IV.

_Weimar_, den 9. Septbr. 1829.

Gar wohl erinnere ich mich, theuerster Mann, der guten Abendstunden, in

welchen Sie mir die neuentstandene Genoveva vorlasen, die mich so sehr

hinriß, daß ich die nah ertönende Thurmglocke überhörte und Mitternacht

unvermuthet herbeykam. Die freundliche Theilnahme, die Sie nachher dem

Gelingen meiner Arbeiten gegönnt, wie Sie manche davon durch Vorlesen

erst anschaulich und eindringlich gemacht, ist mir nicht unbemerkt

geblieben; so daß ein endliches Wiedersehen die frühsten wohlwollenden

Gesinnungen freundlichst erneuen mußte.

Nunmehr erhalt ich durch die Aufführung von Faust und die demselben

vorgeschickten gewogenen Worte die angenehmste Versicherung aufs Neue.

Wenn ich nun zeither mich alles desjenigen zu erfreuen hatte, was

Ihnen zum Aufbau und zur Ausbildung unsrer Literatur fortschreitend

beyzutragen gelungen ist und ich manche Winke sehr gut zu verstehen

glaubte, um zu so löblichen Absichten mitzuwirken; so bleibt mir einen

reinen Dank zu entrichten kaum mehr übrig als der Wunsch: es möge

fernerhin ein so schönes und eignes Verhältniß, so früh gestattet und

so viele Jahre erhalten und bewährt, mich auch noch meine übrigen

Lebenstage begleiten.

Meine besten Empfehlungen an die lieben Ihrigen, deren Erinnerung ich

immer gegenwärtig zu seyn wünsche.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 246 / 326 题