_München_, den 20t. July 1831.
_Verehrungswürdiger Herr Hofrath!_
Ehrfurcht und Liebe, die mein ganzes Herz für Sie erhabener Mann!
lebhaft erfüllen, beschwichtigen nun auch in mir das Bangen der Schuld.
-- Schuldig werden Sie mich heißen, und meine Handlung als eine sehr
tadelnswürdige bezeichnen. -- Ich gestehe Ihnen offen: ich selbst
vermag mich nicht zu rechtfertigen, und dennoch fühle ich mich lebendig
überzeugt, daß ich so handeln mußte. Man kann mich leichtsinnig,
unbesonnen, ja sogar carakterlos schelten; indeß wer in meiner Lage
einer andern Empfindung als der eines gehorsamen Kindes gefolgt wäre,
den würde man gewiß keinen Menschen, sondern ein unnatürliches und
verächtliches Wesen genannt haben. -- Ich habe kein Hehl vor Ihnen, und
spreche mich gegen Sie so freymüthig aus als ich denke. -- Angeborne
Sehnsucht nach der Fremde, die freundliche, ja ausgezeichnete Aufnahme,
die mein jugendliches und schwaches Kunstwirken in Dresden fand, die
trefflichen und schätzbaren Freunde, die ich dort in so kurzer Zeit
kennen lernte, die vortheilhaften, gewinnreichen Anträge, welche mir
die k. sächs. Hoftheater-Intendanz gemacht hatte, eine vermehrte
Thätigkeit im auserlesensten Kreise meines Kunstwirkens, alles dieses
zog mich mit einem unwiderstehlichen Zauber nach dem lieben, mir ewig
unvergeßlichen Dresden und zu einer voreiligen Unterzeichnung hin.
Jedoch was ich zu wenig beachtete, geschah. Von allen Seiten umdrängten
mich Freunde, Verwandte, Geschwisterte, am dringendsten aber meine
Mutter. Diese gute Frau kam nie aus ihrem Vaterlande nur selten aus
München. Viele Kinder, widrige Schicksale, Krankheiten und Kummer
schwächten allmählig ihren Körper, und sie befindet sich schon seit
mehreren Jahren fast immer in einem leidenden Zustande. Sie ist mir das
Theuerste, Heiligste auf der Welt, denn so lange ich lebe, hängt sie
stets mit der mütterlichsten, zärtlichsten Sorgfalt an mir. Anfangs
schien sie meinem sehnlichen Wunsche und H. Devrients überzeugenden
Gründen nachzugeben; allein als sie sah, daß es zum Ernste kam, da bot
sie alles auf, um mich zurückzuhalten. Sie bat mich zu berücksichtigen,
daß, wenn ich München verließe, mein Bruder niemals im Kadetenkorps
aufgenommen würde, wodurch ich also dessen ganzes künftiges Lebensglück
zerstöhren würde! Sie beschwor mich zu bleiben, denn sie könne ihre
Vaterstadt nicht verlaßen, sie fühle es, daß Sehnsucht nach der Heimath
ihr schon vor der Zeit ein Grab bereiten würde. Sie erinnerte mich an
mein Gelöbniß, sie nie zu verlaßen, welches ich nach dem Tode meines
unglücklichen Vaters that. -- Was sollte ich nun thun? Was konnte,
was durfte ich? ich opferte meine Neigung, mein ganzes Lebensglück,
und versprach meiner Mutter, so lange sie lebt, München nicht zu
verlaßen. -- -- Jetzt verdammen Sie mich! -- Mögen viele mich falsch
verstehen, falsch beurtheilen, Sie sollen es nicht; der Mann, welchem
ich mit der innigsten Hochachtung und reinsten Verehrung ergeben
bin, und dem ich mich mit kindlicher Offenheit vertraute, soll nicht
meinen innern bessern Werth verkennen, und ich bin überzeugt, daß Sie
gewiß das Gefühl der Anhänglichkeit, mit dem ich für meine Mutter und
meine Geschwisterte (das einzige aber theure Vermächtniß eines ewig
theuren Vaters) lebe ehren werden. Halten Sie mich deßhalb auch in
der Entfernung Ihrer Achtung werth, und bleiben Sie mir fort und fort
mit der freundlichen Zuneigung gewogen, welche Sie mir während meiner
Anwesenheit in Dresden so gütig bewiesen. Ihr Andenken bleibt mir ewig
unvergeßlich und so lange ich lebe wird das Gefühl meiner reinsten
Verehrung in meiner Seele bestehen für den Mann, den Deutschland mit
eben so vieler Bewunderung anbethet, wie er von mir warm und herzlich
verehrt wird, und mit diesen Empfindungen verbleibe ich so lang ich lebe
Ihre
ergebene _Charlotte v. Hagn_.
k. b. Hofschauspielerin.
~P. S.~ Ihrer liebenswürdigen Familie meine innigsten Grüße.