II.

_Breslau_, d. 9ten Juni 1815.

_Verehrtester Freund_;

Herzlichen Dank für Ihren lieben Brief, der mich Ihres Wohlseins und

Ihres Andenkens versichert. Den Ueberbringer desselben kannte ich

schon, da ich vorigen Sommer mit ihm von Ziebingen aus, glaube ich,

auf der Post zusammengefahren war, und wir uns bald aufgefunden und

besonders an Ihnen einen lieben Vermittler näherer Bekanntschaft

hatten. Ich denke, er befindet sich jetzo recht wohl hier, da er so

ganz unter Freunden und Verwandten lebt, und so lieb gehalten wird, wie

er es verdient. Ich sehe ihn oft, und er ist auch mein Zuhörer in den

Nibelungen. Ihre Idee wegen eines Freibillets zum Theater war und ist

leider unausführbar, da das Ganze in den Händen der Kaufleute ist, und

Rhode, wenn er auch gewollt, nichts darin ausrichten konnte. Ich habe

also lieber gar keinen Schritt dazu gethan: doch hatte ich es zuvor

mit Raumer überlegt. -- Endlich, liebster Fr., erhalten Sie nun auch,

mit herzlichen Dank, Ihre Handschr. zurück. Die Kollation hat zuletzt

noch etwas aufgehalten. Es freut mich, dass nun Ihr Heldenbuch auch

vorrückt (mit so viel andrem, wie ich höre, und worauf wir alle uns

so sehr freuen). Wie ist es denn aber nun: wollen Sie meine Beiträge

noch, die wir damals verabredet? denken Sie doch auch an Zurückübergabe

des Waltharius Aquitan. im Nibelungen Vers. Nächstens erhalten Sie

auch Ihr Ex. der Nibel. wieder, welches ich eben noch vergleiche, ob

ich auch nichts übersehen in der Hds. selber. Dabei soll dann auch

die Volsunga-Saga übersetzt folgen, die noch beim Buchbinder steckt.

Diesmal lege ich aber noch die Uebers. der Eddalieder bei, wovon Sie

vermuthlich doch schon die Urschrift von mir haben. Möge Ihnen das

Büchlein gefallen. Mit noch einem solchen Hefte will ich dann die Nord.

Seite dieses Zyklus vor der Hand beschließen, und wende mich wieder

recht mit neuer Lust und aller Liebe zu den deutschen Dichtungen. --

Nächstens mehr: am besten wäre, Sie kämen her und machten das todte

Schreiben ganz überflüssig, und läsen uns über _Shakspeare und kein

Ende_ (so hat Göthe einen Aufsatz im Morgenbl. überschrieben, den

Sie lesen müssen). Behalten Sie mich lieb, so wie ich Sie von ganzem

Herzen. Meine Frau grüßt beßtens, sie sitzt eben zwischen 2 treffl.

Katzen, die Sie ja bald sehen müssen. Leben Sie recht wohl und gesund,

und lassen bald von sich hören, sei’s geschrieben, gedruckt, oder am

liebsten, gesprochen. --

Ihr treuer _F. Hr. v. d. Hagen_.

Reimer will allerdings für den Abdr. der Urschrift, den Sie gütigst

verstattet, Honorar geben, aber nur in _Büchern_: in diesem Jahre

möchte der Druck auch kaum beginnen.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 263 / 326 题