Und er gab einen seltsamen Befehl. --

In der Mitte der Stadt, wo das Schloß und alle die vornehmen Gebäude lagen,

drängte sich das Volk zusammen. Dort wurde auf den Befehl des Romulus

Futurus alles zusammengetragen, was Berlin an Gummi und ähnlichen Stoffen

besaß. Aus diesen Materialien wurden Schutzwände gebildet, an denen die

elektrischen Wellen des roten Kometen, die sich als rote Lichtflut dem Auge

zeigten, abprallen sollten.

In der Tat zeigte sich, daß die Wirkung des Lichtes da sofort aufhörte, wo

die Menschen sich hinter solchen Gummiwänden verbargen, denn die

Elektrizität prallte wirkungslos an diesen Schutzvorrichtungen ab.

Was aber halfen diese Maßregeln, die den Anstrengungen eines Ameisenhaufens

gegen einen Taifun gleichkamen, gegen die furchtbaren Stunden, die jetzt

folgten!

Der rote Komet preßte sich förmlich an die Erde heran, und jede Stunde,

jeden Augenblick erwartete man den Zusammenprall.

Mit dem herannahenden Untergang der Welt zeigten die Menschen sich

plötzlich so wie sie waren. Die einen, die bisher unter der Maske der

Tapferkeit paradierten, wurden feige wie Hyänen, andere, die nie aus dem

Dunkel ihrer Bescheidenheit hervorgetreten waren, verrichteten Wunder des

Mutes und der Arbeit. Alles, was lebensfähig war, das Militär, die

Arbeiter, die eben noch gegen die Obrigkeit gefochten, die höchsten

Staatsbeamten und die niedersten Bewohner Berlins schafften fieberhaft an

der Gummimauer, welche sie vor dem letzten Untergang retten sollte. Aber

die Maßnahmen des Kultusministers erwiesen sich gleichfalls als vollständig

unzulänglich, denn bald schmolz der Gummi unter der fabelhaften Hitze, die

von Stunde zu Stunde wuchs. Die Nacht hatte sich zum Tage gewandelt und der

ganze westliche Himmel schwamm in einem Meer von purpurnem Feuer. Myriaden

von den verschiedensten Farbentönen, angefangen vom blassesten Rosa bis

hinauf zum tiefsten Burgunder, schwammen am Himmel. Schließlich glitten sie

zusammen, zerschmolzen, vereinigten sich, und das ganze Firmament war ein

einziges Chaos von Blut und Flammen.

Der Schrecken, der die Menschen ergriffen hatte, war unbeschreiblich.

Hunderte und Tausende flüchteten sich in die Kirchen. Der Dom im Lustgarten

war besetzt von Verzweifelten. In der französischen Kirche am

Gendarmenmarkt wurde ein Tedeum abgehalten. Hunderte wieder wurden in ihrer

Angst auf die Friedhöfe getrieben, als könnten sie Trost oder Hilfe bei den

Verstorbenen finden. Auf dem Luisen- und dem alten Sophienkirchhof drängten

sich die von wilder Panik Erfaßten ebenso wie auf dem neuen Gottesacker,

der sich bis Freienwalde ausdehnte. Die wenigsten fanden den Mut, in den

großen Bauten, die bisher weltlichen Zwecken gedient, Zuflucht zu suchen.

Und doch war es das klügste, und die, welche im königlichen Schauspielhaus

Zuflucht gesucht hatten, waren wenigstens in den kühlen Hallen halbwegs

geschützt gegen die höllische Hitze, die in den Straßen brütete. Viele

stürzten in die Keller, um dort für kurze Zeit Kühlung zu finden. Die

meisten aber mieden, aus Furcht vor einem Erdbeben, die Häuser und tobten

durch die Straßen.

Plötzlich schrie die Menge auf.

Auf dem königlichen Schlosse, das von Tausenden umlagert war, stieg

plötzlich eine Feuersäule kerzengerade zum Himmel empor, oder besser, sie

war von dort gekommen und stand nun drohend und purpurrot auf dem Dache. Zu

gleicher Zeit stürzten mehrere Soldaten tödlich getroffen zu Boden. Im

ersten Moment hatte niemand begriffen, was geschehen war, als sich aber die

Erscheinung wiederholte, da wußten die Ingenieure sofort Bescheid.

Ein Haus ging sogar in Flammen auf. In ein zweites fuhr der Strahl und

tötete beinahe alle Bewohner, während zu gleicher Zeit die Flammen aus den

Fenstern schlugen.

