Ludwig Tieck an Braniß.
_Dresden_ den lezten Octbr. 40.
_Geehrter Herr Professor_,
Ich fühle mich gedrungen, Ihnen noch einmal ausdrücklich für Ihre
meisterhafte Beurtheilung meines Romans meinen herzlichsten Dank
auszusprechen. Welche Freude, auf diese Art verstanden zu werden!
Immer war es meine Ansicht und Ueberzeugung, daß die ächte Rezension
sich wiederum dem Kunstwerk nähern, selbst eins werden müsse. So ist
es mit solchen Aufsätzen, wie der Ihrige. Alles, was vom Enthusiasmus
ausgeht und diesen verdient, kann nur vom Enthusiasmus gefaßt und
verstanden werden. Was nützen alle die philosophischen (halben)
Schwätzereien, die nur aussagen, der Autor sei nicht, wie sie: ein
sklavischer, unselbstständiger Schüler irgend eines Systems. Seit
meinen männlichen Jahren habe ich mich um alle diese Heroen der
verschiedenartigen Secten nicht mehr gekümmert: kann man doch nur von
verwandten Gemüthern lernen: -- und wahrlich, Lernen ist eine grosse
Wollust.
Auch meine Freunde hier haben sich Ihrer lehrreichen Abhandlung sehr
erfreut. Was könnte das für ein Journal sein, wenn die ächten Menschen,
die wahrhaft Erkennenden sich in Deutschland vereinigten, Sie, und noch
Wenige, die mir gerade bekannt sind, und gewiß manche Geister, welche
schweigen, verborgen sind, und die wir beide nicht kennen.
Könnten Sie doch in Dresden leben! Könnte ich doch Ihren Umgang
geniessen! In meiner Nähe fehlt ein aufregender Geist; mit denen ich
hier in Freundschaft verbunden bin, -- wackre Männer, -- aber sie
empfangen mehr von mir, als ich von Ihnen. Daß man in Gesellschaft
niemals, oder doch nur selten verstanden wird, bin ich freilich seit
vielen Jahren gewohnt und ich bin in der Hinsicht resignirt. Es war
gewiß immer so. Aber Raumer, Solger, Sie, Löbell, -- wir könnten doch,
denke ich, einen ganz artigen Senat bilden. --
Ihre Blätter wandern immerdar hier unter denen herum, die sie zu
lesen verdienen: ich möchte Ihnen noch gern dies und jenes Bestimmte
sagen, oder fragen: -- aber ich habe, wie gesagt, den schönen Aufsatz
selbst lange aus den Augen verlohren. Sprechen möchte ich mit Ihnen
einmal so recht aus dem Herzen: als Sie lezt hier waren, war die
Zeit zu kurtz und die Gesellschaft genirte. Vielleicht wird mir
einmal diese Freude. -- Bis dahin reiche ich Ihnen von fern die Hand
als einem Geistes-Verwandten und Verbündeten und Sie stehn mit Ihrem
Seelen-Reichthum mir als ein alter Freund ganz nahe.
Nehmen Sie diese eiligen unbefriedigenden Worte wohlwollend auf.