Jungfrau ihre Rollen
Wiederholt als Judith, Jephthe,
Daß sie nachsprach alle Worte.
Aber als sich um Biondetten
Hat die wilde Glut erhoben,
Hat sie, nicht um sie, um jene
Nur, das Hilfsgeschrei erhoben.
Und es brachte sie zu retten
Mit Gewalt nun Jacopone
Hinzu einem hohen Fenster,
Da ersah sie Meliore.
Keine Leiter ruht am Fenster,
Rings schon alles um sie lodert,
Und sie sprang, sich Gott befehlend,
Nieder in den Arm Meliores.
Glücklich nieder zu der Erde
Folgt ihr springend Jacopone,
Doch er findet sie mit Schrecken
Blaß und schon ihr Aug geschlossen.
Und rings unter ihrem Herzen
Blutge Tropfen niederflossen,
Doch sie sprach: "Mein Herr, ich lebe
Annoch durch die Hilfe Gottes!"
Und vier rheinische Studenten
Sie auf ihren Mantel hoben,
Trugen still sie durchs Gedränge,
Weinend folget Jacopone.
Und sie ward auf ihren Wegen
Angestaunet von dem Volke,
Wie ein Kunstwerk von Juwelen
Und ein Bild von lauterm Golde.
Nimmer ward von solchem Werte
Ein geheimer Schatz gehoben,
Und die tragenden Studenten
Nimmer von ihr blicken konnten,
Wenn sie in dem Schein der Sterne
Oder in dem Glanz des Mondes
Auf dem weißen Mantel blendet,
Wie auf Schätzen Flammen lodern.
Hätte sie nicht von Biondetten
Oft den Namen ausgesprochen,
Für die Leiche eines Engels
Hätte man sie halten sollen.
Über ihres Hauses Schwelle,
Bis zu ihrer Kammer oben,
Auf sein keusches Hochzeitbette
Ließ sie tragen Jacopone.
Dann entließ er die Studenten,
Ihre Treue zärtlich lobend,
Und zu ihm sprach Rosarose:
"Höre mich, mein Jacopone!
Da ich aus dem Leben gehe,
Soll dir bleiben unverborgen,
Was ich mußte dir verhehlen,
Das Geheimnis jenes Bronnens.
Warum du mich wolltest töten,
Als den Knaben du gehorchet.
Wisse, daß ich deine Schwester,
Deinem Vater bin entsprossen!
Und ich danke, daß du ehrend
Meine Unschuld nicht verdorben,
Daß von Blutschuld unbeflecket,
Keusch wir bei einander wohnten.
Aus versündeten Geschlechtern
Sind wir sündenvoll geboren,
Und die Sünde wird erst enden,
Wenn ein schweres Jahr verflossen.
Von der eitlen Welt dich wende,
Geh in einen frommen Orden,
Wo das Schauspielhaus verbrennte,
Laß erbauen mir ein Kloster!
Aber jetzo, eh ich sterbe,
Hole mir den Greis Benone,
Daß ich nehm die Sakramente,
Zu der Seele letztem Troste!"
Jacopone steht entsetzet,
Ohne Regung, ohne Worte,
Nur sein Haar hebt sich zu Berge;
Doch er eilet zu Benone.
Aber auf der Treppe schellet
Schon des kleinen Lammes Glocke,
Und zu Rosarose gehet
Ein der Knabe blondgelocket.
"Grüß dich Gott zum Wiedersehen1
Ei, wie bist du schön geworden,
Meine liebe Rosarose!"
Hat das Kind zu ihr gesprochen.
Und sie sprach: "Mein guter Engel,
Du kamst, wie du mir versprochen,
Doch du bleibest stets derselbe,
Du bist größer nicht geworden!"
"Mir ist", hier das Kind versetzte,
"Dieses Maß gegeben worden.
Ach, es war nicht zu ermessen,
Als dies Maß war voller Wonne!"
Doch nun fühlt die Jungfrau Schmerzen;
Klagend sprach sie: "O, Benone,
Komme bald zum Trost der Seele
Und geselle mich den Toten!"
Und der Knabe sorglich legte
Auf die Stirn ihr eine Rose,
Und von ihrem Duft erwecket,
Hat die Jungfrau sich erholet.
