Belgiens Volkscharakter -- Belgiens Kunst

Bei Lüttich und Namur, in Charleroi und Löwen, bei Mecheln und

Antwerpen und überall sonst auf belgischem Boden haben unsere

unerschrockenen, unvergleichlich tapfer und offen vorgehenden Krieger

erlebt, wie unsagbar rasend und wild, wie teuflisch-grausam die

belgischen Massen, wie furchtbar fanatisch und erfinderisch sich der

einzelne gezeigt in allen unausdenkbaren Schlichen der Hinterlist. --

[Illustration: Abb. 1. +A. Coppens+, Der »Große Platz« in Brüssel nach

der Zerstörung durch die Franzosen i. J. 1695.]

Man kann sich gar nichts Schrecklicheres vorstellen als die

Straßenkämpfe in Charleroi und in und vor anderen Städten des heutigen

Belgiens. Das Schießen erbärmlichster Schufte aus Fensterritzen und

Kellerluken, aus Dächern und Kothaufen machten die Straßen zur Hölle,

in der das Blut deutscher Helden und belgischer Feiglinge tatsächlich

in Strömen floß, -- den Tapferen zum unsterblichen Ruhm, -- zur schwer

zu sühnenden Schande der Nachkommen jener, die Tacitus vor langer,

langer Zeit die tapfersten von allen germanischen Stämmen genannt hat.

[Illustration: Abb. 2. +Hoogenberg+, Der Brand des Rathauses in

Antwerpen i. J. 1576.]

Freilich, wer nur einigermaßen dieses Volkes, dieses Landes Geschichte

kennt -- war nicht überrascht über diese furchtbar wilde Raserei, die

wir lieber dem Pöbel als einem Volke zuschreiben möchten. Wurde doch

Belgien in allen Jahrhunderten zum Schauplatz gräßlichster Kämpfe. Bald

war es französisch, bald deutsch, bald spanisch, bald holländisch. Ein

Land aber, das durch Kriege und Freiheitskämpfe politischer, religiöser

und wirtschaftlicher Art so durchwühlt und vernichtet und nach Zeiten

blühenden, aufbauenden Reichtums wieder zerstört wurde, oft genug von

Teilen des eigenen Volkes, das mußte durch diese Kette furchtbarer

Erlebnisse, die noch in den flämischen Legenden, Liedern und Bildern

weiterleben, eine Hochschule jenes unsicheren und bedenklichen, weil

allzu unbedenklichen Patriotismus werden, der die einzelnen mehr zur

bewaffneten Selbsthilfe erzieht als zum einheitlich, stark und offen

vorgehenden Heere.

Diese Erinnerungen sind unerläßlich zur Erklärung jener Wutausbrüche

des belgischen Volkes, wie der gleichzeitig echt volksgemäßen und doch

durch und durch unabhängigen großen, starken und unvergleichlichen

flämischen Kunst, die zu allen Zeiten aus tiefsten, blutenden Wunden

des Volkes zu neuer Größe sich erhob.

[Illustration: Abb. 3. +D. Vinckboons+, Der alle ereilende Tod.]

Was de Coster in seinem unsterblichen »Ulenspiegel« von Todesängsten

und Todesqualen erzählt -- in Hoogenbergs dickem Atlas geschichtlicher

Begebenheiten (Abb. 2) in unzähligen anderen Stichen, in Coppens

»Gallischer Grausamkeit traurigem Zeugnis« (Abb. 1) bleiben genug

Erklärungen lebendig, für die immer und immer noch zum Auflodern

glimmende Glut des Volkes gegen vermeintliche Angreifer.

Aber wie das völkerverblendende England mit jenen Bildern und

Erinnerungen furchtbarster feindlicher Zerstörungswut das belgische

Volk gegen uns hetzte, als das grausamste von allen --, so zeigen wir

nun mit eben diesen Bildern, die auch de Costers Bibel des flämischen

Volkes illustrieren, wie ganz anders deutsche Heeresmassen siegreich

vorrücken als jene Zerstörer Antwerpens, als die französischen

Mordbrenner Brüssels und der herrlichen Pfalz am Rhein. -- -- Doch

genug von solchen Erinnerungen.

* * * * *

Den letzten, wie allen früheren schaudererweckenden Katastrophen des

belgischen Volkes widersprechen in denkbar schroffster Weise unsere

+landläufigen+ Vorstellungen von alter niederländisch-belgischer Kunst.

[Illustration: Abb. 4. +Adriaen Brouwer+, Singender Bauer.]

Man braucht doch nur das Wort »niederländische Malerei« auszusprechen

und jeder Museumsbesucher, zumal der, der das Brouwer-Kabinett der

Münchener Pinakothek kennt, lacht auf und sieht vor sich eine lustige

übermütige Gesellschaft von Bauern, die fiedeln und singen in ihren

dunkeln Kneipen, die auf den Märkten tanzen und schreien. --

Unsere Museumsbummler machen freilich keinen Unterschied zwischen Franz

Hals, dem Holländer, oder Teniers, dem Antwerpener oder Ostade, oder

Jan Steen oder Adriaen Brouwer, der von Haarlem nach Antwerpen zog.

Wozu auch gleich?

Jedenfalls, die große Reihe bunter Bilder, die das ausmachen, was

wir kurzweg »niederländisch« nennen, die stellt uns das belgische

Volk so lebenslustig und behaglich genießend vor wie nur irgend

möglich. Wir sagen uns, wir sehen's in Brouwers und Teniers so gern

reproduzierten, in den Galerien meistbetrachteten Bildern, daß sich

die belgischen Künstler gut aufs Lachen verstanden haben und daß es

recht lustig zuging dazumal in Antwerpen und Brüssel und allerorten an

der Schelde und in Flandern und Brabant bei Braunbier und spanischem

Wein und Burgunder -- und daß sie sich sonst keine Sorgen gemacht und

Seelenqualen.

