I.

Stockholm den 28. Februar 1835.

Sie haben mich ein par mal durch Nordische Reisende so freundlich

grüssen lassen, daß ich mir den Genuß nicht länger versagen kann, Ihnen

selbst meinen Dank abzustatten, nicht bloß für diese Gütige Erinnerung

„aus den Tagen, die nicht mehr sind,“ sondern noch für so manche

Wohlthaten, die ich Ihnen, dem herrlichen, vertraulichen Dichter, seit

so vielen, einsamen Jahren noch schuldig bin.

Sie müssen nehmlich wissen, mein edler vortreflicher Freund! daß

ich _nach_ unsrer Trennung noch viel vertrauter _mit Ihnen gelebt_,

gedacht, geschwärmt und das innere schöne Leben genossen habe, als

einst bei der persönlichen Gegenwart, in dem geistreichen, von unserm

guten Burgsdorf gebildeten Gesellschaftskreise.

Bei unsrer ersten Bekanntschaft war _mein_ Geist noch etwas zu

_klassisch_ gestimmt, um sich in _Ihren_ selbständigen freien

Dichtungen überall heimisch zu fühlen. Ich hatte mich in früher Jugend

so tief verirrt im Dickicht trübseliger Schwärmerei, und mich so

mühselig zum Licht emporgearbeitet, daß ich noch lange eine Art von

Scheu behielt, selbst vor jeder _dichterischen_ Dämmerung, wo solche

mir etwa mehr _Abend-_ als _Morgenröthe_ zu verkündigen schien. Dagegen

hatte mir vom Anfange an Ihr geflügelter _Genius_ grosse Ehrfurcht

eingeflößt, und noch anziehender fand ich den _Menschen_ in Ihnen. Es

freut mich noch, daß ich Ihren Werth so zeitig gefühlt hatte; denn als

ich einer sehr geistreichen Freundin aus jener Zeit Ihren _Abdallah

u. Lowell_ geliehen hatte, und sie, etwas kunstrichterisch, anmerkte:

„es schiene ihr immer etwas anmassend, wenn ein „_junger Mensch_“ mit

Werken anfinge, welche die ganze _Reife_ eines Göthe forderten, um

eigenthümlichen Werth zu haben,“ so hatte ich schon den Mut, ihr zu

antworten: „Wenn ich mich nicht sehr irre, so werden _Sie_ noch einmal

die Werke _dieses_ jungen Menschen neben die _Göthischen_ in Ihrer

Büchersamlung aufstellen.“

Seit dieser Zeit nun schmeichle ich mir einer Ihrer _besten Leser_

gewesen zu sein, was überhaupt meine Stärke ausmacht; denn mein

_eigenes_ Schreiben, oder Dichten, hat meinem Geist eigentlich nur zur

_Bewegung_ gedient, wodurch die Gesundheit eines tüchtigen _Lesers_

gehörig befördert wird. Auch besitze ich, Gottlob, Sinn und Gemüt

genug, um bei reich-begabten Schriftstellern alles mitzuentdecken, was

sie nicht selten bloß dem _Weissen_ zwischen den Zeilen anvertraut

haben. Der sel. Schleiermacher bat mich einmal, seine „Kritik

der Sittenlehre“ für eine gelehrte Zeitung zu beurtheilen. Ich

entschuldigte mich aber damit, daß ich das Buch wahrscheinlich nicht

hinlänglich verstanden hätte; denn an mehrern Stellen folgerte ich

aus dem innern Zusammenhang seiner Begriffsentwickelungen etwas viel

Bedenklichers, als was er selbst zu lehren schien. Darauf antwortete

er mir scherzend: „Eben deswegen, weil ich Dich als einen so guten

und gründlichen _Leser_ kenne, wollte ich daß _Du_ gewisse Dinge zur

Sprache bringen solltest, die ich meine Gründe hatte, hier nicht näher

zu erörtern. Die von Dir gerügte Zweideutigkeit ist unverkennbar für

den Selbstdenker, aber _absichtlich_; und Du kannst überzeugt sein, daß

unsre alltäglichen Bücherrichter sich nicht dabei aufhalten werden.“ --

Eben so fromm und aufmerksam glaube ich nun die meisten _Ihrer_

Schriften, gelesen und wieder gelesen zu haben. Nicht _alle_, denn

vieles von den neuern ist mir unbekannt geblieben in diesem Nordischen

Winkel, vorzüglich von dem, was hie u. da in Zeitschriften abgedruckt

worden. Um so sehnsuchtsvoller erwarte ich nun die Sammlung Ihrer

_sämmtlichen Werke_, die ich schon bei meinem Berliner Buchhändler

bestellt habe. Einen _innerlich_ und _äusserlich_ so reichen, durch

seine _Eigenthümlichkeit_ ehrfurchtgebietenden Dichter, wie Tiek,

betrachte ich nehmlich gerne wie den _Strasburger Münster_. Wer

möchte hier _einzeln_ abgebrochene Zierrathen u. Figuren bewundern?

