»Siehst du die purpurne Röte, die in gerader Linie sich herab auf die Erde
senkt?« fragte Romulus Futurus in größter Aufregung seinen Freund John
Crofton, den berühmten Berichterstatter des »New York Herald« in Berlin.
»Bist du nun überzeugt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe? Noch kannst
du den roten Kometen nicht erkennen, und niemand wird imstande sein, ihn
mit bloßem Auge zu sehen. Aber jetzt gibst du zu, daß meine Diagnose
richtig war?«
John Crofton, ein Mann von etwa sechsunddreißig Jahren, mit echt
amerikanischem Typus, beugte sich schweigend nieder und sah durch eines der
großen Riesenferngläser hinauf zum Horizont. Es war abends um 9 Uhr am 10.
Oktober des Jahres 2439.
»Berlin steht augenblicklich in der Ekliptik des »Steinbocks«, des
»Wassermanns«, der »Fische«, des »Widders«, des »Stieres« und der
»Zwillinge«, fuhr der große Astronom zu sprechen fort. »Im Osten stehen
»Castor und Pollux«, die Zwillingssterne, die in letzter Zeit eine seltsame
Lichtfülle verbreiten. Oestlich zwischen dem Horizont und dem Scheitelpunkt
erblickst du die »Capella« im »Fuhrmann«.
»Ist das jener Doppelstern, von dem der eine strahlender erscheint als der
andere?« fragte Crofton, immer noch durch das Fernrohr blickend.
»Ganz recht. Schon die ältesten Astronomen schreiben der »Capella« das
Alter der Sonne zu. Diese beiden Sterne brauchen hundertundvier Tage, um
sich umeinander zu bewegen.«
»Wenn ich nicht irre,« meinte John Crofton, »so haben verschiedene Gelehrte
den Untergang der Welt durch einen Zusammenstoß mit der »Capella«
prophezeit?«
Romulus Futurus lächelte. Das stand ihm wohl an; denn er war ein großer,
kräftiger Mann mit schwarzem, leicht meliertem Vollbart und sinnenden
Augen.
»Das kam daher, weil diese Zwillingssterne sich im Laufe der letzten
Jahrzehnte fast unmerklich der Erde genähert haben, allerdings um ein
Minimum, das nur die Mathematik der Astronomen hat feststellen können. Du
wirst dich erinnern, John, daß man zuerst den roten Schimmer, der seit
einiger Zeit unsere Erde erfüllt, der »Capella« zugeschrieben hat.«
»Bis du aufgetreten bist, Romulus, und mit Hilfe deiner neuen, fabelhaften
Erfindung, der lichtempfindlichsten photographischen Platte der Welt, dem
»Lumen«, nachwiesest, daß ein neuer Komet, vorläufig unsichtbar durch einen
dichten Nebelmantel, der Erde sich nähere. Auf diese Entdeckung hin wurde
dir ja auch der Ehrenname >Futurus< verliehen.«
John Crofton sprach die Wahrheit. Dieser Komet, der die beiden Männer in
der Sternwarte beschäftigte, war bis jetzt noch nicht sichtbar geworden.
Aber die Erde stand im Zeichen eines roten Schimmers seit mehr denn sieben
Monaten, umflossen von einem purpurnen Glanz, der sich wie ein fabelhafter
Regenbogen scharf vom Himmel abhob und alles mit einer aufregenden
Lichtfülle übergoß.
Einige Wochen hatte ein Taumel die Welt erfaßt, denn niemand hatte anders
geglaubt, als daß der Weltuntergang schon hereinbreche. Das kam in der
Hauptsache wohl daher, weil man zuerst die »Capella« für den
verhängnisvollen Kometen hielt, und weil die Astronomen berechnet hatten,
daß, wenn sie der Erde überhaupt nur so nahe kommen würde, wie die Sonne,
jedes Leben unten unmöglich werden müßte.
»Fabelhaft! Einfach fabelhaft!« begann John Crofton plötzlich, indem er den
Blick auf einen großen photographischen Apparat heftete, der mitten in der
Sternwarte stand. »Da drinnen befindet sich also deine phänomenale
Erfindung, Romulus?«
Der Astronom lächelte.
