Weiter nach Süden führen uns die Hügel von Amran zu einem
gewaltigen Schacht, dessen senkrechte Lehmwände noch die rundlichen
Spateneindrücke zeigen. Hier wurden Gräber bloßgelegt, in denen
teilweise noch Skelette liegen. Auf einem dieser Hügel erhob sich der
Marduktempel Esagila. Die Zella an der Nordseite seines Hofes ist
wahrscheinlich die, in der die Generale Alexanders den Gott Ea, der in
griechischer Zeit mit Serapis identifiziert wurde, um Rat fragten, ob
sich der König zu seiner Genesung hierher tragen lassen solle.
In unmittelbarer Nähe dieses Tempels begann die Euphratbrücke, von
der sieben aus Ziegel gebaute Strompfeiler ausgegraben sind. Nach den
Angaben Herodots, Diodors und anderer Historiker soll die Brücke ans
Hausteinen gebaut gewesen sein; jedenfalls ist sie die älteste bekannte
Steinbrücke der Erde.
Östlich von Amran liegt der Tempel eines unbekannten Gottes, und
noch weiter östlich der Ninibtempel Epatutila, bei dem zahlreiche
Terrakottabilder, männliche Figuren, Reiter auf Pferden und anderes,
gefunden wurden.
Ebenso gründlich wie bei dem Turm von Babel hat die Zerstörung an
dem Punkte gehaust, der durch die Jahrtausende den alten Namen
Babil behalten hat, dem Ruinenhügel im äußersten Norden des
Ausgrabungsgeländes. Er ist ein Viereck von 250 Meter Seitenlänge und
jetzt ein Durcheinander von Erdmauern und tiefen Schächten. Erst glaubt
man, hier seien Zimmer und Gänge ausgegraben, erfährt dann aber, daß
man, genau so wie beim Turm von Babel, nur gleichsam den Gipsabdruck
eines verschwundenen Stadtteils vor sich hat. Schon im Altertum füllte
man, wenn die Häuser verfallen waren, das Innere der Ruinen mit Erde
und Schutt aus, um festen Grund für neue Gebäude zu gewinnen. So
wuchsen die Städte im wörtlichen Sinne in die Höhe und bildeten sich
schichtweise die „Tells“ des Orients; ganz Babylon ist solch ein Tell.
Als dann die oberen Schichten zerfielen, die Neubauten aufhörten,
der Hügel Babil als Steinbruch diente und man bis zu den Ruinen der
vorhistorischen Zeit in die Tiefe grub, wurden nur die Mauerziegel
fortgenommen; die Erdausfüllung aber schonte man sorgfältig, damit die
Ziegelschächte nicht einstürzten. Was also heute Schächte und Gräben
sind, waren ehemals die Mauern, die festen Erdblöcke dagegen die
leeren Räume -- eine Architektur, die für Uneingeweihte nicht leicht
verständlich ist.
Nach Koldewey diente Babel bereits im Altertum, vielleicht schon in der
römischen, sicher aber in der parthischen Zeit als Steinbruch. Dann
durfte diese Stätte längere Zeit in Frieden ruhen. Um 1890 aber begann
eine neue Plünderung, als der Launen des Euphrat wegen der Damm bei
Sedde errichtet wurde, um den Strom zu hindern, ganz und gar sein altes
Bett aufzugeben. Den türkischen Archäologen Halil Bei und Bedri Bei
kommt das Verdienst zu, dieser Verwüstung Einhalt getan zu haben.
Nur den einen Vorteil hat der Ziegelraub gehabt, daß die deutschen
Archäologen ohne langwierige und kostspielige Grabungen sich eine
klare Vorstellung von den verschwundenen Gebäuden machen konnten. Auf
dem Gipfel von Babil stand ehemals ein Palast mit zahlreichen Räumen
verschiedener Größe. Ihren Boden deckten Sandsteinplatten mit der
Inschrift: „Nebukadnezars, des Königs von Babylon, des Sohnes von
Nabopolassar, Königs von Babylon, Palast.“ Auch alle Ziegelsteine
tragen Nebukadnezars Stempel, woraus Koldewey schließt, daß Babil
eines der Schlösser dieses Königs gewesen ist. ~Dr.~ Buddensieg,
der hier unser kundiger Führer war, vermutet, Nebukadnezar habe hier
seine Sommerresidenz gehabt. Kühler wird es hier, 2½ Kilometer vom Kasr
entfernt, schwerlich gewesen sein. Aber wahrscheinlich war Babil von
schattigen Parken und breiten Kanälen umgeben, die der dicht bebauten,
in der Sonne bratenden Stadt fehlten.
In dem Hügel Babil fand man Bruchstücke eines Kalkmörtelestrichs, der
zu verraten scheint, daß gewisse Teile des Palastes von persischen
Königen oder Alexander dem Großen und seinem Nachfolger erneuert
wurden. Auch hat sich eine in Stein gehauene Urkunde erhalten, die von
H. Winckler übersetzt wurde und nach Koldewey von dem Palast auf Babil
handelt: „An der Ziegelsteinmauer gegen Norden trieb mich das Herz,
einen Palast zum Schutze Babylons zu bauen, einen Palast wie den Palast
Babylons aus Erdpech und Ziegelsteinen erbaute ich darin. 60 Ellen
baute ich eine ‚Appa danna‘ gegen Sippar hin; ich machte einen ‚Nabalu‘
und legte sein Fundament in die Brust der Unterwelt an die Oberfläche
der Grundwasser in Erdpech und Ziegelsteinen. Ich erhöhte seine Spitze
und verband ihn mit dem Palast, mit Erdpech und Ziegelsteinen machte
ich ihn wie ein Waldgebirge hoch. Gewaltige Zedernstämme legte ich
zur Bedachung darüber. Türflügel aus Zedernholz mit einem Überzug aus
Kupfer, Schwellen und Angeln, aus Bronze gefertigt, errichtete ich in
seinen Toren. Jenes Gebäude nannte ich ‚Nebukadnezar möge leben, es
möge alt werden der Ausstatter von Esagila‘, mit Namen.“
Das Schönste von Babil aber war gewiß und ist noch die Fernsicht von
der Höhe, besonders am Abend, kurz vor Sonnenuntergang. Bei Windstille
ist die Luft ungewöhnlich klar und durchsichtig. Im Osten treten die
Überreste der Mauern und Kanäle hervor und heben sich scharf beleuchtet
vom dämmerigen Horizont ab. Im Westen stehen auch die unscheinbarsten
Hügel wie schwarze Silhouetten da. Im Süden sieht man mit Hilfe eines
Fernrohrs deutlich den Turm von Borsippa oder Birs Nimrud. Über den
dichten, Dörfer und Häuser völlig verdeckenden Palmenhainen an den
Ufern des Euphrat ragt im Südsüdosten ein schlankes Minarett von Hille
empor. In dieser Himmelsrichtung liegen auch die Hauptruinen von
Babylon, die Hügel Kasr und Amran, die äußere und innere Mauer der
Stadt, alles brandgelb beleuchtet, wo die Sonnenstrahlen hintreffen;
aber ins Violette übergehend, wo Schatten sich ausbreitet. Im Norden
aber zieht sich ein feines, helles Band durch die leblose Wüste: es
ist die Straße, die uns bald nach Bagdad zurückführen soll; ihre erste
Station, Mahawil, zeigt die Umrisse ihres Hans oder Gasthauses über dem
Horizont.
[Illustration:
Phot.: Koldewey.