[Illustration: Abb. 5. +Adriaen Brouwer+, Das Gehör. K. Pinakothek in

München.]

Also gingen belgische Künstler ganz andere Wege als das von schweren

Schicksalen heimgesuchte belgische Volk?

Oder ist die lustige, verwegene Bauernmalerei doch vielleicht nur

holländischer Kunstimport?

Oder sind belgischer Volkscharakter und belgische Kunst Dinge, die sich

kaum berühren? --

Vielleicht -- und das liegt sehr nahe -- haben die belgischen

Künstler, aus lauter Überdruß an den qualvoll blutigen Ereignissen

des Landes, nur immer in idealen Welten gelebt, nicht in der der

tatsächlichen Ereignisse?

War die Kunst nur fröhlich, aber Volk und Zeit traurig?

Nein! Nein!

Die belgische Kunst, d. h. das, was die größten belgisch-flämischen

Künstler vorzugsweise geschaffen, und die Bilder, die das belgische

Volk vor anderen geliebt hat, sind weder das eine allein noch das

andere.

+Die Höhepunkte flämischer Kunst -- und jene Kunstwerke, die in Belgien

in Auftrag gegeben und geschaffen wurden, zeigen einen Geist, der

gleichzeitig humorvoll und voller Satire, grausam und melancholisch,

sinnlich und übersinnlich, angstvoll und lebensfreudig, phantastisch

und arbeitsam ist.+ Das sagen die Kunstwerke, das sagen die Dichter

Belgiens, das sagt doch auch des Landes Geschichte.

Trotz aller furchtbaren völkischen Katastrophen, ja aus ihnen heraus

nähren und erheben sich die Genies der flämischen Rasse zu herrlichen

Schöpfungen. Und kaum in irgend einem anderen Lande geben Kunst und

Kunstgeschmack treffender als anderes wieder den Volkscharakter.

Die belgische Kunst, das ist das Beste des belgischen Volkes.

In so klarer und scharfer und immer künstlerisch autochthoner Weise

offenbart sich dieses Volkes Kern, daß wir ihn schlechterdings als

etwas Festes, Unwandelbares und -- ich kann nicht anders -- als etwas

Hochgeniales ansprechen müssen.

Denn des Pöbels Verhalten gibt überall nur ein Zerrbild vorhandener

Schwächen.

Immer wieder setzte sich des flämisch-niederdeutschen Volkes Sinnesart

künstlerisch in einer Form durch, die nur das Kennzeichen tiefsten

Erfassens und Leidens und stärkster Lust und Gestaltungskraft sein kann.

Mögen die üppig-herrlichen Rathäuser und die festen Belfriede mehr

Zeugen von glücklicher Wirtschaft und politischer Wachsamkeit sein

-- die Werke des Bouts und des Bosch, des Breughel und Brouwer, der

Rubens, Jordaens und Teniers, und dann doch auch der Wiertz, Lambeaux,

Khnopff, Ensor und nicht zum wenigsten des Rops, sie sind alle und alle

vom selben merkwürdig zäh und stark sich erhaltenden Geiste dieses

Volkes.

Nichts trennt hier Kunstgeist und Volkscharakter.

Denn wenn auch Künstler wie Meunier, der übrigens nur schwer in seiner

Heimat Anklang finden konnte, wohl nur wie einer von den vielen

Armeleutmalern aller Länder erscheint, so gestaltete doch auch er

Hünen und Recken des Volkes wie Rubens. Und wenn Fernand Khnopff alles

mystisch erschaut, wie einst Bosch, wenn er die Dame von heute erschaut

wie eine bleiche, krankende, unheimliche, Sinnlichkeit ausstrahlende

Sphinx, wenn Antwerpens letzte große Historienmaler ganz gewiß auch

deshalb so starken Widerhall im Volk gefunden, weil sie die geköpften

Leichen des Egmont und Horn entseelter als andere gemalt, so sind

eben doch alle die Neueren bis auf Laermans und Minne nur Fortsetzer,

Neuschilderer der echt flämischen alten Themen von furchtbaren

Hinrichtungen und Greueln, von des Lebens tiefsten Melancholien und

höchster, unbändiger Lust am Dasein. Satiriker und Bekenner.

[Illustration: Abb. 6. +Const. Meunier+, Lastträger in Antwerpen.]

Die belgischen Künstler sind und waren Realisten, denen nichts

gräßlich, nichts häßlich ist. -- Das ist ihr Ruhm.

Nie -- von einer kurzen Zeit der Verirrung abgesehen -- haben sie

fremdem hohlen Formalismus gehuldigt -- die ganze Welt steht ihnen

offen und ihre Phantasien machten alle Träume, machten das Jenseits

selbst zu neuen wahrhaftigen Welten.

Von diesem +starken+, künstlerisch +schöpferischem Kerne+ der echten

Flamen gilt de Costers herrliche Überzeugung:

»Begräbt man Ulenspiegel, den Geist, und Nele, das Herz der Mutter

Flandern? -- Auch sie kann schlafen, aber sterben, nein!«

[Illustration: Abb. 7. +Rubens+, Sturz der Verdammten.

Belgiens Volkscharakter, Belgiens Kunst · 第 12 / 24 题