»Ich habe bis jetzt nur gehört, Romulus, daß du imstande gewesen bist, den
roten Kometen zu photographieren, ehe ihn eines Menschen Auge überhaupt hat
wahrnehmen können; nicht einmal durch die größten und sichersten Fernrohre
war er zu sehen. Was ist das für ein unglaubliches Ding, das um so vieles
lichtempfindlicher ist, als das menschliche Auge?«
»Das ist eine Platte, die ich dir gerne zeigen möchte, wenn sie nicht mit
dem Augenblick unbrauchbar werden würde, da sie mit dem Lichte in engste
Berührung kommt,« entgegnete Romulus Futurus. »Diese photographische Platte
ist von solcher Vollendung und Lichtempfindlichkeit, daß die Dinge bei der
Aufnahme sich nicht so reproduzieren, wie man sie seit langen Zeiten kennt
und wie das menschliche Auge sie sieht.
Nein!« fuhr Romulus Futurus in wachsender Begeisterung fort, während seine
Augen leuchteten. »Wenn alle Sinne trügen, so spricht meine photographische
Platte die lauterste Wahrheit, denn sie zeigt alles so, wie es ist. Man
wird in unserem Jahrtausend erkennen müssen, daß fast alles anders ist, als
man bislang angenommen hat; ja ich behaupte, daß meine neueste Erfindung
die äußersten Grundsätze umstoßen wird.«
In der Tat, Romulus Futurus hatte recht. Das erkannte auch die deutsche
Nation, als sie ihn in Anerkennung seiner Verdienste und Fähigkeiten zum
Kultusminister machte. War doch das Ereignis auf die Prophezeiung erfolgt!
Während man erst nur einen dichten, grauen Nebel am Himmel gesehen hatte,
war plötzlich dieser rote Strahl auf die Erde geglitten, der von Woche zu
Woche, ja beinahe von Tag zu Tag sich verstärkte und die Menschen in einen
wahren Sinnestaumel versetzte. Schließlich hatte Romulus Futurus der
Akademie der Wissenschaften die Photographie des roten Kometen gezeigt,
desselben, den bis jetzt noch niemand hatte wahrnehmen können.
-- Bis dorthin hatte Romulus einen anderen Namen besessen; »Futurus« war
der Ehrenname, den ihm die Akademie auf die Entdeckung des Kometen hin
verlieh. Denn in damaliger Zeit fand man es geschmacklos, die wenigen
Gärten der Erde auszurotten und durch Denkmäler zu verunzieren, oder gar
Orden und Denkmünzen als Ehrenzeichen zu verteilen; man gab dem, den man
über die anderen hervorheben wollte, das Recht, einen besonderen, auf seine
Fähigkeiten und Verdienste hinweisenden Namen zu tragen. --
Berlin stand also seit Monaten im Zeichen des roten Kometen. Nicht nur
Berlin! Ganz Deutschland, ganz Europa, die ganze Welt! Und die ganze Erde
war verwandelt! Von alters her wußte jeder Psychiater, daß die rote Farbe
eine aufreizende Wirkung auf die Sinne besitzt. Das Leuchten des neuen
Kometen aber war so intensiv, daß sich kein Mensch auf der Erde seinem
Einfluß entziehen konnte. Es trat ein plötzlicher Umschwung in den
Charakteren ein, der kaum zu beschreiben wäre. Die Welt, die bis zu diesem
Zeitpunkte sich mehr und mehr von den Uebertreibungen des Mittelalters und
des Altertums in sinnlicher Beziehung entfernt hatte, kehrte zu den
ursprünglichen Leidenschaften zurück.
In den Palästen der Reichen jagten sich die Orgien. Das Verbrechen nahm in
furchtbarer Weise überhand und trat gerade da auf, wo man es bislang am
wenigsten vermutete. --
John Crofton hatte sich schweigend in einen Sessel geworfen und eine
Zigarette angezündet. Der Abend schritt vor.
Die beiden Männer waren seit vielen Jahren Freunde, und dieses Band hatte
sich noch gefestigt durch ihre gegenseitige Stellung, denn John Crofton war
in seiner Position das, was in früheren Zeiten die Gesandten vorstellten.
Es gab keinen diplomatischen Austausch zwischen den Ländern mehr, sondern
die regierende Presse sandte ihre Vertreter in die einzelnen Staaten, und
in den Händen dieser Männer lagen alle die Rechte und Befugnisse, welche
ehedem die offiziellen Gesandten inne gehabt hatten.
»Hättest du nicht Lust, Romulus, uns heute abend Gesellschaft zu leisten?«
fragte der Journalist plötzlich.
