Das Expeditionshaus der Deutschen in Babylon.]

Aus dem dichten Grün tritt ein ungewöhnlich großes, gutgebautes Haus

hervor mit zwei Stockwerken. Wachen stehen vor dem Tor. In seiner

Nähe landen wir, und an grauen Gartenmauern vorüber führt uns ein

Weg hinauf. Zwei Herren in weißer europäischer Kleidung eilen uns

entgegen und heißen uns herzlichst willkommen. Der eine von ihnen, ein

älterer Mann mit energischen Zügen, mustert uns mit durchdringenden

Blicken unter buschigen Augenbrauen. Sein Name ist weltberühmt. Es ist

Professor Robert Koldewey, der gelehrte deutsche Assyriologe. Seit

zwölf Jahren ist er hier am Werke, die alten Burgen und Paläste von

Babylon auszugraben und diese alte Welt aus ihrem langen Schlummer zu

wecken. Unterstützt von einem wechselnden Stab junger Archäologen hat

er sich wie kein anderer in diese Vergangenheit hineingearbeitet, und

Babylon ist die große Liebe seines Lebens geworden. Sein Begleiter ist

der Assistent ~Dr.~ Buddensieg. Beide Herren tragen nicht wie wir

Tropenhelme, sondern schwarze Schaffellmützen, und der Professor mit

seinem dichten, graugesprenkelten Bart gleicht so den Gestalten, die

man auf den assyrischen Reliefs abgebildet findet.

[Illustration: Hofinneres des Deutschen Hauses.]

Es mag überraschen, daß die deutschen Gelehrten während des Weltkriegs

auf ihrem Posten geblieben sind. Aber von Gefahren sind sie ja

stets umgeben. Ihre Nachbarn, die Araber, sind nichts weniger als

zuverlässig, und nicht selten schwirren Gewehrkugeln durch die Fenster

oder pfeifen diesen Männern der Wissenschaft um die Ohren, wenn sie

draußen auf dem Felde arbeiten. Der Krieg im Irak hatte die Stellung

der Deutschen natürlich noch unsicherer gemacht, besonders seitdem die

Engländer ihre Operationen gegen Bagdad begonnen hatten.

Aber gerade der Gefahren wegen, die den Früchten der deutschen Arbeit

und den großen Sammlungen drohten, ist Koldewey geblieben, obgleich

die Ausgrabungen einstweilen nicht fortgesetzt werden. Nur einmal

mußten er und Buddensieg Babylon verlassen, als die britische Armee

den Dijala überschritt und nur einige Kilometer von Bagdad entfernt

stand. Um der Gefangenschaft zu entgehen, flüchteten sie nach Aleppo.

Sie kehrten jedoch bald zurück und fanden ihr Haus geplündert, aber

nicht von den Engländern, sondern von den benachbarten Arabern.

Diese hatten alles mitgenommen, was für sie von Wert war, Proviant,

Geschirr, Porzellan, Kochgefäße, Tischzeug und anderes. Der Verlust,

den die Deutsche Orient-Gesellschaft dadurch erlitt, betrug etwa

6000 Mark. Aber Koldewey nahm die Sache mit Humor und erzählte mir

lachend, die Araberfrauen in Kweiresch stolzierten jetzt in nagelneuen

weißen Kleidern umher, die aus deutschen -- Bett- und Tischtüchern

geschneidert seien. Die kostbaren Sammlungen, mit denen die Araber

nichts anzufangen wissen, hatten die Diebe unberührt gelassen.

Koldewey führte uns im Schatten der Palmen nach dem deutschen

Expeditionshaus, dessen starkes Tor für den Fall einer Belagerung mit

Riegeln, Balken und Eisenstangen verrammelt werden kann wie in einer

Festung. Es geht nach Norden; einen andern Eingang gibt es nicht.

Man gelangt zunächst in einen kurzen Korridor, an dessen Seiten die

Wachräume liegen; von hier aus führen Treppen nach dem Haus der Gäste,

wo auch wir einquartiert werden. Von einer zweistöckigen Galerie

gelangt man in die Zimmer. Alle Fenster haben Gitternetze von feinstem

Stahldraht, um Fliegen und Mücken fernzuhalten. Gegen Sandfliegen und

Moskitos bieten sie freilich keinen Schutz. Aber diese schlimmsten

Plagegeister der Gegend beginnen ihre Tätigkeit erst abends, wenn

man nicht zu Hause ist. Den Boden bedecken Strohmatten; die übrige

Einrichtung besteht aus einem gewaltigen Topf mit frischem Wasser und

einem kleineren mit Trinkwasser. Eine dritte Treppe geht auf das Dach;

hier steht eine Reihe primitiv gezimmerter Betten, die wir jedoch nicht

benutzten, da wir unsere eigenen mitgebracht hatten.

[Illustration:

Phot.: Schölvinck.

Blick vom Haus der deutschen Archäologen auf die Ruinenhügel von

Babylon.]

Von dem mit einer Brustwehr versehenen Dach hat man über die Kronen

der größten Palmen hinweg eine großartige Aussicht. Im Süden und

Südsüdwesten breitet sich in unmittelbarer Nähe, in Gärten gebettet,

das Dorf Kweiresch aus. Im Nordnordosten erhebt sich in einer

Entfernung von 2½ Kilometer der Hügel Babil, im Osten ganz nahe der

Hügel Kasr, und im Südsüdosten, 1400 Meter entfernt, der Hügel Amran.

