VI.

_Stockholm_ 22. December 1838.

_Theuerster Freund!_

Für die frohe Ueberraschung die Du mir durch Deinen letzten

freundschaftsvollen Brief geschenckt hast, kann ich Dir nicht warm

genug danken. Ich erhielt ihn so eben durch den jungen Schauspieler,

der von Deutschland zurückgekommen ist. -- Es ist, wie Du sagst, zu

traurig, daß die Menschen die sich etwas zu sagen haben, getrennt sind

und wie in eine Verbannung leben. Um so viel schätzbarer ist jede

schriftliche Mittheilung von einem in der Ferne lebenden Freunde. Dein

schöner Brief hat mich in Deinen Kreis zurückgeführt und alle frohe,

nur zu bald verfloßene Stunden, die ich in dem gemüthlichen Dresden

verlebte, in mein Gedächtniß zurückgerufen.

Besonders danke ich Dir für alle Güte, die Du meinen Landsleuten

erweißest. Du bist einer der vorzüglichsten Schutzgeister der Schweden

auf Deutscher Erde. Auch bewahren sie als das schönste Andenken ihrer

Wanderung, die Erinnerung Dich gesehen, mit Dir gesprochen, und Dich

lesen gehört zu haben. Deine hiesigen, Dir persöhnlich ergebenen

Bewunderer bilden eine Colonie die mit jedem Jahre zuwächst. Welchen

Einfluß Du seit 30 Jahren auf die Schwedische Litteratur ausübst, ist

Dir bereits bekannt, wie auch daß verschiedene Deiner Werke in unsere

Sprache herübergetragen sind. Wahrscheinlich weist Du auch schon aus

erster Hand, daß Oehlenschläger angefangen hat Deine Novellen zu

übersetzen. Dieser guter Freund hat auch mir die unverdiente Ehre

erzeigt meine (Dir zugeeigneten) Dramatischen Studien ins Dänische

hinüberzutragen. In Deutschland und Dänemark wird die eigentliche

schöne Litteratur noch mit Wärme von dem Publikum umgefast. Hier

hingegen kann sich nunmehr fast gar keine Schriftstellerey ohne Zusatz

von Politik auf allgemeine Theilnahme Rechnung machen. Kannengießerey,

schmähende und gaukelnde Tageblätter, haben beynahe alle andere Lectüre

verdrängt, und es wird Dich wundern zu erfahren, daß ein hiesiger

Publicist, wie man sagt, eine jährliche Einnahme von 40,000 Rtlr.

(Reichstahler) Schwedisch Banco hat, das heist mehr für einen Jahrgang

Tageblätter als alle beßere Schriftsteller Schwedens zusammengenommen

mit allen ihren Werken verdient haben. So lange sich die Kannengießerey

und der Tadel innerhalb der gesetzlichen Schranken halten, ist

davon nichts zu sagen; wenn aber solches zu hemmenden Maßregeln

herausfordert, wenn die hemmenden Maßregeln Mord und Todtschlag nach

sich ziehen und der Streit über das Aeußerungsrecht sich endlich

in einen Kampf um Leben und Eigenthum auflösen kann, dann wird die

Preßfreyheit, anstatt ein Mittel zu Aufklärung und Veredlung zu seyn,

eine Losung zur Anarchie und Pöbelherrschaft. In solchem Fall habet Ihr

in Deutschland nicht viel Ursache über eine beschränktere Preßfreyheit

zu klagen.

Wundere Dich daher nicht, wenn ich Dir unter dergleichen Verhältnißen

nicht Vieles über die Schwedische Litteratur sagen kann. Die Dichter

haben ihre Leyern an die Weidenbäume gehängt, um sie nicht von Steinen

zerschmettert zu sehen. Geyer allein hat mit diesem Jahre eine

litterarische Monatschrift angefangen, die aber gleich zur Politik

übergegangen ist und wahrscheinlich in ihrem Fortgange nur dieses Fach

umfaßen wird. -- --

Meine Frau ist unbeschreiblich dankbar für Dein gütiges Andenken

und bittet mich Dich und Deine liebenswürdige Umgebung herzlichst

zu grüßen. Auch ich bitte um meine ehrerbietige Empfehlung an die

Damen, bey denen ich mich auch durch beygehende kleine Romanze von

meiner Fabrik in Erinnerung zu bringen wünsche. Sie hatte das Glück

bey ihnen und besonders bey der Gräfin Beyfall zu finden, als ich

dieselbe zuletzt in ihrem Salon sang. -- Grüße auch herzlich S. Ex. v.

Lüttichau, Carus, Sternberg und andere Freunde! Mein inniger Wunsch ist

Dich künftiges Jahr in dem lieben Dresden wiederzusehen. Gott schenke

Dir und den Deinigen fortdauernde Gesundheit, Freude und Wohlseyn, dies

wünscht Dein unveränderlich und

dankbarst ergebener Freund

_Bernh. v. Beskow_.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 119 / 326 题