Auf dem Schlosse war es eine Kupferstange gewesen, die den elektrischen

Blitz angezogen hatte. Die Helme der Soldaten boten gleichfalls für die

elektrischen Ströme, welche die Atmosphäre erfüllten, einen willkommenen

Stützpunkt, bis das Militär verzweifelt die Kopfbedeckungen abriß und von

sich warf, die Gewehre und Säbel zerbrach und auf die Straße schleuderte.

Plötzlich hörte man die Signale der Feuerwehr. Nicht weniger als zehn

Häuser brannten im Zentrum der Stadt. Die Soldaten mußten Hilfe leisten,

und alle anderen Menschen legten Hand an, um wenigstens für den Augenblick

die furchtbare Situation zu vergessen.

Alles ging in Flammen auf, was von einem der elektrischen Funken ergriffen

wurde, die wie Glühwürmer die in Purpur getauchte Nacht durchschwirrten.

Im Westen zog sich ein Streifen von so intensivem Rot, daß man im ersten

Augenblick glaubte, dort stände schon die ganze Welt in Flammen. Es sah

nicht anders aus, als sei die Erde dort, wo sie endete, in Blut getaucht,

oder als schwimme sie in einem Meer von Glut.

Die Häuser erhitzten sich, und die Menschen sprangen laut schreiend auf die

Straße hinaus, während die Fenster barsten und die großen Auslagen der

Läden splitternd und krachend zusammenfielen.

Gebete, in wahnsinniger Angst hinausgeschrien, stiegen zu dem roten Kometen

empor. Furchtbare Flüche wurden gegen diese neue, gigantische rote Sonne

ausgestoßen, die drohend und schrecklich über der Erde stand.

Plötzlich stürzten mehrere Häuser ein. Sie begruben Hunderte von Menschen

unter sich, denn zu damaliger Zeit waren die Gebäude in Berlin nach

amerikanischer Art teilweise zu einen Höhe von zwanzig Stockwerken

ausgebaut. Ihre Gerippe bildeten große Eisengerüste, die sich unter der

Glut, die auf den Häusern lag, erhitzten, die Holzverkleidungen der Gebäude

selbst in Brand setzten und sich teilweise zusammenbogen wie Weidenruten.

Die Straßen waren erfüllt von tausendstimmigem Wehgeschrei, Klagen und

Rufen. Sterbende ächzten, Verwundete stöhnten und wimmerten, und die jeder

Vernunft baren Menschenströme wälzten sich über Tote und Verwundete hinweg,

zerstampften sie, zertraten sie, flüchteten hierhin, dorthin, und konnten

doch dem Verderben nicht entrinnen, das von dem Kometen auf die Erde

niederkam.

Zwischen dieses Chaos von Verwüstung und Irrsinn hinein drang das

Geschmetter der Militärmusik; die Soldaten wurden durch die eiserne

Disziplin ihrer Offiziere zusammengehalten und versuchten, so gut es ging,

die Ordnung aufrecht zu erhalten. Schaurig schollen die Signale der

Feuerwehr, die mit verzweifelter Energie kämpfte, den Untergang Berlins zu

verhüten.

Eine dicke Ruß- und Rauchwolke lagerte sich über die Stadt. In manchen

Straßen war es so arg, daß die Menschen nicht mehr atmen konnten und

Hunderte erstickten, ehe sie einen rettenden Ausweg fanden.

Flimmernd lag der rote Rauch in der Luft; die Atmosphäre erhitzte sich

immer mehr und mehr. Ueber der Spree lagerte die Wolke am dichtesten, denn

die hölzernen Schiffe hatten Feuer gefangen, und brennende Kähne trugen die

Flammen den Fluß entlang.

Der ganze Westen war eine einzige helle Glut. Die Straßen waren gefüllt mit

Toten, die regungslos auf dem erhitzten Pflaster lagen.

Um das Unglück noch größer zu machen, erhob sich ein fürchterlicher Sturm.

Rot und bläulich gefärbte Wolken, mit Phosphor gefüllt, trieb der Wind am

Himmel umher. Sie ballten sich zusammen zu einer dicken, schwarzen Masse,

durch die, kaum sichtbar, noch der rote Komet hindurchschimmerte. Die

Spreewasser wurden aufgepeitscht von dem Sturm, der mit Brausen, Tosen und

Zischen über Berlin hinwegfuhr. Nebel schienen sich auf die Stadt

herabzusenken, ein roter, glühender Schleier, der die Lungen versengte und

das Atmen immer schwerer machte.