Zwischen Kasr und Amran, ja, man kann sagen, zwischen Babil und einem

Punkt 1 Kilometer südlich von Amran ist das ganze Gelände voller

Ruinen, die sich auch 4 Kilometer nach Osten erstrecken, wenn man alles

mitrechnet, was innerhalb der alten Stadtmauer liegt. Zwischen dem

deutschen Hause und dem Ausgrabungsfeld läuft die breite Landstraße

nach Hille.

Auf dem rechten Ufer des Schatt-el-Hille sieht man die kleinen

Araberdörfer Anane und Sindschar mit ihren Gärten und vor allem

zahllose Palmen, die zu einem einzigen Beet üppigen Grüns verschmelzen.

Durch die Mitte zieht der Fluß einen blitzenden, schwachgebogenen

Strich, und im Osten breitet sich in der Ferne die große Wüste, die am

Tage so glühend heiß ist, daß nur Araber barfuß über ihren Lehm und

Sand gehen können.

Wir steigen wieder hinab nach dem Gewölbe, wo die Gendarmen sich

aufhalten, und betreten den ersten Hof, wo einige Reitpferde stehen und

Diener ihre Arbeit verrichten. Dort liegen Schienen und Schwellen für

eine Feldbahn, die unter normalen Verhältnissen die Verbindung zwischen

dem Trümmerfeld und der Station herstellt und während der Grabungen

Schutt fortschafft.

Ein gewölbter Gang, an den Küche und Dienerzimmer stoßen, führt in den

innern Hof. Unter einem vorspringenden Dach linker Hand stehen Hunderte

von Kisten aufgetürmt, alle voll von Altertümern, die nach Deutschland

geschickt werden sollen. Ringsumher liegen mächtige Fragmente von

steinernen Menschengestalten, mit Keilschrift bedeckte Steinplatten,

Töpfe, Terrakottalampen, Ziegel und anderes, was noch nicht eingepackt

ist.

Den Hof verbindet eine Treppe mit den Arbeitsräumen der Archäologen.

Auch hier eine Galerie mit auf Säulen ruhender Decke. An den Seiten

stehen Regale und Tische mit kleinen Terrakottafiguren, Öllampen,

irdenen Gefäßen, Schalen mit und ohne Ornamentik, Fayencestücke

mit Gefäßscherben, kleine Pyramiden, Zylinder und Scheiben aus

gebranntem Lehm mit Keilschrift, Knochenwirbel von Menschen und Tieren,

quadratische Ziegelsteine mit königlichen Stempeln in verschiedener

Form und unzähliges andere. Es ist ein vollständiges Museum, das uns

einen Begriff gibt von dem hohen Stand der alten babylonischen Kultur.

Professor Koldewey führt uns dann nach der nächsten Höhe, nach Kasr,

wo Nebukadnezars Palast und Tempel standen. Durch einen langsam

ansteigenden Hohlweg zwischen Hügeln und Haufen von Schutt, Sand, Staub

und Ziegelsteinen gelangen wir bald auf den welligen Gipfel, vorüber an

einem gigantischen Basaltlöwen, der von hohem Sockel aus die Verwüstung

überblickt. An der Straße der Prozessionen bleiben wir stehen.

Um uns herum die schlafende Stadt, die die Forschung unserer Zeit

zu neuem Leben ruft. Von seinen Vorgängern nennt Koldewey: Rich,

der im Jahre 1811 eine Reise nach Babylon unternahm, Layard (1850),

den Verfasser des Buches „Ninive und Babylon“, Oppert (1852-54) und

Rassam (1878-79). So verdienstlich und bahnbrechend die Arbeiten der

englischen und französischen Archäologen auch sind, so können sie

sich doch an systematischer Genauigkeit und Gründlichkeit nicht mit

den deutschen Ausgrabungen messen, die auf Veranlassung der Deutschen

Orient-Gesellschaft am 26. März 1899 an der Ostseite von Kasr, nördlich

vom Ischtartor, begannen. Koldewey hatte den Platz schon 1887 und 1897

besucht und dabei Stücke emaillierter Ziegelreliefs gesammelt, die

der Anlaß zu dem Entschluß wurden, die Hauptstadt des babylonischen

Weltreichs auszugraben.

Man arbeitete das Jahr über täglich mit bis zu 250 Arbeitern, die 3-5

Piaster Tagelohn erhielten. Sie drangen auf breiter Front in die Tiefe;

Schutt und Erde wurden auf Feldbahnen fortgeschafft. Ziegelmauern kamen

zum Vorschein und wurden bloßgelegt. Die Arbeit war ungeheuer schwer,

da die Fundstücke mit einer 12, zuweilen 24 Meter tiefen Schicht von

Schutt und Bruchstücken überdeckt waren und die Festungsmauern 17-22

Meter dick sind. Als nach fünfzehnjähriger Arbeit die Ausgrabungen

durch den Weltkrieg unterbrochen wurden, hatten die deutschen Forscher,

wie sie versicherten, erst die Hälfte ihrer Aufgabe gelöst.

[Illustration: Der Turm zu Babel.]

Fünfzehntes Kapitel.

Bibel und Babel.

