_Winterthur_, 17. Febr. 1829.
Ich habe, Verehrtester, etwas auf dem Herzen, das ich abladen muß.
Schon Herr Reimer schrieb mir aus Dresden, daß Ihr Aufenthalt allhier
Sie nicht nach Erwartung befriedigt habe, und Hr. Follen hat mir
dieß neulich noch des weitern bestätigt. Da es mir nun schmerzlich
wehe thäte, mein liebevoller Tieck, etwas von Ihrer Achtung zu
verlieren, so fühle ich mich zu einiger Erklärung meiner _scheinbaren_
Zurückhaltung gedrungen.
Von Kindheit an war ich ein sehr einsamer Mensch, wodurch ich mir
eine anfängliche Verlegenheit unter Fremden zugezogen habe, die ich
mir nicht mehr abgewöhnen kann. Sie hingegen sind ein in Gesellschaft
verbreiteter Mann, von leichtem Umgange. Sie sprechen sehr gut; ich
kann gar nicht sprechen, das macht mein Reden mir selbst langweilig,
(weggerissen)... andern. Und so geht, ehe ich zum vertraulichen Worte
komme, gewöhnlich die Zeit verloren.
Hätte ich Sie nur ein paar Tage allein bey mir, so würden unsre
~opposita~, alsdann ~juxta se posita~, statt schroffer sich zu zeigen,
wahrscheinlich bald in Einklang kommen; denn im Grunde sind wir doch
Eines Geistes (wenn auch nicht quantitativ), und der Geist ist es, der
lebendig macht, das Fleisch äußerlicher Angewöhnung ist wenig nütze,
ist Unkraut, das wenn es auch heute noch stände, schon morgen in den
Ofen geworfen seyn würde.
Ich hätte freylich auch gewünscht, länger mich mit Ihnen unterhalten zu
können, aber da Sie äußerten, daß Sie nach Tische verreisen wollten, so
mußte ich doch vor Tische gehen; ich besorgte überdies die Frauenzimmer
zu geniren. Hätten Sie mir nur ein Wort vom Bleiben gesagt, wie gerne
wär ich geblieben!
Nehmen Sie diese Herzenserleichterung auf, wie sie gemeint ist, theurer
Mann, als den Wunsch, nicht in Ihrem freundschaftlichen Andenken
verloren zu haben, und lassen Sie mir dasselbe ferner gewähren!
_Ulrich Hegner_.
=Heiberg, Johann Ludwig.=
Geb. den 14. Decbr. 1791 in Kopenhagen, wurde 1849 Direktor
des dortigen K. Theaters. Obwohl seine vorzügliche, anerkannt
produktive Thätigkeit sich im Lustspiel und dramatischen Märchen
bewegt, hat er doch auch verschiedene Erzählungen geliefert,
die in deutscher Uebertragung verbreitet sind. Er ist in seinem
Vaterlande sehr beliebt, und verdient es gewiß. Aus denjenigen
seiner Arbeiten, die hier zu Lande bekannt wurden, ließ sich
aber schwerlich errathen, daß er einer der eifrigsten Anhänger
Hegel’scher Philosophie sei, was er jedoch wirklich ist, oder
wenigstens war.
An Herrn Ludwig Tieck in Dresden.
_Kopenhagen_, den 5ten May 1827.
Zwar darf ich nicht hoffen, von Ihnen, auch nur dem Namen nach, gekannt
zu seyn. Leider ist unser Land so klein, und unsre Literatur eben
deswegen so wenig nach dem Auslande verbreitet, daß selbst derjenige,
der zehnmal so viel für dieselbe gethan hätte, als ich mich gethan zu
haben rühmen darf, dennoch eines besonderen literarischen Paßes bedarf,
um seinen Namen über die Grenze unbehindert paßiren zu lassen. Auch bin
ich nie in Dresden gewesen. Ich habe mich während drey Jahren in Paris
aufgehalten, ging aber auf der Hinreise über London, und hatte auf der
Rückreise durch Deutschland so große Eile, daß ich den kürzesten Weg
nehmen mußte. Später bin ich während einiger Monate in Berlin gewesen,
wo ich besonders mit den Herren Professoren Hegel und Gans in genauerer
Verbindung stand; allein auch damals wurde mein Plan, von dortaus
Dresden zu besuchen, vereitelt.
Die Veranlassung aber zu diesem Briefe ist ein Packet Bücher, das ich
vor einigen Tagen so frei gewesen bin, Ihnen zu schicken. Ich habe
es an unsere ~Chargé d’ affaires~, den Herrn von Irgens-Berg in
Dresden adressirt, von dem Sie es binnen kurzer Zeit erhalten werden;
und auch dieses hat wiederum eine Veranlassung, zu deren kurzen
Erörterung ich mir Ihre Erlaubniß ausbitte.
Ich habe seit zwey Jahren einige _Vaudevillen_ für die hiesige
Bühne geschrieben; ich sage: _geschrieben_, denn ich habe mich
wohl gehütet, fremde Arbeiten dieser Art auf dänischen Boden roh zu
verpflanzen, oder, wie man es gewöhnlich nennt, zu _bearbeiten_.