"Du hast dich zum Hochzeitsfeste",
Spricht er, "schön geschmückt mit Golde,
Und mit Perlen und Juwelen
Strahlst du in der Jungfraunkrone!
Wird dein Bräutigam dich auch kennen,
Der dich sonst nur sah mit Rosen?"
"Ja," sprach sie, "er wird mich kennen
An dem Blut, das ich vergossen!"
** Romanze XIII: Tod der Rosarosa
Wie in dunklen Meereswogen
Ein verbranntes Schiff entmastet
Unterm weiten Himmelsbogen
Traurig steht auf ödem Sande,
Wie die Flamme scheu noch lodert,
Von den Fluten rings belagert,
Bis die traurig tote Kohle
Leicht umschaukelt in dem Wasser,
Fern schon ziehn die dunkeln Wolken,
Die geübt die böse Rache,
Und die Sterne vor dem Monde
Ziehn heran, unschuldig fragend:
Wo ist hin das segelvolle
Freudge Schiff, so hoch bemastet,
Das wie eine Braut die Wogen,
Buhlend mit dem Wind, durchtanzte?
Wo sind hin die Schifferchöre,
Die in feuchten Tauen tanzten?
Ist von all dem stolzen Volke
An dem Fels der Ruf verhallet?
Und das Meer spielt mit den Toten,
Mit den Segeln, mit den Masten;
Sterbend zischen noch die Kohlen,
Und dann schweigt und ruhet alles.
Und die Sterne zu dem Monde
Brechen aus in bittre Klagen:
Ach! wo ist die schöne Tochter,
Die uns grüßte mit Gesange?
Die gelöst die goldnen Locken,
Ließ in freudgen Lüften flaggen,
Unsern Spiegel in den Wogen
Betend grüßt mit Harfenklange?
Muß sie auch im Wasserschlosse,
Von Untieren rings bewachet,
Bei Sirenen und Tritonen
Fern von uns nun sein gefangen?
Also klagen sie dem Monde,
Der zu ihrer Klage lachet
Und das blaue Feld der Wogen
Überschüttet weit mit Glanze.
Und was schimmert dort so golden,
Rauschend durch die Wasserbahnen,
Zieht gleich einem Arione
Ruhig durch die Meere, harfend?
Heil! Es ist die schöne Tochter;
Sie steht auf dem Wundermantel
Sicher, wie auf starkem Boote,
Und ihr Schleier ist die Flagge.
Und die Sterne freudig horchen,
Denn es zieht durch ihre Harfe
Äolus mit süßem Tone,
Daß die Ufer rings entschlafen:
Also unterm Himmelsbogen
Stand zerstöret das Theater,
Um die trüben Säulentore
Schauerten der Wachen Fackeln.
Also in dem Glanz des Mondes
Trat Biondette mit der Harfe
Aus den hohen, dunkeln Pforten,
Wie in lichter Geist umwandelt.
Unterm hohen Sternendome
Steht sie auf dem öden Platze,
Unter ihren leichten Sohlen
Knirscht die Kohle auf den Platten.
Und zum Monde auf sich wolket
Noch der Rauch des toten Brandes,
Dumpf schallt fernes Wagenrollen
Und es rinnet rings das Wasser.
Und des blauen Reno Wogen
Lauter durch die Nacht hinwallen,
Lauter rauschen auch die Bronnen
Siegreich ob dem Feuerkampfe.
Und Biondetta wiederholet:
"Lebet wohl, ihr falschen Farben,
Eitler Tränen Regenbogen,
Sterne hell von falschem Glanze,
Ihr dient einem Flittermonde!"
Sprachs, da klang es in der Harfe,
Und zwei hohe, weiße Nonnen
Geistig ihr zur Seite standen.
Von dem Schleier ganz verborgen
Schienen sie zwei selge Schatten,
Winkend, ihnen nachzufolgen,
Sie Biondetten still ermahnten.
Eine schweift in einem Bogen
Um sie, Freudenzeichen machend,
Und die andre sah zu Boden,
Traurig ihr Hände faltend.
"Sprechet, was ihr von mir wollet,
Fromme Schwestern von Sankt Claren?"