Die Funde der deutschen Archäologen lassen erkennen, daß Babylon schon

vor fünf Jahrtausenden bewohnt war. Die ältesten ausgegrabenen Ruinen

stammen aus der Zeit der ersten babylonischen Könige, etwa 2500 Jahre

v. Chr. Seitdem ist der Stadtplan mit seinen Straßen und Häuserblöcken

nur geringfügig verändert worden. In der Zeit, da die assyrischen

Könige auch über Babylon herrschten, stellten sie den berühmten

Tempel Esagila wieder her, der noch heute die gepflasterten Fußböden

Assarhaddons und Sardanapals zeigt. Sanherib pflasterte einige Teile

der Prozessionsstraße des Gottes Marduk, und auf der Kasrhöhe entdeckte

man Spuren von Sargons, Sardanapals und Nabopolassars Tätigkeit. Unter

Nebukadnezar begann der Neubau der ganzen Stadt und ihrer Tempel Emach,

Esagila, Etemenanki. Damals wurde die steinerne Brücke über den Euphrat

gebaut, wurden Kanäle angelegt, Burgen und Paläste errichtet. Auch die

gewaltigen Mauermassen des Ischtartors erhoben sich in der Form, in der

wir sie jetzt noch sehen.

Aus Naboned, der ebenfalls seinen Namen als Bauherr verewigt hat,

folgte das Zeitalter der persischen Könige (538–331), in dem das

Stadtbild gewisse Änderungen erfuhr und die Gestalt annahm, die

von Herodot und Ktesias der Nachwelt geschildert wurde. Alexander

von Mazedonien (331-323) wollte Babylon zu seinem alten Glanz erheben,

doch starb er, bevor er sein Vorhaben ausführen konnte. Die griechische

Epoche fällt zwischen die Jahre 331 und 139. Mit ihr begann der

Verfall. Von den monumentalen Gebäuden wurden Ziegel für Profanbauten

geplündert. Ebenso im parthischen Zeitalter (139 v. Chr.–226 n. Chr.).

Die Sassaniden beschleunigten den Untergang, und nur die südliche

Höhe Amran blieb noch bis ins arabische Zeitalter 1200 n. Chr.

bewohnt. Schon 115 n. Chr. fand der römische Kaiser Trajan die Stadt

in Trümmern. Doch waren noch später kleine jüdische und christliche

Gemeinden vorhanden, bis im zehnten oder elften Jahrhundert etwa

10 Kilometer südlicher Hille am Euphrat entstand und für seine

neuen Häuser Ziegel aus Babylons alten Burgen, Mauern und Palästen

forderte. Im Gegensatz zu Ninive, über dessen Trümmer Xenophon und die

Zehntausend zogen, ohne zu wissen, was sie bedeuteten, ist Babylon wohl

niemals ganz vergessen gewesen.

Welch eigenen, mächtigen Klang haben nicht all diese alten Namen in

unseren Ohren! Unsern Vorfahren, nur einige Geschlechter zurück,

klangen sie meist noch wie vage Begriffe, wie ein phantastisches Gewebe

von Sagen und Legenden. Jedem aber, der in der Schule oder daheim die

Bibel las, waren sie vertraut. Das ganze hebräische Altertum ist mit

Babylonien und Assyrien aufs engste verknüpft. Wir erinnern uns alle

aus unserer Kindheit der wunderbaren Welt, die ihre Lebenskraft aus den

Zwillingsflüssen schöpfte, denen Sirach das Buch vom Bunde des höchsten

Gottes vergleicht, wenn er von dem Gesetz spricht, „daraus die Weisheit

geflossen ist wie das Wasser Pison und wie das Wasser Tigris, wenn es

übergehet im Lenz; daraus der Verstand geflossen ist wie der Euphrat,

wenn er groß ist, und wie der Jordan in der Ernte.“

Nun steigt seit weniger als einem Jahrhundert diese alte Welt aufs neue

aus der Erde herauf und bestätigt in Keilschrift auf gebranntem Lehm

die Wahrheit der Bibelworte. Der südbabylonische Fundort El-Mugejir,

der 1849 von Sir Henry Rawlinson entdeckt wurde, ist nichts anderes

als Abrahams Heimat, die Stadt Ur, die im ersten Buch Moses erwähnt

wird, wo es von Abraham und seinen Verwandten heißt, daß sie von Ur

in Chaldäa zusammen ins Land Kanaan zogen. Im zweiten Buch der Könige

wird erzählt, daß „in König Hiskias 14. Jahre Sanherib heraufzog, der

König von Assyrien, wider alle festen Städte Judas und sie einnahm.

