_Schloß Altikon_, am 25ten August 1829.
_Mein Verehrtester Herr!_
In aller Eile, welche mir die Ausfertigung vieler Pakete nebst Briefen
zu diesem zweiten Theile meines Buches, welches morgen versandt werden
soll -- und auf dessen Beendung der Buchdrucker mich 9 Monate warten
ließ --, auferlegt, kann ich doch nicht unterlassen, auch an Sie
ein Paar Zeilen zu richten; sonst hatt’ ich mir vorgenommen, einen
_langen_ Brief zu schreiben.
Vor allem wollt’ ich mich erkundigen nach jener Abschrift aus
einem alten Gedichte von den Heimonskindern, welches Sie mir bei
Ihrem Besuche in der Schweiz versprachen. Ich bitte Sie um dessen
baldmöglichste Mittheilung sehr angelegentlich, denn ich habe jetzt
etwas Muße und möchte alles Ernstes hinter mein poetisches Projekt,
die Heimonskinder, gerathen. Gewissermaßen einen Vorläufer, hab’ ich
ins Morgenblatt, mit Anfang laufenden Jahres, geschickt: Malegyes und
Vivian; es ist aber in Prosa, dazu gar nicht ganz nach meinem Wunsch
ausgefallen, da ich die letzte Hälfte, die Geschichte des Vivian, übers
Knie abbrechen mußte, wegen des Raums; Cotta ist daran Schuld, der den
Anfang der Erzählung, die ich nur vorläufig ihm mittheilte, frischweg
abdrucken ließ und so mußt’ ich ~nolens volens~ nachhinken. Ich
weiß nicht, ob Sie es gelesen, und wüßte sehr gerne, was Sie zu der
_Anlage_ des Ganzen, besonders zu der Karakteristik sagten?
Vorgestern hab’ ich Ihres Freundes Solger „Vorlesungen über die
Aesthetik“ gelesen, oder vielmehr also ungebunden, d. h. roh,
verschlungen, daher noch nicht assimilirt. Vieles aber ist mir
keineswegs glatt eingegangen. -- So fiel mir seine Ansicht von der
Lyrik, die er vorzugsweise und an sich -- allegorisch nennt, vor der
Hand als willkührlich auf. Mir ist jedes lyrische Gedicht ein Bild
des Dichters selbst in der Situation oder den Zustande eines schön
Empfindenden, welches denn auch allegorisch behandelt sein _kann_,
aber die Nothwendigkeit solcher Behandlung ist mir rein unabsehbar. --
Auch mit seiner Theorie des antiken Drama’s konnte ich mich noch nicht
befreunden. Wohl für einen christlichen Zuschauer, aber nicht für den
heidnischen Helden, welcher tragisch untergeht, kann sein Untergang
eine Verherrlichung des offenbarten Göttlichen und ihm ein Opfertod
sein; dem griech. Volksglauben ist ja das Leben heiter, und gerade die
Existenz, welche vernichtet wird, ist das erfreuliche, nach dem Tode
trauriges Schattenleben. Einleuchtend freilich ist, warum das Schicksal
die Gräuel rächt, unangesehen die persönliche Schuld oder Unschuld des
Thäters, und so ist das Schicksal als gerecht allwaltend erhaben und
erhebend; denn in der plastischen Schönheit, im schönen Ebenmaaße,
besteht dem Griechen die Idee, das Schicksal stellt das verletzte
Ebenmaaß her; für den Griechen ist das bewußte Fest- und Heilighalten
dieses Ebenmaaßes Gebot des Sittengesetzes und des Menschen Tugend und
Religion. -- Die _Heiterkeit_ der Griechen kann ich mir nie anders
erklären denn _instinktartig_, wie die Natur die Auszehrenden
heiter und hoffend sein läßt.
Unvermerkt merk’ ich, komm ich ins Briefschreiben. -- Wie _sehr_
hätt’ es mich gefreut, Sie, laut halbem Versprechen, diesen Sommer
wieder in der Schweiz zu sehen! Ihre Erscheinung war mir überaus
wohlthuend und die Erinnerung noch so heiter!
Erfreuen Sie mich, ich bitte sehr, doch bald mit Uebersendung des
versprochenen ~Mspts~!
Hochachtungsvoll
Ihr
ergebenster
_A. A. L. Follen_.
N.S. Verwichnen Herbst sandt’ ich einige Alpenpflanzen durch einen
jungen Menschen von Dresden, Schulze, für Fräulein Dorothe, -- sind
sie auch angekommen? Meine hochachtungsvollen Grüße an die Frau
Gräfin!
=Freytag, Gustav.=
Geboren am 13. Juli 1816 zu Kreuzburg in Schlesien; 1839
habilitirte er sich als Privatdocent in Breslau, wo er auch
öffentliche Vorträge litterar-historischer Gattung vor großen
Hörerkreisen hielt, bei denen sich der Zauber gewinnender
Persönlichkeit entfaltete. Aus den vierziger Jahren datirt sein
erstes (Preis-) Lustspiel „Kunz von Rosen,“ dessen Originalität
mit jugendlicher Frische hervortrat. Ein Bändchen vermischter
Gedichte (1845) trägt den seltsamen Titel „Zu Breslau,“ der
seiner Verbreitung gewiß nicht förderlich gewesen, was um des
reizenden Inhalts Willen sehr zu beklagen ist. Dann kam (1847)
_die Valentine_ und (1848) _Graf Waldemar_, zwei Dramen, welche
bald auf allen deutschen Bühnen heimisch wurden. Mittlerweile war
Fr. nach Leipzig übersiedelt, wo er „die Grenzboten“ redigirte
und sich mehr und mehr in die Politik warf. Davon tragen auch das
Schauspiel: die Journalisten (1854) und die Tragödie: Die Fabier
(1859) unverkennbare Spuren. Sein Roman: „Soll und Haben“ (1857)
lieferte (ein noch _nie_ erlebtes Beispiel) den Beweis, daß es auch
in Deutschland möglich ist, auf diesem Felde einen _vollkommenen_
Succeß zu erleben, wie wir ihn bis dahin nur in Frankreich, oder
England möglich hielten. Sieben oder acht Auflagen in wenig Jahren
vergriffen! Das war noch nicht da, und dürfte sich auch schwerlich
wiederholen! -- Der Dichter trägt gegenwärtig Titel und Orden, und
erfreut sich von allen Seiten her anerkennender Auszeichnungen.
Mit desto reinerer Freude dürfen wir beide Briefe des berühmten
Mannes an Tieck begrüßen, aus denen so innig und anmuthig der
herzliche, einfache, naturwahre Mensch redet.