_Winterthur_, 17. August 1831.
Ihr Brief, mein verehrter Freund, (wer meine Kinder liebt, ist mein
Freund, und verehrt war mir der Name Tieck schon lange) hat mir große
Freude gemacht; ich hab ihn erst den 28. Juli erhalten, und seitdem
einige kleine Reisen unternommen, die mich an der Antwort hinderten.
Aber was soll ich Ihnen antworten, lieber möchte ich Sie sehen und
sprechen, da wollten wir uns bald verstehen! Denn wenn ich Ihnen
jetzt von dem wohlthätigen Eindruck schreibe, den Ihre Schriften,
besonders Sternbalds Wanderungen, vor Jahren auf mich gemacht haben, so
sieht das aus, wie ein schuldiges Gegencompliment, weil unsre nähere
Bekanntschaft erst angeht und wir einander noch persönlich zu fremde
sind. Und doch ist es wahr, ein köstlicher Fund war mir damals jenes
Buch, so wie die Phantasien über die Kunst und Phantasus. Die schöne,
einfache Sprache, echte Empfindung, der zarte originelle Sinn, und
die menschliche Schätzung des Höheren, die ich darin fand, waren mir
tröstende Erscheinungen in einer düstern Lage, wo ich mich gerade von
dem Gegentheil jener schönen Eigenschaften umgeben glaubte. Daher ist
mir der Handschlag, den Sie mir bieten, höchst willkommen, und an
mir soll es nicht fehlen, denselben auf das freundschaftlichste zu
erwiedern.
Sie verlangen einige Aufschlüsse über die Entstehung von Saly. --
Bis zu unserer Revolution bekleidete ich eine Stelle, die schon seit
bald dreyhundert Jahren auf meiner Familie beruhte, und mich mit
Hohen und Niedern bekannt machte, die Landschreiberey der Grafschaft
Kyburg. Durch die politische Veränderung hörte dieß sogenannte
aristokratische Privilegium auf, ich kam von der Stelle weg, und
nach Zürich in das Appellationsgericht, das damals wie beynahe alle
andre Behörden größtentheils mit Revolutionsmännern besetzt war. Da
lernte ich nun alle politischen Partien (ich war von keiner, weil
beyde extravagirten) und ihr geheimes Treiben ziemlich genau kennen,
um so viel besser, da ich drey Jahre im Hause und am Tische Lavaters
lebte, dessen thätiger Geist und Vielwirksamkeit von allen Seiten in
Anspruch genommen ward. So drängte sich in mir ein klares Bild jener
merkwürdigen Tage zusammen, und ließ mir keine Ruhe, bis ich es auf’s
Papier warf, als einen Spiegel jener Menschen und Zeiten, wobey ich
aber, alle Porträte sorgfältig vermeidend, es in den Roman einkleidete,
der, wie seine Anlage zeigt, weiter ausgeführt werden sollte. Allein
als ich bis zum wirklichen Ausbruche der Umwältzung und der neuen
stürmischen Organisation kam, fiel mir die Feder aus der Hand, weil
ohne individuelle Bezeichnungen, und dadurch unausbleibliche Störungen
meiner Ruhe, das Geschichtliche nicht weiter hätte fortgeführt werden
können. So blieb das Bruchstück mehr als zehen Jahre lang liegen, und
kam nur in die Hände weniger Freunde, bis es endlich, nachdem die erste
Molkenkur schon lange erschienen war, den Weg unter die Presse fand.
In der Schweitz wurde es häufig gelesen, in Pallästen (hätte ich bald
gesagt, wenn wir welche hätten) wie in Hütten; aber nie wäre mir ein
Gedanke daran gekommen, (weil es so ganz örtlich und vaterländisch
ist) daß es auch auswärts theilnehmende Leser fände. Desto besser,
weil unerwartet -- und eine große Ehre und Freude für mich, daß selbst
ein Tieck dem Werklein seinen Beyfall gibt. -- Meine Absicht war,
und spuckt mir noch zuweilen im Kopf herum, den alten christlichen
Weltweisen in Brem (weggerissen).... aus der aufgestörten Schweitz
hinweg und mit einigen (abermals weggerissen)... nach Holland ziehen zu
lassen, und Klara sollte ein Tagebuch darüber führen. Aber wie es geht,
wenn man eine Arbeit lange beyseits gelegt hat, man fängt unterdessen
andre an, und kann und mag nicht mehr an die alte gehen.
So viel von mir. Jetzt wünschte ich aber hinwiederum auch etwas von
Ihnen zu hören, das heißt, von Ihrem Leben und Treiben. Ich glaubte,
Sie lebten in Berlin, jetzt sehe ich, daß Sie in Dresden sind; wollen
Sie mich nicht auch etwas von Ihrer persönlichen Lage wissen lassen?
Ich lebe hier in einer kleinen Handelsstadt, wo ich (ich weiß nicht,
soll ich sagen leider oder nicht) gar keinen litterarischen Umgang
habe, und nichts von vorzüglichen Menschen erfahre, als was ich aus
Journalen herausbringe. -- Gibt es kein gestochenes Bild von Ihnen,
damit ich mir auch eine leibliche Vorstellung von Ihnen machen könne?
Begreift der angekündigte Shakespear seine sämmtlichen Schauspiele
und eine ganz neue Uebersetzung? Sind die Gedichte schon heraus? --
Kurz wenn Sie mich mit einem Briefe erfreuen wollen, so thun Sie es
bald, und lassen mich auch so genannte Kleinigkeiten von Ihnen wissen,
denn diese sind von Männern, die man schon lange im Großen kennt und
schätzt, nie unbedeutend.