Da sandte Hiskia, der König Judas, zum Könige von Assyrien gen Lachis

und ließ ihm sagen: Ich habe mich versündiget, kehre um von mir; was

du mir auflegest, will ich tragen. Da legte der König von Assyrien auf

Hiskia, dem König Judas, dreihundert Zentner Silber und dreißig Zentner

Gold.“ In Sanheribs Palast in Ninive fand man ein in Stein gehauenes

Bild des Königs vor seinem Zelt mit einer Unterschrift, die in allem

Wesentlichen die Darstellung der Bibel von seinem Streit mit dem König

von Juda bestätigt. Was aber die Keilschrift nicht verrät, das sind die

goldenen Worte, die der König an den Gedemütigten richtete: „Meinst

du, es genügten Flausen allein, um Rat zu schaffen und die Macht zum

Kriegführen zu haben?“ In seinem berühmten Buch „Babel und Bibel“

(1903) beweist Professor Delitzsch die Zuverlässigkeit der biblischen

Urkunden, und der Geschichtsforscher Eduard Meyer sagt in seiner

„Geschichte des Altertums“ (1903): „Für die Zeit von 745 an kommen die

vollständig authentischen, aber sehr dürftigen und abgerissenen Angaben

im Alten Testament als ein wertvolles Plus zu den griechischen Quellen.“

Niemals habe ich die Bücher des Alten Testaments mit größerer

Aufmerksamkeit und wärmerem Interesse gelesen, als in den Tagen, da

ich die Ruinen von Babel, Assur und Ninive besuchte. Erzählungen, die

früher wie Sagen und Märchen klangen, werden hier zur Wirklichkeit.

Könige, deren Namen man bisher nur flüchtig kannte, Tiglat-Pileser,

Salmanassar, Sanherib, Nebukadnezar, ziehen nicht länger wie ein Zug

von Gespenstern vorüber, sondern nehmen leibhaftige Gestalt an. Einen

ähnlichen Eindruck von lebendiger Wirklichkeit hat man vielleicht

schon vor den babylonischen und assyrischen Altertümern des Britischen

Museums erhalten, vor der gewaltigen Statue des Assurnasirpal mit den

vornehmen Herrscherzügen und dem langen, geflochtenen assyrischen

Bart, oder vor dem Relief Assurbanipals, des Sardanapal der Griechen;

oder wenn man im Königlichen Museum zu Berlin das charakteristische

Profil des babylonischen Königs Mardukpaliddin bewunderte, des

Merodach-Baladan der Bibel, der auf einem Grenzstein aus dem Jahre 714

einem seiner Vertrauensleute die Statthalterschaft über bestimmte

Provinzen verleiht, oder angesichts des prächtigen, im Jahre 670 in

Dolerit ausgeführten Reliefs von Assarhaddon von Assyrien, wie er in

königlicher Pracht dasteht und zwei Riemen in der Hand hält, an die die

gefangenen Könige von Äthiopien und Tyrus gebunden sind.

Aber das Museum einer modernen Stadt wirkt doch weit schwächer als

das Land selbst, über dessen endlose Flächen die alten großen Könige

geherrscht, unvergleichlich schwächer als die Palastgemächer und

Thronsäle, wo sie Recht gesprochen und Vasallen und Gesandte empfangen

haben. Hier wohnten sie. Der Strom, in dessen langsam fließendem

Wasser Schlösser und Tempel ihre kubischen Formen spiegelten -- so

meisterhaft von Koldewey und Andrae rekonstruiert, so prachtvoll,

aber unwahrscheinlich wiedererweckt von Layard und Gustave Doré --

hat ehemals ihre Fahrzeuge getragen, und den Horizont, dessen Kreis

so gleichmäßig ist wie der des Meeres und jetzt ein Land verbrannter

Steppen und glühend heißer Wüsten umschließt -- nicht ein Paradies von

Oasen und Gärten, dicht wie die Flecke eines Pantherfells --, diesen

Horizont hat auch ihr Blick umfaßt, wenn sie bei Sonnenuntergang auf

den Zinnen ihrer Paläste wandelten. Welchen Klang gewinnen erst hier

die Worte Daniels über Nebukadnezar: „Als der König einmal auf dem

Dache der Königsburg zu Babel ging, hob er an und sprach: Siehe, das

ist die große Babel, die ich erbauet habe zum königlichen Hause durch

meine große Macht, zu Ehren meiner Herrlichkeit.“

Bereits im zehnten Kapitel der Genesis begegnen uns die uralten Namen

Babel und Ninive, Assyrien, Akkad und Sinear, von denen die beiden

letzten die Landstriche zwischen dem untern Tigris und dem Euphrat

bezeichnen. Dort steht von Nimrod, der anfing, „ein gewaltiger Herr

zu sein auf Erden, und war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn“, daß

„der Anfang seines Reichs war Babel, Erech, Akkad und Chalne im Lande

Sinear. Von dem Lande ist darnach gekommen der Assur und baute Ninive

...“ Und im elften Kapitel wird der Turm zu Babel erwähnt, „des Spitze

bis an den Himmel reicht“, und die Stadt, die den Namen Babel erhielt,

weil „der Herr daselbst verwirret hatte aller Länder Sprache, und sie

zerstreuet von dannen in alle Länder“.

In der Bibel ist Babel teils der Hauptsitz der das auserwählte Volk

Gottes befehdenden Weltmacht, teils auch eine Geißel in Gottes Hand

bei Bestrafung der ungehorsamen Israeliten. Die Verdammungsworte der

Propheten donnern wie schwere Hammerschläge sowohl gegen Babel, wie

gegen Juda. So sagt Jesaja: „Also soll Babel, das schönste unter den

Königreichen, die herrliche Pracht der Chaldäer, umgekehret werden von

Gott wie Sodom und Gomorra, daß man hinfort nicht mehr da wohne, noch

jemand da bleibe für und für, daß auch die Araber keine Hütten daselbst

machen, und die Hirten keine Hürden da aufschlagen, sondern Wüstentiere

werden sich da lagern, und ihre Häuser voll Eulen sein; und Strauße

werden da wohnen, und Feldmäuse werden da hüpfen, und wilde Hunde in

ihren Palästen heulen und Schakale in den luftigen Schlössern. Und ihre

Zeit wird bald kommen, und ihre Tage werden nicht säumen.“ Die aus der

Knechtschaft Befreiten aber sollen über Babel singen: „Wie ists mit

dem Dränger so gar aus, und der Zins hat ein Ende! ... Auch freuen

sich die Tannen über dir und die Zedern auf dem Libanon und sagen:

‚Weil du liegst, kommt niemand herauf, der uns abhaue‘ ... Und ich

will über sie kommen, spricht der Herr Zebaoth, und zu Babel ausrotten

ihr Gedächtnis, ihre Übriggebliebenen, Kind und Kindeskind, spricht

der Herr; und will Babel machen zum Erbe der Igel und zum Wassersumpf,

und will sie mit einem Besen des Verderbens kehren, spricht der Herr

Zebaoth ... Babel ist gefallen, sie ist gefallen und alle Bilder ihrer

Götter sind zu Boden geschlagen.“

In seiner Weissagung gegen die Assyrer und seiner Erzählung von

Sanheribs Fall sagt Jesaja: „Er soll nicht kommen in diese Stadt

(Jerusalem) und soll auch keinen Pfeil dahin schießen und mit keinem

Schild davor kommen und soll keinen Wall um sie schütten, sondern des

Weges, den er gekommen ist, soll er wieder heimkehren ... Da brach

der König von Assyrien, Sanherib auf, zog weg und kehrte wieder heim

zu Ninive.“ -- Als Merodach-Baladan, der König von Babel, an Hiskia

Gesandte mit Briefen und Geschenken schickte, zeigte dieser ihm alle

seine Schätze und Besitztümer. Da kam der Prophet Jesaja und fragte den

König, woher die Männer kämen. Dieser antwortete: „Sie kommen von ferne

zu mir, nämlich von Babel.“ Da sprach Jesaja: „Siehe, es kommt die

Zeit, da alles, was in deinem Haus ist und was deine Väter gesammelt

haben bis auf diesen Tag, wird gen Babel gebracht werden, daß nichts

bleiben wird, spricht der Herr. Dazu werden sie deine Kinder, die von

dir kommen werden und die du zeugen wirst, nehmen, daß sie müssen

Kämmerer sein am Hofe des Königs zu Babel.“ -- Und schließlich sagt

Jesaja über die Erniedrigung des stolzen Babel: „Herunter, Jungfrau, du

Tochter Babel, setze dich in den Staub! setze dich auf die Erde; denn

die Tochter der Chaldäer hat keinen Stuhl mehr. Man wird dich nicht

mehr nennen: ‚Du Zarte und Üppige‘ ... Setze dich in das Stille, gehe

in die Finsternis, du Tochter der Chaldäer, denn du sollst nicht mehr

heißen ‚Herrin über Königreiche‘.“

[Illustration: Die Mauermassen des Ischtartors.]

Nach Sanheribs Zug geriet das Reich Juda in Verfall und wurde eine

Beute des ägyptischen Königs. Als dieser, Pharao Necho, im Jahre 605

den Krieg gegen Nebukadnezar begann, wurde er bei Karkemisch (jetzt

Dscherablus) aufs Haupt geschlagen, und das Schicksal der Juden

verschlimmerte sich; sie wurden in die babylonische Gefangenschaft

geführt. Davon spricht der Prophet Jeremias immer und immer wieder in

derben, kraftvollen Worten, und davon singt der Psalmist in seinem

wehmütigen Lied: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn

wir an Zion dachten. Unsere Harfen hingen wir an die Weiden, die

daselbst sind; denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten,

und in unserem Heulen fröhlich sein: Singt uns ein Lied von Zion. Wie

sollten wir des Herrn Lied singen in fremden Landen? ... Du verstörte

Tochter Babel, wohl dem, der dir vergilt, wie du es getan hast! Wohl

dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an dem Stein.“

Und Jeremias sagt zu den Weggeschleppten: „In das Land Zion, da sie

von Herzen gern wieder hin wären, sollen sie nicht wieder kommen.“

-- „Darum, so spricht der Herr Zebaoth, weil ihr denn meine Worte

nicht hören wollt, siehe, so will ich ausschicken und kommen lassen

alle Völker gegen Mitternacht, spricht der Herr, auch meinen Knecht

Nebukadnezar, den König zu Babel, und will sie bringen über dies

Land und über die, so darin wohnen, und über alle diese Völker, so

umherliegen, und will sie verbannen und verstören und zum Spott und

zur ewigen Wüste machen. Und will herausnehmen allen frohen Gesang,

die Stimme der Mühle und das Licht der Lampe, daß dies ganze Land

wüst und zerstöret liegen soll. Und sollen diese Völker dem Könige

zu Babel dienen siebzig Jahre. Wenn aber die siebzig Jahre um sind,

will ich den König zu Babel heimsuchen um dies Volk, spricht der Herr,

um ihre Missetat, dazu das Land der Chaldäer, und will es zur ewigen

Wüste machen. -- Darum so gehorchet nicht euren Propheten, Weissagern,

Traumdeutern, Tagewählern und Zauberern, die euch sagen: Ihr werdet

nicht dienen müssen dem König zu Babel. Denn sie weissagen euch falsch,

auf daß sie euch fern aus eurem Lande bringen und ich euch ausstoße und

ihr umkommt.“

Jeremias ermahnt die Fortziehenden, sich des Weges zu erinnern, den sie

gegangen sind: „Richte dir Denkmale auf, setze dir Zeichen und richte

dein Herz auf die gebahnte Straße, darauf du gewandelt hast; kehre

wieder, Jungfrau Israel, kehre dich wieder zu diesen deinen Städten ...