-- Wer den Eindruck dieser andächtigen Begeisterung nicht in sich

aufzunehmen vermag; wer sich dem Genuß des _Ganzen_ nicht unbedingt

hingiebt, -- der mag ja lieber freundliche Gartenhäuser beschauen,

oder zierliche Nachbildungen alterthümlicher Tempel anstaunen! --

Es mag immer bloß ein eigenthümliches Gefühl sein, _Schmeichelei_

ist es wenigstens _nicht_, wenn ich freimütig bekenne, daß mir _Ihr_

Dichtergenius so gar _mehr_ „~_of a piece_~“ scheint, wie Göthes, dem

übrigens wohl niemand eine vielseitigere Bewunderung zollt, als ich.

Aber daß Ihre Muse, seitdem ich inniger mit ihr vertraut worden, die

_gemütlichste_ Lebensgefährtin gewesen, die mein späteres Leben überall

begleitet, überall _frisch u. jugendlich_ erhalten hat, -- _das_ ist

eben der eigentliche Gegenstand dieses _Danksagungs-Schreibens_;

denn bloß als ein _solches_ müssen Sie diese unbedeutenden Blätter

betrachten. Ist doch die Samlung Ihrer kleinen Gedichte schon seit

Jahren mein _Gesangbuch_ gewesen -- _hier_ vorzüglich, wo ich von allen

meinen ehemaligen _Glaubensgenossen_ so entfernt, und so vereinsamt

zurückblicke nach dem gelobten Lande meiner genußreichen Jugend. Mag

es sein, daß _deutsches Blut_, von väterlicher und mütterlicher Seite,

noch immer in meinen Adern siedet, das kein Nordwind zu kühlen vermag,

-- _Deutschland_ ist u. bleibt auf ewig das wahre Vaterland meines

_Geistes_ u. meines _Herzens_, und diese lebendige Anhänglichkeit an

das „_Land der Eichen_“ ist mir nicht _angebildet_ worden durch meine

dortige Erziehung, sondern diese hat jene nur früher u. vollständiger

in mir _entwickelt_. Auch ist jenes _Gefühl_ nicht etwa durch spätes

Entbehren in diesem Augenblick unruhiger geweckt worden. Schon vor

einigen und 20 Jahren durchglühte mich diese Vorliebe so kräftig, daß

Göthe mich einmal im Scherze: „einen ~Allemand enragé~“ nannte, u. mich

rieth nach England zu reisen, wo man mich mit dem Gruß empfangen würde:

„~_No German nonsense swells my British heart._~“ (ein Vers aus einer

damals eben erschienen Satire: ~Pursuits of Literature~.)

Wohl habe ich seitdem einen bedeutenden Theil meines zersplitterten

Lebens in Frankreich u. England zugebracht; aber mich dort nur um so

lebhafter überzeugt, daß der Reichthum des _geistigen Lebens_ sich in

diesen beiden Ländern mit dem _Deutschen_ keinesweges messen kann. Und

doch gehör’ _ich_ zu denjenigen, die sich auch in der Fremde leicht

ansiedeln. Ueberall suchte ich dort mir Sprache, Sitten u. Ansichten

der Einwohner so freisinnig, wie möglich anzueignen, weil man nur

dadurch Nutzen u. Freude hat von seinen Reisen und seinen vielseitigen

Beobachtungen. Aber auch _das_ ist ja ein seltener Vorzug des Deutschen

Genius, daß er das Vortreffliche des _Fremdartigen_ oft treuer u.