General Treufest, welcher derzeit Stadtkommandant von Berlin war, ließ alle

schweren Geschütze zusammenfahren und eröffnete eine furchtbare Kanonade

gegen den Rauch, gegen die Wolken und gegen den roten Kometen. Er gab sich

der vagen Hoffnung hin, durch den großen Luftdruck der Geschosse die

Atmosphäre zu säubern; in der Hauptsache aber war der Befehl wohl auch

kopflos gegeben, hervorgerufen durch starres Entsetzen und jene Panik, die

die klügsten Köpfe völlig besinnungslos machte.

Die Kanonade, welche in der Stadt anhob, erhöhte nur das Grauen, ohne die

Kraft der Elemente eindämmen zu können. Die Menschen, die nicht sofort die

Ursache der Erderschütterung und des schrecklichen Getöses kannten,

glaubten, ein Erdbeben sei gekommen und versuchten nun, aus den Straßen

hinauszuflüchten, sprangen übereinander, traten sich gegenseitig nieder,

zerfleischten sich und bildeten einen großen Knäuel, ein blutiges,

schreckliches Chaos.

Mit unheimlichen Getöse und furchtbarem Krachen fielen die Häuser zusammen.

Ganze Stockwerke, von der Hitze beinahe geschmolzen, senkten sich auf die

unteren herab, gehalten von schweren Eisensäulen, so daß die entsetzten

Menschen in Wahrheit zwischen Ruinen wandelten.

Plötzlich setzte ein Regen ein, und schon wurden Stimmen der Hoffnung laut,

als die Unglücklichen erkannten, daß die Tropfen, die zischend auf das

heiße Pflaster fielen, selbst erhitzt waren, daß die Wolken lediglich

Ströme von Dampf, Glut und Gischt auf die Erde niedersandten. Durch die

Wolke von Rauch hindurch sah man blutrote Nebel, und zwischen ihnen rannten

die Menschen schreiend und keuchend hin und her, mit verglasten Augen, von

Fieber und Todesangst geschüttelt.

Unter der großen Menge hatten sich auch Romulus Futurus, seine Gattin Fabia

und sein Freund John Crofton befunden. Es gab keinen Unterschied mehr

zwischen den Menschen. Die Karossen und elektrischen Equipagen lagen

zertrümmert und verbrannt in den Gassen. Die Luftschiffe, welche zuerst

versucht hatten, das Geheimnis des roten Kometen zu ergründen, waren auch

zunächst von der furchtbaren Hitze ergriffen worden. Die Glut hatte die

Gashüllen gesprengt und in Flammen gesetzt. Die Aluminiumgerippe waren

zerbrochen wie Glas und Tausende von großen Schiffen waren wie

Sternschnuppen niedergefahren, brennende, leuchtende Klumpen, von denen

sich Stoff-Fetzen und tote Menschenleiber ablösten.

Die drei gingen durch die Wilhelmstraße. Dort, wo in früheren Jahren das

Kultusministerium gestanden, erhob sich jetzt ein großes, prachtvolles

Palais, das mit vielen anderen Häusern den Gefahren bis dahin entgangen

war. Die großen Tektonwände, in die es eingefaßt war, hatten den

umherfliegenden Feuerfunken widerstanden.

Zwar waren alle Fenster gesprungen, aber nichts deutete darauf hin, daß die

Bewohner von dem gleichen panischen Schrecken ergriffen worden waren wie

alle anderen Menschen.

Oder stand das Haus leer?

Frau Fabia, die der furchtbaren Verwüstung in den Straßen und der

grenzenlosen Katastrophe bis jetzt mit größtem Seelengleichmut begegnet

war, während John Crofton mehr tot als lebendig neben dem finsteren Romulus

Futurus herwankte, wurde plötzlich von einer seltsamen Unruhe ergriffen,

als sie dieses Haus erblickte, in dessen Nähe sie bis jetzt noch nie

gekommen war.

Sie klammerte sich mit beiden Armen an ihren Gatten und stieß hastig

hervor:

»Was ist das, Romulus? Was ist das für ein Haus?«

Romulus Futurus ließ seinen Blick über das Gebäude gleiten.

»Es ist der Palast der Fürstin Angelika,« erwiderte er gleichmütig und

wollte seinen Weg fortsetzen. Aber Frau Fabia hielt ihn zurück.

»Angelika« murmelte sie, »Angelika . . . Der Name ist mir so bekannt.«

»Die Fürstin wurde dir doch damals vorgestellt, als wir mit Doktor Diabel

und den andern in seinem Hause soupierten.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Davon weiß ich nichts!«

Romulus Futurus machte eine Handbewegung.

