Die Kathedrale führt den Namen „Die sieben Schmerzen“ oder „~Mater
dolorosa~“. Der Gottesdienst wird in chaldäischer, nicht in
lateinischer Sprache abgehalten. Die Gemeinde muß ziemlich vermögend
sein, denn der Priester, der mich herumführte, berichtete, der Bau der
Kirche, der 1898 vollendet wurde, habe 16000 türkische Pfund gekostet;
für eine Kathedrale ist das nicht viel, wohl aber für eine kleine
Gemeinde in dem abgelegenen Bagdad. Ein Prachtbau konnte dafür nicht
geschaffen werden; sowohl innen wie außen ist die Kathedrale einfach
und anspruchslos. Die alte chaldäische Kirche aus dem Jahr 1843, die
ich 1886 besuchte, ist jetzt eine Schule. Beide sind durch einen
kleinen, mit Ziegeln gepflasterten Hof getrennt. Von außen fallen sie
ebensowenig auf wie die übrigen Kirchen; sie liegen alle in dem am
dichtesten bebauten Stadtteil, wo die Straßen so eng wie Korridore sind.
[Illustration: Nadjiba und Mina, 10jährige chaldäische Mädchen.]
Die chaldäische Gemeinde zählt etwa 7000 Personen und zerfällt in zwei
Parteien; die eine nennt sich nach Bagdad, die andere nach dem Dorf
Tell-keif bei Mosul. Die Tell-keif-Partei hat der Bagdad-Partei Fehde
angesagt und will sich der Herrschaft in der Gemeinde bemächtigen. Als
der chaldäische Bischof auf seinem Recht bestand, verklagte sie den
achtzigjährigen harmlosen Greis beim Patriarchen in Mosul, er wolle
Bagdad der Machtsphäre des Patriarchen entziehen und ein unabhängiges
Patriarchat gründen. Der Streit ging noch immer weiter, als wenn man
an dem Weltkrieg noch nicht genug hätte! Wie überall im Orient gewinnt
man wenig Achtung vor dem Christentum, das den Kindern dieses Landes
geboten wird. Der Bischof wohnte in einem ganz unansehnlichen Hause.
Dort sollten, wie man mir sagte, englische Offiziere vom Majorsgrad an
aufwärts eine Freistatt während der ersten Tage ihrer Gefangenschaft
finden. --
[Illustration: Der syrische Erzbischof von Bagdad.]
Der syrische Erzbischof von Bagdad, Athanase Georges Dallal, ist ein
vornehmer, würdiger Prälat. Sein Aussehen erinnert an die syrischen
Könige auf den alten Reliefs: gerade, kräftige Nase und dichter,
rabenschwarzer Bart. Er trägt einen dunklen Mantel mit Sammetkragen,
den eine kleine Kette am Halse zusammenhält. An dieser hängt das Kreuz,
das seine hohe Würde bezeichnet. Seine Kopfbedeckung gleicht einem
umgekehrten Zylinderhut; die der griechischen Geistlichen ist ebenso,
nur fehlt hier die obere Krempe. Er wohnt in einem sauberen Hause
ortsüblichen Stils, dessen kleinen gepflasterten Hof offene Galerien
umgeben. Die Zimmer sind groß, kühl und gut möbliert mit orientalischen
Sofas und Teppichen, schönen Kronleuchtern und zahlreichen Porträts
verstorbener Erzbischöfe.
[Illustration: Heskije, 60jähriger Rabbiner in Bagdad.]
[Illustration: Mesko, 60jährige Chaldäerin aus Tell-keif.]
