IV.

_Stockholm_, den 19. July 1836.

_Theuerster Freund!_

So lange habe ich die Beantwortung Deines herzlich willkommenen,

freundschaftlichen Briefes verzögert, daß ich fast gewärtig seyn

muß, die Dinte in der Feder vor Scham darüber erröthen zu sehen. Daß

jedoch dieser Verzug nicht von Undankbarkeit oder Vergeßlichkeit

herrührte, davon kanst Du doch völlig überzeugt seyn. Es war aber

mein Wunsch meiner Antwort einen grösern und dauerhaftern Beweis

meiner Erkentlichkeit beyzufügen, und zwar durch das Werk, welches Du

mir erlaubt hast mit Deinem Nahmen zu schmücken. Die Bemühung diesem

Werke eine Abfaßung zu geben, wodurch es nicht gar zu unwürdig werden

möchte Dir zugeignet zu werden, erforderte natürlicher Weise einige

Zeit; und doch wäre das Buch bereits in Deinen Händen wenn mir nicht

unglücklicherweise eine der Amtsverrichtungen, deren ich mehr habe

als ich brauche, ein anderes Geschäft, das keinen Aufschub duldete,

auferlegt hätte. Die Schwedische Akademie sollte nehmlich ihr Jubeljahr

feyern, und als beständiger Sekretär derselben muste ich über alles was

wir in diesen 50 Jahren -- nicht gethan einen ausführlichen Bericht

verfaßen. Dies war in der That ein sauberes Stück Arbeit; doch zog ich

mich zwischen „_Dichtung und Wahrheit_“ so ziemlich aus der Sache, und

die Akademie sagte bey der Auflesung des Aufsatzes wie unser (weiland)

gutmüthiger König Adolph Friederich, als der Hofkanzler den Ständen den

Bericht über die von Seiten der Regierung genommenen Maßregeln vorlaß:

„_Haben Wir das alles gethan?_“

Sobald das Jubelfest vorüber war, und die darüber abgefasten

Verhandlungen gedruckt worden, unternahm ich wieder ~con amore~ die

Bearbeitung der Dramatischen Versuche, die ich Dir zu widmen wünschte.

Allein jetzt ist ein neues Hindernis eingetreten, welches mich auf

längere Zeit jeder litterarischen Beschäftigung zu entreißen droht.

Seine Majestät, mein Allergnädigster König, haben Seine Absicht zu

äusern geruht -- mich zum Ober-Intendenten der öffentlichen Gebäude

und überdieß zum beständigen Präses der Akademie der freyen Künste zu

ernennen. Zwar habe ich mir, mit ehrfurchtvoller Dankbarkeit, jenes

hohe Vertrauen unterthänigst verbeten; aber Seine Majestät haben keinen

andern bisher ernennen wollen und wenn Sr. Majestät Wunsch zum Befehl

übergeht, werde ich demselben natürlich um so mehr Folge leisten

müßen, da ich noch kürzlich ebenso viele als unverdiente Beweise

Seiner königlichen Gnade erhalten habe, -- der große Polar-stern, das

Comthur-Band der Ober-Beamten des Seraphiner-Orden, &c. -- so daß ich

mich jetzt ausstaffiren kann wie jener alte Mann, von dem Du einst

erzähltest, daß er einen ganzen Büschel von Bändern an der Brust trüge.

Sollte ich indeßen nebst der neuen, wovon jetzt die Rede ist, auch

meine bisherigen Amtsgeschäfte versehen, so würde mir schwerlich Zeit

zu litterarischen Beschäftigungen übrig bleiben, welches mir sehr leid

wäre und schwerlich könnte ich Dich auch dann, wie es meine Absicht

gewesen, nächstes Jahr in Dresden besuchen, und vielleicht gar einen

Abstecher nach Italien machen[3]. Doch das Alles steht in Gottes Hand,

und Der lenkt alles zum Besten.