»Verzeih', ich vergaß, daß dir die Erinnerung an alles, was in der

Vergangenheit liegt, geschwunden ist.«

Er sprach gleichgültig, als rede er mit einem völlig fremden Menschen, denn

er liebte Frau Fabia schon lange nicht mehr. Sein Wunsch stand auf etwas

anderes, auf ein Wesen, auf ein Idol gerichtet, das er nicht nennen konnte,

das ihm nur vorschwebte, auf die schemenhafte Erscheinung, die er unter

seinem Bilde kennen gelernt und die nun doch -- das stand außer Zweifel --

im Körper seiner Gattin Fabia wohnte.

Sie ließ sich von dem Hause nicht fortbringen.

»Es kommt mir so seltsam bekannt vor,« flüsterte sie unaufhörlich, während

ihr Blick einen eigentümlichen Schimmer annahm. »Aber das ist ja mein Haus!

Das ist ja mein Palais!« rief sie plötzlich, sich an Romulus Futurus

klammernd. Im nächsten Moment stieß sie einen gellenden Schrei aus, sank in

die Arme ihres Gatten und deutete zitternd, während ihre Zähne wie im Frost

aufeinanderschlugen, zum Fensterkreuz des ersten Stockes empor.

Sowohl Romulus Futurus als auch John Crofton waren ihr mit den Augen

gefolgt.

Dort oben stand Doktor Diabel und sah hohnlachend herab. Sein Gesicht hatte

wahrhaftig die Fratze eines Teufels angenommen.

Die Welt und ihre Interessen hatten sich in den Stunden so geändert, daß

John Crofton längst nicht mehr an sein Dokument dachte. Und Romulus Futurus

wunderte sich nicht, den Gefangenen hier zu sehen, denn es war ja bekannt,

daß die Revolutionäre alle Gefängnisse gestürmt hatten.

Obwohl das alles nur um Stunden zurücklag, schien es doch jedem, als ob

Jahre, dazwischen liegen müßten. So furchtbar waren die letzten Erlebnisse.

Plötzlich erfüllte ein furchtbarer Donnerschlag die Luft. Der Himmel

glühte, ein Regen von feurigem Dampf und siedendem Wasser spritzte vom

Firmament auf die Erde nieder, und die Atmosphäre war förmlich geschwängert

von Glut.

Es war unmöglich, sich noch länger auf der Straße zu halten, und Romulus

Futurus, seine Gattin Fabia und John Crofton flüchteten sich in den Palast

der Fürstin Angelika, der ihnen am nächsten lag, um dem Glutregen zu

entkommen.

Große Lufthydranten füllten den Palast der Fürstin Angelika mit Sauerstoff.

Romulus Futurus und John Crofton wollten sich im Vestibül aufhalten, aber

Frau Fabia drängte auf die Treppe zu.

»Was willst du?« fragte ihr Gatte zornig. »Sollen wir uns aus dem Hause

weisen lassen? Willst du die Fürstin beleidigen?«

Aber Frau Fabia schien plötzlich den Verstand verloren zu haben.

»Von welcher Fürstin sprichst du?« fragte sie mit irren, lohenden Blicken.

»Von der Fürstin Angelika.«

»Die Fürstin Angelika bin ich selbst!«

Romulus Futurus und John Crofton sahen sich an. John Crofton, der Frau

Fabia immer noch mit gleicher Glut liebte, dachte nicht anders, als sie

habe über all diesen Schrecken den Verstand verloren. Das wäre nichts

Besonderes gewesen an diesem Tage, wo Tausende von Irrsinnigen durch die

Straßen hetzten. Romulus Futurus aber öffnete plötzlich weit die Augen und

sah seine Gattin mit einem seltsamen Blick an.

»Wenn das möglich wäre --« murmelte er; und um John Crofton eine Erklärung

zu geben, sagte er, von einem entsetzlichen Fieber gepackt, das hektisch

auf seinen Wangen glühte: »Gehe voraus, Fabia!«

Auch ohne die Erlaubnis ihres Gatten hatte Frau Fabia bereits den Fuß auf

die Treppe gesetzt und eilte nun mit leichten Schritten über die

teppichbelegten Stufen empor. Im ersten Stockwerk angekommen, stieß sie die

Tür eines Zimmers auf. Von neuem aber ließ sie jenen Schrei hören, den

Romulus Futurus und John Crofton bereits zweimal schon von ihr gehört. Sie

lehnte sich zitternd in die Ecke des Zimmers, streckte beide Arme halb

abwehrend, halb beschwörend von sich und regte sich nicht; nur in den

großen Augen lag ein Grauen, das wie Irrsinn funkelte . . .