Gedenket des Herrn im fernen Lande und lasset euch Jerusalem im Herzen

sein!“

Die siebzig Jahre gingen zu Ende, 605-536. Da befahl König Cyrus von

Persien den Gefangenen, heimzureisen und für das Haus des Herrn die

Gefäße mitzunehmen, die Nebukadnezar aus der heiligen Stadt fortgeführt

hatte. Sie wanderten in zerstreuten Haufen aus, ihr erster Führer war

Serubbabel. Im siebenten Regierungsjahr Artasastas zog Esra von Babel

nach Jerusalem, und mit ihm die Priester, Leviten, Sänger, Türhüter und

Tempeldiener. --

Wie buchstäblich haben sich die Voraussagen der Propheten von der

Zerstörung der großen Stadt erfüllt! Die Wüste ringsum wirkt weniger

öde als diese Schutthaufen und diese trostlosen, kahlen Mauern. Denn

von der Wüste erwartet man nichts, die Ruinen aber sprechen von

vergangener Größe und erloschenem Glanz. Die gewaltigen Mauermassen

des hohen Ischtartors stehen nackt, nachdem das Feuer die Dächer

und Paneele aus Zedernholz vernichtet hat. Nicht einmal Beduinen

errichten hier ihre Zelte, nur Schakale sah ich sogar am Tage aus

ihren Schlupfwinkeln hervorschleichen. Welch erschütternde Wahrheit

also verkünden die an Jesaja erinnernden Worte des Propheten Jeremias:

„Darum sollen Wüstentiere und wilde Hunde darin wohnen und die jungen

Strauße und es soll nimmermehr bewohnet werden und niemand darin

hausen für und für. Gleich wie Gott Sodom und Gomorra samt ihren

Nachbarn umgekehrt hat, spricht der Herr, daß niemand darin wohne,

noch ein Mensch darin hause ... Und Babel soll zum Steinhaufen und

zur Wohnung der Schakale werden, zum Wunder und zum Anpfeifen ...

Die Mauern der großen Babel sollen untergraben, und ihre hohen Tore

mit Feuer angesteckt werden, daß der Heiden Arbeit verloren sei, und

verbrannt werde, was die Völker mit Mühe erbauet haben.“

Der weitaus größte Teil der von den deutschen Archäologen ausgegrabenen

Ruinen stammt aus Nebukadnezars Zeit. Der Sohn des Gründers des

babylonischen und chaldäischen Reiches, Nebukadnezar, regierte

dreiundvierzig Jahre (604-561) und war einer der größten und

glücklichsten Könige des Altertums. Er erweiterte die Grenzen des

Landes und verlieh der Stadt Babylon unerreichten Glanz. Historische

Keilschrifturkunden aus seiner Zeit sind äußerst selten, dagegen gibt

es zahlreiche Bauurkunden, oft mit Gebeten an Marduk, sowie zahllose

Stempel auf Ziegelsteinen.

Auch in der Bibel begegnen wir seinem Namen öfter als dem irgendeines

andern Königs von Assyrien und Babylonien, da er es war, der so

verhängnisvoll in die Geschichte Israels eingriff, indem er die

Blüte des jüdischen Volkes in das Land der Gefangenschaft schleppte.

Schon als Thronerbe eroberte er Jerusalem, und 586, als er auch alle

Festungen in Juda eingenommen hatte, zerstörte er die Stadt zum zweiten

Male. „Und Zedekia ward abtrünnig vom König zu Babel,“ heißt es im

zweiten Buch der Könige. „Da kam Nebukadnezar, der König zu Babel, mit

aller seiner Macht wider Jerusalem; und sie lagerten sich dawider und

bauten Bollwerke darum her.“ Jerusalem erlag der Hungersnot. „Da brach

man in die Stadt; und alle Kriegsmänner flohen bei Nacht auf dem Weg

durch das Tor zwischen den zwei Mauern.“ Im zweiten Buch der Chronik

wird erzählt, wie Nebukadnezar gegen Jojakim in Jerusalem heraufzog

„und band ihn mit Ketten, daß er ihn gen Babel führte. Auch brachte

Nebukadnezar etliche Gefäße des Hauses des Herrn gen Babel und tat sie

in seinen Tempel zu Babel.“ Daniel, einer von den jungen Edlen, die

in die Gefangenschaft geschleppt wurden, berichtet von Nebukadnezars

Götzendienst und der Verehrung, die er trotzdem der Macht des höchsten

Gottes erwies, von den Träumen des Königs von den vier Weltreichen und

dem abgehauenen Baum, von den drei Männern im brennenden Ofen und ihrer

wunderbaren Rettung.

Hesekiel bietet eine prächtige Schilderung von Nebukadnezars Belagerung

von Tyrus, der Stadt, „die Kronen verteilt, deren Kaufleute Fürsten

sind und deren Krämer die herrlichsten auf Erden sind“, der Stadt,

die „Silber anhäuft wie Staub und Gold wie Dreck auf den Straßen“.