Frug die Jungfrau. Nachzufolgen
Winkend jene sie ermahnten.
Und Biondetta folgt den Nonnen,
Die wie Geister vor ihr wallen,
Zu dem Hause Jacopones,
Zu der Rosarosa Lager.
"Sei willkommen mir im Tode!"
Sprach die Kranke, und vom Lager
Hat sie leis ihr Haupt erhoben,
Unterstützet von dem Knaben.
"Daß dem Feuer du entkommen,
O, Biondetta, Gott ich danke;
Wolle nun zu meinem Troste
Mir ein Lied zur Harfe schlagen!"
Als die Jungfrau harfen wollte,
Sah sie an den blonden Knaben:
"Sah ich heut dich nicht am Bronnen
Mit dem Vogel, mit dem Lamme,
Bei der Jungfrau mit den Rosen,
Bei der süßen Rosablanke,
Die heut früh den Kranz geflochten
Für Marien am Altare?"
Und der Knabe hat gesprochen:
"Reicher als heut am Altare
Ward auch hier ein Kranz geflochten,
Und du wirst die Dornen tragen.
Als der Gärtner säte Rosen
In der Buße bittren Garten,
Fiel dein Körnlein in die Dornen,
Und du kennst nicht deinen Namen.
Denn du heißest Rosadore,
Jene heißet Rosablanke,
Rosarosa, rote Rose,
Ihr seid aus demselben Stamme!
Seid geschenkt der Mutter Gottes,
Als sie vor zwölfhundert Jahren
Auf der sündgen Erde wohnte;
Jetzt erst seid ihr aufgegangen.
Doch noch seid ihr kaum entsprossen!
O erscheine, Herr des Gartens,
Hüte deine heilgen Rosen
Und zertritt die falsche Schlange!" --
"O, Benone, mir zum Troste
Eile!" nun die Kranke klaget,
"Denn es wirft die Lebenssonne
Über mich schon lange Schatten!"
Und der Knabe spricht: "Zum Kloster
Gehe ich, ihn zu ermahnen;
Doch zuvor, o fromme Tochter,
Muß ich deiner Treue danken.
Denn ich kann nicht wiederkommmen,
Eh erfüllet sind die Tage,
Daß wir alle durch die Pforte
Der Barmherzigkeit einwandern.
Heil sei dir und ewge Wonne,
Daß in Unschuld du gewandelt,
Und, zu hören Gottesworte,
Kinder gern um dich versammelt!
Viele dich am Himmelsthrone
Palmen schwingend schon erwarten,
Und sie singen dort im Chore,
Die du sie gelehrt, die Psalmen.
Heil sei dir und ewge Wonne,
Daß in Unschuld du gewandelt,
Daß du dich dem Herrn verlobet
Und die Treue ihm gehalten!
Also ist auch Jacopone
In die Blutschuld nicht gefallen,
Und so bricht der Tod dich Rose
Zu der Sühnung ewgem Kranze!
Heil sei dir und ewge Wonne,
Daß in Unschuld du gewandelt,
Und das Kleid der gütgen Toten
Unbeflecket hast erhalten!
Den Bußgürtel scharf gedornet
Trugst du still und ohne Klagen,
Und so halfst du, fromme Tochter,
Deiner Mutter Sünde tragen.
Heil sei dir und ewge Wonne,
Daß in Unschuld du gewandelt.
Was dir unterm Herzen wohnet,
Hast du nimmer mich gefraget!
Aber nun vor diesen Nonnen
Öffne ruhig die Gewande,
Zeige deines Herzen Rose,
Dieses Siegel deines Stammes!
Und es soll auch Rosadore,
Die man sonst Biondetten nannte,
An des eignen Busens Rose
Wahr erkennen ihren Namen.
Heil sei dir und ewge Wonne,
Daß in Unschuld du gewandelt,
Wisse, daß dir stets zu folgen,
Mich mein eigen Heil ermahnte.
Denn ich harre der drei Rosen
Länger als zwölfhundert Jahre.
Eine bist du, bald gebrochen,
Bald auch breche ich die andre!