Inzwischen waren Romulus Futurus und John Crofton ihr gefolgt. Der erste

Mensch, den sie erblickten, war Doktor Diabel, der sich am Fenster

umgewandt hatte und ihnen nun mit verschränkten Armen entgegensah, während

Blitze aus seinen Augen schossen.

»Was wollen Sie hier?« schrie er. »Wie können Sie es wagen, in dieses Haus

einzudringen? Ich verlange Achtung vor der Fürstin Angelika, vor ihrer

schweren Krankheit! Sie ringt mit dem Tode!«

Romulus Futurus hatte die Brauen zusammengezogen, daß sie eine einzige

dunkle Linie über den Augen bildeten.

»Es ist unnötig, daß Sie uns Verhaltungsmaßregeln geben,« entgegnete er.

»Noch bin ich Kultusminister und oberster Polizeibeamter von Berlin! Noch

steht mir der Eintritt in jedes Haus frei! Die Fürstin Angelika scheint mir

jedenfalls am schlechtesten aufgehoben zu sein unter Ihrer Pflege.«

Doktor Diabel stürzte Romulus Futurus entgegen und hob den Arm, als wolle

er sich an ihm vergreifen. Der aber packte die erhobene Hand und preßte sie

mit solcher Kraft nieder, daß Doktor Diabel ein leises Stöhnen entfloh.

Dann wandten sich Romulus Futurus und John Crofton nach der Seite, wo ein

großes Himmelbett stand. Ein blauseidener Baldachin spannte sich darüber.

Es erweckte gerade jetzt, da die Purpurglut mit furchtbarer Kraft durch die

Fenster hereinflutete, in den Männern ein eigentümlich frommes Gefühl, da

ihre Blicke sich an diesem blauen Atlas weiden konnten, der die ehemalige

Farbe des Himmels hatte.

Unter diesem Baldachin lag in weißen Kissen eine abgezehrte, bleiche

Gestalt. Man sah, daß sie schon Monate hier ruhte. Und in der Tat lag die

Fürstin Angelika seit dieser Zeit in einem todesähnlichen Schlaf, aus dem

sie nicht ein einziges Mal erwacht war.

Sie bildete ein Phänomen für die Wissenschaft, die sie nicht zu erwecken

vermochte, obwohl die Verwandten riesige Summen aufgeboten. Die Fürstin

Angelika war nicht gestorben. Sie schien aber auch nicht mehr zu leben. Sie

lag regungslos da, bleich wie ein Wachsbild. Aber diese mysteriöse

Krankheit hatte ihre Schönheit trotz allem nicht töten können. Im

Gegenteil: dieser Körper schien nichts Irdisches mehr an sich zu haben. Er

glich dem eines Engels, und wenn es eine Aehnlichkeit zwischen Seele und

Körper gibt, so hätte man in diesem Augenblick sicher beide nicht

unterscheiden können, denn die schlafende Fürstin sah aus wie ein

überirdisches Wesen.

Romulus Futurus hatte kaum einen Blick auf das Lager geworfen, hatte kaum

mit den Augen die Gestalt dieses Engels umfaßt, als seine Brust in tiefen

Atemzügen sich hob und senkte. Seine Fäuste ballten sich zusammen und die

Nägel der Finger fuhren in sein Fleisch, seine Augen rollten. Er wurde so

bleich wie das Marmorsims des Kamins; selbst John Crofton wechselte die

Farbe und starrte entsetzt bald auf Romulus Futurus, bald auf die Fürstin

Angelika.

»Sie ist es, sie ist es!« stieß der Gelehrte endlich zwischen den Zähnen

hervor. »Allmächtiger, sie ist die Erscheinung aus meiner Galerie, sie ist

das Wesen, das mich in seinem Bann hält seit vier Monden!«

Und wie ein gefällter Baum stürzte er an dem Bett der Fürstin Angelika

nieder, umschlang den Körper mit seinen starken Armen und bedeckte, einem

Wahnsinnigen gleich, die kalten, bleichen Lippen mit rasenden Küssen.

Doktor Diabel schien nicht zu begreifen, was sich hier abspielte. Er selbst

war so verblüfft, daß er nicht den Mut fand, ein Wort zu sprechen, während

Frau Fabia, die von einem unnatürlichen Schrecken vor Doktor Diabel

ergriffen zu sein schien, immer noch in die Ecke gekauert lag und nur von

Zeit zu Zeit flüchtig, wie ein scheuer Vogel, den Blick zu dem Arzte

hinüberflattern ließ.

