_Detmold_ den 22sten Sept. 182?
_Verehrtester Herr und Meister!_
Meine süßeste Lust besteht in dem Bewußtseyn, aus meinem Schlupfwinkel
heraus mit Ihnen reden zu dürfen; Sie, seit Shakspeare der größte
romantische Genius, dessen Werke, je mehr man sie studirt, um so
wunderbarer strahlen und deren Ruhm durch die Zeit, die sonst alles
vertilgt, nur immer mehr zunehmen kann, Sie verachten mich nicht
gänzlich. Glauben Sie auch nicht, daß ich das eben Gesagte gegen meine
Ueberzeugung, als leere Schmeichelei, geredet hätte; es wird Ihnen ganz
eins seyn, ob ein miserabler Schlucker wie ich so oder so von Ihnen
denkt; nur die Herzlichkeit meines Lobes kann ihm Werth verleihen.
Ich mußte es niederschreiben, weil ich neulich durch einen, in meinem
Geburtsneste, wo man die Litteratur nur vom Hörensagen kennt, höchst
merkwürdigen Zufall, wieder einige Theile von dem Phantasus und mehrere
Ihrer Novellen zu lesen bekam; noch nie fiel es mir so auf, daß Sie,
so sehr auch das liebe Deutschland Sie anerkennt, dennoch eigentlich
wohl noch nicht zum Sechsthel erkannt sind. Doch ich weiß nicht, ob
Sie mir dieß Geschwäze übel nehmen. -- Fürchten Sie nicht, daß ich Sie
jetzt mit der Trödelbude meines Jammers unterhalten werde; betrachten
Sie die paar Worte, welche ich darüber sage, wie eine Stelle aus einem
schlechten Roman und achten Sie auf meine Bitten nicht, wenn Sie Ihnen
mißfallen. -- Ich kann es hier nicht aushalten und will bald wieder
forteilen; einige Wochen denke ich noch zu verziehen, in der Hoffnung,
daß ich vielleicht von Ihnen zwei Zeilen mit Rath oder Trost erhalte;
meinen Eltern lüge ich stündlich vor, daß ich in der Ferne angestellt
bin und sie freuen sich nicht wenig; wüßten sie das Gegentheil, so
würden sie wie Schnee vergehen; dennoch wünsche ich aus voller Seele,
daß sie eines sanften Todes schon längst gestorben wären, dann wäre
ihnen besser und ich wäre frei. In Bremen, wohin ich geschrieben habe
und wo ein Herr von Staff für mich zu wirken suchte, scheint sich keine
Laufbahn aufzuthun. Wegen der Nähe meiner Heimath darf ich mich in
Westpfahlen selbst nicht weiter umsehn. Ich meine, nach Berlin reisen
zu müssen, dort, in einer größern Stadt, wo Theater, Schriftsteller,
weitläuftige juristische Collegien sind, finde ich hoffentlich irgend
einen Angelhaken. Sollte ich jemals aus meiner Lage wirklich heraus
kommen, so wird sie sicher einen unendlichen Nutzen für mein Gemüth und
meinen Geist haben, ja, ich würde wahrscheinlich eine echt christliche
Idee von Gottes wunderbaren Wegen erhalten. -- Da ich hier wenig mit
Menschen umgehe, so schweife ich desto mehr in der Natur umher; sie
ist wild und hübsch, und das ganze lippische Land rauscht von Bäumen,
Waldbächen und fallenden Blättern; wenn ich aber so auf einem Berge
stehe, fällt mir oft der nahende Winter ein und zum erstenmal in meinem
Leben fürchte ich ihn, weil ich nicht weiß, ob ich eine warme Stube
werde haben können. Meine Gesundheit ist eisenfest, und ich wollte
nichts mehr wünschen, als daß ich sie Ihnen schenken könnte. O Herr!
jedes Wort von Ihnen gilt viel; wenn Sie mir in Dresden, Berlin oder
Leipzig irgendwo ein schmales Unterkommen bei einem Buchhändler oder
Theater u. s. w. schaffen könnten, so hätten Sie mich und zwei alte
Leute glücklich gemacht. Bis jetzt noch erliegt meine Seele nicht
und sie hat die hereinstürmenden Unglücksfälle mit blutigen Köpfen
zurückgeworfen; bei Gott, sie verdient es, daß Jemand ihr hilft. Eine
kleine, kleine Antwort von Ihnen wäre schon Erlösung; aber wenn Sie
mir auch dieß Gesuch abschlagen, so werde und kann ich doch nimmer und
nimmer vergessen, was Sie mir schon Gutes und Edles gethan haben. Stets