Schon lange habe ich geglaubt, über all den Schmerz hinaus zu seyn, den
mir Entfernung, Vergessenheit von Freunden, verursachen könnte, und
nun betrübt mich alles, die Karte, von Italien die jezt an der Wand
hängt, überm Sessel, die kömmt mir so lehr vor, Sie sind nicht mehr da,
was brauch ich das Land zu sehen; wahrhaftig meine Neigungen bringen
mir kein Heil, wenn sie so innig ergebend sind, lieben soll ich, aber
nicht dehmüthig, sondern großmüthig. Ich hab an Sie geschrieben vor 14
Tagen, nach Dresden. Sie haben wohl meinem Brief nicht erhalten, er war
vielleicht zu kühn zu freymüthig, weil Sie gar nichts darüber sagen,
wenn ein andrer verstehen könnte wie mich das all quält, ich kenne die
Menschen nicht, ich weiß nicht wie viel sie vertragen von Liebe, ich
kann die meinige nicht eintheilen, damit sie genießbar wird, entweder
alles, oder kein Leben, kein Athemzug der das Herz erweitert.
Wie wenige wissen, den echten Sinn des Lebens zu verstehen, und dieser
wenigen ist keiner mir nah, und wer denn so recht die unergründliche
Tiefe erkennt in der Liebe, und keinen hat um den er diese Tiefe
ermessen darf, Ach das könnte einen zur Verzweiflung bringen. ich
war so ruhig, so kalt wie Sie weg gingen, meine Liebe ist wie das
Senfkörnlein, das in kurzem ein hoher Baum ward, in dessen Schatten
Völker ruhn, und doch ein einzig freundlich Wort von Ihnen könnte mich
so ruhig machen.
Lieber Tieck, wenn Sie mir gut sind, so verkennen Sie all dieß nicht,
jemand der so lebhaft, alles fühlt wie ich, der kann sich nicht weniger
lebhaft ausdrücken, es ist keine Frage, daß mir Gott mehr gewähren muß
wie andern, er muß mir alles gewähren, (denn er hat mir das Entbehren
nicht anerschaffen) mithin auch Ihre Liebe, und desswegen bin ich auch
wieder getröstet.
Gestern war ich wieder zum erstenmal auf demselben Plaz im Garten, Sie
waren auch da, einen Augenblick, Ihre Füsse sah ich deutlich auf der
Treppe stehen, ich ging weg, mag auch in meinem Leben nicht wieder hin,
ich mögte Sie wohl nie wieder dort finden, das könnte mich schmerzlich
beleidigen. Ich bin so glücklich, Gott meint es so gut mit mir, er
will mich erhöhen, er will mich bessern, durch das gröste auf Erden,
durch die Liebe, und ich sollte wiederstehen wollen? Nein gewiß nicht,
mit allem Leben was in mir ist, will ich mich ihm ergeben, es entstehe
daraus was will, mir kann es keinen Schaden bringen, nur dem Zaghaften
können irdische Verhältnisse was anhaben, was schadet es denn daß
ich nicht bey Dir bin, ist mein Vertrauen so klein, daß es nicht bis
Ziebingen reichen sollte, ich bin recht dumm daß ich mich betrübe, was
schadet es endlich, wenn Sie selbst, dieß alle nicht annehmen, es ist
als ob der Strom die Lieblichkeit der Gegend nicht annimmt durch die
er fließt, die Gegend bleibt doch lieblich durch ihn, Troz ihm, die
_Bettine_ bleibt doch liebend Troz _ihm, Ein Strohm ist übrigens auch
nicht so wiedernatürlich, unnatürlich_.
Der Winter ist nah, es wird sehr kalt werden, lieber Tieck, wenn Sie
mir nicht gut sind so erstarre ich, keine Heimath habe ich, wo Feuer
mir zum Wärmen brennte, denn ich hab wohl emfunden, wer sich niederläst
in Eigennuz, seinem eignen Leib aufopfernd die Welt, dem entflieht das
Leben, kein freundlich Gespräch, kein Gesang, keine Fantasie und Farbe
mehr, alles wird nach und nach stumme verlassne Einsamkeit, was wir uns
selbst erschaffen wollen, kömmt uns nicht zugut, es muß aus der Liebe
entstehen, was wir genießen sollen, drum will ich auch nie um mich
selbst etwas thun, auch nicht ein Licht will ich mir anzünden, wenn es
mir Nacht ist, denn irdisch Licht hat keinen Bestand und unsichtbares
ewiges, daß muß durch Gottes Hand in Deinem Herzen mir zum Trost
entzündet werden.
Ich sage da viel Durcheinander, und wer diesen Brief in Händen hielte
und ihn so sinnlich läse, wie er dasteht, dem würde er keinen Bestand
haben, wer aber heimlich lauscht und aufmerkt, und mir gut ist, der
wird einen einzigen Ton darin hören der alle andre Töne zur Melodie
verbindet.
_Bettine._