Ein einziger von den Menschen, die sich in dem Zimmer befanden, begriff

außer Romulus Futurus, was hier vorging: John Crofton.

Auch er hatte auf den ersten Blick erkannt, daß zwischen der Fürstin

Angelika, die hier im tiefen Schlafe lag, und jener nebelhaften

Erscheinung, die die lichtempfindliche Platte in der Galerie festgehalten

hatte, eine solche Aehnlichkeit herrschte, daß man beide für ein und

dieselbe Person halten mußte.

Er verstand allerdings nicht, wie dieses Rätsel sich lösen sollte, bis

Romulus Futurus, der vergeblich versucht hatte, den Körper der Fürstin zum

Leben zu erwecken, plötzlich aufsprang.

»Sie ist kalt, eiskalt!« schrie er wie ein Rasender Und Doktor Diabel, der

es nicht glauben wollte, stürzte herbei, betastete ihre Hände, ihre Arme,

ihr Gesicht, sprang dann zum Fenster zurück und begann, ohne auf die

anderen zu achten, eine Beschwörung, die höchst merkwürdig war.

Er beschrieb über dem Kopfe der Leblosen magische Zeichen. Man sah, wie er

seinen ganzen Willen konzentrierte. Er schrumpfte zusammen vor ungeheurer

Aufregung, seine Augen wurden starr wie schwarze Perlen; mit gepreßter

Stimme sagte er:

»Ich befehle dir, Angelika, zu erwachen! Du sollst erwachen! Du mußt

erwachen!«

Das wiederholte er in einem fort wie ein Verrückter, während seine Augen

irr an der Leblosen hingen. Plötzlich stieß er einen Schrei aus, fiel, von

der übermenschlichen Anstrengung erschöpft, zu Boden und schrie:

»Es ist zu spät, zu spät! Die Seele kehrt nicht mehr in den Körper zurück!«

Jetzt schien Romulus Futurus zu fassen, was hier vorgefallen war. Halb

vornübergebeugt, wie ein Riese, die Arme vorgestreckt, die Fäuste geballt

näherte er sich Doktor Diabel, packte ihn mit beiden Händen an der Brust,

schleuderte ihn hin und her und schrie:

»Du hast sie hypnotisiert, Elender, gestehe! -- --

Du hast vor vier Monaten diese Unglückliche in einen magnetischen Schlaf

versetzt und hast sie nicht mehr daraus erweckt! Schurke, Hund, Scheusal,

gestehe! Gestehe, oder ich zerquetsche dich unter meinen Fäusten!«

Dieses Toben eines Mannes, der bis zur Stunde nie seine überlegene Ruhe

verloren hatte, gewährte einen schrecklichen Anblick. Unter diesen Fäusten,

kraftlos gemacht durch die Hitze und Flammen, die den Horizont erfüllten,

sank Doktor Diabel in die Knie. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, und

schlotternd, im Zerrbild von Angst und Feigheit, gestand er:

»Ja, ja, es ist wahr! Ich habe sie in magnetischen Schlaf versetzt, ich

habe ihr befohlen, zu schlafen, immer zu schlafen und nichts mehr zu

wissen, und nun -- nun ist es zu spät -- ich habe den rechten Augenblick

versäumt -- sie ist tot, tot!«

Romulus Futurus schüttelte den Schwächling, daß sein Kopf hin und her gegen

die Wand schlug.

»Warum?« schrie er mit furchtbarer Stimme, während der Wahnsinn aus seinen

eigenen Augen brach, »warum?«

»Weil ich sie liebte, und weil sie gestand, daß ihr Herz einem anderen

gehörte, an den sie immerfort dächte, daß sie nur einen lieben könne, nur

einen . . .«

»Wen? Wen? Sprich!«

»Sie sprach von Romulus Futurus,« ächzte Doktor Diabel.

Romulus Futurus reckte und dehnte sich wie ein Gigant. Er war furchtbar

anzusehen, und John Crofton erkannte mit Angst und Schrecken, daß sein

Freund irrsinnig geworden war.

»Mich hat sie geliebt! Mich! Verstehst du, John? Crofton? Begreifst du

alles? Dieser Schurke hat die Fürstin in einen magnetischen Schlaf

versetzt, und ihre Seele wandelte frei umher und flüchtete zu dem, den sie

liebte, während der Körper hier in den Fesseln des Magnetismus lag. Ihre

Seele habe ich gesehen, und so habe ich mich in sie verliebt! Ich kann

nicht mehr leben ohne sie!«

Er wandte sich um. Mit seinem breiten Körper versperrte er den Ausgang.

