I.

_Schloß Altikon_, 23ten Januar 1828.

_Verehrter Herr!_

Der alte Ulrich Hegner in Winterthur, der zu meiner Freude in der

Nähe meiner Einsamkeit wohnt, und von dem ich eben mit der Dresdener

Morgenzeitung zurückkehre, ist die nächste Veranlassung dieser Zeilen;

ich soll Sie freundlich von ihm grüßen!

Ich schicke Ihnen hier den eben erschienenen ersten Theil meines

Bildersaals, mit dem Wunsche, aber keineswegs dem Ansinnen, daß Sie

das Buch in Ihrer Bücherschau mustern möchten. -- Da mir die Sache,

derentwillen ich dasselbe herausgab, sehr wichtig scheint, ja mir

heilig ist, so werden Sie es natürlich finden, wenn ich mich um

billigendes _oder_ mißbilligendes Urtheil von Solchen angelegentlichst

erkundige, von denen ich etwas Erkleckliches lernen zu können hoffe.

Den Zweck des Buches, hoff’ ich deutlich genug in der Vorrede

ausgesprochen zu haben. Meine Theorie gieng nicht von apriorischer

Spekulation aus, sondern von der pädagog. Erfahrung. In Aarau wie

in der Schweiz überhaupt ist man nicht poetisch, man scheint die

Poesie an die Natur abgetreten zu haben, und ihre Rosen haben aus dem

Fabrikdunst sich unter den Alpenschnee geflüchtet, wo sie bessere

Nahrung finden, als in dem Schmutz der ehrlosen kleinlichen Stadt- und

Landintriguen, welche die alte, ausgelaufene Uhr stündlich aufziehen

müssen, wenn sie noch länger vierteln und schlagen soll. Um nicht

Donquixotisch in meiner Amtsführung dazustehen, mußte ich mich als

Lehrer der deutschen Sprache und Literatur in Aarau, einigermaaßen dem

grassirenden Geschmack akkomodiren, und versuchte es anfangs vielfältig

mit allerhand rhetorischen Uebungen, mit popular philosophischen

Lehrweisen ~et. c.~ die Jugend (sie tritt erst mit dem 14t. Jahre

in die Kantonsschule) geistig zu bethätigen. Alles vergebens! sie

wurden täglich altkluger und einfältiger, fast so geistreich wie die

Alten. Dazu fand ich eine unbesiegliche Abneigung oder Unfähigkeit zu

rechter geistiger Anstrengung nebst unzureichendem Sprachvermögen, das

wenige, was sie zu erdenken wußten, nur erträglich auszudrücken; --

anderntheils einen Mangel jugendlicher Frische und Frohsinns, wie ich

in meiner Jugend nirgends erfahren hatte. -- Ohne sonderliche Hoffnung

bedeutender Ausbeute, und mehr um durch den Reiz des Wechsels zur

Belebung der erschlafften Kapazität hinzuwirken, versuchte ich jetzt

in den verschiedenen Klassen den Unterricht durch und zur Poesie, --

und ich kann es Ihnen nicht schildern, wie überrascht ich durch die

allerersten Leistungen der Schüler ward, wie noch viel mehr durch die

totale Aenderung ihres ganzen Wesens und Benehmens, bis zur Absiegelung

dieser inneren Verwandlung in Ton, Blick, Zügen und Gebehrden, so

daß mir die gute alte Fabel von den Thieren des Orpheus bis an den

Katheder vorrückte. Und doch hatte ich nur die Rolle des Vorlesers

und Erklärers, oder bei den metrischen Uebungen des Notenschreibers,

wo die Schüler aus dem Stegreife den Text erfanden. -- Hätt’ ich

nicht eine in Unwahrheit des ganzen Daseins und in Boßheit gemeiner

Seelen versunkene Stadt gegen mich gehabt, welche es durchaus nicht

ertragen mochte, die Jugend mit einem gewissen _stillen_ ästhetischen

Ekel vor Gemeinheit und Flachheit gewaffnet zu sehen, so würde meine

Kränklichkeit mich gleichwohl noch lange nicht aus diesem schönen

Wirkungskreise entfernt haben; aber es ist keine Freude beim Rebbau,

wenn die Ziegenböcke über Nacht abkauen, was über Tage Hübsches

gewachsen ist. Der sehr warme Antheil an meinen Leistungen von Seiten

der wackeren beiden Bürgermeister und einiger Regierungsglieder war

keineswegs hinreichend, um mir den Boden, den ich bei der Jugend

eroberte, vor der Masse zu schützen; denn in Meister Zschoke’s freiem

Aarau ist man liberal, republikanisch, also ein Feind von allem, was

einer Regierung gut dünkt, und die unermüdliche _schamloseste Lüge

und Verläumdung_, welcher kein autokratisch über das Parteigetriebe

erhabener, durchgreifender Herrscherwille entgegen treten kann,

behält überall das Feld, oder doch das Straßenpflaster. Daß ich

unter so ungünstigen Verhältnißen dennoch eine allerdings gewaltige