reiner in sich aufnimmt, als die Eingebornen selbst. Daß _Sie_ den

Shakespeare unstreitig richtiger fassen u. erklären, als alle die

kunstrichterischen John Bulls, deren ich, während meines Aufenthalts

in London, so _viele_ zusammenbrachte, daß solche jetzt 27! dicke

Oktavbände füllen. -- Aber _mir_ wenigstens hat das _Einseitige_ jener

feingeschliffenen Ausbildung der _Nichtdeutschen_, den _Reichthum_ der

einheimischen nur um so lieber und theurer gemacht. --

„Mit dem ~rost-beef~ u. dem Porter vertrage ich mich schon ganz

einheimisch; den _Kohlendampf liebe_ ich sogar, -- schrieb ich aus

London an eine Freundin in Berlin, -- die _Aussenwelt_ genügt hier

vollkommen, aber mein _inneres Leben_ schnappt überall vergebens nach

_Deutscher Luft_, u. mein _Geist_ vermißt sehnsuchtsvoll _Deutsche

Freiheit_!“ -- Von _Frankreich_ lassen Sie uns nicht sprechen. Die

Pariser _Kinderschuhe_ hatten _wir_ doch wohl schon ausgetreten, lange

ehe _Ludwig Filipps_ „freisinnige“ Unterthanen anfingen, dramatische

Stiefel und lange Beinkleider nach deutschem Schnitt nothdürftig

zusammen zu pfuschern; und ihren Victor Hugo zu einem Shakespeare

aufzustutzen. Uebrigens lieb’ ich die _Franzosen_ sehr, so lange sie

_Kunst und Leben leicht und scherzhaft_ nehmen. Nur der großartige

Ernst scheint ihrer Natur nicht angeboren, weswegen auch ihre

Staatsumwälzung so jämmerlich mißglückte.

Freilich sagte mir _Chenier_ einmal mit großer Selbstgefälligkeit: „Ich

habe wirklich Schillers Don Carlos _durchgeblättert_; man muß auch das

_Mißlungene_ nicht verachten. Das Unglück Deutscher Dichter ist, daß

sie nun einmal _ohne Geschmack geboren_ sind, und von eigentlicher

_Kunst_ u. _Gemütsschilderungen_ nicht einmal von unsern _großen

Meistern_ etwas =gelernt haben=. Ich _gedenke nun_ =selbst=, _einen

Filipp II._ zu _schreiben_!“ --

Dagegen habe ich wohl manchmal auch von den Bessern der _Unsrigen_

hören müssen: „die _deutsche_ Art u. Kunst sei allerdings reich, tief

u. vielseitig, dafür scheine sie aber auch immer nur ein _unendliches

Bruchstück_ bleiben zu wollen.“ Dies liesse sich wohl auch in einem

gewissen Sinne behaupten; erinnert mich aber an ein sinniges Wort der

sel. Varnhagen, als jemand in ihrer kleinen Gesellschaft sagte, „es ist

doch Schade, daß der _Faust_ nur ein _Bruchstück_ wäre.“ -- „_Schade_?!

rief sie aus. Als wäre das nicht gerade das größte Verdienst dieses

unendlichen Gedichts! Gerade dadurch ist es ja eine so treue

Darstellung der ganzen Menschheit; denn was ist _sie_, das Leben u. die

Welt _für uns_ anders, als ein ewig anziehendes, ewig unvollendetes

Bruchstück? Göthe _darf_ das Gedicht nicht fortsetzen, oder gar

vollenden, wenn sein Gemählde noch dem _Urbilde_ gleich bleiben

soll; denn all unser Denken, Träumen u. Ahnen; alle unsre geistige

u. sinnliche Liebe, alles was wir von Gott, oder dem Teufel uns

einbilden; -- Genuß, Sehnsucht, Verzweiflung, Tugend und Verbrechen --

_alles_ enthält schon dieses überreiche Bruchstück eines _unendlichen

Kunstwerks_.“

Und nach dieser Ansicht zweifle ich sehr, ob meine Freundin den _2ten

Theil_ des Faust für eine Vollendung des ursprünglichen Gedichts hätte

gelten lassen. --

_Ich_ würde also auch mit denen nicht streiten, die etwa alle _Ihre_

Dichtungen zusammengenommen, als ein solches _unendliches Bruchstück_

des großen Weltgedichtes betrachten möchten. Bleibt das _Vollendete_

des Lebens nicht in jeder Rücksicht bloß ein Gegenstand der Ahnung und

der Sehnsucht?

„Warum Schmachten?

Warum Sehnen?