Dann riß er den Leichnam der Fürstin Angelika aus den Kissen, hob sie in

die Luft, daß das weiße, seidene Nachtkleid an ihrem Körper auf den Teppich

niederfloß, und rief:

»Du sollst erwachen, du sollst erwachen! Ich liebe dich ja! Ich liebe dich

bis zum Wahnsinn!«

Aber die Fürstin Angelika erwachte nicht mehr. Zu lange hatte die Seele

gezögert, wieder in den Körper zurückzukehren. Jetzt, da die Fürstin

entschlafen war, da der Körper seine Beziehungen zur Seele verloren hatte

und verfiel, jetzt gehorchte jene der magnetischen Gewalt des Doktor Diabel

nicht mehr, und der Tod des Leibes war damit unwiderruflich besiegelt.

Romulus Futurus hieß den leblosen Körper in die Kissen zurückgleiten,

stellte sich breit hin und heftete sein von Wahnsinn erfülltes Auge auf

Frau Fabia, die, von Furcht geknebelt, mit halb geöffneten Lippen all

diesen Vorgängen gelauscht hatte.

»Was gebe ich mich der Verzweiflung hin?« murmelte er, während die

Gluthitze des roten Kometen das Zimmer durchsengte, während das

Todesgeschrei der Menschen von den Straßen herauftönte und Beten, Flüche

und Verwünschungen durch die Luft hallten.

»Was zögere ich noch? Du -- du,« er wandte sich an Frau Fabia, -- »du bist

es und bist es nicht! In deinem Körper lebt die Seele Angelikas, und darum

kann sie nicht zurückkehren in den Leib, den ich anbete!« -- -- --

Er richtete sich höher auf, erfaßte mit seinen starken Fäusten Frau Fabia,

die leise, verzweifelte Angstrufe hören ließ, schleifte sie zu sich hin und

schrie:

»Gib die Seele zurück, die nicht dir gehört! Angelika soll leben! Ich will

es! Hörst du?«

Und als ihm nichts antwortete als das stumme Entsetzen der Menschen, die

sich in dem Zimmer befanden, ließ er Frau Fabia plötzlich los, stürzte sich

von neuem auf Doktor Diabel, zerrte ihn zu ihr hin und schrie:

»Töte sie, töte sie, daß ihre Seele in den Körper Angelikas zurückkehren

kann!«

Doktor Diabel sank unter der furchtbaren Faust, die ihn zu Boden drückte,

in die Knie. Er hätte nicht die Kraft gefunden, einen Arm zu erheben,

geschweige denn, den entsetzlichen Befehl des Romulus Futurus auszuführen.

Der aber, von wahnwitziger Wut gepackt, weil Dr. Diabel nicht sofort seinem

Befehl folgte, riß ihn in die Höhe, hielt ihn einige Augenblicke in der

Luft und schleuderte ihn mit so entsetzlicher Kraft gegen die Wand, daß der

Kopf des Arztes zerschellte.

John Crofton wurde von namenlosem Grauen ergriffen. Er versuchte

vergeblich, die Tür frei zu machen. Romulus Futurus hatte seine Absicht

erkannt und füllte den Ausgang wieder mit seinem gigantischen Körper aus.

»Habe ich nicht recht, John?« rief er mit schauerlichem Lachen. »Habe ich

nicht recht? Endlich, endlich bin ich am Ziele.«

Und er beugte sich blitzschnell nieder, ergriff die Unglückliche, die vor

Entsetzen und Todesgrauen die Besinnung verloren hatte, und preßte mit

seinen Fingern ihren Hals zusammen.

Das war zu viel für John Crofton, in dem längst aller Haß gegen Frau Fabia

gestorben, in dem die alte Liebe mit neuer Kraft emporgeloht war. Das

konnte er nicht mit ansehen. Er wurde von rasender Wut gegen Romulus

Futurus gepackt; brüllend warf er sich auf den Freund, entriß ihm die

Ohnmächtige und schlug ihm mit der geballten Faust ins Gesicht.

Aber stärkere Männer als John Crofton hätten diesen Rasenden nicht mehr

bändigen können. Er griff nun den Freund an, warf ihn zurück, packte ihn

von neuem, und zwischen den beiden Männern entspann sich ein Ringen auf

Leben und Tod, ein qualvoller, entsetzlicher Kampf, der das ganze Zimmer

erfüllte, der nahezu zehn Minuten währte, bis Romulus Futurus den Gegner

endlich niedergezwungen hatte, bis es ihm glückte, das Messer aus der

Tasche zu ziehen.

