I.

_Breslau_, d. 12ten März 1813.

_Theuerster Freund_;

bloß meine Saumseligkeit ist schuld, daß ich Ihnen nicht schon längst

von hier aus geschrieben und die mir so gütig geliehenen Sachen

geschickt habe; und ich will mich nur mit dem allgemeinen Geschick der

Briefe entschuldigen, welche meist mit einer Entschuldigungsformel,

wovon auch diese hier nur eine der unzähligen Variazionen ist, anheben

müssen. Meine Gesinnung hat sich mit dem Ort keinesweges geändert, wie

die häufigen Unterhaltungen mit meinen und Ihren hiesigen Freunden

über Sie und Ihre Werke bezeugen könnten, wobei wir immer auf einen

baldigen Besuch von Ihnen selber gehofft haben. Bei meiner Herreise

war es allerdings meine Absicht, Sie heimzusuchen, und ich freute

mich recht darauf, aber leider waren Sie damals gerade von Ziebingen

abwesend, und ich hatte nur das Vergnügen die Gegend Ihres Aufenthalts

kennen zu lernen. -- Hier haben mich zum Theil die neuen Verhältnisse

und die Bibliothekgeschäfte etwas von meiner sonstigen Lebensweise

abgezogen, doch kehre ich stäts dazu zurück, und nach der baldigen

Aufstellung der Bibl., deren allmälige Entstehung mir auch Freude

macht, hoffe ich wieder volle Muße zu haben. Ich denke noch oft an das

Heldenbuch, wozu wir uns verbinden wollten, und habe mancherlei dazu

vorgearbeitet. Wie steht’s nun mit Ihnen? Denken Sie auch noch daran?

Mit herzlichstem Dank sende ich Ihnen die Ravenna-Schlacht zurück, die

ich eben nochmal durchgelesen. Die Arbeit hat ganz meinen Beifall, und

ich wünsche nichts mehr, als daß Sie solche recht bald vollenden, und

das dazu gehörige Gedicht von Dietrichs Flucht ebenso darstellen. Ich

wollte dann den Otnit und Wolfdietrich nach der Dresdener Hds. und den

(ungedruckten) großen Rosengarten dazu geben; vielleicht bearbeiteten

Sie dann auch noch den kleinen Rosengarten und den Rother. Lassen Sie

mich doch hierüber recht bald etwas von Ihnen wissen. Das Original der

Ravennaschlacht erlauben Sie mir gütigst noch einige Zeit; sobald Sie

es wirklich gebrauchen wollen, erhalten Sie es ungesäumt. Jetzt aber

frage ich noch an, ob Sie den genauen Abdruck desselben in dem 2ten

Bde. der Samml., von welchem ich Ihnen die Ankündigung zur gefälligen

Beförderung beilege, gütigst verstatten wollen. Hoffnung habe ich,

wie Sie sehen, schon dazu gemacht; und meine freundliche Bitte darum

füge ich hier hinzu. Ihrer Bearbeitung kann dieser Abdruck gar keinen

Eintrag thun; und es versteht sich, daß das Honorar dafür, das Reimer

freilich nur in Büchern giebt, Ihnen zu Gute kömmt. Geben Sie mir aber

doch baldigst Bescheid, indem der Druck bald nach Ostern beginnen soll.

-- Ich bin auch sonst hier nicht säumig gewesen: die Edda-Lieder und

Sagensamml. (welche ich Ihnen beilege) und die Fortsetzung des Museums

sind erschienen, und eben lasse ich eine vollständige Uebersetzung

der Wilkina- und Niflunga-Saga drucken, worauf dann die übrigen

Nordischen Sachen über unsern Fabelkreis, übersetzt folgen sollen.

Diesen Kreis vollständig zu bearbeiten in Original und Nachbildung,

halte ich für meine eigentliche Aufgabe und liebsten Beruf, wenn ich

mich nicht täusche; und bald werde ich alles beisammmen haben. -- Ich

gebe auch manche kleine Aufsätze in die hier schon im 2ten Jahr durch

Gräter und Heinze erscheinende Alterthumszeitung Iduna und Hermode,

in welcher zwar Kraut und Rüben durcheinander steht, die aber doch

erfreulich ist, und Theilnahme verdient, zu welcher ich auch Sie

auffordern möchte. Sie haben gewiß noch viele Nachrichten und Auszüge

von Römischen Hds., welche hier willkommen und heilsam sein würden;

theilen Sie also mit, und lassen auch hier Ihren Namen eine Zierde

sein. -- Ihr Frauendienst, und vor allen der Phantasus, ist uns diesen

Winter eine rechte Erquickung gewesen, und die Gespräche darin haben

uns Sie recht vergegenwärtigt, und unerschöpflichen Stoff zu neuen

Gesprächen gegeben. Solgern habe ich mit der Stelle von dem Freund mit

der Pfeife, und den aristophanischen Parodien im Däumchen geneckt; das

Sonnet im gestiefelten Kater aber unserer verehrungswürdigen grauen

Katze vorgelesen, worauf sie sich den Bart geputzt hat. Sie würden

sich wundern, wenn Sie herkämen, dieselbe Grisette zu finden, obgleich

es eine ganz andre, hier erst aufgezogene ist. Schon deshalb sollten

Sie bald einmal herkommen. Jetzt ist hier freilich alles im Aufruhr

und eine fürchterlich-schöne Zeit: ein so allgemeiner Aufstand der

Gemüther und Kräfte für Vaterland und Freiheit, ist ein Stolz unserer

Tage, der uns über uns selbst erhebt, aber zugleich mit großer Ergebung

erfüllt; alles ist in der höchsten Spannung, und in den nächsten

Tagen muß es losbrechen, und dann werden auf lange Zeit für uns die

blutigen Würfel fallen. Steffens That wissen Sie; er kann von großer

Wirkung in diesem Volkskriege sein durch seine wahrhafte Begeisterung,

und das große Opfer, welches er bringt. -- Auch Fouqué kam in diesen

Tagen mit 80 Mann hier an, und geht wieder zu seinem alten Regiment:

es ist Volker der Spielmann, der jetzt den Fiedelbogen mit dem Schwert

abwechselt; ich habe ihn ermahnt, den Französischen Hunden wacker zum

Tanz aufzuspielen; und er wollte mich durchaus mithaben, eingedenk des

Verses: „Hagene und Volker geschieden sich doch nie“ aber noch habe ich

keinen Beruf und gehöre zur Landwehr. Es muß freilich eine herrliche

Lust sein, die Franzosen zu jagen und zu schlagen. An Kriegsdienern

fehlt es uns schon nicht, und es sind einige sehr gute darunter. Der

Himmel gebe nun seinen Segen! -- Viele Grüße an Burgsdorf und andre

Freunde, und von meiner Frau an Sie. Behalten Sie mich lieb, und

schreiben mir auch wieder, sobald es sein kann. Leben Sie wohl und

gesund.

Ganz der Ihrige

_F. Hr. v. d. Hagen_.

Noch lege ich eine Aufforderung bei, die eigentlich von Büsching

herrührt und für sich selbst spricht, und der ich überall so patriot.

Theilnahme wünsche, wie hier.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 262 / 326 题