_Heidelberg_, Ende November 1808.
Lieber herzlich verehrter Tieck! Sie erhalten die beyden ersten
Hefte meiner Zeitung; es würde mir Freude machen, wenn Sie nicht
mißbilligten, was mir nach ruhiger Uebersicht wohlgefällt; wie lange
ich die ganze Sache fortsetze hängt von dem Absatze auf dieser Messe
ab. Pr. L’Epigue gab mir den Müller, der ritterlich thätige Schluß
des Stücks veranlasste mich besonders zur Mittheilung, es perlt darin
wie im siedenden Wasser und er vergleicht sich darin so leicht mit
der ruhigen Erhebung, in welcher ihr Werk schliest. Brentano, der
seit einiger Zeit zu mir gezogen und seine Frau zu einem Prediger
aufs Land geschickt hat, wird ins nächste Heft ein gar lustiges
Werklein, die Geschichte des Bärenhäuter einrücken, er ist fröhlicher
als je und wünscht Sie hieher laden zu können, nur stehen die äusseren
Verhältnisse schwankend und wie lange der alte Großherzog lebt und
wie früh französische Oekonomie eingeführt wird, dem sehn wir wie
der Ratiostatus mit zwey Köpfen entgegen. Ich wohne mit Clemens in
einer Bierkneipe am Schloßberge, Kegelbahn und Vogelgesang, Nachts
singende Waschweiber und fernes Neckarrauschen um uns, und der schöne
Himmel verschlingt uns in Trägheit. Die Zeitungen sagen von einem
Romantischen Journale, das Sie herausgeben, ich freue mich dessen, es
muß den Bienen der Honig genommen werden, daß sie wieder arbeiten und
ich bescheide deswegen meine Bitte um Beyträge von Ihnen noch nicht;
Görres Untersuchungen über die Nibelungen finden Sie fast beendigt, von
Grimm erwarte ich schöne Resultate; es geht so unendlich viel zugrunde,
lassen Sie Ihre Untersuchungen nicht darum schweigen, weil der eine
oder andre vielleicht schon einiges davon berührt hat. -- In wenigen
Tagen bin ich in Winkel bey Brentanos. -- Meine Ergebenheit Ihren
Hausgenossen, hochachtungsvoll
_Achim Arnim._
Eben erhalte ich einen Brief von Hagen, der mir schreibt, daß er zu den
Nibelungen Ihre Unterstützung erhalten, es freut mich dies glückliche
Verständniß, es scheint jetzt ein allgemeiner Sturm zu werden gegen die
tückische Bosheit falscher Kritik. Sind wir nur erst im Graben, ich
stehe dafür der Wall, der so entsetzlich aussieht ist nichts als der
Unrath der Garnison, den sie so regelmässig aufgestapelt hat.
Arnim, Bettina v. geb. Brentano.
Achims Gemahlin, Enkelin der Sophie La Roche, Clemens Brentano’s
Schwester, geb. zu Frankfurt a. M. 1785, gest. zu Berlin 1859.
„Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde“ führte sie zuerst in die
größeren Kreise der deutschen Lesewelt ein. Vielleicht lassen sich
in den hier mitgetheilten an Tieck gerichteten Briefen leise Spuren
entdecken, daß es nur an seiner Schreiblässigkeit lag, wenn wir
nicht auch _Seinen_ Briefwechsel mit jenem Kinde besitzen? Ein Kind
ist Sie geblieben, bis in’s Alter, bis in den Tod. Aber gewiß ein
hochbegabtes, ein Wunderkind. Mögen auch ihre späteren Schriften:
die Günderode (1840) -- dies Buch gehört dem Könige! (1843) --
Ilius Pamphilius und die Ambrosia (1848) -- in ihrer Wirkung
auf’s Publikum jenes ihr erstes Buch bei Weitem nicht erreicht
haben; merkwürdig sind sie doch, und zwischen Seltsamkeiten und
Absonderlichkeiten blickt immer ein tiefgewaltiger Geist, ein
reiches Herz, ein hoher Sinn für alles Große und Wahre daraus
hervor. Die Sehnsucht zu gestalten beunruhigte sie und lockte sie
aus den Grenzen, die herkömmliche Ansicht weiblichen Autoren zu
ziehen pflegt. Sie erscheint bisweilen dem erstaunten Leser gleich
einer Bildnerin, welche nur den Reichthum des Stoffes nicht zu
binden, die Form nicht zu beherrschen gelernt. Ihre Phantasie ist
mächtiger als der ordnende Verstand.
Ihre größte Dichtung dürfte deshalb im Gebiete der Plastik gesucht
werden. Wenigstens hat ein Mann, dessen Urtheil über Sculptur
-- mag er daneben noch so sehr General, Diplomat, Historiker,
Archäologe, Numismatiker und Poet sein! -- dessen Urtheil, wie
gesagt entscheidend ist, unverholen seine anerkennende Bewunderung
ausgesprochen über Bettina’s Goethe-Monument: Prokesch-Osten nennt
das plastisch entworfene Modell zu dieser grandiosen Idee ein
erhabenes Vermächtniß. -- Wer wird als Erbe eintreten?