Hochwürden hatten die Güte, mir selbst die Kirche der „Unbefleckten
Empfängnis“ zu zeigen. Sie ist in halb arabischem Stil vor
einundfünfzig Jahren erbaut und hat drei niedrige Wölbungen, die auf
acht Säulen ruhen. Neben dem Hauptaltar im Chor steht zu beiden Seiten
je ein kleinerer. Dazu kommen mehrere Gebetsnischen. Der schönste
Besitz ist ein holzgeschnitztes Tor, eine Gabe aus Indien aus dem Jahre
1863. Das ganze Gebäude hat sehr unter Feuchtigkeit gelitten, besonders
durch eine ungewöhnlich starke Überschwemmung vor achtzehn Jahren,
und man will es jetzt einer gründlichen Ausbesserung unterwerfen,
eine Arbeit, die wohl auf 15000 Franken zu stehen kommt. Der Grund
ist aufgeweicht, die Säulen haben sich nach auswärts geneigt, und die
Seitengewölbe zeigen breite Risse. Die Innenseiten der Mauern waren mit
Alabasterplatten belegt, die dem übrigen weniger haltbaren Baumaterial
einigermaßen Schutz boten. Aber auch der Alabaster verwittert,
trotzdem er mit Ölfarbe gestrichen ist. Die alten Assyrier verstanden
die Kunst des Bauens besser.
Auf dem Altar lag das alte Evangelium in arabischer Sprache, aber in
syrischer Schrift, damit die ismaelitischen Araber es nicht lesen
können -- ein höchst merkwürdiger Grund. Als Verkehrssprache ist das
Syrische fast verschwunden; nur in einigen Dörfern bei Mosul soll es
sich noch erhalten haben.
Früher war der Erzbischof von Mosul auch Bischof von Bagdad. Vor
sechzig Jahren aber wurde in Bagdad ein eigenes Erzbistum errichtet,
das dem syrischen Patriarchen in Antiochia, dessen Residenz jedoch
Beirut ist, untersteht. Dieser gebietet also den Erzbischöfen von
Aleppo, Mosul, Damaskus und Bagdad, sowie denen von Homs und Hama,
Diarbekr, Tripolis, Ägypten und Urfa. Die syrische katholische Kirche
Bagdads zählt 250 Familien mit höchstens 2000, nach anderen Angaben
1250 Personen. In Amara besteht eine kleine syrische Gemeinde von
70 oder 75 Personen, und in Schar und Basra leben etwa 100 syrische
Familien. Die unierte syrische Kirche zählt 60000 Anhänger, die
nichtunierte 400000; von letzteren wohnt die eine Hälfte in der Türkei,
die andere in Malabar in Indien. Vor fünfhundert und mehr Jahren hatte
die syrische Kirche mehrere Millionen Anhänger.
Die jetzt ausgewiesenen französischen Karmeliterpatres in Bagdad haben
eine Pfarrei mit Schule und Waisenhaus. Zu ihrer Gemeinde gehören auch
zwanzig Dominikanerschwestern, von denen vierzehn Französinnen, die
übrigen arabischer Abstammung sind. Auch in Amara, Basra und Mohammera
haben die Karmeliter kleine Gemeinden und einige Schwestern. Das
Irrenhaus in Amara wurde von ihnen errichtet. Die verschiedenen Orden
haben den vorderen Orient unter sich verteilt. Den Karmelitern ist
das ganze Gebiet zwischen Bagdad und dem Persischen Golf zugewiesen,
während die Franziskaner ganz Palästina sowie Charput und Aleppo
übernommen haben. In Mosul residieren die Dominikaner, in Urfa und
Diarbekr die Kapuziner, in Damaskus die Lazaristen und in Beirut
Jesuiten.
Das prächtige Haus der Karmeliterväter mit seinem kühlen Bogengang
um einen gepflasterten, länglichen Hof herum haben die Türken in
eine Schule umgewandelt. Als ich vor mehr als dreißig Jahren als
frischgebackner Student dieses Haus besuchte, nahm mich ein alter,
weißbärtiger Pater so freundlich auf, daß ich mich noch heute seiner
lustigen Versuche erinnere, einige schwedische Sätze zu radebrechen.
Diesmal wohnte ich in der Karmeliterkirche einem Hochamt bei, das mein
Freund von der Euphratfahrt, der katholische Priester, vor deutschen
Soldaten und Offizieren und syrischen Frauen und Mädchen hielt. Die
leichten, von der Stirn bis auf die Füße reichenden, meist hellroten
oder hellblauen Schleier, die schwarzen Augen, dunkeln Flechten
und roten Lippen der Töchter des Orients boten einen prächtigen
künstlerischen Gegensatz zu den braungebrannten feldgrauen deutschen
Kriegern, die das in Kreuzform gebaute, von Orgeltönen durchbrauste
Gotteshaus bis auf den letzten Platz füllten.
