_Detmold_ den 29sten Aug. 1823.
_Verehrtester Herr!_
Jetzt erst, nachdem ich alles versucht und abgemacht habe, kann und
darf ich Ihnen schreiben. -- Mich übermannt die Erinnerung an den
vergangenen Frühling, wo ich so ruhig und beglückt in Ihrer Nähe lebte.
Wenn ich nur nicht fürchten müßte, daß Sie meiner Persönlichkeit
nicht eben mit angenehmen Gefühlen gedächten! Gleich zu Anfang machte
mich das Bewußtseyn, Ihnen mit meinem Vorlesen mißfallen zu haben,
scheu und verlegen, und als Sie dennoch fortfuhren sich so sichtbar
für mich zu interessiren, artete meine Verlegenheit und Dankbarkeit
fast in Tölpelhaftigkeit aus. Verzeihen Sie, daß ich nochmals über
dieß Thema zu sprechen wagte; es liegt mir wie ein Stein auf dem
Herzen! -- Als ich von Dresden abreis’te, war es mir, als sollte ich
durch eine Tonne mit zwei Papierböden (Braunschweig und Leipzig) auf
das harte Steinpflaster fallen. Wie ein Ertrinkender sich an jedem
Grashälmchen festhält, hielt ich mich an jedem Augenblicke fest. Die
Einladung mehrerer Universitätsfreunde, einige Wochen bei ihnen zu
logiren, war mir hoch willkommen, weil sie die Zeit meines Sturzes
zu verschieben schien. Mit Mühe riß ich mich endlich los und eilte
weiter, indem ich mich unterwegs mit der Erinnerung begnügte. So kam
ich nach Braunschweig und fand in dem Doctor Köchy einen treuen Helfer;
aber noch besser und sicherer nützte mir Ihr Brief, geliebtester
Meister. Eine Anstellung wurde mir zwar schon beim ersten Besuche,
den ich Klingemann machte, unbedingt versagt, und ich saß grade
zerstört und hoffnungslos auf meinem Zimmer im Gasthofe, als mir die
tröstende Nachricht gebracht wurde, daß mir die Theaterdirection
auf Veranlassung Ihrer Empfehlung, für eins meiner Schauspiele 30
rthlr. geben wolle. Ich reichte Nannette und Maria, welches ich gut
abgeschrieben bei mir hatte, dafür hin, und unter der ausdrücklichen
Erlaubniß, es dennoch drucken zu lassen, wenn es mir gefiele, ward es
angenommen. Nun konnte ich nach Hannover reisen und dort mein Glück
versuchen; ich habe jedoch immer ein bischen Unglück, und so war denn
der Freiherr von Grothe, welcher dort alles gilt, am Morgen meiner
Ankunft abgereis’t. Jetzt gingen meine Hoffnungen auf das Theater zu
Bremen, und ich wäre dahin gereis’t, wenn nicht meine Baarschaft bis
auf siebzehn Thaler zusammengeschmolzen wäre; ich hielt es also für
besser, mich aufzumachen, allen Hohn zu ertragen und meinen Eltern
zwölf Thaler Geld zu bringen. Wenn ich meine Mutter nicht zu sehr
liebte, so würde ich Ihr die elenden Zweigroschenstücke auf der Post
geschickt und für mich einen edleren Weg eingeschlagen haben; ich
hätte nämlich blind und dreist mein Geschick versucht; aber wenn sie
nicht wüßte, wo ich wäre und was ich triebe, so würde es ihr seyn, als
wenn ihr ein Arm fehlte. So schlich ich mich Nachts um 11 Uhr in das
verwünschte Detmold ein, weckte meine Eltern aus dem Schlafe, und ward
von ihnen, denen ich ihr ganzes kleines Vermögen weggesogen, die ich
so oft mit leeren Hoffnungen getäuscht, die meinetwegen von der halben
Stadt verspottet werden, mit Freudenthränen empfangen. Ja, ich mußte
mich noch obendrein mit der plumpsten Grobheit waffnen, weil ich sonst
in das heftigste Weinen ausgebrochen wäre und eine Ifflandische Scene
aufgeführt hätte. -- Nun sitze ich hier in einer engen Kammer, ziehe
die Gardinen vor, damit mich die Nachbarn nicht sehn, und weiß keine
Menschen in den gesammten lippischen Landen, denen ich mich deutlich
machen könnte, selbst dem Herrn Pastor Pustkuchen nicht. Mein Malheur
besteht einzig darin, daß ich in keiner größern Stadt, sondern in
einer Gegend geboren bin, wo man einen gebildeten Menschen für einen
verschlechterten Mastochsen hält. -- Ich fürchte, ich fürchte, daß
Sie, theuerster Herr, es bereuen, jemals einige Theilnahme für mich
geäußert zu haben, weil ich Sie mit diesen Erzählungen meiner Leiden
beschwere. Ich bitte Sie aber, sich wenigstens um mich keine _Mühe_ zu
geben; höchstens ersuche ich Sie, wenn Sie irgend eine theatralische,
schriftstellerische oder abschreiberische Carriere kennten, die mit
meiner Person zu besetzen wäre und ohngefähr 150 rthlr. einbrächte, an
mich zu denken. Ich habe oft gehofft, daß ich in Berlin zum Beispiel,
bei einem Haltpuncte von einigen Groschen täglich, am ersten vorwärts
kommen würde. -- Was meine Autorschaft betrifft, so konnte ich bei
meinen Umständen nur wenig leisten; die letzten Acte des Sulla, welche
ich umarbeite und etwas ernstlicher nehme als die drei ersten, sind
noch nicht vollendet: die Idee zu einem anderen Faust, der mit dem
Don Juan zusammentrifft, entwickelt sich in meinem Gehirnkasten mehr
und mehr; ich habe in Bezug auf dieses Stück dem heiteren Humor, der
das Tragische im Hamlet so mildernd durchweht, fleißig nachgespürt.
An einer erträglichen, für unsre Zeit passenden Erzählung, soll es
mir auch nicht fehlen, wenn ich erst nur ein wenig von dem edlen Ton
Ihrer Novellen in der Gewalt hätte. -- -- Als ich nach Braunschweig
kam, eilte ich zuerst zu Vieweg, um Ihren Auftrag zu vollziehen; Ihr
Name verschaffte mir einen außerordentlich höflichen Empfang, und man
versicherte, die Bücher an den leipziger Commissionär von Hilscher
abgeschickt zu haben, aber sie müßten unterwegs verloren gegangen
seyn. Ich wollte, ich hätte sie gefunden! -- Ich bin sehr verzagt und
suche die Hoffnung einer baldigen Antwort in mir zu vertilgen; alles
Heil und Glück Ihnen, Ihrer Gemahlinn, Ihren Töchtern und Ihrem ganzen
Hause! -- Immer verbleibe ich
Ihr
hochachtungsvollster Verehrer
_Ch. Grabbe_.
(Adresse: Ch. Grabbe, ~stud. jur.~ in Detmold.)