_Stockholm_ den 27. July 1841.
_Theuerster Freund!_
Es ist wieder jetzt eine geraume Zeit, seitdem ich von mir hören
ließ, und ich kann deswegen nicht umhin des Hr. Hofpredigers ~Dr.~
v. Lagergrens Reise durch Dresden zu benutzen, um mich bei Dir in
Erinnerung zu bringen. Oder bist Du vielleicht jetzt nicht in Deiner
ehemaligen, poetischen, kunstreichen Heimat, in Deutschlands Florenz?
-- Man sagt, Du seyst von dem Könige von Preußen eingeladen worden
jährlich einen Theil des Sommers bey Ihm zuzubringen. Immerhin. --
Wo Du auch seyn magst, ist mein Herz immer bey Dir, und wenn Dich
auch dieser Brief nicht erreicht, so umschweben Dich doch stets meine
wärmsten Wünsche für Dein Wohlgehen!
Ueberbringer dieser Zeilen, der Königl. Hofprediger ~Dr.~ v. Lagergren,
ein Schüler unsers verewigten ausgezeichneten Dichters und Redners
des Erzbischofs Wallin, ist, ohne Rücksicht auf seine geistliche
Gelehrsamkeit, ein Mann von ausgedehnter und feiner Bildung, und in
Litteratur, Kunst und Musik wohl bewandert; auch als Repräsentant
ist er auf unsrem Ritterhause aufgetreten, und Du kanst also von Ihm
manche interessante Aufschlüße über unser Land, unsere Litteratur und
unsere übrige Stellung erhalten. Er reist über Dresden nach München,
Wien, Florens, Rom und Neapel, und zurück über die Rhein-Gegenden, und
Paris. Sollte es Deine Zeit Dir erlauben diesen rechtschaffenen und
achtungswerthen Mann mit einer Eintrittskarte an einen Deiner Freunde
in irgend einer von jenen Städten zu beehren, so würde ich Dir dafür
besonders verbunden seyn. Meine eigenen Verbindungen mit dem Auslande
sind leider fast zergangen.
Mein Schneckenleben dauert noch immer fort wie bisher. Ungeachtet
siebenjähriger Vorsätze, Wünsche und Bemühungen, eine alltägliche
Frohnarbeit los zu werden und den freyen Wanderstab ergreifen zu
können, sitze ich hier in der Bergskluft und habe noch keine nähere
Aussicht auf Befreyung, als die, welche ich während der ganzen
Zeit hatte, nämlich die Hoffnung auf das _nächste Jahr_. Manche
Verhältniße halten mich hier zurück, unter anderen der Wunsch
unseres fast 80-jährigen Königs daß diejenigen, der Er mit dem
Nahmen seiner Ergebenen und Freunde beehrt, hier bleiben möchten.
-- Meine litterarische Laufbahn ist während der letzten Jahre
unterbrochen gewesen. Die Politik reißt Alles mit sich fort. Auch
zählen wir gegenwärtig in unserm wenig bevölkerten Lande 70 bis 80
Kannengießerische Zeitungen (eine jährliche Sündflut von politischen
Flugschriften und Scharteken ungerechnet) und nur _ein einziges_
litterarisches Wochenblatt mit einem höchst beschränkten Publikum. --
~Dii meliora!~ --
Meine Frau bittet um ihren herzlichen Gruß, womit ich meine Empfehlung
an Deine Damen verbinde. Grüße auch von uns alle Dresdener-Freunde und
gedenke Deines bis in den Tod
ergebenen Freundes
_Bernh. v. Beskow_.
N. S. Hast Du etwa Oehlenschlägers Uebersetzung von meinen Dramatischen
Studien gesehen? -- Hat sich irgend eine Deutsche Zeitung oder
Zeitschrift darüber ausgesprochen? Aus der litterarischen Welt dringt
keine Kunde mehr zu mir.