II.

_Hamburg_, d. 17. Febr. 1840.

_Hochverehrter Herr!_

Wenn ich meine hohe Freude über den Empfang Ihres Briefs vom 23.

Juny v. J. nicht sogleich aussprach, so werden Sie den Grund leicht

errathen haben. Ich mogte Ihnen mit Versicherungen, die sich von selbst

verstehen, keinen Ihrer Augenblicke rauben, und je höheren Werth ich

darauf legte, daß Sie mich auch für die Zukunft zu einem für mich

so ehrenvollen Vertrauen ermunterten, um so weniger konnte ich mich

entschließen, Ihnen leere Allgemeinheiten zu schreiben. Nur auf Einen

Punct, den Sie, widerlicher Erfahrungen gedenkend, in Ihrem Briefe

anregten, hätte ich Ihnen Etwas zu erwiedern gehabt; ich hätte Ihnen

aus voller Seele zurufen mögen, daß die Verehrung, die ich Ihnen zolle,

durch persönliche Rücksichten so wenig verringert, als noch erhöht

werden kann, und daß ich, einer schnöden Parthei gegenüber, die ihre

Furcht und ihr Zittern hinter eitler Arroganz zu verstecken sucht,

ewig meinen Stolz darin setzen, ja, meine Pflicht darin sehen werde,

einem Mann, der aller Zeit angehört, so viel an mir liegt, den ihm

gebührenden Tribut darzubringen.

Jetzt erlaube ich mir, von dem Vertrauen, zu welchem Sie mich

aufforderten, Gebrauch zu machen. Ich habe ein Trauerspiel geschrieben,

das ich zur Aufführung zu bringen wünsche, und ich nehme mir die

Freiheit, Ihnen hiebei ein Exemplar desselben zu übersenden. Ich

ersuche Sie um freundliche Vermittelung bei der dortigen Bühne, vor

Allem aber bitte ich Sie um Ihr Urtheil, das mir bei diesem Werk,

welches mir ganz aus Geist und Herzen floß, und welches ich, bei klarer

Erkenntniß vieles Tadelswerthen und Mangelhaften in den Einzelheiten,

dennoch in seiner Totalität nicht für mißlungen halten kann, von

der höchsten Wichtigkeit ist. Ein einfaches Wort von Ihnen, es sey

günstig oder nicht, ist mir mehr, als ein Trompetentusch der gesammten

deutschen Journalistik, den ich leicht hervorrufen könnte, wenn ich

nur zu Gegendiensten bereit wäre. Eine lyrische Fontaine werden Sie

nicht finden; ob ich aber nicht auf der entgegengesetzten Seite zu weit

gegangen und in der dramatischen Concentration hie und da zu starr

geworden bin, das ist es, was ich von Ihnen zu erfahren wünsche. Ich

selbst erlaube mir über mein Stück nur die eine Bemerkung, daß es in

sehr kurzer Zeit entstanden ist.

Sie werden verzeihen, daß ich mein Trauerspiel, statt es direct bei der

Direction des Theaters einzureichen, an Sie zu schicken wagte; auch

werden Sie mir, wie ich hoffe, in Berücksichtigung des Dringlichen

einer solchen Angelegenheit eine möglichst baldige Antwort zu Theil

werden lassen.

Ich bin und verbleibe, hochverehrter Herr,

mit vollkommenster Hochachtung

Ihr aufrichtigster Verehrer

_Friedrich Hebbel_.

~_Addr._: Stadtdeich Nr. 43.~

=Hegner, Ulrich.=

Geb. 1759 in Winterthur, gest. am 3. Jan. 1840 in Zürich, als

Regierungs-Mitglied. --

Dessen 1812 erschienene Erzählung: die Molkenkur hat wohl die

meiste Verbreitung gefunden. Ueber „Saly“ gingen die Urtheile sehr

auseinander; Solger z. B. stimmte mit Tieck’s günstiger Meinung

wenig zusammen.

Seine „Gesammelten Schriften“ sind in fünf Bänden (1828) ausgegeben

worden.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 304 / 326 题