V.

_Dresden_ im Lenzmond 1844.

_Theuerster hochverehrter Freund_,

Das kleine Werk, welches vor beinahe Jahresfrist -- an Ihrem letzten

Geburtstage, ich Ihnen zu senden hoffte, da schon damals die ersten

Bogen unter der Presse waren, ist erst jetzt vollendet abgedruckt,

und so trage ich nicht die Schuld der Säumniß. Sie aber werden gewiß

mit derselben Freude die Arbeit des verklärten, von Ihnen so treu

geliebten Freundes dahin nehmen; sie ist ja auf einem Boden erwachsen,

der Ihr unantastbarer Grundbesitz war und bleibt, denn: was im Reiche

des Schönen Leben findet und Gedeihen, ist _Ihr_ Eigenthum.

Auch werden Sie mir nicht zürnen, daß ich diese Dichtungen Ihnen

zugeeignet, Sie wissen ja daß dieses geringste Zeichen meiner Verehrung

aus der tiefgehendsten Achtung, aus der allinnigsten Anhänglichkeit

hervorgegangen, und Ihre wandellos wohlwollende Gesinnung, deren

ich mich so viele unvergeßne Jahre hindurch erfreute -- und welche

ich immerdar zu meinen schönsten Lebensgütern zählte, giebt mir die

Gewißheit, daß Sie diese Zueignung in alter Milde und Güte dahin nehmen.

Bei dem Ordnen und den Correcturen dieser Uebersetzungen, sind die

hohen Schönheiten Torquato Tasso’s mir recht licht aufgegangen.

Die üppigste Gedankenfülle bewegt sich in der süßesten Sprache, in

den reizvollsten Bildern, der reinste Hauch der Poesie weht in den

tiefempfundenen Liebesklagen, Liebeshoffnungen und Liebesschmerzen

und voll unnachahmlicher Anmuth sind all die zarten Wendungen eines

heiter kindlichen Witzes, und wahrhaft rührend der großartige Humor,

der noch durch Thränen lächelt. Tasso steht als lyrischer Dichter gewiß

sehr hoch, und ihn in seiner ureignen Schönheit der deutschen Sprache

zu zuführen, war gewiß Förster vor Allen berufen. Daß ich dieser

Uebersetzung eine Abhandlung F. über _Tasso_ als lyrischen Dichter

beifügte, werden Sie gewiß angemessen finden; es ist dieser Aufsatz

eine tief durchdachte Arbeit.

Die Biographie Försters habe ich vorigen Herbst vollendet, und dabei

die Freude gehabt, Ihr liebes Bild und manche reiche unvergeßne Stunde

in frischem Glanze vergegenwärtigt zu sehen, da seine Tageshefte

so manches mit Ihnen Durchgesprochene aufgezeichnet haben. Es hat

überhaupt diese Arbeit mir einen reichen Quell des Trostes geboten;

mein ganzes geistiges Sein in dieses reine Leben, in diesen reichen

schönen Geist zu versenken, gab dem wunden Herzen den besten Trost. Ob,

wenn und wie ich diese Arbeit der Oeffentlichkeit zuführe weiß ich noch

nicht; der Muth, die Kraft zu den lästigen geschäftlichen Schritten

einer Herausgabe fordern von einer Frau eine große Selbstverläugnung.

Außer Ihren so freundlichen Aeußerungen über diese Arbeit, und der

liebreichen Ermunterung zu deren Fortsetzung, könnte wohl auch außer

der Billigung einiger Freunde das eigne Gefühl mich zur Herausgabe

ermuthigen, denn mit tiefstem heiligsten Ernst habe ich die Aufgabe

vollbracht.

Fragt Ihre Theilnahme nach meinem Leben -- es ist sehr still,

sehr zurückgezogen, aber in dieser selbst gewählten werthen

Zurückgezogenheit, vermisse ich doch zuweilen die Masse geistiger

Elemente, die vielgestaltig mich umgeben, deren Segen ich fast

bewußtlos dahin genommen, die jetzt mir zeigen, wie doch mein ganzes

Sein mit diesen Elementen verwachsen. So ist denn mein Leben, eines der

Erinnerung und gehört in der Gegenwart nur noch den Pflichten an.

Der theuren verehrten Gräfin bringen Sie meine herzinnigsten Grüße, die

meiner Kinder gehören Ihnen Beide.

Sie würden mir eine große, große Beruhigung geben, wenn Sie nur in zwei

Schriftworten mir sagten, daß Sie in der Zuneigung des Tasso, keine

Unbescheidenheit meinerseits sehen. In wandellos treuer Anhänglichkeit

Ihre

_Luise Förster_.

Sollte -- indem Sie das Blättchen lesen -- die treue Friederike mit dem

Theebret vorüber streifen, so empfängt sie durch Ihre Güte diesen: Gruß!

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 216 / 326 题