Meine Absicht war, die Neuerungssucht, die jetzt im Publikum herrscht,
indem sie ihm für das Alte den Sinn mehr und mehr benimmt, und so
manches Abgeschmackte herbeigeführt hat, einmal, wo möglich, zu einem
löblichen Zwecke zu benutzen, d. h. zur Wiedererweckung des unserm
Volke tief eingewurzelten Sinnes für das Local-Comische, eines Sinnes,
der aber seit Holbergs Zeiten kaum einige Nahrung erhalten hat. Wie ich
nun zugleich gesehen hatte, daß eine höchst mittelmäßige Posse, _Die
Wiener in Berlin_, von Demoiselle Pohlmann und deutschredenden Dänen
nicht besonders gut ausgeführt, beym hiesigen Publikum Eingang finden
konnte, so mußte ich mich überzeugen, daß selbst in den schlechtesten
Stücken dieser Art ein gewisser Melodienzauber herrschen könne, und
diesen beschloß ich daher zu einer wahrhafteren comischen Wirkung zu
benutzen. Es schien mir nämlich, daß auch das Vaudeville zu einer
dramatischen Kunstart herausgebildet werden könne, und daß eine solche
Ausbildung, beym Stand der hiesigen Bühne, nicht ohne poetisches
Verdienst sein würde. Meine sonstigen Ansichten dieses Gegenstandes
habe ich in einer besonderen dramaturgischen Abhandlung, die in dem
besagten Packete zugleich befindlich ist, weiter aus einander gesetzt.
Wie gesagt, schrieb ich dann einige local-comische Vaudevillen, die
aufgeführt und mit einem hier unerhörten Beyfall aufgenommen wurden.
Jetzt aber entstand unter den Literaten die Frage, ob diese neue
Richtung ein Schritt vorwärts oder rückwärts zu nennen sey. Es ist
natürlich, daß ich der ersten Meinung bin; es ist eben so natürlich,
daß Leute, die Ihre gerechten Aeußerungen gegen die jetzige Rohheit der
Verfasser, welche, die Dichtarten und die Localitäten verwechselnd,
dasjenige, das in einer gewissen Kunstsphäre gut ist, in eine andere
ganz mechanisch überführen und verderben, und welche ferner nur
auf das Aeußere und Zufällige in der Kunst bedacht sind; -- es ist
natürlich, sage ich, daß Leute, die Ihren gerechten Eifer gegen diese
Pfuschereien kennen, ohne ihn recht verstanden zu haben (denn daß Sie
Müllner, Grillparzer und Houwald tadeln, und H. v. Kleist rühmen, das
werden diese Leute nie verstehen) -- daß sie, sage ich, sich Ihrer,
als einer schlecht verstandenen Autorität, bedienen, um die von Ihnen
ausgesprochene Misbilligung nachgeäffter französischer Witzspiele
auf meine Arbeiten anzuwenden, die doch in einem ganz anderen Sinne
entworfen und ausgeführt sind, und wenigstens keine unverdaute
Aufnahme fremdartiger Substanzen, sondern, wie ich mir schmeichle,
eine nationale Assimilation sind. Ich darf glauben, daß ich Ihre
dramaturgischen Schriften mit größerer Einsicht gelesen habe, als die
meisten unserer Theater-Kritiker, und bin der Meinung, daß Sie meine
Vaudevillen als recht lobenswerthe Bestrebungen nach einem richtigeren
Geschmack anerkennen werden. Vielleicht aber, daß ich mich darin geirrt
habe. Auf jeden Fall wünsche ich recht sehr, Ihr aufrichtiges Urtheil
darüber zu vernehmen. Ich habe daher mir die Freyheit genommen, Ihnen
alle diese Kleinigkeiten zu schicken. Sie verstehen die dänische
Sprache, Sie sind ein berühmter Kenner von Holberg, und Sie sind
beynahe der Einzige, der in jetziger Zeit für die Sache der wahren
Kunst gegen Uebertreibungen, Mißverständniße und Thorheiten aller Art
kräftig redet. Haben Sie daher die Güte, bey Gelegenheit meine kleine
Bühnenstücke so wie die dramaturgische Abhandlung durchzublättern und
mir Ihre Meinung darüber, wenn auch nur in aller Kürze, mitzutheilen.
Sie werden mich dadurch, sogar im Falle eines ungünstigen Urtheils,
ganz besonders verpflichten.
In demselben Packete finden Sie auch ein von mir, _auf Verlangen
der hiesigen Direction_, bearbeitetes fremdes Vaudeville: Die 7
Mädchen in Uniform. Ich habe es nur deswegen beygelegt, damit Sie sehen
mögen, daß Ihre kurzen Bemerkungen über diese Kleinigkeit bey meiner
Bearbeitung nicht ohne Einfluß gewesen sind. Zugleich werden Sie die
bis jetzt erschienenen Nummern eines von mir seit Neujahr redigirten
Wochenblattes vorfinden.
Ich weiß nicht, ob meine deutsch geschriebene Nordische Mythologie nach
der Edda und Oehlenschläger, die zur letzten Michaelismesse erschien,
Ihnen zu Gesicht gekommen ist. Ich würde sie beygelegt haben, wenn ich
nicht gefürchtet hätte, das Packet sey schon zu groß geworden.
Ihr Freund Oehlenschläger hat ein neues Trauerspiel „Vaeringernd i
Myklegard“ geschrieben, und beschäftigt sich jetzt mit einer deutschen
Uebersetzung davon.
Verzeihen Sie gütigst meine Zudringlichkeit.