3. October (ohne Jahreszahl u. Ort).

Schon lange habe ich geglaubt, über all den Schmerz hinaus zu seyn, den

mir Entfernung, Vergessenheit von Freunden, verursachen könnte, und

nun betrübt mich alles, die Karte, von Italien die jezt an der Wand

hängt, überm Sessel, die kömmt mir so lehr vor, Sie sind nicht mehr da,

was brauch ich das Land zu sehen; wahrhaftig meine Neigungen bringen

mir kein Heil, wenn sie so innig ergebend sind, lieben soll ich, aber

nicht dehmüthig, sondern großmüthig. Ich hab an Sie geschrieben vor 14

Tagen, nach Dresden. Sie haben wohl meinem Brief nicht erhalten, er war

vielleicht zu kühn zu freymüthig, weil Sie gar nichts darüber sagen,

wenn ein andrer verstehen könnte wie mich das all quält, ich kenne die

Menschen nicht, ich weiß nicht wie viel sie vertragen von Liebe, ich

kann die meinige nicht eintheilen, damit sie genießbar wird, entweder

alles, oder kein Leben, kein Athemzug der das Herz erweitert.

Wie wenige wissen, den echten Sinn des Lebens zu verstehen, und dieser

wenigen ist keiner mir nah, und wer denn so recht die unergründliche

Tiefe erkennt in der Liebe, und keinen hat um den er diese Tiefe

ermessen darf, Ach das könnte einen zur Verzweiflung bringen. ich

war so ruhig, so kalt wie Sie weg gingen, meine Liebe ist wie das

Senfkörnlein, das in kurzem ein hoher Baum ward, in dessen Schatten

Völker ruhn, und doch ein einzig freundlich Wort von Ihnen könnte mich

so ruhig machen.

Lieber Tieck, wenn Sie mir gut sind, so verkennen Sie all dieß nicht,

jemand der so lebhaft, alles fühlt wie ich, der kann sich nicht weniger

lebhaft ausdrücken, es ist keine Frage, daß mir Gott mehr gewähren muß

wie andern, er muß mir alles gewähren, (denn er hat mir das Entbehren

nicht anerschaffen) mithin auch Ihre Liebe, und desswegen bin ich auch

wieder getröstet.

Gestern war ich wieder zum erstenmal auf demselben Plaz im Garten, Sie

waren auch da, einen Augenblick, Ihre Füsse sah ich deutlich auf der

Treppe stehen, ich ging weg, mag auch in meinem Leben nicht wieder hin,

ich mögte Sie wohl nie wieder dort finden, das könnte mich schmerzlich

beleidigen. Ich bin so glücklich, Gott meint es so gut mit mir, er

will mich erhöhen, er will mich bessern, durch das gröste auf Erden,

durch die Liebe, und ich sollte wiederstehen wollen? Nein gewiß nicht,

mit allem Leben was in mir ist, will ich mich ihm ergeben, es entstehe

daraus was will, mir kann es keinen Schaden bringen, nur dem Zaghaften

können irdische Verhältnisse was anhaben, was schadet es denn daß

ich nicht bey Dir bin, ist mein Vertrauen so klein, daß es nicht bis

Ziebingen reichen sollte, ich bin recht dumm daß ich mich betrübe, was

schadet es endlich, wenn Sie selbst, dieß alle nicht annehmen, es ist

als ob der Strom die Lieblichkeit der Gegend nicht annimmt durch die

er fließt, die Gegend bleibt doch lieblich durch ihn, Troz ihm, die

_Bettine_ bleibt doch liebend Troz _ihm, Ein Strohm ist übrigens auch

nicht so wiedernatürlich, unnatürlich_.

Der Winter ist nah, es wird sehr kalt werden, lieber Tieck, wenn Sie

mir nicht gut sind so erstarre ich, keine Heimath habe ich, wo Feuer

mir zum Wärmen brennte, denn ich hab wohl emfunden, wer sich niederläst

in Eigennuz, seinem eignen Leib aufopfernd die Welt, dem entflieht das

Leben, kein freundlich Gespräch, kein Gesang, keine Fantasie und Farbe

mehr, alles wird nach und nach stumme verlassne Einsamkeit, was wir uns

selbst erschaffen wollen, kömmt uns nicht zugut, es muß aus der Liebe

entstehen, was wir genießen sollen, drum will ich auch nie um mich

selbst etwas thun, auch nicht ein Licht will ich mir anzünden, wenn es

mir Nacht ist, denn irdisch Licht hat keinen Bestand und unsichtbares

ewiges, daß muß durch Gottes Hand in Deinem Herzen mir zum Trost

entzündet werden.

Ich sage da viel Durcheinander, und wer diesen Brief in Händen hielte

und ihn so sinnlich läse, wie er dasteht, dem würde er keinen Bestand

haben, wer aber heimlich lauscht und aufmerkt, und mir gut ist, der

wird einen einzigen Ton darin hören der alle andre Töne zur Melodie

verbindet.

_Bettine._

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 86 / 326 题