[Illustration: Habuba, Chaldäerin aus Tell-keif.]
Das Kloster der Dominikanerschwestern ist ein ungewöhnlich gediegen
gebauter Komplex von Höfen, Säulengängen, Altanen, Terrassen und
Veranden. Mitten auf einem der Höfe wächst eine herrliche Dattelpalme,
umgeben von Maulbeerbäumen und anderen Gewächsen. Das Kloster wurde
1880 gegründet, während die Mission der Karmeliterväter in Bagdad
schon ein paar hundert Jahre alt ist. Von den zwanzig Schwestern waren
vier bereits vor dem Krieg „~Soeurs de charité~“ im bürgerlichen
Krankenhaus, elf taten Dienst in Militärlazaretten, und fünf nahmen
sich der Erziehungsanstalten des Klosters an, der „~Ecole arabe~“,
der „~Ecole professionelle~“ und des Waisenhauses. Hier werden nur
Mädchen unterrichtet; in der Gewerbeschule lernen sie nähen, klöppeln,
sticken und weben. Einige der wenigen deutschen Damen in Bagdad lassen
ihre Kleider bei ihnen machen; es war rührend, sie bei der Arbeit zu
sehen. Vor dem Krieg lernten nicht weniger als fünfunddreißig junge
arabische Damen in der Schule der Schwestern Klavierspielen. Vater- und
mutterlose Mädchen, alle arm wie Kirchenmäuse, wohnen im Kloster, wo
sie alles bekommen, was sie bedürfen. Zur Zeit waren es einundfünfzig,
und die Einkünfte waren auf eine unbedeutende Summe herabgesunken.
Einigen Verdienst brachte nur etwas Näharbeit für europäische Damen.
Aber unter der Hut der Erzieherinnen wachsen und gedeihen sie, und die
Schwestern tun, was sie können, um sie an rechtschaffene christliche
Jünglinge zu verheiraten, die Gelegenheit gehabt haben, die Mädchen
kennen zu lernen. Auch Verlobung und Hochzeit werden im Kloster
gefeiert. Zuweilen aber kehrt auch das junge Paar nach einiger Zeit
zurück, um Hilfe zu erbitten.
[Illustration:
Phot.: Schölvinck.
Der Herzog, Rittmeister Schölvinck und der Verfasser im Gespräch mit
französischen Dominikanerinnen.]
[Illustration: Die goldenen Kuppeln und Minarette von Kasimen.]
[Illustration: Haupteingang zur Grabmoschee in Kasimen.]
Zu den Sehenswürdigkeiten Bagdads gehört auch die kleine Stadt Kasimen
auf dem rechten Tigrisufer mit einer von den Schiiten sorgsam
gepflegten Grabmoschee für Imam Musa-el-Kasim (gestorben 801 n. Chr.)
und seinen Enkel. Der persische Pilgerverkehr dorthin ist so zahlreich,
daß Midhat Pascha auf der zwischen üppigen Palmenhainen hinführenden
Landstraße eine Pferdebahn anlegen ließ, deren zweistöckige, sehr
abgenutzte Wagen gepfropft voll waren. Auch Kasimen hat seine Basare,
Karawansereien und Kasernen. Die Grabmoschee selbst konnte ich aber nur
von einem Dache aus sehen und durch das Eingangstor einen flüchtigen
Blick in den Tempelhof werfen, dessen Innenfassade mit moderner Fayence
farbenprächtig ausgelegt war. Auf dem Rückweg besuchte ich Sitte
Sobeïd, ein Mausoleum, das Harun-er-Raschid seiner Lieblingsgemahlin
Sobeïd errichtete. Das ursprüngliche Grabmal wurde im Jahre 1051
zerstört, und der jetzige Bau mit seinem pyramidenförmigen Turm zeigt
zwar den Stil des 11. Jahrhunderts, ist aber kaum hundert Jahre alt.