Alle Thränen

ach! sie trachten

weit nach Ferne,

wo sie wähnen

schönre Sterne!“ --

Was gäbe ich nicht darum, mein edler Freund, wenn ich jetzt nur

einige Stündchen mit Ihnen verplaudern könnte, vorzüglich auch über

_Göthe_, den so _sinnlich-klaren_, u. doch in mancher Rücksicht so

unerforschlichen _Proteus_. Wie viele _Fragezeichen_ habe ich nicht

überall an den Rand gezeichnet, worauf Sie mir vielleicht antworten

könnten, auch wo diese Antworten Ihnen nicht erleichtert würden durch

übereinstimmende Gesinnung, sondern bloß durch scharfsinnigeres

Ahnungsvermögen eines so nahverwandten Genius. Wie tief bedauere

ich, daß ich die Zeit unsers Beisammenseins nicht mehr benuzte; denn

verloren war bei mir nie etwas, noch so früh empfangenes, sondern

wucherte gewöhnlich das ganze Leben hindurch, wenn es auch spät erst

zur Frucht reifte. ~O! mihi praeteritos referat si _Jupiter_ annos!~“

Und doch war jene Zeit ein herrlicher, unvergeßlicher Frühling!

Einer mit dem ich damals das geistige Leben am vertraulichsten

durcharbeitete, war _Friedrich Schlegel_, den ich immer den _Dichter_

nannte, während sein Bruder mir bloß _der Dichtende_ hieß. Als

Tiefdenker mir unendlich überlegen, fand er doch bald so viel

Empfänglichkeit in mir, daß er behauptete noch niemand gefunden zu

haben, mit dem er sich so allseitig hätte mittheilen können, ohne in

Streit zu gerathen, auch wo wir noch so entgegengesetzte Grundsätze

verriethen.

Nach seinem Uebertritt zur römischen Kirche, schrieb mir

Schleiermacher: „Kanst Du mir diesen Schritt unsers Freundes wohl näher

erklären? Ich frage _Dich_, weil er mir selbst gesagt, er hätte mit

Keinem so ernst u. so offenmütig, wie mit Dir, das _Christenthum_, nach

allen dessen Richtungen durchgeforscht. Ich kann mir _seine_ =innern=

Gründe unmöglich denken; u. _weltliche_ mag ich bei einem _solchen

Manne_ durchaus nicht annehmen.“

Allein ich hatte damals _Schl._ in mehreren Jahren nicht

gesprochen; wohl aber haben seine spätern Schriften mich mit

=seinem= _Katholizismus_ versöhnt. Es scheint nehmlich, daß,

wenigstens gleichzeitig mit diesem Uebergang, auch eine wirkliche

_Sinnesänderung_ bei ihm vorgegangen; denn wie _mild_, _billig_

und wahrhaft _christlich_ finden wir ihn, selbst in seinen spätern

=Streit=_schriften_, wenn wir solche mit den frühern vergleichen.

_Jacobi_ machte dieselbe =Bemerkung,= u. schrieb mir einmal: „Hätten

Sie wohl je geglaubt, daß Fr. Schlegel u. ich einander bei Gegenständen

der Vernunftforschung so freundlich und _christbrüderlich_ begegnen

würden?“ -- Eine große Hinneigung zur _Neuplatonischen_ Auffassung

des Christenthums hatte ich früh in ihm entdeckt, welche mir nun

durchaus nicht zusagte. Dagegen versicherte ich ihm, man könne dem

Christenthum nicht inniger zugethan sein, wie ich, wenn man nur

nicht forderte, daß ich ein _strengerer Christ_ sein solte, als --

_Christus_ selbst. Ich hätte nehmlich überall gefunden, selbst bei

meinen _Hernhutern_, wiewohl da seltener, daß die eifrigsten Christen

sich in 2 ganz bestimmte Klassen abtheilen ließen. Die einen wären

die _Gelehrten_, oder _Historischen_, denen das sich nach u. nach

entwickelte _Lehrgebäude_ des Glaubens wichtig u. heilig sei -- die

Rechtgläubigen jeder Kirche, -- die andern hingegen empfänden bloß

ein tiefes Bedürfniß, sich die _Gesinnungen_, die ganze _Denk- u.