Er stieß es wohl ein dutzendmal dem Erschöpften in die Brust, bis dieser

die Glieder streckte und regungslos lag in einer Lache von Blut.

Einem Tiere gleich, warf sich darauf Romulus Futurus von neuem auf Frau

Fabia und tötete sie mit eigener Hand.

So stand er stieren Blicks zwischen den beiden Leichnamen und befahl mit

lallender Stimme, daß die Seele Angelikas wieder in den Körper zurückkehre.

Aber diesmal glückte das Experiment nicht.

Dieses ätherische Wesen, von dem man bis zu den Tagen des Romulus Futurus

nur einen unbestimmten Begriff gehabt hatte, konnte nicht in einen toten

Körper übergehen, nachdem er schon einmal in eine fremde Materie gebannt

worden war.

Die Fürstin Angelika blieb tot, und Romulus Futurus stand mit gebeugten

Schultern zwischen vier Leichnamen. Inzwischen brütete draußen auf den

Straßen der Tod. Purpurne Blitze zuckten nieder, die Donner rollten über

den einstürzenden Häusern, die Luft war erfüllt von dem Todesgeschrei

Tausender von Menschen, bis die Nacht vorüberging und der Tag anbrach. Da

ließ die Hitze nach, und von Stunde zu Stunde wurde es kühler in den

Straßen. Hinter fahlen Nebeln verschwand der Komet mehr und mehr, und die,

welche nach jener entsetzlichen Nacht noch am Leben geblieben waren,

erkannten, daß der Zusammenstoß zwischen dem Gestirn und der Erde nicht

erfolgt war.

Der furchtbare Stern war vorübergeglitten, vielleicht nur durch einige

Millionen von Kilometern noch von der Erde getrennt, und nun setzte er

seine Bahn fort, weiter in den unendlichen Weltenraum.

Die Erde war gerettet. Mit der Stunde, da die Gefahr vorüber war, da die

Hitze nachließ und die zurückgebliebenen Menschen sich mehr auf sich selbst

besannen, mit diesem Augenblick wurden sie wieder ruhig, selbstbewußt, und

erinnerten sich ihrer Zivilisation und Kultur.

Der rote Komet war erloschen für immer. Die Menschen machten sich daran,

die Folgen dieser entsetzlichen Katastrophe zu beseitigen.

Soldaten und Feuerwehrleute eilten durch die Straßen, sammelten die

Leichen, packten sie in Särge und Tücher und beerdigten sie. Man drang in

die Häuser, rettete die, welche noch zu retten waren, und säuberte die

Gebäude von Leichen.

Das Leben begann wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen, der Pulsschlag der

Arbeit hämmerte wieder in dem Körper Berlins. Da drangen Soldaten und

Offiziere auch in das Palais der Fürstin Angelika ein und fanden die Opfer

der entsetzlichen Katastrophe, die sich dort abgespielt hatte.

Sie fanden einen Wahnsinnigen zwischen vier Leichen. Als sie in das Zimmer

traten, da wies er mit der Hand zur Decke empor: »Seht ihr die kleine rote

Flamme, die gerade über meinem Haupte steht und flackert? Seht ihr sie?«

Niemand sah sie. Romulus Futurus aber erblickte sie, dieses kleine,

purpurrote Flämmchen, das gerade über ihm stand, und er wußte, daß das die

Seele der Fürstin Angelika war. -- Die andern aber sahen es nicht. Sie

führten den Wahnsinnigen gefesselt durch die Straßen und brachten ihn in

eine kleine, einsame Zelle. Dort brütete der ehemalige berühmte Astronom

mehrere Tage schweigend vor sich hin. Von Zeit zu Zeit sprang er auf und

versuchte, das kleine, rote Flämmchen, das niemand sah außer ihm,

einzufangen . . .

Wenn ihm dies nicht gelang, dann warf er sich auf den Boden hin und

schluchzte und tobte, bis die Wärter kamen und ihn in Fesseln legten.

»Er sieht eben immer noch die Purpurfarbe des roten Kometen,« meinte der

Oberarzt der Irrenanstalt. »Was ist da zu machen? Er wird nie mehr gesund

werden.«

So war es auch. Romulus Futurus kam nicht mehr zu sich; vier Wochen später

trug man ihn zu Grabe, als letztes Opfer des roten Kometen, dessen

Erscheinen er als Erster verkündet hatte. --

Der rote Komet Wunder der Zukunft. Romane aus dem dritten Jahrtausend. Band 2 · 第 16 / 16 题