Zahlreiche neue Gräber mit einfachen Steinplatten umgeben ihn, und in
seiner Nähe steht unter Palmen die kleine schöne Grabmoschee Scheik
Ma’ruf-el-Kaschi.
[Illustration: Grabmoschee der Sobeïd.]
Die Angaben über die Bevölkerungszahl Bagdads schwanken zwischen 120
und 300000. Europäer, die lange in Bagdad gewohnt, und fremde Besucher,
die es nach allen Richtungen durchwandert und von hochgelegenen
Aussichtspunkten aus sein Häusermeer betrachtet haben, sind der
Überzeugung, daß die Zahl 120000 der Wirklichkeit am nächsten kommt.
Einen brauchbaren Anhaltspunkt für die Berechnung ergibt der Verkehr
in den Basaren der verschiedenen Städte; die von Damaskus z. B., das
etwa 300000 Einwohner hat, sind viel weitläufiger und besuchter. Der
syrische Erzbischof von Bagdad berechnet die Zahl der Bewohner auf
230000 : 150000 Mohammedaner in zweiunddreißig verschiedenen Sekten
mit etwa hundert Moscheen, von denen nur ein Drittel Kuppel und
Minarett hat, 60-80000 Juden, die fünfzig Synagogen haben und neun
Zehntel des Handels beherrschen (nach europäischen Angaben höchstens
45000), 7000 Chaldäer, 2000 Syrier, je 4-500 armenisch-katholische und
armenisch-orthodoxe, etliche römische Katholiken, und dazu die wenigen
Kurden, die nur von Zeit zu Zeit die Stadt besuchen. Im Jahre 1900
berechnete Max von Oppenheim die Einwohnerzahl auf 200000, davon 150000
Mohammedaner (einschließlich 90000 Schiiten), 10000 Christen und 40000
Juden.
Als ich Bagdad vor dreißig Jahren besuchte, wohnten nur wenige Europäer
dort. Vor Ausbruch des Weltkrieges zählte man deren mehrere Hundert.
Neue Kaufhäuser und Banken waren seitdem entstanden, besonders hatte
die Bagdadbahn viele Deutsche herbeigezogen, und während meines
jetzigen Aufenthaltes hatten die Aufgaben des Krieges zahlreiche
Europäer, darunter viele Deutsche, Träger berühmter Namen, und mehrere
meiner Landsleute in deutschen Diensten nach Bagdad geführt. Einige,
die zu meinem nächsten Freundeskreis gehörten, nannte ich bereits.
Bei ~Dr.~ Herle sah ich den hervorragenden Arzt Professor Reich,
der auf der Rückreise von Persien am Flecktyphus erkrankt war; er
schien dem Tode nahe, überwand jedoch die Krisis und konnte Anfang
Juni nach Deutschland heimkehren. Die archäologische Forschung war
glänzend vertreten durch die Professoren Andrae und Jordan, die Leiter
der Ausgrabungen in Assur, und durch Professor Sarre, der gemeinsam
mit ~Dr.~ Herzfeld das Geheimnis von Samarra bloßlegte. Beiden
Ruinenstädten sind spätere Kapitel meines Buches gewidmet. Die
Archäologen ~Dr.~ Lührs und Bachmann waren dienstlich an der
Irakfront beschäftigt.
Wie Deutschland in allen großen Städten Vorderasiens überaus tüchtige
Konsuln besitzt, so auch in Bagdad, wo ~Dr.~ Hesses vielseitige
Kenntnisse auch für die Kriegführung von größtem Nutzen waren. Früher
war der englische Generalkonsul der mächtigste Ausländer hier;
er unterstand dem Gesandten in Konstantinopel, war aber auch als
politischer Agent und Resident der indischen Regierung tätig. Eine
Eskorte von Sepoys und ein eigenes Schiff bezeichneten nachdrücklich
seine Machtstellung. Jetzt waren die englischen, französischen und
russischen Konsuln verschwunden, nur die von Österreich, Amerika und
Persien noch auf dem Posten. Dem persischen Konsul machten die Pilger
seiner Heimat viel zu schaffen, die lebenden und noch mehr die toten,
die in Decken gehüllt auf Mauleseln nach Kerbela überführt werden
mußten.
