VII.

_Stockholm_ den 20. Nov. 1839.

_Theuerster Freund!_

Es ist nun so lange her seitdem ich das Vergnügen hatte mich bey Dir

in Erinnerung zu bringen, daß ich nicht umhin kann die Gelegenheit

zu benutzen, die sich jetz darbietet Dir mit einem Freunde dem

Major v. Hazelius, einige Zeilen zu übersenden. Dieser Freund ist

Adjutant bey unserm Kronprinzen, ein ausgezeichneter Verfaßer in den

Kriegs-Wißenschaften, ein Mann von weitumfaßender Bildung und warmem

Gefühl für Poesie und Kunst. Auch ist er mit Atterbom, Geyer, und

Deinen Schwedischen Freunden nahe verbunden.

Durch die Landsleute die in den letzten Zeiten Dresden besuchten,

habe ich mit Freude Dein Wohlbefinden erfahren, wie auch daß Du noch

immer in der ewigen Jugend der Dichtkunst fortlebst. Dies ist schön --

beneidenswerth hätte ich gesagt, wenn Freundschaft und Neid vereinbar

wären. Was mich betrifft, so haben sich die finstern und rauhen Geister

der Amtsprosa meiner immer mehr und mehr bemächtigt und mich aus dem

Lustgarten der Dichtung erbärmlich verjagt. Zwar blicke ich noch

sehnsuchtsvoll und verstohlen dahin zurück; allein ich fürchte daß ich

deßen Luft nicht ahtmen werde ehe ich mich jenseits der Ostsee, in

Dresden oder am Rhein, in der Schweiz oder in Italien befinde. Mit den

ersten Tagen des künftigen Jahres fängt der Reichstag in Stockholm an,

der wahrscheinlich, wie gewöhnlich, 18 Monate dauert. Die poetische

Stimmung, welche Partei-Streitigkeiten, Haß und Neid erzeugen können,

kann man leicht vorhersehen. Wie gerne hätte ich nicht meine Vaterstadt

grade in dem gegenwärtigen Zeitpunkt verlaßen, aber da ich leider

Representant bin, und da alle diejenigen welche der Sache der Ruhe und

der Ordnung angehören in einer Zeit, wie die jetzige ist, auf ihrem

Posten seyn müßen, so halte ich es für Pflicht, der mitbürgerlichen

Obliegenheit meine einzelne Neigung zu opfern. In so fern ich es

vermeiden kann werde ich freylich nicht an den Debatten Theil nehmen;

aber wegen der Ausschüße und der Votirungen muß man doch zugegen seyn.

Mein letztes poetisches Werk ist eine Dramatische historische

Schilderung, Gustav Adolph in Deutschland genannt. Ich bin seitdem mit

einigen Commentaren zu unserm originellen Kunstphilosophen Ehrenswärd

beschäftigt gewesen allein diese Arbeit ist so oft unterbrochen worden

daß ich nicht weiß wann sie beendigt werden kann. Ich erinnere mich

nicht, ob ich in irgend in einem vorhergehenden Briefe erwähnt habe,

daß unser Freund Oehlenschläger vom welchem meine Dramatische Studien

ins Dänische übersetzt worden sind, dieselbe nun auch in _Deutsche_

Tracht gekleidet hat. Dieses freuet mich um so mehr, da sie dadurch

auch meinen Deutschen Freunden bekannt werden können.

Noch immer hoffe ich auf die Verwirklichung eines meiner schönste

Träume für die Zukunft, nämlich Dich wieder in Dresden besuchen und in

Deinem Abendkreise eines poetischen Lebens genießen zu können. Meine

Frau theilt lebhaft diesen Wunsch und bittet um ihren herzlichen Gruß

an Dich und Deine Umgebung, womit ich den meinigen an Deine Damen

verbinde. Empfiehl uns auch unsern übrigen Dresdener-Freunden, besonder

Excellenz Lüttichau, Carus, Sternberg, Dahl u. a. -- Gott erhalte Dich

und die Deinigen; Er gebe Euch Glück und Gesundheit, und laße Euch alle

wohl gehen! Lebe wohl und erfreue gelegentlich mit ein paar Zeilen

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 120 / 326 题