Empfindungsweise_ des Erlösers kindlich anzueignen. Ihnen ist das

wichtigere, „den Willen desjenigen zu thun, der _Ihn_ gesandt hat,

u._ dadurch inne_ zu _werden_, ob seine Lehre von Gott sei.“ -- Alle

Spizfindigkeiten der Kirchengelehrten scheinen ihnen unwesentlich. Die

_Dreieinigkeit_ macht ihnen keinen Kummer, u. selbst von _Christus_

mögen Sie wohl sagen wie Haller von seiner Geliebten:

„Ich strebe nicht Dich zu _vergöttern_,

_die Menschheit_ ziert _Dich allzusehr_.“ --

Zu dieser 2ten Klasse nun bekenne ich mich mit aller Innbrunst des

Herzens, u. aller Freiheit der Seele. -- Dabei leugne ich keinesweges,

daß nicht beide Eigenschaften sehr glücklich vereinigt werden können;

nur _allgemein_ kann dies nicht angenommen werden; u. ohne diese

_christliche Gesinnung_, scheint mir die gelehrte _Rechtgläubigkeit_

von sehr geringem Werth. -- Daher hat auch A. W. Schlegel mich u.

die Frau von Staël schrecklich ermüdet durch seine streitsüchtigen

Anempfehlungen eines solchen gelehrten _Katholizismus_. --

Hier aber müssen Sie mir erlauben, eine ähnliche Bemerkung zu machen

über die verschiedenartigen Schüler u. Anbeter der _Muse_, zumahl dies

Sie selbst etwas näher angeht. Ich theile nehmlich diese ebenfalls in

2 sehr bestimmte Klassen. Die _wirklichen_ Dichter, die Selbstschöpfer

im Reiche des Genius, die Beherrscher der Einbildungskraft und

der Seelenvermögen; -- dann aber die „_poetischen Menschen_“, die

zwar für allen Reichthum der Dichtung die regsamste Empfänglichkeit

besitzen, die aber keine _Kraft_ von der Natur empfingen, selbst

_hervorzubringen_ was sie im Geist so lebhaft anschauen. Sie verwandeln

gewissermassen ihr ganzes Leben, die sie umgebende Wirklichkeit, ihr

Denken u. ihr Gefühl zu einem _Gedicht_; aber _stummgeboren_ vermögen

sie was ihr inneres bewegt, nicht auszuhauchen in Gesang u. Rede.

Daß selbst die _Halbgötter_ der ersten Klasse nicht immer diese

_innerliche Poesie_ der zweiten in einem gleich hohen Grade besitzen,

glaube ich nur zu oft wahrgenommen zu haben, und jene _Stummgeborenen_,

zu denen ich, Leider selbst gehöre, müssen sich nur damit trösten,

daß gerade diese nie zur Flamme auflodernde Glut ihr inneres Leben

gewöhnlich länger warm und jugendlich erhält.

Freilich ist es eine herrliche Erscheinung der Menschheit, wenn ein

hoher Genius diese oft gesonderten Eigenschaften in sich vereinigt,

und dies, liebster Tieck! ist nach meiner Ueberzeugung, _Ihr

glückliches_ Loos. Sie sind doch unstreitig ein _großer Dichter_,

aber welcher Kenner entdeckt nicht zugleich in dem kleinsten Ihrer

Lieder den echt-_poetischen Menschen_, der so freundlich anzieht, u.

Zutrauen einflößt, während man den ersten bewundert? Sie sehen, ich

spreche so offen mit Ihnen, wie mit einem Dritten, ich erkläre nur

_mein_ dankbares Gefühl für Sie -- denn ein plattes _Lob_ wäre von

meiner Seite schon anmaßend. In dieser Rücksicht stehen _Sie_ uns

offenbar näher als _Göthe_ -- dessen Seele, ich möchte sagen nicht

_jungfräulich_ genug ist, um ein so _kindliches Gemüt_ zu besitzen. --

Begreifen Sie also nun, woher ich den Mut genommen habe, mich

so ausführlich mit Ihnen zu unterhalten, als hätten wir uns vor

wenig Tagen gesprochen. -- Ich setze nehmlich voraus, daß der

_poetische Mensch_ in Ihnen noch eben so jugendlich u. umgänglich

ist, wie zu der Zeit, die ich noch so lebhaft in mein Gedächtniß

zurückrufe. Von mir kann ich wenigstens ehrlich versichern, daß ich

den _Jahren_ keine Macht über mein inneres Leben gönne. Schon auf

der Schule kamen Schleiermacher u. ich überein, daß ein früheres,

oder späteres _Altwerden_ des geistigen Menschen, doch eine wahre

_Niederträchtigkeit_ sei, welches immer eine schlechte Erziehung, oder

eine leichtsinnig verschwendete Jugend verriethe. Auch hat er bis

zu seinem Tod diese Wahrheit bestätigt; und als er mich kurz vorher

besuchte, konnten wir an einander nicht die mindeste Veränderung gewahr

werden. Freilich war er ein par Jahr jünger, als ich, dafür aber doch

_älter_ als _Sie_, für den also gar keine Entschuldigung gilt, wenn Sie

schon aufhören wollten, ein _Jüngling_ zu sein.