[Illustration: Kasimen.]
Im Stabe des Herzogs traf ich Rittmeister Tschirner wieder, dem ich
an der Ostfront bei Suwalki begegnet war. Stabschef war Major von
Köppen. In einem Krankenhause lag in bedenklichem Zustande der deutsche
Schriftsteller Armin T. Wegner, bekannt durch seine Bücher „Zwischen
zwei Städten“, „Gedichte in Prosa“ und andere. Der deutsche Arzt
~Dr.~ Schacht führte Schölvinck und mich an sein Schmerzenslager,
wo wir eine unvergeßliche Stunde verbrachten.
Mit einer gewaltigen Karawane von Mauleseln und persischen Dienern kam
von Teheran der dortige deutsche Gesandte ~Dr.~ Vassel und mietete
für sich und sein Gefolge ein Stück vor der Stadt ein Haus. Hier
wohnte auch Wilamowitz als deutscher Militärattaché in Persien. Als
ich meinen Reisekameraden das letzte Mal sah, hatte er hohes Fieber,
war aber nicht dazu zu bewegen, das Bett aufzusuchen. Er war gerade
Major geworden, und nach ~Dr.~ Vassels Abreise war er deutscher
~Chargé d’affaires~. Er hoffte, den siegreichen türkischen Truppen
nach Persien folgen und endlich der erstickenden Hitze entfliehen zu
können. Seine Krankheit aber verschlimmerte sich plötzlich, und er
starb Mitte Juli, eine trauernde Witwe, geborene Freifrau von Fock,
und eine kleine Tochter hinterlassend, die jetzt in Stockholm wohnen.
[Illustration: Straße in Bagdad.]
An Direktor Wurst hatte die Deutsche Bank in Bagdad einen
vortrefflichen Vertreter, dessen Arbeitslast sich ungeheuer vermehren
wird, wenn die Bagdadbahn einmal fertig ist. Herr Brown, Chef
eines großen deutschen Handelshauses, hatte acht Jahre lang an der
Piratenküste des Persischen Golfs unter wenig bekannten Araberstämmen
gelebt; durch Handelsverbindungen, die er mit ihnen und den Beduinen in
Mesopotamien anknüpfte, besaß er einen großen Einfluß auf diese Völker.
Er erzählte mir von dem mächtigen Araberhauptmann Ibn Reschid südlich
von Hille, der mit einer Streitmacht von 30000 Mann der türkischen
Sache treu ergeben ist, und von andern Stämmen weiter unten am Golf,
die auf ihren Kriegszügen die vornehmsten Frauen in schimmernder Pracht
auf Dromedaren voranreiten lassen, um den Mut der Kämpfer anzufeuern.
Bei Brown wohnte der junge Diplomat Herr Dickhoff von der Deutschen
Gesandtschaft in Teheran. Herzog Adolf Friedrich mit Gefolge, Graf
Wilamowitz und ich waren oft in Browns Haus zu Gaste, besonders an
Mondscheinabenden, wenn man ohne Lampe auf der Dachterrasse sitzen
und den Anblick des silberblanken Stroms und der seltsam beleuchteten
Palmen genießen konnte.
[Illustration: Kaiplatz in Bagdad.]
Elftes Kapitel.
Sommertage in „Dar-es-Salaam“.
Bagdads Sehenswürdigkeiten, d. h. das, was 1258 von den Horden Hulagus
und hundertfünfzig Jahre später von Tamerlan verschont wurde, lassen
sich an einem Tage besichtigen. Und doch -- wie gern verweilt man ein
paar Wochen hier, um den unverfälschten Orient und das farbensatte
Straßenleben zu genießen. Die Stadt hat eigentlich nur eine Straße,
die diesen Namen verdient. Hier kann man sogar Droschke fahren, wenn
man nicht gerade in einem unentwirrbaren Knäuel von Karawanentieren,
Reitern und Wagen stecken bleibt. Sie setzt die Straße Halil Paschas
nach Nordwesten fort und läuft parallel dem Tigris durch die ganze
Stadt, durch die vornehmste Pulsader des Basars und weiter am Kopf der
Pontonbrücke vorüber auf dem linken Ufer nach der Zitadelle Kala, einem
mauerumschlossenen Block von Zivil- und Militärgebäuden, Serail, Konak
und Kaserne.