„Siehe, ich will über Tyrus kommen lassen Nebukadnezar, den König zu

Babel, von Mitternacht her, der ein König aller Könige ist, mit Rossen,

Wagen, Reitern und mit großem Haufen Volks.“ Um Tyrus wurde eine

Belagerungsmauer gezogen, ein Wall aufgeschüttet und ein Schilddach

gegen die Stadtmauer errichtet. Sturmböcke berannten die Mauern, und

mit andern Kriegswerkzeugen wurden die Türme der Stadt umgerissen. Der

König rückte mit so viel Pferden an, daß der von ihnen aufgewirbelte

Staub die Stadt einhüllte und vom donnernden Lärm der Reiter, Räder und

Wagen die Mauern erzitterten.

Wunderlich klingen in diesen Tagen, wo ein anderes Weltreich über dem

Meer in seinem Lebensnerv bedroht wird, die Worte des Propheten, wenn

er Tyrus, dieses weitberühmte Bollwerk des Phöniziers, „das da liegt

vorn am Meer und mit vielen Inseln der Völker Handel treibt,“ mit

einem gescheiterten Schiff vergleicht. „Dein Segel war von gestickter,

köstlicher Leinwand aus Ägypten, daß es dein Panier wäre ... Alle

Schiffe im Meer und ihre Schiffsleute fand man bei dir, die hatten

ihren Handel in dir. Die aus Persien, Lydien und Libyen waren dein

Kriegsvolk, die ihre Schilde und Helme in dir aufhingen, und haben dich

so schön geschmückt ... Tharsis hat mit dir seinen Handel gehabt und

allerlei Ware, Silber, Eisen, Zinn und Blei auf deine Märkte gebracht

... Also bist du sehr reich und prächtig geworden mitten im Meer. Deine

Ruderer haben dich auf große Wasser geführt; aber ein Ostwind wird dich

mitten auf dem Meer zerbrechen ... Auch die Anfurten werden erbeben vor

dem Geschrei deiner Schiffsherren, und alle, die an den Rudern ziehen,

samt den Schiffsknechten und Meistern werden aus ihren Schiffen ans

Land treten und laut über dich schreien, bitterlich klagen und werden

Staub auf ihre Häupter werfen und sich in der Asche wälzen ... Es

werden auch ihre Kinder über dich wehklagen: ‚Ach, wer ist jemals auf

dem Meer so still geworden wie du, Tyrus‘ ... Du warst ohne Tadel in

deinem Tun von dem Tage an, da du geschaffen wurdest, bis sich deine

Missetat gefunden hat. Denn du bist inwendig voll Frevel geworden vor

deiner großen Hantierung und hast dich versündigt. Darum will ich dich

entheiligen von dem Berge Gottes und will dich ausgebreiteten Cherub

aus den feurigen Steinen verstoßen.“

Nach dem dreizehnten Jahr gab aber Nebukadnezar die Belagerung auf und

schloß 576 mit Ithobaal von Tyrus ein Bündnis. Hesekiel berichtet in

seinem 29. Kapitel, daß er sich dafür in Ägypten entschädigte.

Auch in den apokryphischen Büchern begegnet uns oft der Name des großen

Königs, der das Buch Judith eröffnet: „Nebukadnezar, der König von

Assyrien, regierte in der großen Stadt Ninive ...“ „Da die Länder im

Westen sich weigerten, seinen Befehlen zu gehorchen, schickte er nach

seinem Oberfeldherrn Holofernes, der in seinem Reiche der nächste

war nach ihm selbst, und sagte zu ihm: ‚So spricht der große König,

der Herr der ganzen Welt, du sollst von hier ausziehen und mit dir

Mannschaft nehmen, die auf seine Stärke vertraut, an Fußvolk bis zu

120000 Mann und eine Menge Pferde mit ihren Reitern, 12000, und du

sollst wider alle Reiche im Westen ziehen, deswegen, weil sie meinem

Befehl nicht gehorcht haben.‘“

Natürlich ist diese Schilderung gewaltig übertrieben. Die Babylonier

bildeten keine Massenheere und konnten keine bilden. Aber die

Wirklichkeit war gewiß imposant. Die verschiedenen Abteilungen, teils

Truppen, die aus kriegerischen Stämmen innerhalb und außerhalb des

großen Reiches geworben waren, teils Bogenschützen zu Pferde, eine

Spezialität des Orients, wurden von Assurs Fürsten und Feldherrn

geführt. Für den Train wurden Kamele, Esel und Maulesel benutzt, „und

eine zahllose Schar von Schafen, Rindern und Ziegen für ihren Unterhalt

und Getreide in Menge für jeden Mann und viel Gold und Silber aus des

Königs Kammer mitgeführt.“

Und Holofernes brach vor dem König Nebukadnezar von Ninive auf „mit

den Wagen und Reitern seines Heeres ..., überschritt den Euphrat und

verließ damit Mesopotamien und nahm die Gebiete Ciliciens ein.“ Man

braucht keine große Phantasie zu haben, um sich ein Bild zu machen

von dem Zug dieser bunten Scharen über die öden Flächen am Fuße des

persischen Zagros und des armenischen Taurus. Langsam windet sich der

Zug von Wasserlauf zu Wasserlauf. Er hat keine Ähnlichkeit mit einer

modernen Marschkolonne, die Ordnung ist im Gegenteil ganz „zerstreut“.

