Aus der Schar der englischen Offiziere, die sich am Eingang aufhielt,
trat uns ein katholischer irischer Priester entgegen, den ich schon
bei den Dominikanerschwestern in Bagdad getroffen hatte, ein älterer
vornehmer Mann mit kurzgeschorenem, weißem Haar; er hatte eine
angenehme, mitteilsame Art und betrachtete den Ernst seiner Lage mit
stoischer Ruhe und sogar mit Humor. Über die Behandlung und Verpflegung
seitens der Türken hatte er nicht im geringsten zu klagen, und daß
diese ihren Gefangenen keinen erstklassigen Rückzug gewähren konnten,
sah er vollkommen ein. Daß viele seiner Leidensgefährten auf dem Marsch
von Kut-el-Amara nach Bagdad gestorben waren, schrieb er vor allem
dem Mangel zu, der während der Belagerung geherrscht hatte. Aber er
fürchtete sehr, daß manche englische Soldaten, die bereits kränkelten,
der Anstrengung des Marsches bis Ras-el-Ain nicht gewachsen sein
würden. Je zwei mußten ihr Gepäck auf einem Esel verteilen; dieses
mußte daher auf das Allernotwendigste beschränkt werden.
Die meisten Offiziere lagen auf Decken und Mänteln am Boden, einige
saßen auf kleinen Lederkoffern und rauchten Pfeife. Dieser las in einem
Buche, jener schlief, das Taschentuch über das Gesicht gebreitet; ein
dritter nähte sich einen Knopf an seinen Khakirock, während sich sein
Kamerad das Rasiermesser schliff. Die in unserer Nähe lauschten unserm
Gespräch mit dem Priester. Einer von ihnen war Arzt und sorgte für die
Kranken, die unter einem provisorischen Schutzdach ruhten. Auf dem Hof
saßen die indischen Diener der Ordonnanzen der Engländer um ein kleines
Feuer herum, brieten Fische oder kochten Tee und Eier für ihre Herren.
An der Mauer lagen indische Unteroffiziere in malerischen Gruppen.
Bei flüchtigem Zusehen hätte man glauben können, alle diese Männer
könnten sich nicht mehr auf den Beinen halten; in Wirklichkeit waren
sie, mit wenigen Ausnahmen, in bester Verfassung. Sie hatten nur
eben nichts anderes zu tun, als sich hinzulegen und in den Himmel zu
sehen. Besonders die Engländer waren kräftige, abgehärtete Männer mit
wettergebräunten Gesichtern. Sie trugen ihr Geschick mit Gleichmut und
sogen an ihren Pfeifen mit einer Ruhe, als ob sie zur Sommerfrische in
Schottland wären.
Und doch waren jetzt Indiens stolze Herren keinen Deut mehr wert als
ihre 300 Millionen Sklaven! Wer Indien kennt, kennt auch die Kluft,
die dort zwischen Europäern und Weißen besteht. Durch seine Macht,
seine Organisation, sein militärisches System („Militarismus“), seine
überlegenen Waffen und sein herrisches Auftreten, nicht durch seine
Intelligenz, hat England das große Indien zu unterjochen vermocht, hält
es noch heute dessen Völker wie in einem Schraubstock. Der Engländer
befiehlt, der Inder hat nur zu gehorchen; über 400 Millionen Mark
jährlich müssen die Landeskinder für eine Armee zahlen, in der sie
selbst niemals eine höhere Stelle bekleiden können und die nur zu ihrer
Unterjochung da ist. Der frühere amerikanische Präsidentschaftskandidat
Bryan hatte nur zu recht, als er kürzlich schrieb: „Verglichen mit dem
Despotismus, der in Indien herrscht, ist der russische Zarismus ein
Kinderspiel!“
Hier unter den Gefangenen waren sie nun alle gleich, und der eine
konnte nicht mehr auf Kosten des andern üppig leben. Das erweckte in
mir kein Mitleid. Ich beklagte aber die traurige Rolle, die der Christ
jetzt in den Augen der Andersgläubigen spielte. Die Inder, mochten sie
nun Hindus, Brahmanen, Buddhisten oder Mohammedaner sein, waren Zeugen
der Erniedrigung ihrer früheren Herren, und soweit sie Mohammedaner
waren, freuten sie sich wohl gar im Stillen, nicht mehr christlichen,
sondern mohammedanischen Offizieren gehorchen zu müssen. Bei den
Dardanellen und bei Kut-el-Amara waren die hochfahrenden Engländer
von den Türken aufs Haupt geschlagen worden, und jetzt erfuhren sie
von diesem Volk, dem sie während des Krieges stets mit Verachtung
und Hohn begegnet waren, als Gefangene eine gute und rücksichtsvolle
Behandlung! Hier waltete eine göttliche Nemesis, und es ist nun an den
Engländern, daraus die nötige Lehre zu ziehen, die sie hoffentlich
nicht mißverstehen werden. Auch die späteren Ereignisse in Mesopotamien
haben an dem, was einmal geschehen ist, nichts ändern können. --
Am Ufer des Tigris lag eine endlose Reihe von Keleks. Das sind die
berühmten Flöße, die aus einem Holzgerippe bestehen, das von einigen
hundert mit Luft gefüllten Ziegenfellen getragen wird. Sie dienen als
Frachtschiffe auf der Strecke von Mosul oder noch weiter flußaufwärts
bis Samarra, von wo die Ladung mit der Eisenbahn nach Bagdad geht.
In Samarra werden die Flöße auseinandergenommen, die Felle geöffnet
und das zusammengepackte Material zu neuer Verwendung nach Mosul
zurückbefördert.
[Illustration:
Phot.: Schölvinck.