Ohne allen Scherz: ich wüste nicht, daß ich seit meinem 20. Jahre

irgend eine Verwandlung erlitten hätte. _Ernst_ war schon das Gemüt des

Jünglings, u. eben deswegen, hat bei mir die Heiterkeit u. der Frohsinn

immer auf einem so sichern Grunde geruht. Meine Freude am Leben, u.

selbst an allen Liebhabereien des Geistes, u. der Empfindungen ist

noch ganz die nehmliche. Vorzüglich sind aber Wissenschaften und

Künste noch immer eine unerschöpfliche Quelle eines fortdauernden

Lebensgenusses. Und wie dankbar gedenke ich auch in dieser Hinsicht

meiner gründlichen Erziehung auf einer _Deutschen_ Schule. Alles dort

eingesammelte habe ich das ganze Leben hindurch so treu aufbewahrt,

daß ich es immer mit Sicherheit wieder hervorsuchen kann, wenn es auch

Jahrzehende hindurch völlig geschlummert. Schleiermacher war ganz

verwundert, als er mich jezt viel tiefer eingeweiht fand in allen

Geheimnissen griechischer Schriftsteller, als auf der Universität, wo

wir uns Tag u. Nacht mit ihnen beschäftigten. Dies gab uns Gelegenheit

vor hiesigen Gelehrten mit unsern Herrnhutischen Schulen zu prahlen,

die wir beide nirgends übertroffen gefunden. Zufällig wurde behauptet:

daß die Kunst _Lateinische Verse_ zu machen, heute zu Tage völlig

ausgestorben sei, auch diejenigen, welche in der Jugend sich damit

beschäftigt hätten, würden keinen Versuch mehr darin wagen. -- „Was

meinst _Du_? sagte Schleiermacher, Du galtest ja sonst für einen

geübten Lateinischen Dichter.“ -- „Ich meine, antwortete ich, daß man

_nichts vergißt,_ was man _gründlich gelernt_ hat, und ich nehme noch

eine Wette an, ob ich gleich in beinah 40 Jahren keinen Lateinischen

Vers geschrieben habe.“ -- u. so schickte ich unsern Upsaliensern bald

darauf ein ziemlich langes Gedicht, für welches sie mich auf meine

alten Tage noch zum Magister machen wollten. Auch hatte ich wirkl.

kaum 10 Zeilen geschrieben, als es mir vorkam, als hätte ich eine seit

Jahren verschlossene Schublade geöfnet, in der ich noch alles in der

vollkommensten Ordnung wieder fand. Wer _vergißt_ denn jemals, was

er wirklich treu u. redlich =geliebt= hat. Ein _gutes, vielseitiges

Gedächtniß_ steht immer in Verhältniß zu der Menge von Gegenständen,

die uns einst eine lebendige Theilnahme eingeflößt haben, u. selten

nimmt das Gedächtniß früher ab, als das _Herz_ vertrocknet. --

Uebrigens muß ich mich wohl auf _Gelehrsamkeit_ beschränken, da ich

als „_Stummgeboren_“ nichts besseres thun kan, u. da mir die hiesige

Alltagswelt zu _blaß_ ist, um mich ihr oft hinzugeben. Genußreicher

finde ich freilich mein kleines Museum, wo mir immer noch die _Tage_

zu kurz scheinen, um solche nicht wie sonst durch halbe Nächte zu

verlängern.

_Wie_ wollte ich aber noch mit Ihnen die herrlichen Gegenden um Dresden

durchwandern, wo der Jüngling bisweilen an _einem_ Tage 6 bis 7 Meilen

zu Fuße machte; u. ich hoffe _Sie_ sollten mich da noch so _ungealtert_

finden, wie eine hiesige Freundin, die mich neulich fragte: „Waren Sie

denn in _Ihrer Jugend_ wirklich auch _so jugendlich_ wie _jezt_?“ --

-- Ach! mein _Deutschland_! und mein Knabenfrohes _Sachsen_!

„Ach! wie sehnt sich für und für

schönes Land! mein Herz nach Dir!

Werd’ ich nie Dir näher kommen,

Da mein Sinn so zu dir steht?

Kömmt kein Schifchen angeschwommen,

Das dann unter Segel geht? --

_Doch mich halten harte Bande!_“

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 108 / 326 题