_Darmstadt_, d. 7t Mai 1844.
Werden Sie die Hand noch kennen, welche sich Ihnen, verehrtester
Mann, unvergeßlichster Freund unser Aller! in diesen Zeilen naht? --
Es ist lange, lange, daß kein äußeres Zeichen die unauslöschliche,
innere Liebe und Hingebung an Sie bezeugt hat, noch länger, daß ich
Sie nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen. Dafür ist das über
meinem Schreibtisch hängende Bild, wie anredend und ähnlich auch, kein
Ersatz, nur in diesem Augenblick regt es die Phantasie lebendiger auf
und giebt die freundliche Täuschung größerer Nähe. Als Sie sich, bei
letztem Hierseyn, bei der Familie Hallwachs einige Zeit verweilten,
war ich abwesend; durch Briefe und Erzählungen ward der Verlust dieser
Tage mir nur allzufühlbar gemacht. -- Nach meiner jetzigen Lage hätte
ich ihn nicht mehr zu befürchten. An Dienst- und Urlaubzeit nicht mehr
gebunden, bin ich zum _wahren Frei_herrn befördert. Bedenkliche
Gesundheitszustände, welche die Anstrengungen des Geschäftes nicht
mehr erlaubten, welchen ich hätte erliegen müssen, veranlaßten mich,
nach einigem Kampfe, zum Austritt aus dem Staatsdienst; nach bald
40jähriger Dienstzeit, ward er mir endlich auf die ehrenvollste Weise
gewährt. Hinderte mich nicht noch eine weitläufige Arbeit, welche erst
vollendet seyn muß, so wäre ich schon bei dem herrlichen Frühling, zur
Herstellung oder doch _einiger_ Erholung meiner sehr schwankenden
Gesundheit, nach Baden abgereist. In vierzehn Tagen hoffe ich es zu
können und benutze vorher eine Stunde der Muße, um, mit Aufträgen
verschiedenster Art, eine Gedankenreise zu Ihnen vorzunehmen. -- Vor
Allen hat mir das von Dalwigk’sche Haus aufgetragen: Den Tod des
Hauptes der Familie, des allgemein hochverehrten Generallieutenants
und Gouverneurs der Residenz, zu notificiren, mit der Bitte, auch der
Frau Gräfin Finkenstein, im Namen der Familie, Mittheilung davon zu
machen. Der ältere Sohn, Reinhard v. D., welchem die Notificationen
obliegen, ist in Worms als Kreisrath angestellt, von hier abwesend,
und der jüngere, Alexander, derselbe welchen Sie in seinen jüngeren
Jahren, Ihren Leberecht nannten und damit gleichsam die Weihe für
sein rechtes Leben gaben, (woran er sich noch gern mit kindlicher
Verehrung für Sie, mit Genugthuung erinnert) hat mich gebeten, Ihnen
ausdrücklich Folgendes zu sagen: „Seine Erschütterung und seine
Wehmuth seyen zu groß, um selbst schreiben zu können; eben habe er,
um anderen freundlichen Stoffs willen, Ihnen schreiben wollen, als
dieses schmerzliche Ereigniß ihn, wie ein Blitz vom hellen Himmel,
getroffen habe.“ Wirklich war die Erschütterung des großen, starken,
bald 40jährigen Mannes, um so ergreifender, als, bei seinem durchaus
natürlichen und wahren Charakter, (der doch so gern mit Festigkeit und
Entschiedenheit, die er in seinen verschiedenen Aemtern, als Richter und
Intendant, so nöthig hat, auftritt) der Schmerz das klarste Gepräge
des kindlichen, unüberwindlichen Gefühls eines liebenden Sohnes
hatte. -- Die tief betrübte Wittwe und bedenklich kränkliche Tochter
empfehlen sich gleichfalls Ihrem und der Frau Gräfin Andenken. Eine
große Genugthuung war den Hinterlassenen die feierliche, auf höchste
Veranlassung mit größtem militairischen Glanz veranstaltete letzte Ehre
des allgemein durch alle Stände beliebten ritterlichen, edlen Mannes.
Prinz Emil übernahm selbst das Commando; -- die Prinzen des Hauses
folgten, mit einem unübersehbaren Zuge. -- Die ergreifende Scene am
Grabe werde ich nie vergessen. Von der Schwester der Frau v. D., -- W.
Rehberg in Hannover sind die Nachrichten betrübend. Helene leidet an
einer unheilbaren _Herzkrankheit_, wie es scheint. In dieser durch
jede Eigenschaft des Geistes und Herzens so hochgestellten Familie
endet es nicht glücklich!
Noch Einiges über unsere Theaterzustände und den neueren Intendanten,
welcher wie ein ~deus ex machina~ hervorsprang. Alexander v.
D. ist nun bereits seit zwei Jahren die Führung des Hoftheaters
von dem Großherzog, -- welcher großes Vertrauen in seine redliche
Gewissenhaftigkeit und unermüdliche Thätigkeit, seinen ehrenhaften
Charakter setzt, wovon er ihm erst neuerlich aus eigener Bewegung durch
Beförderung zur Oberfinanzkammer Beweise gegeben, -- übertragen worden.