Als der Heiland ward geboren,
Hab ich auch das Licht empfangen,
Und ich gab ihm meine Rosen,
Da er spielte bei dem Lamme.
Und er gab mir eine Knospe
Aus den Gräsern seines Lagers,
Hat dann liebvoll auch gesprochen:
`Agnus castus sei dein Name!'
Und wo ich bis jetzt gewohnet,
Sät ich dieser Pflanze Samen,
Ehrt sie höher als Kleinode,
Weil der Herr auf ihr geschlafen.
Agnus castus aller Orten
Heißt, wie ich, nun diese Pflanze.
Weißt du noch, wie ich dir Mosse
Sammeln sollte mit den Knaben,
Weil du dir bereiten wolltest
Deiner Hochzeit keusches Lager,
Wie ich dir zu deinem Schoße
Nichts als Agnus castus brachte?
Und du hast sie angenommen,
Dankend für die Hochzeitsgabe,
So schliefst du und Jacopone
Wie der Herr auf dieser Pflanze.
So hat eurem frommen Wollen
Gern der Heiland beigestanden,
Und das Lager deines Todes
Blieb durch ihn der Keuschheit Lager.
Bald steht deines Herzens Rose
Nun im selgen Himmelsgarten
Und schmückt ihm die Dornenkrone,
Die er hat für uns getragen!"
Als der Knabe so gesprochen,
Ging er betend aus der Kammer:
"Jesus Christus sei gelobet!"
Und die Sterbende sprach: "Amen!"
Doch jetzt nahten sich die Nonnen,
Die verschleiert fern gestanden,
Leis hinschwebend an dem Boden,
Rosarosens Sterbelager.
Und es knieet Rosadore
Eingehüllet in den Mantel.
Stille war es, nur der Odem
Wehte und das Licht der Lampe.
Und die eine sprach: "O Tochter,
Ich bin deiner Mutter Schatten.
Weh mir, daß ich es geworden!
Rosatristis ist mein Name.
Und auch du, o Rosadore,
Hast durch mich das Licht empfangen;
Fürchte nichts, erheb vom Boden
Deinen Blick, der mich erlabet.
Ach, so kann ich nach dem Tode
Mutterfreuden erst erlangen!
Wie unendlich ist die Wonne
Unergründlichen Erbarmens!"
Und nun schweift sie wie ein Vogel
Freudig um das Bett der Kranken,
Und umschwebet Rosadoren,
Streifend kühl durch ihre Haare.
Rosarosens Lebenswoge
Hebt sich nochmals Wellen schlagend,
Stumme Freudentränen flossen
Nieder von der bleichen Wange.
Denn sie hört im Ton der Worte
Jene Stimme widerschallen,
Die ihr einst das Haupt geschoren,
Ihrer Blöße sich erbarmend.
Durch die Seele Rosadorens
Bebt ein tiefes, süßes Bangen;
Furchtlos hat emporgehoben
Sie die Arme nach dem Schatten.
Denn sie sieht in dieser Nonne
Jenes Bildlein ihrer Kammer,
Das mit ihr gefunden worden,
Das sie stets so wert gehalten.
Rosatristis nun voll Wonne
Löst der Kranken Brustgewande,
Daß des Busens heilge Wogen
Schimmernd zu dem Lichte drangen.
Eine rote blutge Rose
Rosarosens Brust bestrahlet;
Was ihr unterm Herzen wohnet,
Hat sie so im Tod erfahren.
Während leis zu Rosadoren
Sich die andre Nonne nahte,
Und sie sah, die sie erzogen,
Rosalätens heilgen Schatten.
Rührend sprach sie: "Rosadore
Die ich sonst Biondette nannte,
Teure Jungfrau, zeig die Rose,
Die dir gab den neuen Namen.
Lasse, die dich hat geboren,
Meiner armen Schwester Schatten,
Lasse ihres Heiles Rose
Vor ihr blühn im keuschen Garten!"
Und in Zucht löst Rosadore
Ihres Mieders goldne Spangen,
Und des Herzens banges Pochen
Hört man durch die Stille schlagen.
Eine kleine goldne Rose,
Über ihrem Herz gemalet,
Zeigt im Spiegel ihr die Nonne
Als das Zeichen ihres Stammes.