I.

_Breslau_, d. 8t. Dez. 1816.

_Wohlgeborener Herr,

Hochzuverehrender Herr Doktor!_

Ich schwebe mit meinem lieben Geisteskinde _Chriemhilde_ nun recht

zwischen Furcht und Hoffnung, ob Sie die Sünderinn begnadigen oder

verdammen werden. Wenn ich mich auf die Seite der unbefangenen kälteren

Beschauung hinneige, und gleichsam von oben herab das Ganze überblicke,

da treten freilich mehr und mehr Unebenheiten aus dem Gebilde hervor,

die sich in horizontaler Richtung verbargen und deckten; und so bin

ich jezt mit Manchem, besonders mit dem Anfange und der Mitte des

Drama’s nicht recht zufrieden. Sie werden es wohl am besten beurtheilen

können, inwiefern meinem guten Willen und meiner Anstrengung die

dazu erforderliche Kraft entsprach. Aber Sie werden auch alle die

Hindernisse, die mit diesem Stoffe und seiner dramatischen Behandlung

verbunden sind, als Künstler überschauen; denn nur der Dichter kann den

Dichter ganz beurtheilen. -- Ich hätte mir es freilich leichter machen

können, wenn ich den Stoff mit mehr freier Fantasie behandelt, und mich

in einer freieren Form mit Hinsicht auf seine äußere Gestaltung bewegt

hätte. Und so ist denn, leider! durch das zu ängstliche Anschmiegen

an das Epische des Urbildes viel Dramatisches untergegangen. Bei

Siegfrieds Tod will ich mich aber schon mehr gehen lassen, wie man

sagt, da sein Stoff sich mehr dem Drama anschmiegt. Obwohl das Lied

gegen die Katastrophe hin sehr reichhaltig an Werkstoff für lebendige

Darstellung scheint, so ist es doch eigentlich kein dramatischer,

und so mußte ich, wie Sie es billigen werden, das Meiste bei Seite

schieben, oder unter der Szene halten, um nicht ein gräßliches Bild der

blutigsten Vernichtung aufzustellen.

Ich habe nun schon mancherlei, oft ganz entgegengesetzte Urtheile über

meine versuchsähnliche Arbeit vernommen. Graf Brühl meinte, wenn das

Stück Effect machen sollte, müßte Siegfrieds Tod drinnen vorkommen, wie

im Lear die Ländertheilung, im Hamlet der Geist wesentlich erforderlich

sind, um bei dem Publikum das Interesse für Chriemhildens Rache rege

zu machen; eine Erzählung davon als Exposition reiche nicht hin.

Siegfrieds Tod hinein zu weben, hatte Schwierigkeiten; 13 Jahre waren

seit seinem Tode, und 7 Jahre seit Chriemhildens neuer Vermählung

verflossen; und hätte dann, abgesehen vom chronischen Uebelstande, nicht

Siegfrieds Tod wieder motivirt, und somit ein ~Quasi-Dualismus~ in

die Handlung hineingeschoben werden müssen? Daß ich aber Siegfrieds

Tod besonders bearbeiten will, wußte er doch. -- Prof. Rhode hingegen

lehnte sich gegen die veralteten Formen der Sprache auf, wobei, wie er

meint, alle Logik unterging; besonders will ihm die Konstruction des

Hilfswortes _thun_ nicht behagen. Auch läßt er sich recht hämisch

über ein Wort aus, was nur ein Schreibfehler war. Ueber Ein Wort!!

Das nenn’ ich mir einen Theater-Direktor. -- Dem Herrn Schall gefiel

die äußere Form nicht, er meinte allen Reim und besonders Assonanz

vertrüge das Drama nicht: Auch ließe sich nie ein Epos als Drama

bearbeiten; ich meinte wohl, daß den Drama’s erst das Epos vorausging,

wie bei den Griechen es der Fall ist. -- Und so wurde mir mein Wurf

zur theatralischen Darstellung vereitelt. Schall hätte es vielleicht

vermocht, es hier zur Darstellung zu bringen, zumal wenn einiges im

Dialog verkürzt und so die Handlung mehr zusammen gedrängt worden wäre,

allein er that nicht nur nichts, sondern eiferte selbst schon gegen die

Darstellung eines so blutigen Stoffes. -- In Berlin würde man das Stück

vielleicht gegeben haben, wenn ich Kosacken-Tänze, Soldaten-Aufzüge,

ein paar Knall-Effekte und etwa noch einen Hund hätte hinein schroten

können. -- Nun haben es die Kaiserl. Kustoden der Bibliothek zu Wien

von mir durch Büsching begehrt, da sie es nun auf die _Wiener_

Bühne zu bringen gedenken. -- Ich glaube nicht, daß es ihnen gelingen

wird. Nun seh ich noch mit innigem Verlangen Ihrem Endurtheile

entgegen, das ich mit ungeheuchelter Verehrung aufnehmen werde. Es soll

mich ausschließlich bei meiner eben angefangenen Arbeit leiten. --

Ich hatte mir vor und während der Arbeit so manches Schöne geträumt,

was nachher wie Wasser zerrann. Und wie manch kalter vernichtender

Ausspruch von 3 Worten über mein ganzes Ringen und Trachten mußte

mich nicht herzlich verwunden! -- Ich wollte nun ganz von meinem

Unternehmen abstehen, als mich die freundliche Ermahnung Hagens: „Nur

frisch und froh an’s Werk, und nicht den Muth verloren“ aus Venedig

aufmunterte. Nun denn, so will ich’s weiter versuchen, wenn auch Sie es

billigen.

Mögen Sie es gütigst entschuldigen, daß ich Sie so viel mit meinem

Geisteskinde, so schwach und unbeholfen, belästige.

Zu Ihnen habe ich nun nach Ihrer freundlichen Aufnahme in Zibingen mein

ganzes Vertrauen gefaßt. Möchten Sie mein Meister seyn wollen! Hier bin

ich so einsam und abgeschlossen -- und Ihnen möcht’ ich gern von Zeit

zu Zeit ganz mein Inneres ausschütten, den ich schon so lange innigst

verehre und liebe

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 309 / 326 题