Wie bescheiden er auch Anfangs das ganz unerwartete abzulehnen suchte,
als ohne Erfahrung und hinlängliche Einsicht, sollte der Kelch doch
nicht an ihm vorübergehen, und er hat ihn bereits mit Standhaftigkeit
bis auf den bitteren Grund geleert. Doch scheint auch für ihn,
bei seiner Liebe für schöne Literatur (und Geschichte) und seiner
Liebhaberei an Theatereinrichtungen und Vorstellungen von Jugend auf,
ein Zaubertrank hineingemischt, denn eine _solche_ Beharrlichkeit
und unermüdlich-thätige Ausdauer in so schwankenden Theaterzuständen
wie die hiesigen, wo Hemmungen, Störungen, Quertreibereien und
Einflüsse von allen Seiten, wie es namentlich bei Hoftheatern kleiner
Residenzen unvermeidlich scheint, -- mit zufälligen, hindernden
Umständen sich kreuzen, -- so viel Unverdrossenheit bei so vielem
Verdruß und noch nicht überall hinlänglich gewonnener Ruhe, sie viel
Uneigennützigkeit und Gewissenhaftigkeit bei keinem Lohn, als dem der
sogenannten, mit Undank oft theuer genug erkauften, Ehre, ist mir noch
nicht vorgekommen und wird mir nur begreiflicher, wenn ich bedenke, daß
mich auch schon seit meinen Jugendjahren das Gelüste anwandelte, an dem
Rande dieses Kraters herumzuspatzieren, und daß die Liebe zu Poesie und
Kunst, namentlich zur dramatischen, auch bei mir oft Leidenschaft war,
-- heimlich? (nein öffentlich!) noch ist. -- -- --
Weil Leberecht nun den Augiasstall der Mißbräuche, Anmaßung,
Unordnungen, und Regellosigkeit mit scharfer Gabel gemistet,
ökonomisch, polizeilich und conservativ verwaltend, mit etwas strenger
Consequenz zu einem sicheren Standpunkt gelangt ist, sich über eigene,
anfängliche Mißgriffe belehrt und das Ab- und Zuthun mehr gelernt
hat, -- nachdem er den intriguanten, insolenten, unwahren Herrn
Becker (er ist Ihnen wohlbekannt!) als _Regisseur_ beseitigt hat,
ihn nur als gewandten, brauchbaren, beliebten Schauspieler tolerirt,
ihm aber dabei beständig das Schwerdt des Dionys durch nur immer
_ein_jähriges Engagement über dem Haupte schweben läßt, seit er die
Primadonna-Wirthschaft abgestellt, -- gute Engagements geschlossen,
an Erfahrung, Einsicht und Urtheil zunimmt, -- ist das Schwerste
überstanden und zu erwarten, daß nächsten Winter sich das Theater sehr
heben wird. -- Es stellt sich übrigens auch hier die Wahrheit heraus,
daß ein Theaterregiment, mehr als ein anderes, Feinde macht und zwar
desto mehr, je gewissenhafter es geführt wird. -- Der Intendant hatte
die große Freude, seinen Eifer, den Sommernachttraum, ungeachtet aller
Hindernisse, zur würdigen Aufführung zu bringen, glänzend belohnt
zu sehen. Er wollte Ihnen seine Freude, -- Verehrung und Dank, --
durch einen kleinen Bericht darüber bezeugen, -- aber das plötzlich
eintretende traurige Ereigniß hielt ihn ab. Ich thue es statt seiner
nun mit Freuden. Welche Genugthuung empfanden namentlich Ihre vielen
Verehrer und Freunde! Es war für die gewählte, mehr als je _einmüthig_
gestimmte Versammlung einer der interessantesten und heitersten
Theaterabende der ganzen Saison. Mein Neffe Sartorius, welcher sich
angelegentlichst empfiehlt, zieht die Darstellung in _manchen_ (selbst
wesentlichen) Einzelheiten, namentlich in der Besetzung und zwar
ausdrücklich in der _Rolle des Puck_, der Berliner vor. Der beiliegende
Aufsatz von einem anständigen Litteraten (leider haben wir der
unanständigen und unverständigen mehr als Musen sind) -- Herr August
Schnetzler dürfte Sie interessiren und, wie ich auch noch Manches
hinzuzufügen hätte, _mein_ Referat pleonastisch machen. -- In vielen
andern Blättern wurde mit lebhafter Anerkennung davon gesprochen, in
der Mainzer enthusiastisch. -- Ich habe es versucht, in einem kurzen
Abriß, nur über den Erfolg, mein Scherflein beizutragen und Herrn von
Küstner, um die Vermittlung des Einrückens unter die Kunstnachrichten
der Pr. Staatszeitung gebeten. -- Wir sind voll Verlangen zu hören:
„Shakespeares Sturm“ sey gegeben; stürmisch werden wir uns auch seiner
bemächtigen! --
Noch habe ich die herzlichsten Empfehlungen von der Familie des Geh.
Raths Hallwachs, von Höpfner und meiner Schwester auszurichten, auch an
die Gräfin F., und die innigsten Wünsche für Ihr Wohlseyn, womit sich
vereint Ihr ewig liebender
Freund und Verehrer
_G. Heumann_.
NS. Die Notificationen der Verheirathung der einzigen Tochter des Geh.
Raths Hallwachs mit Oberlieutenant Scholl wird bei Ihnen angelangt
sein? Das junge Ehepaar hat sich im Sommernachttraum mit jugendlich
unbefangenem Sinn auf das Harmloseste ergötzt; der junge Ehemann
überzeugt täglich seine Frau, daß sie nicht blind wie Titania ist!