Er lachte

»Es gibt keinen Ausweg mehr, und wenn Sie etwas retten kann, so ist es nur

meine Liebe!«

Damit hielt er sie mit dem linken Arm fest und schoß mit dem rechten das

Gewehr auf einen Soldaten ab, dessen Helm über der Spitze der Barrikade

sichtbar wurde.

Die Sängerin, erschreckt über die Leidenschaft des Studenten, riß sich los

und kletterte mit außerordentlicher Leichtigkeit und Behendigkeit über die

Trümmer der Barrikade, entschlossen, zu den Soldaten hinabzuspringen und

dort Hilfe zu suchen.

Sekundenlang sah ihr Peter Cornelius nach. Seine Augen waren

blutunterlaufen, auf seinen Lippen stand Schaum.

Da, als sie gerade den Kamm der Steinburg erreicht hatte, als sie gerade

die Arme ausbreitete, um zu den Soldaten hinabzuspringen, riß er sein

Gewehr an die Wange und schoß sie durch dem Rücken.

Sie warf die Arme in die Luft, und während über ihre Lippen und über das

Kinn Blut rann, fiel sie rückwärts hinab und blieb verblutend liegen

. . . .

Peter Cornelius aber stürzte sich wie ein Tier in den Kampf und focht so

lange, bis er, von Stichen und Kugeln durchbohrt, sterbend über die letzten

Steine sank, die von der Barrikade übrig blieben, indes die Soldaten die

Revolutionäre zurücktrieben. So tobte und wütete in allen Straßen und

überall der Kampf. Immer unerträglicher wurde die Gluthitze, die sich über

Berlin verbreitete, und schließlich begriffen alle, was da und dort ein

verzweifelter Mund ausschrie:

»Wir stoßen mit dem roten Kometen zusammen! Die Welt geht unter!«

Mit derselben Schnelligkeit, mit der der brudermordende Kampf begonnen

hatte, wurde er beendet. Die Panik, die der rote Komet plötzlich

hervorrief, in dessen purpurnes Glutauge man jetzt blicken konnte,

versöhnte die Menschen, die sich eben noch bekämpft hatten, wie die Tiere.

Soldaten und Revolutionäre, Frauen und Kinder, hohe Staatsbeamte und

Arbeiter, kurzum alles, was in Berlin lebte, wälzte sich als ein großer,

dunkler Haufen der Sternwarte des Romulus Futurus entgegen, von dem man

halb drohend, halb bittend Rettung vor dem roten Kometen forderte.

Romulus Futurus stand auf seinem Turm und beobachtete das Herannahen des

verhängnisvoll Sternes. Er sah die Menschenmassen, die sich der Sternwarte

näherten, er wußte, was sie forderten und verlangten, aber er beachtete sie

kaum.

»Wir werden noch zehn Stunden Zeit haben, bis der Zusammenstoß erfolgt!«

sagte er zu sich selbst. »Noch ist es nicht sicher, ob überhaupt die

Katastrophe hereinbricht; denn nach meiner Berechnung gleitet der Komet

augenblicklich neben uns. Es ist, als sei er von der Geschwindigkeit der

Erdumdrehungen erfaßt und mitgerissen. Vielleicht ist die Anziehungskraft

der Erde nicht stark genug, vielleicht geht das Letzte vorüber!«

Und er berechnete weiter, daß dieser rote Komet unmöglich die Kraft einer

Sonne haben könnte, denn sonst wäre längst die ganze Erde geborsten.

Die furchtbare Hitze, die sich über Berlin ausbreitete, stand gleichwohl

nicht im Verhältnis zu der Größe des Kometen. Romulus Futurus berechnete

weiter, daß der Komet selbst vielleicht kalt war, daß sich auf ihm

ungeheure Eiswüsten befanden. Aber er schien umgeben zu sein von einem

Riesengürtel von Elektrizität, die diese furchtbare Hitze und das rote

Purpurlicht hervorrief.

»Rot ist die Farbe, deren Strahlen unter allen Lichtstrahlen am schwächsten

gebrochen werden,« sagte er zu seinem Freunde John Crofton, der bald zagend

und angstvoll zu dem roten Kometen emporblickte, bald auf die Straßen

hinabsah, die von dem Lärm und von dem Geschrei der Menschen erfüllt waren.

»Die Länge der Wellen, die die roten Strahlen verursachen, ist größer als

die aller übrigen Strahlen; die Anzahl der Schwingungen, welche sie in

einer Sekunde vollbringen, ist dagegen die kleinste, etwa vierhundert

Billionen in der Sekunde. Dadurch ist die intensive Kraft gerade der roten

Farbe erklärt. Ich glaube, daß das Purpurlicht durch Elektrizität

hervorgerufen wird, die den roten Kometen umgibt. Wir haben jedenfalls eine

ganz ähnliche Erscheinung vor uns, wie bei dem Polarlicht, das in der Höhe

nach Breiten abfließt, um sich schließlich allmählich dort auszugleichen,

wo die Luft trockner wird. Dieselbe Erscheinung haben wir in tieferen

Breiten, nur zeigen sich die elektrischen Wellen dort nicht als Licht,

sondern als Gewitter.

Denke dir das Polarlicht billionenmale vergrößert, in seiner Kraft, dazu

weit intensiver leuchtend durch den elektrischen Strom, welcher rund um den

Kometen herumläuft, und du hast eine sichere Erklärung für das rote Licht

dieses Sternes.«

Romulus Futurus wurde in seinen Ausführungen durch die Volksmenge

unterbrochen, die stürmisch Schutzmaßregeln gegen den roten Kometen von ihm

verlangte.

Der Kultusminister erklärte, er werde alles tun, um Berlin vor dem

Untergange zu retten.

Der rote Komet Wunder der Zukunft. Romane aus dem dritten Jahrtausend. Band 2 · 第 15 / 16 题