Futurus entgegnete lachend:
»Ich habe für heute nichts vor, John, und werde mich also freuen, mit
meiner Gemahlin zu dir zu kommen. Hast du ihr schon deine Aufwartung
gemacht?«
»Nein, ich will das nachholen, ehe ich dich verlasse,« entgegnete John
Crofton mit einer gewissen Verlegenheit, die seinem Freunde entging.
Futurus fragte neuerdings:
»Erwartest du außer uns noch weitere Gäste?«
»Ja, mein Freund. Es haben sich angesagt: Miß Head, die berühmte Sängerin
der großen Oper, die übrigens vor kurzer Zeit durch den Minister der
schönen Künste den Ehrennamen »Divina«, die Göttliche, erhielt; sodann
General Treufest, welcher vor einigen Monaten das Kommando der schweren
deutschen Küstenartillerie übernommen hat. In seiner Begleitung versprach
Ralph Jonathan Wieland zu kommen, derselbe, der die großen elektrischen
Kraftwerke der Nord- und Ostsee besitzt, also ein richtiger deutscher
Magnat des Goldes, nach neuester Schätzung der reichste, den wir überhaupt
besitzen. Gegen ihn waren die amerikanischen Kohlenbarone die reinsten
Waisenkinder!«
»Sonst kommt niemand?«
»Wenn wir Glück haben, so werden wir auch die junge Fürstin Angelika bei
mir sehen, desgleichen Dr. Diabel den Hausarzt des Regenten. Er dürfte in
Begleitung seines Famulus, des Studenten der Medizin Peter Cornelius,
erscheinen.«
»Also eine Gesellschaft, die interessant zu werden verspricht,« entgegnete
Romulus Futurus.
John Crofton verabschiedete sich. Er schritt von der Sternwarte durch einen
schier endlosen Gang, der durch die Bibliothek und die kostbare
Gemäldegalerie des berühmten Astronomen und Kultusministers führte, bis er
die Gemächer Frau Fabias, der Gattin des Romulus Futurus erreicht hatte.
Es war kein Geheimnis in Berlin, daß der Astronom mit seiner Gattin nicht
gerade sehr gut lebte.
»Nicht umsonst war es eine Liebesheirat«, pflegte John Crofton zu witzeln,
wenn er sich im eingeweihten Freundeskreise befand.
Jetzt blieb er vor einem der riesengroßen Venezianer stehen, richtete seine
nach neuester Mode gefärbte Krawatte und ließ sich Frau Fabia melden.
Durch hallende Prunkgemächer hindurch führte ihn der Diener in das große
Wohnzimmer der jungen Frau.
Sie saß nachlässig zurückgelehnt in einem byzantinischen Sessel und
beschäftigte sich mit einer Stickerei. Um sie waren afrikanische
Sklavinnen, junge Negerinnen, welche aus den Kolonien nach Europa geschickt
worden waren, um die mangelnden Arbeitskräfte zu ersetzen.
Unruhig sah sie auf, als der Kammerdiener John Crofton meldete, gab aber
doch durch ein leichtes Kopfnicken ihre Zustimmung kund, ihn zu empfangen.
Der Besucher trat ein. Einige Sekunden blieb er stehen, ganz und gar in den
Anblick dieser wundervollen Frau versunken. Sie war außergewöhnlich schön.
Gleich Romulus Futurus, ihrem Gatten, war sie groß, ein richtiges Kind
unverfälschter Rasse, mit breiten Schultern, deren vornehme Rundung durch
ihre kraftvolle Gestaltung nicht beeinträchtigt wurde. Schwarzes Haar
umrahmte das edel geschnittene Gesicht mit den großen, dunklen Augen, in
denen der Glanz einer fröhlichen Lebensauffassung lag. Die Miene, welche
John Crofton zur Schau trug, war eine ganz andere, als bei Romulus Futurus.
Auf seinem Gesicht spielte ein heimliches, sinnliches Lächeln, als er sich
Frau Fabia näherte, ihre weiße, kühle Hand an seine Lippen zog und sagte:
»Wie befinden Sie sich, gnädigste Frau?«
Sie entgegnete lachend, das große, schöne Auge zu dem Besucher erhebend:
»Gut, wie immer, mein Freund.«
Sie sprach nicht die Wahrheit. Aber niemandem hätte sie gestanden, daß sie
Tage und Nächte durchweinte in der Einsamkeit; das Unglück ihrer Ehe war
nicht durch ihre Schuld hervorgerufen, sondern durch Romulus Futurus, der
ihre Nähe mied. Sie selbst liebte ihren Gatten mit einer an Wahnsinn
grenzenden Leidenschaftlichkeit, aber ihr Stolz verbot ihr, dies kundzutun.