Wirkung sah, wenn schon der beste Theil der Erndte mir durch Maifröste

verdorben ward; daß ich, nachdem es mir gelungen, die _Phantasie_ der

Knaben zu beleben, _alle_ ihre geistigen Kräfte in lebendigem Treiben

erblickte; daß ich, wo ich sonst, ich mochte leichte oder schwere,

historische, sonst rhetorische Aufgaben mittheilen, nur Trivialitäten

in lendenlahmer, fader Alltagssprache erhielt, nun in gebundner und

_ungebundner_ Rede Arbeiten zu Gesicht bekam, die mich Anfangs oft in

Zweifel wegen ihrer Authentizität versetzten, besonders von Individuen,

die bei meinen achtbaren Kollegen und bei mir für geistig impotent

gegolten: dieß alles lenkte mein Nachdenken auf den psychologischen

Grund jener Erscheinungen, und bestätigte hinwieder die gewonnene

Theorie, welche Sie in der Vorrede ausgesprochen finden. Leider ist sie

etwas aphoristisch gerathen, ich entschloß mich erst zu allerletzt,

auf dringendes Ansuchen, eine solche Vorrede dem Buche mitzugeben und

mußte, da der Druck sich nimmer verschieben ließ, meine Materialien

etwas übereilt zusammenstellen: sonst hatt’ ich im Sinne, ein eignes

Buch über die hier besprochnen Gegenstände zu schreiben. Inzwischen hat

vielleicht diese Weise der Mittheilung vor einer mehr wissenschaftlich

abrundenden den Vorzug der Frische und Unmittelbarkeit für manchen

Leser.

Wenn ich Ihnen hiemit eine Art Vorrede, wie Lessing sie will, nämlich

daß sie die Geschichte der Entstehung des Buches enthalte, zuschreibe,

so wundern Sie sich nicht über meine vielleicht etwas naiv scheinende

Zutraulichkeit; -- von Jugend auf waren Sie mein liebster Dichter und

Schriftsteller, und so werden Sie diese Zutraulichkeit wenigstens

sehr natürlich finden. Um so mehr hat es mich geschmerzt, neulich

vernehmen zu müssen, daß Ihnen mein Fragment gebliebener Aufsatz über

Tiecks Stellung zur deutschen Literatur &c. schon darum mißbeliebig

gewesen, weil Sie -- darauf ungefähr lief das Räsonnement hinaus

-- hauptsächlich nur die Ironie in Ihren Poesien anerkennen. Das

geht mir nun, offen zu reden, so sehr gegen den Strich, daß es mir

gestiefelte, elektrische Funken ausgetrieben hat, und ich aus meinem

Innersten knurrte: hat ihn denn der alte Nestor bei seinen Lebzeiten

in seinem eigenen Blumengarten heimgesucht? Hat er, wie der gute Tasso

sein befreites in das wiedererlangte Jerusalem, seine romantischen

Zauberlaternen und seine altdeutschen Nordlichter mitsammt den

Elmsfeuern des graziosen, tanzenden Elfenscherzes, in das -- Kühlfaß

der Ironie beigesteckt? -- Ei, Gott bewahre! (und so streichelte ich

mich wieder zur Ordnung) seine Apotheose seiner Ironie ist nur selbst

eine mystifizirende Ironie, denn diese Dinger sind wie die Zwiebeln,

nämlich nur einsackende eingesackte Häute, nur Würze der Speisen, nicht

Speise, außer für die Juden.

Seit ich -- im Jahr 1821 -- das lang gewünschte Vergnügen hatte, Sie in

Dresden zu sehen, hab’ ich keine Studien mehr über Shakspeare gemacht

und die projektirte Uebersetzung ganz aufgegeben, da ich auf die Ihrige

hoffen durfte. Dagegen habe ich eine poet. Behandlung der Heimonskinder

angefangen, aber auch aufgeben müssen, weil mir die _alten_ pros.

Heimonskinder sowohl, als die poet. aus der Heidelb. Bibl. fehlen.

Der alte Laßberg in Eppishausen, sonst mein literar. Delphi, ist mir

auch verstummt wegen des alten Volksbuches; wegen der Heidelb. ~Mspte~

verwies er mich an Görres, der davon eine Abschrift habe. Ich wandte

mich an ihn, der mir sonst wohlbekannt ist, bin aber noch ohne Antwort.

Doch freilich traf ihn mein Brief bei der Abreise von Straßburg. Weit

wichtiger aber wäre mir die alte Prosa, denn für eine Abschrift des

Heidelb. ~Mspts.~ kann ich etwa durch Geld schon sorgen. Wenn Sie mir

etwa rücksichtlich des alten Volksbuches behülflich sein könnten und

wollten, so geschähe mir etwas sehnlich Gewünschtes. Proben meiner

Behandlungsweise stehen im Morg. Bl. 1826, N. 215 ff.

Jetzt leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen gute

Gesundheit und ein ~aquilae senectus~. Ihr ergebenster

_A. A. L. Follen_.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 219 / 326 题