_Cassel_, den 3. Dezember 1807.
Ich lege eben Müllers edles Schreiben über Kotzebue aus den Händen,
das Ihrer Vermittelung sein Daseyn für mich dankt, da fällt mir so
manches ein, was ich Ihnen danke und wie ich von mannigfaltigem Jammer
bezwungen, Ihnen davon so gar nichts in Sandow gesagt habe; ich ging
da neben Ihnen und freute mich, daß mir noch etwas Freude am Grünen
geblieben, mit dem ich meiner einsamen Natur nach viel vertraulicher
bin, als ich mit Ihnen in einem Tage werden konnte. Jetzt wünsche ich
die Stunden zurück, erinnere mich, wie Sie Sich so einsam fühlten und
mich ausforderten, Ihnen zu schreiben. Ich hätte Ihnen mancherley zu
schreiben, wie wir, ich meine darin Bettine und Clemens Brentano,
Sie hieher wünschten, das glauben Sie uns ohne weitres; dann wie wir
Ihnen einen angemessenen Wirkungskreis wünschen und planeln, den Sie
nicht blos beleben, der Sie auch wiederbelebt. Den möchten Sie aber
nicht annehmen wollen, denn in der Gewohnheit liegt das Schönste
wie das Schlimmste und das Kunststück der Transfiguration gelingt
immer nur einmal vollständig, also davon kein Wort: Sie hören Ihre
Stunden sicher heller schlagen als ich. Also zu den Nebenwerken, die
mir aber Hauptsachen sind. Ich war bey Dieterich in Göttingen, der
sich schmerzlich beklagt, daß Sie die Niebelungen ihm nicht früher
geschickt haben, der jetzt fürchtet, durch Hagens Arbeit sey aller
Absatz vernichtet, ich glaube das nicht, kann auch nicht wissen,
wie weit er sich beklagen kann, ich beklage mich selbst, daß Ihr
Werk nicht erschienen, denn Hagen gefällt mir nicht in dem baroken
Dialekte, in den langweiligen Anmerkungen und wegen der Auslassung
aller andern Erzählungen, die Sie so pasrecht verbunden hatten. Ernste
Critiker, (hier giebt es einen sehr gelehrten deutschen Sprach und
Literaturkenner, Hr. Kriegssekretär Grimm, er hat die vollständigste
Sammlung über alle alte Poesie) tadeln noch mehr, und sind so wie ich
ganz überzeugt, das Ganze müsse entweder mit neuem Saft durchdrungen
sich selbst neue Wurzeln treiben, oder in seiner Alterthümlichkeit
ruhig trocken, unzerbrochen zwischen Papier von einem Geschlechte dem
andern übergeben werden. Haben Sie in dieser Hinsicht irgend etwas
mit Dietrich zu verhandeln, oder wollen Sie die Herausgabe mit dem
Heldenbuche bey Zimmer verbinden, so entbiete ich meine Vermittelung,
der erste ist mir ganz nahe und den andern denke ich zu Weihnachten zu
sprechen.
Die historische Einleitung über die Niebelungen könnte immer späterer
Zeit bleiben, es sind die Perspectivlinien, wonach der Maler arbeitet,
sie verschwinden, wenn das Gemälde fertig, das allein bewährt, ob sie
richtig; es braucht Sie nicht zu stören, daß andre z. B. Grimm, Hagen
andre historische Entdeckungen gemacht zu haben glauben, die mit Ihren
nicht stimmen. Wer jemals eine historische Begebenheit mit Erhebung
angesehen hat, weiß was das heist, jeder muß es aber treiben, wie man
Füße braucht um beym Schreibpult zu stehen, ungeachtet sehr wenig
Leute mit den Füßen schreiben. Die Kritik ist an den Dichtern eine
nothwendige Absonderung, damit der Geist rein wird, unsre verkehrte
Zeit hat aber oft das Abgesonderte, wie beym Dalailama, für das
Heiligste gehalten, davon alles das Geschwätze über die Dinge, ohne die
Dinge selbst zu geben, alle die elende Wirtschaft mit Geschichten der
Poesie, der Künste, ohne daß diese dadurch selbst verscheucht werden,
während alles was Kunst zugleich Geschichte. Ein solches unnützes Buch
hat Görres über Volksbücher geschrieben statt eins herauszugeben, so
schreibt Docen zwey Bände Miscellaneen, worin fast gar nichts als
literarischer Kram, während das Schöne in Handschriften verrottet;
darum werde ich kein Wort zum zweyten Theile des Wunderhorns sagen, der
sehr viel enthalten wird, aufmerksam sind die Leute darauf gemacht,
wenn sie ihn nicht verstehen, so sollte es nicht seyn und der Teufel
mag sie holen. -- Bei Riepenhausen in Göttingen sah ich zwei zierliche
Bilder von seinen Söhnen zu einem Almanach religiöser Musiklieder
bestimmt, erscheint der bald? Wird er auch die besten lateinischen
Texte enthalten? Haben Sie etwas darüber zu vermitteln? -- Haben Sie
Müllers Schriften geordnet? Alles wartet sehnlich auf die Herausgabe,
die Ihnen keine Mühe machen kann, da in Müller seiner ganzen Anlage
nach, nichts zu ändern sein kann. Soll ich darüber etwas bestellen?
Ueber die Herausgabe Ihrer eignen Poesieen, Volksmährchen? -- -- -- Sie
werden in alle dem keine Zudringlichkeit finden, sondern meine Art,
dankbar zu seyn, indem ich nach mehr verlange! Wer überhaupt etwas
geben kann, dem ist das Geben das Liebste, wer anzunehmen versteht,
dem ist es wie ein Vorwurf; es gehört zu beydem gleichviel. Außer sich
ist man doch nur etwas in sich; der kleinste Kreis kann genügen, aber
er ist doch nicht außer der großen Welt und so ward ich Morgens aus
dem kleinen Winkel, worin ich mein gutes alltägliches Leben führe mit
allen meinen Gedanken fast gewaltsam zu Ihnen gezogen, als wenn es mir
eine Pflicht, Ihnen ein großer Vortheil wäre, wenn ich Ihnen meine
literarische Anerbiethungen machte. Wofür Sie es nehmen, das ist es
und wird es etwas, so wollen wir es ein Schicksal nennen, und wird es
nichts, so kann es darum doch etwas gewesen seyn; treibt mich so ein
Gedanke, so schreibe ich mich von ihm los, ungefähr das Gegentheil vom
Doktor Faust, der sich einem Gedanken verschrieb. Haben Sie mir etwas
darüber zu sagen, so schreiben Sie hieher Cassel in Hessen, abzugeben
an Hrn. Banquier Carl Jardis; meine Freundschaft für Sie bleibt
unverändert, wenn Sie auch schweigen, schweige ich doch meist auch, wo
ich reden könnte.
_Ludwig Achim v. Arnim._