Mit der innigsten Freude haben wir vernommen daß Dein und der

Deinigen Gesundheits Zustand fortwährend Gut gewesen und daß Deine

Feder uns jedes Jahr neue Meisterwerke schenkt. Ein ausschließend

litterarisches Leben, wie das Deinige wäre auch bey dem hundertsten

Theil Deines schöpferischen Geistes beneidenswerth, aber nur als

Schriftsteller zu leben ist bey uns in Norden fast Beyspiellos.

Unsere Litteratoren sind entweder Bischöfe Beamte und Lehrer bey

den Universitäten, oder Reichstagsrepräsentanten und Publicisten.

Außerdem nehmen unsere Akademien viele Zeit weg. Meine Wenigkeit, z.

B. befindet sich Mitglied von 5 solchen hier in Stockholm, die zum

Theil wöchentlich Zusammenkünfte haben. Bisweilen gewähren sie doch

einige Freude, diejenige zum Beispiel die ich jetzt erfahre indem ich

Dir, im Namen der Akademie der Geschichte, der Alterthümer und der

schönen Wißenschaften, beygebendes Diplom übergebe, deßen Einladung

die Akademie Dich ersucht, als einen Beweis ihrer ausgezeichneten und

erfurchtvollen Hochachtung für Deine unsterblichen litterarischen

Verdienste gütigst annehmen zu wollen. Haller, Goethe und Schiller

sind, unter Deinen Landsleuten, früher Mitglieder dieser Akademie

gewesen, und unter den jetzt lebenden auswärtigen Mitgliedern zählen

wir Heeren und Sismondi. Dein vortrefflicher Fürst, Prinz Johann,

geruhte im vorigen Jahr die Einladung zum Ehren-Mitgliede anzunehmen.

Herzlichen Dank für alle Freundschaft und Güte, die Du so vielen meiner

Landsleute erzeigt hast! Du errichtest Dir dadurch auch ein Pantheon

von dankbaren Herzen hier im Norden. Auch ist kein litterarischer

Name hier so geliebt und verehrt als der Deinige. Möchtest Du nur

nicht ermüden die Lappländischen Pilger aufzunehmen! Aber es ist nicht

möglich ihr Verlangen Dich zu sehen und zu hören im Zaum zu halten, und

es giebt keinen Schweden deßen Weg durch Deutschland geht, der sich

nicht ein Wort der Empfehlung an Dich ausbittet. Jetzt sind ihrer drey

im Anzuge, welche Du mir gütigst erlauben wirst bey dieser Gelegenheit

anzumelden, nämlich ein junger Bildhauer Herr Zuarnström (eine ganz

Nordische Natur) der sich nach Rom begiebt, und ein Hr. Arwidson, sein

Reisgefährte, ein sehr litterarisch gebildeter Mann, mit gründlichen

Kenntnißen und einen scharfen, selbständigen Verstande. Sie werden sich

etwa ein Monath in Dresden aufhalten und es wäßert ihnen schon den

Mund nach einer Vorlesung aus den Shakespeare. Mein dritter Landsman,

welcher Dir auf seiner Rückreise aus dem Carlsbade im August seine

Aufwartung zu machen gedenkt, ist mein bester Schul- und Jugendfreund,

der Baron v. Sprengporten, jetzt Oberstadthalter in Stockholm, ein

vortrefflicher und sehr unterrichteter Mann, der ohne Anspruch Dichter

zu seyn recht hübsche Verse schreibt und ein besonderer Freund der

Deutschen und Englischen Litteratur ist.

Die Gesundheit meiner Frau ist Gottlob, ziemlich gut gewesen; aber

Sie sehnt sich, ebenso wie ich, nach Dresden wo wir uns noch beßer

befanden. Melde ihren und meinen herzlichen Gruß an Deine ganze

liebenswürdige Umgebung. Auch viele Empfehlungen an unsere theuren und

achtungswerthen Freunde v. Lüttichau, Carus, Sternberg, Dahl u. a. --

Lebe wohl, geliebter und vortrefflicher Freund, und vergiß nicht Deinen

bis in den Tod unveränderlich

ergebenen

_Bernh. v. Beskow_.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 116 / 326 题