Auf dieser Straße wogt ein bunter Karneval der Rassen -- Semiten,
Mongolen, Arier, selbst Neger --, der verschiedensten Religionen,
Geschlechter und Stände. An den Ecken sitzen die Armen, die übrigens
während des Krieges weit minder zahlreich waren, als man erwarten
sollte. Auf weißen Mauleseln oder kostbaren arabischen Stuten reiten
die Standesherren. Mit unbewußter Majestät, die geborenen Aristokraten
Vorderasiens, tragen die echten Araber, die Wüstenbeduinen, ihre
weißen, flatternden Kopftücher unter den Stirnreifen und ihre weiten,
bis zu den Füßen reichenden Mäntel. Juden überall, in orientalischen
Trachten und leicht erkennbar an ihren ausgeprägten Zügen. Dunkelblau
gekleidete Araberinnen verstecken die Glut ihrer Augen hinter
undurchdringlichen Schleiern. Die türkischen Damen gehen gewöhnlich
schwarz gekleidet, oft in Seide, und lassen ebenfalls keinen Schimmer
ihrer Gesichtszüge sehen. Die Christinnen Bagdads: Syrierinnen,
Chaldäerinnen, Armenierinnen, tragen helle, leichte Gewänder, die wie
zusammengefallene Ballonhüllen ihre Formen verbergen, ihre schmucken
Gesichter aber den Augen der Männer freigeben. Auch die Trachten der
Jüdinnen gleichen denen der Mohammedanerinnen, nur der Schleier verrät
sofort die Rasse, ein kleines schwarzes, goldgerändertes Sonnendach,
das von der Stirne wagerecht vorspringt oder schwach abfällt und das
Gesicht nicht verbirgt, sondern nur beschattet.
[Illustration: In der Hauptstraße von Bagdad.]
[Illustration: Die Hauptstraße Bagdads.]
Überall malerische Bilder und Gruppen! Sieh nur dort die arabische
Mutter, die ihr kleines Kind auf der rechten Schulter trägt und
ihren Buben an der linken Hand führt; oder hier die in dunkelblaue
Schleier gehüllten Mädchen, die zum Strand hinab eilen, um in schönen
Lehmkrügen oder Kupferkannen Wasser zu holen. Auch im Innern der Stadt
trifft man sie, wenn man an den kleinen Wasserbehältern unter den
schützenden Ziegelwölbungen stehen bleibt; hier lassen sie sich abends
nieder, treffen ihre Nachbarinnen, plaudern und tragen die wildesten
Basargerüchte weiter.
Von der Hauptstraße führen mehrere kleine Quergassen oder schmale
Gänge zwischen den Häusern zum Tigrisufer hinab, wo Boote und Guffas
ihre Landungsplätze haben. Dorthin wandern barfuß auch die Sakkas,
die Wasserträger; in schwarzen, weichen, tropfenden Ziegenfellsäcken
tragen sie Wasser in die Haushaltungen und zu den durstigen Wanderern
in den Basaren, oder sie sprengen damit die trockenen Straßen. Der
Sack hängt auf der rechten Seite, mit der rechten Hand halten sie ihn
zu, während die linke eine kleine, bis zum Rand gefüllte Holzschale
darreicht. Besondere Geschicklichkeit gehört dazu, den leeren Sack zu
füllen; ein an doppeltem Riemen befestigter Ledereimer wird in den Fluß
hinabgelassen, ohne daß der Mann sich bückt, dann mit einer eleganten
Bewegung herausgehoben und in die offene Mündung des Sacks hinein
entleert.
[Illustration: Sakka (Wasserträger).]
[Illustration:
Phot.: Schölvinck.