John Crofton, der geschickte Weltmann, bemerkte sehr wohl, daß sie log, und
flüsterte:
»Die Einsamkeit macht Sie noch schöner, Frau Fabia. Unter allen Todsünden
ist wohl jene die größte, die Romulus an Ihnen begeht.«
Sie zuckte leicht zusammen und sandte ihre Dienerinnen aus dem Zimmer. Dann
sagte sie, während ihre Stimme einen kühlen Klang annahm:
»Ich habe Ihnen kein Recht gegeben, Mr. Crofton, in dieser Weise von meinem
Gatten, von mir und unseren eigenen Angelegenheiten zu sprechen.«
Zwischen seine Brauen grub sich eine Falte. Fast heftig entgegnete er:
»Doch, Frau Fabia! Ich weiß, daß Sie vorübergehend eine Neigung für mich
besaßen, daß Sie hofften, bei mir Trost zu finden!«
Sie wurde tiefrot und entgegnete:
»Es ist wahr. Es gab eine kurze Zeit, in der ich alles tat, um meinen
Gatten zu vergessen und wo ich glaubte, eine Neigung für Sie zu empfinden.
Warum sollte ich es leugnen? Aber das ging schnell vorüber, und ich kann
Sie versichern, Mr. Crofton, daß ich Ihre Worte und die Art, wie Sie sich
heute bei mir einführen, als Beleidigung empfinde!«
Er entgegnete leidenschaftlich:
»Die Liebe, die wahnsinnige Liebe, die ich für Sie empfinde, Frau Fabia,
gibt mir ein Recht, anders zu Ihnen zu sprechen, als zu jeder andern Frau!«
Sie erhob sich rasch. Er aber faßte mit beiden Händen nach ihrem weißen,
hübschen, kühlen Arm und drückte die schöne Frau mit Gewalt in ihren Sessel
zurück. Ja, einige Augenblicke entspann sich ein Ringen zwischen diesen
beiden Menschen; die Beleidigung, die John Crofton der Gattin eines der
angesehensten Männer in Berlin zufügte, war unerhört. Aber alle Bande der
Sitte und jener Rücksichten, die die Menschen im eigensten Interesse zu
Gesetzen gemacht hatten, waren gerissen unter dem Einfluß des rötlich
schimmernden Lichtes, das auch Frau Fabias Zimmer geheimnisvoll
durchflutete.
»Sie müssen mich erhören!« fuhr John Crofton mit einer Stimme fort, welche
die unglückliche Frau erschreckte und sie jedes weiteren Widerstandes
beraubte. »Ja, ich liebe Sie, werde nie aufhören, Sie zu verehren, und Sie
werden mein werden, ich schwöre es Ihnen, und wenn ich Berge niederreißen
müßte, Sie zu gewinnen!«
Er hatte sich auf die Knie niedergelassen und seine Arme um den Leib der
Frau geschlungen, die die Gattin seines Freundes war, den er in diesem
Augenblick in der schmählichsten Weise betrog. Frau Fabia aber sprang auf,
riß seine Arme von ihren Hüften und schleuderte sie von sich, als seien sie
giftige Reptilien, vor denen sie sich entsetzte.
»Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, als das eine: Betreten Sie nie mehr
meine Gemächer ohne Begleitung meines Gatten!«
John Crofton machte einen letzten Versuch, sich ihr zu nähern. Er stürzte
noch einmal auf sie zu, riß sie an sich, ja, er vergaß in diesem
Augenblick, was er Frau Fabia als Weib schuldig war, und bog ihren Kopf
zurück, um seine Lippen auf die ihren zu pressen, sie aber riß sich los und
erreichte die elektrische Klingel, welche in das Dienerzimmer führte.
Da verließ der Amerikaner das Gemach. Draußen, als der Lakai ihm den Mantel
um die Schultern hing, knirschte er mit den Zähnen.
»Du sollst es mir büßen! Du sollst es furchtbar büßen!«
Damit verließ er des Romulus Futurus' Haus.