VI.

_Berlin_, d. 26t. Febr. 1817.

_Werthester Freund_

Was man für Freunde zu besorgen hat, soll man nie einem andern

übergeben -- ja das wußt ich wohl, aber that nicht darnach. Nun frag

ich heute in der Maurerschen Buchhandlung nach, ob Ihnen das gewünschte

Verzeichniß zugeschickt worden sei -- und zu meinem Leidwesen war es

vergessen. Ich eile Ihnen nun das meine zu schicken; zum Glück daß auf

den ersten Seiten sich nichts erhebliches findet, um so eher werden Sie

mich entschuldigen. -- -- --

Noch bessern Trost hab ich eben noch von dem Versteigerer eingeholt --

die Biestersche Auction ist noch auf 14 Tage verschoben und so behalten

Sie Zeit sich denn nach Herzenslust auszuwählen, nur vergessen Sie die

Bemerkung nicht, daß mit „_dem Anhang_“ der Anfang gemacht wird. --

Von den von Ihnen gewünschten Büchern ist nur wenig eingegangen, mich

freut nur sehr, daß ich den Heywood noch habe auftreiben können, da

Ihnen daran so viel gelegen schien. Von allen andern hab ich nur die

„dreierlei Wirkungen“ erhalten und zwar nach der Versicherung meines

Geheimen Oberhof-Hauptregulateur, aus der „einfachen Ursache“ daß Sie

zu geringen Preiß angesetzt hatten.

Nun endlich will ich Ihnen auch Rede stehen wegen des Taschenbuches,

dessen Ausbleiben aber mehr oder vielmehr allein dem Buchhändler

und dem Kupferstecher zur Schuld zu rechnen ist. Es erscheint für

das Jahr 1818 freilich aber schon zu guter Zeit in diesem Jahre; es

ist in Leipzig gedruckt und die Bogen, die ich davon gesehen, sind

schön und sauber und ohne Druckfehler; ich hoffe, daß es auch als ein

spätgebornes Kind noch immer eine freundliche Aufnahme finden wird. Für

die Kriegsbücher des Frontinus hat sich mein Buchhändler noch nicht

entschieden, würden Sie mir aber die Handschrift zuschicken, so würde

ich ihn wohl dazu bewegen oder ein andrer würde sich finden. --

Nun möcht ich Ihnen wohl auch noch einiges über mein Leben und Streben

überhaupt mittheilen, wenn ich irgend hoffen darf, daß Sie einen armen,

fahrenden Schüler anhören.

Obwohl ich 25 Jahre zähle, so bin ich doch ein zu Zeiten sehr unruhiger

Kopf, einen festen Halt in wissenschaftl. Hinsicht hab ich, als

Lehrer der Geschichte und Erdkunde an der hiesigen Artillerie-Schule

(Freund, ich lese jetzt die Geschichte des 30jährigen Krieges, habe

das ~theatrum Europaeum~ vor -- neunzehn Folio-Bände! und noch viele

andre alte Chroniken) daran läßt sich von der Dichtung immer einiges

anknüpfen; und mag die Poesie auch schön und lieblich sein, wo sie an

Wiesenbächen und Quellen sich zur Schäferin und ihren Lämmern gesellt,

ich mag sie lieber da begrüßen, wo sie im Harnisch daherfährt und den

Völkern einen lebendigen Odem in die Nasen bläßt; und so erscheint sie

mir in der Geschichte. --

Aber da bin ich zugleich auch von einer andern Seite gefaßt worden;

aufgeregt durch die neuste Zeit und durch die Hoffnungen, die mich

eingeführt haben in diese -- nahm ich thätigen und lebhaften Antheil

an allem was Volk und Vaterland angeht, mit einem Wort ich bin ein

heftiger Politicus, kann keinen Tag leben ohne Zeitung zu lesen und

höre Jahn’s Vorlesungen über deutsches Volksthum und hasse die Juden.

Da ich freien Eintritt in das Theater habe, so bin ich da sehr oft

zu finden, ärgre mich freilich mehr, als ich mich freue; wenn ich

mich aber dort einmal freue, so geht es mir auch recht durch Blut und

Leben; -- wenn Scheakspeare -- Göthe, Calderon -- Mozart sich vernehmen

lassen, so daß sie sich uns wirklich offenbaren, da fühlt sich wohl

einmal auch eine Menschenseele gestärkt. -- Dies ist also der eine Halt

meines Lebens, den andern möcht ich nicht gern verschweigen und dennoch

wird es mir schwer zu sagen. -- Ich würde mehr noch mit Ihnen davon

plaudern, wenn mich die Dämmerungsstunde nicht ermahnte -- meine Augen

zu schonen? -- ach nein -- zu meiner Braut will ich und mit ihr den

Phantasus lesen. Leben Sie wohl, geliebter Tick, und erfreuen Sie bald

mit Ihrer Gegenwart

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 217 / 326 题