(Ohne Datum. Oben ein Streifen weggeschnitten.
Auch keine Unterschrift und kein Schluß.)
Es thut mir herzlich leid, daß Du noch immer Dein Kniereißen nicht
los bist. Hoffentlich hast Du alles gebraucht, was in solchen
Fällen versucht wird -- als warme Bäder, Bandagen von Wachstaffent,
Elektricität, Guajac, und Tafia, Säuren und Mercurialmittel. Gern
hätt’ ich Dich besucht -- aber bis jetzt war es nicht möglich --
Du mußt im Frühjahr nach Töplitz gehn, wenn es sich nicht verliert.
Ich kann mir denken, daß Du sehr gelitten hast. -- Mich wundert,
daß Du dabey so heiteren Sinns geblieben bist, um so schöne Sachen
auszudenken. Ich höre, daß Du eine wundersame Melusine gedichtet hast.
Auf alles bin ich gespannt -- besonders auch auf Dein Gedicht über
Böhme. Fridrich (Schlegel?) verharrt in Müssiggange, und hat nichts,
als einige Gedichte, von denen ich mehr zu wissen wünschte, zu stande
gebracht. Du hast Dich mit Wilhelm zum gemeinschaftlichen Angriff des
Cervantes verbunden, welches eine angenehme Aussicht eröffnet. Ich bin
würklich sehr fleißig. -- Wenn Du die mannigfaltigen Zerstreuungen,
Zeitverluste und Geschäfte meines Berufes kenntest, so würdest Du mir
ein gutes Lob ertheilen, daß ich soviel nebenbey gemacht habe. Mein
Roman ist im vollen Gange. 12 gedruckte Bogen sind ohngefähr fertig.
Der ganze Plan ruht ziemlich ausgeführt in meinem Kopfe. Es werden
2 Bände werden -- der Erste ist in 3 Wochen hoffentlich fertig. Er
enthält die Andeutungen und das Fußgestell des 2ten Theils. Das Ganze
soll eine Apotheose der Poesie seyn. Heinrich von Ofterdingen wird im
1sten Theile zum Dichter reif -- und im zweyten, als Dichter verklärt.
Er wird mancherley Aehnlichkeiten mit dem Sternbald haben -- nur nicht
die Leichtigkeit. Doch wird dieser Mangel vielleicht dem Inhalt nicht
ungünstig. Es ist ein erster Versuch in jeder Hinsicht -- die erste
Frucht der bei mir wieder erwachten Poesie, um deren Erstehung Deine
Bekanntschaft das größeste Verdienst hat. Ueber Speculanten war ich ganz
Speculation geworden. Es sind einige Lieder darin von meiner Art. Ich
gefalle mir sehr in der eigentlichen Romanze.
Ich werde mannigfachen Nutzen von meinem Roman haben -- der Kopf
wimmelt mir von Ideen zu Romanen und Lustspielen. Sollt ich Dich bald
sehn, so bring ich eine Erzählung und ein Märchen aus meinem Roman zur
Probe mit.
Jacob Böhm lese ich jetzt im Zusammenhange und fange ihn an zu
verstehn, wie er verstanden werden muß. Man sieht durchaus in ihm den
gewaltigen Frühling mit seinen quellenden, treibenden, bildenden und
mischenden Kräften, die von innen heraus die Welt gebären. -- Ein
ächtes Chaos voll dunkler Begier und wunderbaren Leben -- einen wahren,
auseinandergehenden Microcosmus. Es ist mir sehr lieb, ihn durch Dich
kennen gelernt zu haben. -- Um so besser ist es, daß die Lehrlinge ruhn
-- die jezt auf eine ganz andere Art erscheinen sollen. -- Es soll
ein ächtsinnbildlicher Naturroman werden. Erst muß Heinrich fertig
seyn -- Eins nach dem Andern, sonst wird nichts fertig. Darum sind
auch die Predigten liegen geblieben und ich denke sie sollen nichts
verlieren. Wenn die Litt. Zeit. nicht so jämmerlich wäre, so hätt’
ich Lust gehabt, eine Recension von Wilh. Meist. L. einzuschicken --
die freylich das völlige Gegenstück zu Fridrichs Aufsatze seyn würde.
Soviel ich auch aus Meister gelernt habe und noch lerne, so odiös ist
doch im Grunde das ganze Buch. Ich habe die ganze Recension im Kopfe.
-- Es ist ein Candide gegen die Poesie -- ein nobilitirter Roman.
Man weiß nicht wer schlechter wegkömmt -- die Poesie oder der Adel,
jene weil er sie zum Adel, dieser weil er ihn zur Poesie rechnet. Mit
Stroh und Läppchen ist der Garten der Poesie nachgemacht. Anstatt die
Comödiantinnen zu Musen zu machen, werden die Musen zu Comödiantinnen
gemacht. Es ist mir unbegreiflich, wie ich so lange habe blind seyn
können. Der Verstand ist darin wie ein naiver Teufel. Das Buch ist
unendlich merkwürdig -- aber man freut sich doch herzlich, wenn man
von der ängstlichen Peinlichkeit des 4ten Theils erlößt und zum Schluß
gekommen ist. Welch heitre Fröhlichkeit herrscht nicht dagegen in
Böhm, und diese ist’s doch allein, in der wir leben, wie der Fisch im
Wasser. -- Ich wollte noch viel darüber sagen, denn es ist mir alles
so klar und ich sehe so deutlich die große Kunst, mit der die Poesie
durch sich selbst im Meister vernichtet wird -- und während sie im
Hintergrunde scheitert, die Oeconomie sicher auf festem Grund und Boden
mit ihren Freunden sich gütlich thut, und Achselzuckend nach dem Meere
sieht.
Mein Bruder grüßt Dich herzlich -- auch meine Eltern und Sidonie
nehmen den wärmsten Antheil an Deinen Widerwärtigkeiten, und lassen
auch freundschaftlich grüßen. Wegen meiner Lieder hast Du nicht
ganz Unrecht. Fridrichen sage, daß es gut sey, wenn er das Wort
Hymnen wegließe. Ueber das Gedicht selbst mündlich mehr. Grüße die
~(weggeschnittener Streifen)~.... gern das Frühjahr zu unserer
Zusammenkunft erwarte -- entschuldige mich, daß ich nicht selbst
Fridrichen... ~(andere Seite des Streifens.)~