Die babylonischen Krieger marschierten nicht in Verbänden, wie

später Mazedonier und Römer; sie gingen in losen Scharen; die Herren

hatten, gleich den Griechen, ihre Sklaven bei sich, die ihnen die

Waffen trugen. Aber der Staub, der von der Menge aufstieg, war nicht

minder dicht und zog wie ein weißgrauer Schleier über die Ebene hin.

Die Streitwagen rasselten, die Rosse stampften, auf schnellfüßigen

arabischen Pferden sprengten die Bogenschützen einher, die Pfeilköcher

auf dem Rücken, und die Waffen und die prachtvoll mit Gold und Silber

geschmückten Wagen der Männer von Assur blitzten in der Sonne. Unter

Lärm und Gesang bewegten sich die Scharen und die unübersehbaren Herden

Schlachtvieh vorwärts und zertrampelten das Gras der Steppe. Über

die Landgebiete Japhets zog Holofernes „nach Damaskus zur Zeit der

Weizenernte“ und weiter bis in die Nähe von Bethulia in Judäa, wo er

nach der Sage durch sein eigenes Schwert fiel, das Judiths Hand führte.

Das Buch Baruch erzählt unter anderm von dem Schreiben, das die

Juden in Babylonien aufsetzten und mit Geld an ihre Stammverwandten

in Palästina schickten. Mochten sich auch die Gefangenen unter den

Weidenbäumen am Flusse Babel nicht sonderlich wohlfühlen, der Ton

ihres Briefes verrät jedenfalls, daß sie Furcht vor der königlichen

Zensur hatten: „Siehe, wir senden euch Geld, dafür kauft Brandopfer

und Sündopfer, Weihrauch und Speiseopfer und opfert es auf dem Altar

des Herrn, unsers Gottes. Und bittet für das Leben Nebukadnezars, des

Königs zu Babel, und das Leben Belsazars, seines Sohnes, daß ihre Tage

auf Erden seien, solange die Tage des Himmels währen. So wird der

Herr uns genug und gute Tage schaffen, und wir werden leben unter dem

Schatten Nebukadnezars, des Königs zu Babel, und unter dem Schatten

Belsazars, und ihnen dienen lange Zeit und Gnade vor ihnen finden.“

Von der Göttersage der Babylonier sei hier nur gesagt, daß sie unter

dem Schutz vieler übernatürlichen Mächte zu stehen glaubten. Von ihren

Göttern finden wir ein paar in der Bibel wieder: Bel und Merodach

oder Marduk. Ischtar war eine Göttin; die hohen Tore ihres Tempels

stehen noch heute. Ihre im Tempel aufgestellten Bildsäulen waren

vergoldet und mit Edelsteinen und kostbaren Gewändern geschmückt. Als

Sadrak, Mesak und Abed-Nego sich weigerten, „niederzufallen und das

goldene Bild anzubeten, das König Nebukadnezar hatte setzen lassen“,

wurden sie in den feurigen Ofen geworfen, und als Daniel an seinem

heimischen Gottesdienst festhielt, warf man ihn in die Löwengrube. Zu

den apokryphen Büchern gehört der Brief, den Jeremias „denen schickte,

die vom König der Babylonier in die Gefangenschaft geschleppt werden

sollten“, und in dem er auf ganz prächtige Art sie vor den Götzen aus

Gold und Holz warnt, die „sich nicht gegen Rost und Würmer schützen

können, trotzdem sie in purpurne Kleider gehüllt sind“. -- „Sie zünden

ihre Lampen an, sogar mehr als für sich selbst, und doch können die

Götzen nicht einen einzigen von ihnen sehen. Ihre Gesichter sind

geschwärzt vom Rauch in den Tempeln, Fledermäuse, Schwalben und andre

Vögel kommen geflogen und setzen sich auf ihre Leiber und Köpfe, ja

sogar Katzen kommen und setzen sich auf sie.“ Die Opfer werden den

Priestern überwiesen, deren Frauen das Opferfleisch einsalzen. In

den Tempeln „sitzen die Priester mit zerrissenen Kleidern und mit

geschorenem Haar und Bart und entblößen die Köpfe und heulen und rufen

vor ihren Götzen, wie manche beim Leichenschmaus tun.“ Die Götzen

können keinen König in einem Land einsetzen, „sie sind wie die Krähen,

die zwischen Himmel und Erde fliegen, sie sind wie Vogelscheuchen auf

einem Gurkenfeld.“

Im Anhang zum Buche Daniel, der mit den wohlbekannten Worten beginnt:

„Es war ein Mann zu Babylon mit Namen Jojakim, der hatte ein Weib, die

hieß Susanna“, befindet sich die gelungene Erzählung, wie Daniel die

Priester Bels ertappte und ihren Götzen und seinen Tempel verhöhnte.

„Es war auch ein großer Drache daselbst, den sie zu Babel anbeteten.“

Wir werden ihm noch begegnen, denn er spielt in der babylonischen Kunst

eine Rolle.

[Illustration:

Phot.: Koldewey.

Bagdad, Babylon, Ninive · 第 23 / 54 题